Auf dem Meeresgrund ist es sehr einsam

von Darya
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dio Brando Jonathan Joestar
13.01.2020
13.02.2020
8
31064
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Der Geruch von Moder hing in der Luft. Es war kein Ort, an dem Dio gerne war. Aber es war einer der wenigen Orte, an dem er wirklich alleine sein konnte. Das Holz unter seinen Füßen war alt und splitterte schon. Vorsichtig fuhr er über die spröden Dielen. Als er die Hand wieder zu sich hob, sah er ein wenig helles Blut seine Finger herunterlaufen. Ein Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Es tat kaum weh. Dennoch war es der Beweis, dass er lebendig war. Ein Mensch.

Aber wenn er die Menschen um sich herum betrachtete, fühlte er sich nicht wie sie. Sie weinten, wenn sie verletzt wurden. Sie trauerten, wenn sie einen geliebten Menschen verloren. Dio fühlte nicht so. Wenn er so etwas sah, konnte er nur daran denken, wie schwach all diese Menschen waren. Und er hatte die Kraft, diese Gefühle nicht zu spüren.

Doch wenn er hier alleine war, hoch in den dunkelgrünen Baumwipfeln in dem alten Baumhaus, welches schon seit Jahrzehnten vergessen war, fühlte er anders. Es erinnerte ihn an eine vergangene Zeit. Wenn er die heruntergekommenen Wände sah, dann dachte er an den Moment, als seine Mutter starb. Dio hatte nicht geweint, nein. Es war Wut gewesen. Das einzige Gefühl, das stärker war als seine Gleichgültigkeit. Seine Finger verkrampften sich in den Stoff seiner Hose.

Und gerade in dieser endlosen Langeweile, wenn er jedes interessante Buch im Haus schon zum dritten Mal gelesen hatte, Jonathan lieber mit seinem Vater Zeit verbrachte, spürte er wieder diese Wut. Dio fühlte kein Verlangen sich mit anderen Menschen zu treffen. Gerade wollte er nur seine Gedanken sammeln. Aber er konnte es nicht. Was war es, was Jonathan spürte, was er selbst nicht fühlen konnte?

Sie nannten es Liebe. Jonathan liebte seinen Vater. Dio akzeptierte diesen Mann. Er war intelligent und reich. Aber Dio war intelligenter. Und er verstand nicht, warum Jonathan dann diese Liebe nicht für ihn fühlte. Dio wollte verstehen, warum Jojo ihm nicht diese Zuneigung gab.

„Hallo?“

Dio drehte sich zu dem Ruf. Er stand auf und lief zu dem Kletterseil. Als er herunterblickte, erkannte er zwei blaue Augen.

„Dio?“

Jonathan lächelte ihm zu. Dio blickte ihn eine Weile nur an, dann zwang er sich auch zu lächeln. Er hatte für einen Moment vergessen, dass er das tun sollte. Jonathan kletterte zu ihm hinauf und blickte sich in dem alten Baumhaus um.

„Ich habe überall nach dir gesucht. Zwar habe ich dich in den Wald hinein laufen gesehen, aber ich hatte keine Ahnung, wohin du bist.“

Dio sah, wie der dunkelhaarige sich neben ihn setzte und er bedachte ihn mit einem langen Blick. Warum hatte er nach ihm gesucht? Dio spürte, wie sich seine Fäuste ballten. Es störte ihn, dass Jojo ihm einfach gefolgt war. Das nächste Mal würde er vorsichtiger sein, wenn er das Haus verließ.

„Warum bist du hier?“

Dio blickte in die blauen Augen, durch die man seine Naivität erkennen konnte. Jonathan lächelte ihn an. Dio verstand nicht, warum er immer noch so nett zu ihm war. Dio hatte alles getan, um ihn zu verletzen. Und es hatte sich wirklich gut angefühlt, in seine trauernden Augen zu blicken, als er bemerkte, dass Dio diesen dreckigen Köter getötet hatte. Jonathan schien nicht daran zu denken, wenn er Dio anblickte. Sonst würde er nicht lächeln. Aber er konnte es nicht vergessen haben. Es musste eine Täuschung sein. Jojo war nämlich nicht so dumm, wie die meisten Menschen.

