Stockholm-Syndrom

GeschichteDrama, Romanze / P18
13.01.2020
14.01.2020
6
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Die Tage fühlten sich endlos an. Ich lag die meiste Zeit im Bett und weigerte mich zu essen. Callahgan konnte mich nicht einmal mit dem Flügel aus dem Bett locken. Manchmal versuchte John mich zu wecken, indem er die Gardinen aufzog, dass Licht direkt in mein Gesicht strahlte. Meine Lösung war die Decke über dem Kopf und ein Murren aus meiner Kehle.
     Ich war mir nicht mehr sicher, welcher Tag gewesen ist, an dem ich mich tatsächlich endlich aus den Federn traute. Mit hängenden Schultern war ich duschen und lief dann in die Küche. Mit etwas leckerem im Bauch, ging ich weiter in Callahgans Arbeitszimmer. Der Raum war leer.
     Fragend sah ich zum Flügel. Ein kleiner Stapel aus Büchern lag auf dem Instrument, darauf ein Zettel: „Lächle wieder – Reese.“
     Ich sah mich fragend um und griff dann nach den einzelnen Büchern. Einige altdeutsche Romane und ein paar englische Horrorautoren. Ich begann automatisch zu Lächeln. Es bemerkend, strich ich mir übers Gesicht und setzte mich an das Instrument.
     Ich vertippte mich, als es an der Tür klopfte. Mit gehobener Augenbraue sah ich zu John, der halb lächelnd in den Raum sah.
     „Ich wusste gar nicht, dass du spielen kannst.“
     Ich lachte verlegen und strich mir eine Strähne hinters Ohr. „Ja, aber ich bin noch etwas aus der Übung.“
     John setzte sich neben mich und lächelte leicht schief. „Schön, dich wieder draußen zu sehen. Reese hat dir die Bücher hier mitgebracht.“
     Ich sah ihn fragend wegen des Namens an. Reese Callahgan. Vermutlich war auch sein Name eine Fälschung.
     „Wie lange war ich unter den Toten?“, sagte ich scherzend und rieb mir unsicher über den Arm. Ich war mir allgemein unsicher, wie lange ich bereits bei ihnen war. Und vor allem, wie lange ich mein Studium schon schwänzte. Das war es wohl mit dem Medizinerleben. Mit dem Monat, in dem ich die Vorlesungen verpasst hatte, würde ich meine Prüfungen niemals schaffen. Es würde sicherlich nicht mehr lange dauern, bis mir das Geld von Papi gestrichen werden würde.
     Ich zwang John eine feste Umarmung auf und seufzte, als dieser zögernd seine Arme um mich legte.
     „Eugh … Hör zu … Vielleicht hat Max Recht. Vermutlich bin ich ein absoluter Vollidiot. Ich meine, ihr könntet mich von heute auf morgen verkaufen, oder vergewaltigen … oder mich sogar umbringen. Und ich verstehe auch nicht, wieso ich verdammt noch einmal so dumm bin und nicht einfach abhaue … mein Gott … Ich will einfach bei euch sein … Obwohl es mir das Leben kosten könnte … Gott, was ist nur mit mir los?“
     John strich mir zögernd über den Kopf. Seine Berührungen fühlten sich sanft und warm an.
     „Ai … Ich weiß, wir sagen es dir nie … Aber wir wollen auch, dass du hier bleibst … Wir haben dich einfach ins Herz geschlossen.“ Er feixte leicht und murmelte: „Der Weile kennen wir uns kaum.“
     Ich nickte und schwieg. Auf meinen Lippen bildete sich langsam ein Lächeln.
     „Wenn ihr nur wüsstet, wo ihr mich herausgeholt habt.“, flüsterte ich und sah auf.
     Johns leuchtend grüne Augen sahen direkt in meine. Schweigend blickte er mir auf die Lippen und seine Wangen begannen erneut rot zu glühen. Seinen Mut zusammenfassend, beugte John sich etwas mehr zu meinem Gesicht.
     Die Augen aufreißend, lehnte ich mich etwas mehr zurück und löste mich aus der Umarmung.
     „J-John, nein, sorry ...“
     Er stockte und sah mich erschrocken an. Beschämt und noch roter als zuvor, wenn es denn überhaupt ging, nahm er die Hände vor sein Gesicht und murmelte eine Entschuldigung.
     „Alles okay bei euch beiden?“, hörte ich Callahgan sagen, weswegen John und ich noch erschrockener zur Tür sahen. Auch er stand nun beschämt im Rahmen und murmelte eine Entschuldigung, bevor er wieder verschwand.
     Peinlicher konnte diese Situation sicherlich nicht mehr werden. Ich sah mit mitleidig verzogenem Gesicht zu John. Ich hoffte so sehr, dass er keine Gefühle für mich bekommen hatte. Diese gesamte Situation war mir so unangenehm, dass ich mich entschuldigte und aus dem Raum verschwand.
     Erst in meinem Zimmer bemerkte ich, wie schnell mir das Herz in der Kehle klopfte. Seufzend ließ ich mich in die Matratze fallen. Quietschend und mit den Beinen strampelnd, hielt ich mir das Gesicht.
     Ich sah auf, als mein Handy auf dem Nebenschrank vibrierte.
     „Hey, Süße, wir kommen dich in einer Woche mal besuchen - Kuss, Mom.“
     Seufzend ließ ich eine Hand auf meine Stirn fallen. Das fehlte mir gerade noch.
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