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Tagebuch einer Überlebenden

von Liesel
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Daryl Dixon OC (Own Character)
13.01.2020
03.05.2021
36
159.307
13
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
13.01.2020 3.359
 
Hallo im Voraus!
Ich will erstmal sagen, dass die Charaktere nicht von mir sind (bis auf den OC selbstverständlich). Ich borge sie mir nur für meine Fanfiction. Das ist auch die erste, die ich im Bereich "The Walking Dead" schreibe, also bitte ich um Rücksicht :D
Reviews sind natürlich erlaubt und auch erwünscht, ob positiv oder negativ, das ist egal. Ich nehme auch jede Kritik entgegen.
Leider kann ich nicht sagen, wann und wie ich die Kapitel hochlade. Je nachdem, wie schnell ich zum Schreiben komme. So, genug geplaudert. Hier erstmal das erste Kapitel. Ich wünsche euch viel Spaß!


Kapitel 1 – Liebes Tagebuch… oder sowas


Hallo… ähm… tut mir leid, aber ich weiß überhaupt nicht, wie ich hier anfangen soll. Ich fand Tagebücher schreiben immer ziemlich kitschig und blödsinnig. Warum sollte man seine Gedanken und Erlebnisse denn unbedingt immer aufschreiben wollen? Sicher, wenn man keine Freunde hat, mit denen man über alles sprechen konnte oder keine Familie, da kann ich das ja verstehen. Ehrlich. Aber ich habe Freunde… oder hatte zumindest Freunde. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Der Grund, aus welchem ich das hier niederschreibe, ist ganz simpel. Ich will mich an die guten Zeiten erinnern können, die ich mal erlebt habe. Die sich schon eine Ewigkeit entfernt anfühlen. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mal, wann ich zuletzt wirklich glücklich gewesen bin. Alles ist so schnell geschehen. Es hat nur einen gefühlten Wimpernschlag angedauert. Der Begriff „scheiße“ wurde binnen weniger Sekunden gewaltig neu definiert. Damals, ich kann mich noch genau dran erinnern, fand man alles scheiße, was einem nicht in den Kram gepasst hat. Wenn man zur Arbeit oder Schule musste, die Beziehung krachen ging oder selbst wenn nur der Kaffee nach ranzigem Dünger geschmeckt hat, weil die verfluchte Maschine wieder mal kaputt war und man sich keine Neue leisten konnte. Kaffee… ich habe Kaffee geliebt. Wirklich witzig, dass es stimmt, was man über Verluste sagt. Man merkt immer erst, was man liebt, wenn man es nicht mehr hat. Selbst jetzt kann ich den lieblichen Geruch nach frischen Bohnen vernehmen, obwohl mein letzter Kaffee schon Wochen her ist. Ja, ganz richtig. Wochen. Jetzt, wo die Welt untergegangen ist, weiß ich aber erst, was dieses Wort „scheiße“ wirklich bedeutet. Die Menschheit steht kurz vor dem Abgrund. Wir sind vom Aussterben bedroht. Wir. Und schuld daran sind garantiert wir selbst. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich diesen Tag persönlich miterleben würde. Dass wir irgendwann allesamt sterben, das war mir durchaus bewusst. Sei es durch einen Atomkrieg, ein schwarzes Loch oder einen Meteor. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass ich es nicht mehr erleben würde. Hey, wir schreiben das 21. Jahrhundert! Die beschissenen – und entschuldige meine Ausdrücke – Wissenschaftler sagten uns noch Millionen von Jahren voraus. Aber mit der Seuche, die auf einmal über uns herfiel, damit hat absolut keiner gerechnet. Niemand hat es geahnt. Oder vielleicht doch? Eine Verschwörung? Eine Kriegslist?