„Ich wollte fragen, ob du mit Vater und mir zusammen vor dem Essen noch ein Brettspiel spielen möchtest. Ich wollte nicht ohne dich anfangen und Vater hat vorgeschlagen, dass du es aussuchst.“

Dio sah seinen offenen Blick und drehte sich dann von ihm weg.

„Schach.“, sagte er nur.

Dann könnte er Jojo erneut seine strategischen Fähigkeiten beweisen. Jonathan nickte und lächelte ihn wieder so an.

„Gute Idee.“

Jonathan stand nicht auf. Er saß nur da und blickte zu Dio. Es nervte ihn, wenn seine Augen so an ihm klebten. Dann war es schwieriger für ihn seine Gedanken zu sortieren.

„Dio, was machst du hier überhaupt?“

„Nachdenken.“

„Woran denkst du gerade? Es ist komisch. Solche Orte, wie diesen hier kannst du doch gar nicht leiden?“

Er kannte ihn zu gut. Jonathan konnte ihn trotz seiner eigenen ablenkenden Emotionen durchschauen. Wusste er auch, warum er hier nachdachte?

„An diese schmutzigen Orte wird mir niemand folgen. Außer dir natürlich.“

Jonathan lachte leise. Warum lachte er darüber? Dio wollte ihn damit verletzen.

„Worüber hast du nachgedacht?“, fragte er erneut hartnäckig.

Dio hatte gehofft, er würde selbst darauf kommen. Aber vielleicht war er doch nicht klug genug, Dio durchschauen zu können.

„Du fühlst dich alleine, oder?“

Dios Augen rissen auf. Dann starrte er Jonathan mit einem wütenden Ausdruck an.

„Ich fühle mich nicht alleine! Ich will alleine sein!“

Wieso regte es ihn so auf, wenn Jonathan so etwas über ihn sagte? Dio spürte etwas Komisches in seiner Brust. Es war darin plötzlich so heiß. Jojos naiven Augen wurden groß und er schüttelte den Kopf.

„Dio, das ist nicht das, was ich meine.“

Dios Herz schlug schneller. Er wollte ihm wehtun. Dann würde er aufhören zu reden. Jojo würde dann nicht mehr solche dummen Dinge über ihn sagen.

„Ich meine damit, dass alleine sein und sich alleine fühlen nicht das Gleiche ist.“

Dio blickte auf Jojos Hände. Sie waren ganz entspannt. Danach blickte er auf seine eigenen. Sie waren immer noch zu Fäusten geballt.

„Wenn man sich alleine fühlt, dann scheint man das Gefühl zu haben, die Welt nicht verstehen zu können.“

Dio starrte ihm in die Augen. Was sagte er da? Er hatte ihn belogen. Jojo hatte genau gewusst, warum er hier war. Aber er vermischte es mit seinen eigenen, unnötigen Gefühlen. Dio fühlte sich nicht schlecht, wenn er alleine war. Alleine zu sein, war etwas Gutes.

„Dio, deine Hand blutet!“

Jonathan blickte auf seine Faust, aus der das helle Blut tropfte. Dio lockerte seine Hand nicht. Jojo holte aus seiner Tasche eines dieser Tücher hervor, auf denen sein Name gestickt war. Als Jonathan seine Hand zur seiner hob, zog Dio sie wieder weg. Seine blauen Augen bedachten ihn.

„Ich möchte nur deine Hand verbinden.“

Dio hasste es, wenn er ihn so mitleidig ansah. Er war keine Person, die man bemitleiden sollte. Erneut griff Jojo nach seiner Hand und diesmal ließ es Dio zu. Denn der mitleidige Blick verschwand aus seinen Augen. Stattdessen sah er in ihnen etwas anderes. Zuneigung. Mit einem kleinen Lächeln verband er seine Hand und Dio genoss es ein wenig. Wenn der blauäugige ihn so behandelte, fühlte er sich umworben. Als würde er Macht über ihn haben. Als würde Jonathan ihm genauso sehr die Füße küssen, wenn er es ihm befahl.

„Jetzt wirst du nicht auf deine Kleidung bluten, wenn wir wieder zurückgehen.“

Jojo hielt immer noch seine Hand. Seine naiven Augen lächelten ihn an. Und Dio fühlte wieder diese Hitze in seiner Brust.


-

Warum dachte er jetzt daran? Der moderige Geruch, der von dem Dachboden kam, musste der Grund sein. Es schien seine Erinnerung aufgeweckt zu haben, die schon einige Jahre zurücklag. An diesem Tag waren sie noch Kinder gewesen. Und Dio hatte noch nicht sein gesamtes Potential erlangt. Und jetzt hatte er Jonathan komplett in seiner Hand. Er stand in dem staubigen Raum, der von Kisten übersäht war. In diesen Kisten musste das Buch sein, dass er für seine Klausur brauchte.

„Dio?“

Sein Atem stockte. Natürlich war es wieder Jonathan. Er sollte ihn endlich in Ruhe lassen. Dio wollte alleine sein.
Er hörte, wie er die knarzenden Treppen zu ihm auf den Dachboden folgte. Dio suchte weiterhin nach diesem Buch. Wenn er es fand, konnte er wieder in sein Zimmer gehen. Dann musste er diese naiven Augen nicht sehen.

„Suchst du das hier?“

Jonathan stand hinter ihm und Dio drehte sich zu ihm. Er hielt das alte Buch in seiner Hand. Dio griff danach und machte sich darauf, zu gehen.

„Ich habe es für eine Vorlesung gebraucht. Auf der siebenundsechzigsten Seite ist ein kleiner Riss. Ich habe es unvorsichtig aufgeschlagen.“

Dio blieb stehen. Er blätterte die Seiten um. Jojo hatte Recht. Der kleine Riss war fast unmerklich. Vorsichtig fuhr er mit einem Finger über den kleinen Makel. Dann schlug er das Buch wieder zu.

„Warte kurz.“

Dio drehte sich zu dem breiten Mann. Er schien nur stärker zu werden. Seine Kraft war beachtlich. In den letzten Jahren hatte er an Masse zugenommen und Dio musste an eine griechische Statue denken. Nein. Jonathan war noch muskulöser.

„Vater wollte mit uns alleine sprechen. Ich frage mich worüber. Hast du eine Ahnung?“

„Nein.“

Jonathan hob nachdenklich die Hand zu seinem Kinn. Dio merkte, wie er sich zu ihm hingezogen fühlte. Er wollte ihn berühren. Jeden Zentimeter seines Körpers. Und ihn besitzen. Es war schon immer so gewesen. Aber Dio hatte diese Gedanken verdrängt, um für ein größeres Ziel Platz zu machen.

„Liebst du meinen Vater? Wie deinen eigenen?“

Dio riss die Augen auf. Niemand sollte ihn an seinen Vater erinnern. Er sah in diesen naiven blauen Augen Misstrauen.

„Du liebst ihn nicht, oder?“

Wieso fragte er so etwas? Dio ließ keine Zeit verstreichen und schlug zu. Jojo fing seinen Schlag mit seiner Hand ab. Und er ließ sie nicht mehr frei. Dio hätte sich von ihm losgerissen, wäre er ihm nicht plötzlich so nahe. Sein schönes Gesicht kam ihm näher. Er zeigte keine Zuneigung. Es war etwas Verachtendes in seinen Augen. Dio wollte es nicht sehen. Er schlug mit der anderen Faust zu, aber Jojo fing sie ebenso ab.

„Und du willst seinen Reichtum nehmen?“

Seine Augen blickten tief in ihn hinein. Dio ließ ihm aber keine Möglichkeit, etwas in ihm zu erkennen. Stattdessen lächelte er.