Aber ich wollte erst einmal über die guten Zeiten reden. Die gute, alte Zeit, wie man so schön sagt. Tja, ich kann jetzt natürlich über meine ganze Kindheit erzählen. Kitschige Babyfotos aber werde ich definitiv nicht einkleben in dieses Büchlein… zumal ich nicht mal welche aufgehoben habe. Gott sei Dank. Wäre auch ziemlich peinlich. Nein, so weit zurück in meine Vergangenheit will ich nicht gehen. Das interessiert auch niemanden. Ich werde mit dem einfachsten beginnen: Meinem Namen. Ich heiße Alexandra Lopéz. Genannt werde ich von allen nur Alex, was ich auch gut finde. Kurz, knapp und gut zu merken. Ich komme ursprünglich aus einer relativ großen Stadt in Georgia – Atlanta. Für einige nur eine von vielen Städten, für mich war es bisher mein zu Hause. Ich sehe jetzt noch ihre Wolkenkratzer in der Sonne. Die Fenster reflektieren das Licht, sodass sie glänzen wie tausende funkelnde Perlen. Die Menschen, auch wenn sie aneinander vorbeilaufen und sich nicht beachten, die vermisse ich auch. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich kein Fan von großen Menschenmassen bin. Auf Dauer finde ich es extrem anstrengend und habe auch gerne mal meine Ruhe. Aber jetzt, wo es so verdammt ruhig ist, fehlen sie mir irgendwie. Wo wir wieder einmal beim Thema Verluste wären. Sicherlich nervt es dich genauso wie mich und dabei habe ich gerade mal zwei Seiten vollgeschrieben in meiner krakligen, hässlichen Handschrift, die meine Familie, Freunde und Lehrer genervt hat. Aber… Atlanta. Mann, ich habe so viel zu erzählen und loszuwerden, dass ich komplett durcheinander rede, es tut mir leid. Für mich war Atlanta immer mein eigenes, kleines New York. Zumindest als ich noch sehr jung war und alles natürlich größer erschien, als es tatsächlich ist. Jetzt bin ich 24 Jahre alt, wenn du es genau wissen willst. Ich war mitten in meinem Literaturstudium, als die Welt zu fallen begann. Mein Leben vor Day Zero war einfach perfekt. Also wirklich perfekt. Jedenfalls bis ich siebzehn war. Ich bin auf der Sonnenseite der Stadt aufgewachsen. Meine Eltern waren Mitglieder der High Society, also war ich es natürlich auch. Ich kannte nichts als Luxus, Partys und teure Klamotten. Ich lebte sorgenfrei und unbeschwert. Mein Vater, Marc, war ein großer Anwalt und hatte seine eigene Kanzlei. Meine Mutter, Grace, arbeitete in einer angesagten Kunstgalerie, die sehr gut besucht war. Und dann gab es noch Ned. Meinen kleinen Bruder, der mich immer in den Wahnsinn treiben musste. Vor allem, wenn ich ausgehen wollte und ich dann doch babysitten musste. Voll uncool. Das dachte ich zumindest früher. Jetzt wünsche ich, dass ich noch eine Minute mit ihm hätte. Eine Minute, in der ich ihn umarmen und durch seine braunen Haare wuscheln kann. Wir wohnten in einem Penthouse mit Blick über die Skyline der Stadt. Ein Anblick, den man vor allem bei Nacht nicht vergessen wird. Ich liebte mein Leben, meine Freunde, meine Familie. Bis zu diesem einen Tag in den Weihnachtsferien. Wir hatten einen Skiurlaub in den Bergen geplant. Es war seit langem mal wieder ein Familienrurlaub, den sich Ned gewünscht hatte, weil ich zu der Zeit absolut nichts mit meiner Familie zutun haben wollte. Pubertät und sowas. Doch auf einer kurvigen, vereisten Straße kam ein LKW ins Schleudern, der frontal in unser Auto krachte. Ich erinnere mich nicht mehr wirklich an den Unfall. Ich kann mich nur noch an das Fahrerhaus des LKWs erinnern, welches auf uns zukam. Mom hatte sich in dem Moment zu mir und meinem Bruder umgedreht… Das nächste, was ich noch weiß, ist das Krankenhauszimmer, in welchem ich aufwachte. Ich war an etliche Maschinen angeschlossen und meine Großeltern saßen an meinem Bett und weinten. Ob vor Freude oder Trauer weiß ich nicht. Ich wollte sie auch nicht fragen. Das nächste, was ich erfuhr, war, dass meine Eltern noch am Unfallort verstorben sind. Mein Vater war wohl gleich tot, meine Mutter starb durch ihre Verletzungen, als die Sanitäter da waren. Mir sagte man, ich sei irgendwie durch die Seitenscheibe nach draußen geschleudert worden. Ich lag drei Tage im Koma. In diesen drei Tagen starb dann auch mein kleiner Bruder Ned. Er war gerade mal zehn. Er hatte noch sein ganzes Leben vor sich. Ab diesem Tag war alles anders. Der „Unfall des Grauens“ wurde in jeder Zeitung gebracht, auf jedem Titelblatt war unser kaputtes Auto zu sehen. Da vor allem mein Vater populär war, wurde ich von den Paparazzi nur so verfolgt. Ich zog mich für eine lange Zeit aus der Stadt zurück auf die Farm meiner Großeltern. Der Unfall veränderte mich und auch mein ganzes Leben schlagartig. Ich zog mich von allem zurück, sprach kaum mit jemandem und aß auch selten. Ich brauchte sehr lange, um mir den Tod meiner Familie bewusst zu werden. Ich weinte viel und war wütend. So richtig wütend. Ganz abgesehen von den Nebenwirkungen der Medikamente – Depressionen, Jähzorn, Heulattacken – die ich einnehmen musste. Ich sollte sogar zu einem Psychologen! Aber die Zeit heilt alle Wunden. Ich fing mich wieder, beschloss, mit der zweiten Chance, die ich bekam, auch etwas anzufangen. Ich zog zurück in die Stadt, ging zur Schule, machte meinen Abschluss und studierte letztendlich auch. Ich ging nicht mehr auf Partys, weshalb sich meine Freunde auch zurückzogen. Sie hielten mich für einen Freak, redeten über mich und zeigten mit den Fingern, wenn ich vorbeilief. „Seht sie euch an. Der Unfall ist jetzt vier Monate her und immer noch will sie von jedem Mitleid! Erbärmlich!“ Ja, das waren meine Freundinnen. Richtig nett, oder? Also wurde ich ein Einsiedler, was mir ziemlich gut tat.