„Dein Vater hat mich hier aufgenommen. Und er war gnädig. Ich fühle genau die Liebe zu ihm, die du auch spürst.“

Jonathans Augen wurden nicht nachgiebig. Er hatte ihn schon lange durchschaut. Aber er hatte keinen Beweis. Wieder kam er ihm näher und Dio merkte, wie er ihn an der Wand fixieren wollte. Dio könnte ihm zur jeder Zeit entkommen. Er musste sich nur seinem Griff entreißen und ihm dann einen Schlag verpassen. Aber er tat es nicht. Stattdessen stieß er mit dem Rücken gegen die Wand.

Jojos Augen sahen zu ihm herab. Dio starrte zurück in seine Augen. Jonathan lächelte nicht.

„Liebst du mich?“

Dios Augen wurden groß. Was fragte er da?

„Ich möchte wissen, ob du uns ausnutzt, oder uns so liebst, wie wir dich lieben.“

Dio biss sich auf die Zähne. Jojo wusste, dass er lügen würde. Aber er fragte dennoch.

„Ihr seid eine Familie für mich. Ich schulde euch großen Dank.“

Es waren die Sätze, die er ihm immer sagte. Und Jojo hatte ihnen noch nie geglaubt.

„Sag mir, dass du mich liebst.“

Dio starrte in diese naiven, blauen Augen. Und als sich Jonathan zu ihm herunterbeugte, um ihn zu küssen, spürte Dio diese Hitze in seiner Brust. Leise keuchte er, konnte seinen Schreck nicht verbergen. Jonathans Lippen legten sich auf seine. Sanft schloss Dio die Augen. Der Mann roch nach Aftershave. Und Jonathans Kuss beruhigte ihn. Genauso, wie seine Hand ihn damals im Baumhaus beruhigt hatte. Und Dio sog jede Zärtlichkeit seiner Lippen in sich.

Es war kein Kuss des Verlangens. Dio spürte Kälte in ihrem Kuss. Es fühlte sich einseitig an. Auch wenn Jojo es gewesen war, der ihn geküsst hatte, war keine Zuneigung darin. Es war ein Trick. Er wollte seine wahren Gefühle zu ihm sehen. Dann verließ Jojo seine Lippen.

„Ich gebe dir das, was du dir schon immer gewünscht hattest.“

Dio sah dabei zu, wie Jonathan zu Boden ging und vor ihm kniete. Die blauen Augen sahen ihn tief an.

„Du kannst mit mir machen, was du dir wünschst.“

Seine Hände sanken zu seinen Schuhen und zogen einen aus. Dann beugte er sich zu seinem nackten Fuß und küsste ihn. Er hob ihn in seine Hände und küsste hinauf bis zu seinem Fußknöchel. Dio konnte seinen Blick nicht von ihm reißen. Er tat es. Ohne danach gefragt worden zu sein.

Jonathan unterwarf sich ihm.

„Aber lass meinen Vater in Ruhe. Er war nur gutmütig zu dir. Verschone ihn.“

Dio starrte hinab zu den blauen Augen. Er hasste Jonathan. Er hatte alles, was Dio wollte. Und er würde sich das alles zu Eigen machen. Egal, ob er ihn zur Seite fegen musste. Aber Jojo sah ihn sanft an.

„Dio.“, wisperte er.

Er trat ihm ins Gesicht. Jonathan krachte zu Boden und Dio stieg zu ihm. Er beugte sich zu ihm herunter und zog ihn hoch. Jojo hatte kein Geräusch von sich gegeben, als er ihn getreten hatte. Und er schlug nicht zurück. Ein kaltes Lächeln tauchte auf Dios Lippen auf. Jonathans Lippe war aufgeplatzt.

„Du gibst mir keine Anweisungen.“

Sanft flüsterte er es in Jonathans Ohr. Der erzitterte dabei kurz. Dann nickte er.

„Ich gebe dir keine Anweisungen. Es ist eine Bitte.“

Dio griff in seine Haare und rammte seinen Kopf auf den Boden. Dann zog er ihn wieder zu sich. Die Haut an seiner Augenbraue blutete.

„Du wirst mir alles von dir geben. Ich werde dich besitzen.“

Dio zwang ihn wieder aufzustehen. Als er in seinen Bauch schlug, ging er zu Boden. Sein Körper zitterte armselig, als er fiel. Dio musste lächeln. Wie er all seine Kraft suchte, um aufstehen zu können. Als er sich aufrichtete, trat Dio ihn wieder zu Boden. Jonathan gab nach. Er legte sich einfach hin und atmete schwer.

„Reicht es dir? Ist es genug, dass du meinen letzten Familien-Angehörigen verschonst?“

Dios Augen zuckten. Der Mann sah ihn durch seine kühlen, blauen Augen an. In seinem Gesicht stand immer noch Misstrauen geschrieben. Dio spürte einen Stich. Direkt im Herz. Es tat weh. Und Dio kannte diesen Schmerz nicht.

Doch.

Es war ein Gefühl, das lange schon ihm brodelte. Dieses Gefühl kam nur selten aus ihm und es brachte ihn dazu, unüberlegt zu handeln. Diesmal war es nicht anders. Er griff nach Jojo und schleuderte ihn gegen die Wand. Sein Keuchen war belebend. Dann trat er gegen sein Knie. Mit einem Schlag in die Magengrube kippte Jonathan wieder nach vorne. Dio hob die Faust, um ihm die Nase zu brechen, da schleuderte sie zurück. Ein Faustschlag raste in sein eigenes Gesicht und Dio starrte den schwer atmenden Jonathan an. Wieder hob Dio die Faust, aber er wurde gepackt.

Lippen umfassten erneut seine. Spröde, blutige Lippen. Der metallische Geschmack der roten Flüssigkeit erreichte ihn. Das reine Joestar-Blut, dass Dio nicht besaß. Der blauäugige küsste ihn schon eine lange Weile. Doch Dio löste sich nicht. Jonathan presste ihn immer fester an sich. Ihr Kuss war ruhig. Der dunkelhaarige bewegte seine Lippen nicht. Eine breite Hand griff nach seinem Haar. Dios Mund öffnete sich für ein leises Keuchen.

Er begann die Lippen auf Jonathans zu bewegen. Keine Antwort. Dios Lippen öffneten sich. Aber immer noch keine Reaktion. Jojo hielt ihn einfach nur. Dios Arme hingen bewegungslos neben seinem Körper. Es war ein Kuss aus Eis. Nur Dios Herz schlug laut in seinen Ohren. Jonathan drückte ihn noch fester an sich. Dio hatte das Gefühl, bald keine Luft mehr zu bekommen.

Dann verließ ihn dieser warme Körper. Dios Augen starrten Jonathan an. Sein Blick war weich. So viel wärmer, als zuvor. Der Mund des Blonden verzog sich zu einem Schmunzeln. Er hatte erreicht, was er sich wünschte. Jonathans naive Augen strahlten wieder Zuneigung aus. Mit einem Lächeln schob er Jonathan zur Seite, um vom Dachboden zu steigen. Und als er noch einmal zurückblickte, sah er, wie Jonathan das Gesicht in seiner Hand versunken hatte.

-

Es fühlte sich so an, als wäre ein Berg von seinen Schultern gefallen. Jojo legte sich seufzend auf sein Bett und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken.

Die Klausuren-Zeit war endlich vorbei und er konnte seit langem wieder einmal ausatmen. Über die ganzen letzten Wochen war sein Nacken so verspannt gewesen. Und jetzt wollte er die freie Zeit einfach nur genießen. Nachdenklich griff er nach der Schokolade auf seinem Nachttisch und führte sie zu seinem Mund.
Dios Augen waren so weich gewesen. Noch nie hatte er ihn so gesehen. Es war schon eine Weile her gewesen, als sie sich auf dem Dachboden getroffen hatten. Jonathan wurde rot. Sie hatten sich geküsst. Sein erster Kuss.

In seiner Vorstellung wäre es ganz anders abgelaufen. Bei einem romantischen Spaziergang am Fluss entlang. Während er sanft die sonnengelben Haare, der schönen Erina streichelte.

Aber niemals mit einem Mann. Und erstrecht nicht mit Dio. Zwar hatte er den Kuss begonnen, doch es war nicht so gemeint gewesen. Es sollte ein freundschaftlicher Kuss sein. Doch er hatte das Gefühl, es war ganz anders herübergekommen, als er es sich gewünscht hatte. Nervös leckte er die Schokolade von seinen Fingern. Doch es hatte für einen Abend einen Effekt auf Dio gehabt. Dios Augen hatten ihn so ruhig betrachtet, als sie danach zu Abend gegessen hatten. Ausnahmsweise hatte er ihn nicht mit einem abschätzigen Blick bestraft.

Jonathan wusste nicht, ob es nur eine Täuschung gewesen war. Wie alles, was Dio tat. Aber er konnte nichts dagegen tun, ein wenig weich zu werden, wenn er Dios warmes Lächeln sah. Nach dem Essen schien alles wieder beim Alten zu sein. Dio spielte ihm seine Freundschaft vor und ging ihm wie immer aus dem Weg.

Jonathan stand auf. Die ganze Tafel Schokolade, die er unbedacht verdrückt hatte, sollte er bald wieder abtrainieren. Er entschied sich durch den kleinen Wald zu laufen, der an ihrem Anwesen grenzte. Das goldene Licht fiel durch die dunkelgrünen Kronen und Jojo lauschte dem schönen Gesang der Vögel. Je länger er lief, desto weniger dachte er an diese merkwürdige Spannung zwischen Dio und ihm. Die wahrscheinlich nur er selbst spürte.

Er lief über den unebenen Pfad, der ganz schmal war. Nach einer Weile, blieb er stehen, um nach Luft zu schnappen. Jonathan war immer schneller gelaufen und jetzt war er tief in den Baumkronen versunken. Die Luft war kühl und es war plötzlich so still. Seine Augen erfassten die Umgebung. Ihm war der Ort bekannt. Rechts vom Pfad konnte man hinter ein paar Bäumen ein Holzgerüst erkennen. Mit großen Augen drückte er die hervorstehenden Äste zur Seite, als er zu dem Baumhaus lief. Es war eine Weile her, als er das letzte Mal hier gewesen war. Und als er vor dem kleinen Baumhaus stand, erkannte er einen Mann an dem Baum lehnen. Hellbraune Augen sahen ihn gleichgültig an.

Ohne ein Wort ging er zu ihm und sah hoch zu dem Baumhaus. Es war, wie sie beide, älter geworden. Und die Bretter sind über die Zeit zerbrochen und es schien so, als würde es komplett auseinander brechen, wenn man darin stehen würde. Aus den Löchern brachen die Äste des Baumes, die zu dem Sonnenlicht gelangen wollten. Der Versuch, hochzuklettern würde sich nicht lohnen. Es war zu gefährlich. Jonathan drehte sich wieder zu Dio. Wahrscheinlich hatte er es auch nicht versuchen wollen, hochzuklettern.

„Erbärmlich, oder?“

Dio blickte hinauf zu dem spärlichen Licht, das durch die dunkelgrünen Blätter zu ihnen herab schien. Jonathan lehnte sich ebenso an dem breiten Stamm des Baumes. Dio war ungewohnt ruhig. Normalerweise hatte er immer dieses selbstgefällige Lächeln auf den Lippen und bedachte ihn mit verächtlichen Augen. Für Dio war Jojo nur ein verwöhnter Bengel, der alles bekam, was er sich wünschte. Aber seitdem Dio hier war, schien alles in Jonathans Händen zu zerbrechen. Nichts blieb bei ihm. Und er kam nicht über die Annahme hinweg, dass jede Situation in der etwas bei ihm schieflief, etwas mit Dio zu tun hatte.

„Ich komme immer noch an diesen Ort. Vielleicht ist es Nostalgie.“

Jojo blickte den blonden Mann lange an. Seine Gesichtszüge waren weich. Er dachte an die Situation auf dem Dachboden zurück. Beschämt sah er von ihm weg.

„Woran denkst du zurück?“

Dio lächelte leicht.

„Warum stellst du so dumme Fragen, Jojo?“

Jonathan verschränkte die Arme.

„Warum redest du mit mir, wenn du mich für so dumm hälst?“

Jetzt musste Dio lachen.

„Ich erinnere mich daran, wie ich dich hier im Baumhaus gefunden hatte.“

Kurz schloss Dio die Augen. Dann nickte er. Es war plötzlich so still in dem Wald. So still, dass man nur den seichten Wind durch die Blätter pfeifen hörte.

„Daran musste ich auch denken, als ich dich gesehen habe.“

Jonathan konnte sich nicht daran erinnern, dass Dio auch so weich sein konnte. Dass er irgendwo, tief in seiner Brust versteckt, eine warme Seele hatte. Er wusste, dass Dio ein Herz hatte. Aber sein Herz wurde von schwarzer Tinte ertränkt. Bis man nur noch seinen Hass in seinen Augen sehen konnte.

„Dio. Als wir uns auf dem Dachboden getroffen haben.“

Die hellbraunen Augen blickten ihn amüsiert an. Aber Jonathan ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

„Es war ein Freundschaftskuss.“

Die kalten Augen stachen in ihn hinein und Dio drehte sich plötzlich zu ihm. Er konnte etwas in seinen Augen auflammen sehen. Das Schmuzeln verschwand. Jonathan spürte eine Leere in seiner Brust. Sein Herz schlug schneller. Immer wenn Dio ihn so ansah, würde er Schmerzen spüren.

„Lügner.“

Jonathan runzelte die Stirn. Dio schritt näher und Jonathan unterdrückte das Verlangen, ihm auszuweichen. Er musste stark bleiben. Nur so konnte er Dios schwarzverfärbtes Herz zeigen, dass er nicht wütend sein musste. Doch Dio packte ihn am Kragen. Wie Dornen gruben sich seine Pupillen in ihn.

„Du vertraust mir nicht. Deswegen hast du mich geküsst.“

Jonathan schloss die Augen. Langsam atmete er aus. Dio sah immer nur die Schattenseite. Deswegen war seine Seele auch so zerrissen.

„Du verstehst es wieder einmal falsch. Ich habe nach deinen wahren Gefühlen geeifert.“

Dio schnaubte und presste ihn an den Baumstamm.

„Ich bin nicht dumm, Jonathan. Aber du schon, wenn du glaubst, du könntest mich mit so einfachen Spielereien austricksen.“

Jojo öffnete die Augen. Deswegen war er wieder so wütend. Er sah nur das Dunkle.

„Es war kein Trick.“

Der Griff an seinem Kragen lockerte sich nicht. Dio stand still vor ihm. Es tat in Jojos Brust weh, diese hasserfüllten Augen zu sehen. Jonathan legte seine Hand auf Dios an seinem Kragen.

„Dio. Lass uns zurückgehen.“

Doch Dio ließ ihn nicht gehen. Stattdessen legte er seine Lippen auf Jojos. Jonathan blickte in die fast geschlossenen Augen. Die Hand an seinem Kragen zog ihn näher zu sich und Jojo schloss die Augen. Dio bewegte seine Lippen langsam auf seinen, aber Jonathan erwiderte es nicht. Es fühlte sich falsch an. Sein Vater würde sie enterben, wenn er davon wüsste. Aber Dio ließ nicht locker. Die Wärme seines Mundes empfing ihn und als Jonathan die Augen kurz öffnete, sah er, dass Dio die Augen nun ganz geschlossen hatte. Jonathan hob langsam die Hand, um ihn an seinem Hinterkopf näher an sich zu drücken, da wurde er losgelassen. Seine Augen sahen tief in ihn. Dann sah er wieder dieses wütende Schmunzeln.

„Lügner. Ein verlangender Kuss fühlt sich anders an. Es war ein Trick.“


____


Heyo :) jetzt habe ich seit langem wieder etwas hochgeladen. Sorry for the wait. Dafür habe ich gleich zwei neue Geschichten hochgeladen :)
Ah und das Rating dieser Geschichte wird sich wahrscheinlich noch ändern ^^
Review schreiben