Jetzt kennst du zumindest meine traurige Vergangenheit, um dir ein Bild von mir zu machen. Oh nein, warte. Konntest du ja noch gar nicht richtig. Du hast ja leider keine Augen, kleines Buch, sonst würdest du mich sehen. Obwohl… ist vielleicht auch besser, wenn du mich gerade nicht siehst. Ich habe hellblonde, wellige Haare. Nein, nicht so ein straßenköterblond, was jeder zweite Mensch hat, sondern richtig hellblond. Das habe ich von meiner Großmutter geerbt, von Seiten meiner Mom aus. Mein Vater ist ein halber Spanier, meine andere Grandma war richtige Spanierin. Sie war richtig taff, stark und temperamentvoll. Sie hätte auch den Präsidenten vermöbelt, wenn sie es gekonnt hätte. Ich habe sie geliebt, doch starb sie an Krebs, als ich vier Jahre alt war. Ja, ja, ich weiß. Noch ein Toter? Hast du überhaupt noch jemanden, der lebt? Gute Frage, nächste Frage. Ich will kein Mitleid! Ich habe genug gehabt in meinem Leben, mir reicht es! Ich bin gesättigt. Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu und Verluste auch, also behandle mich nicht wie ein rohes Ei. Wo war ich? Ach ja… meine Augen sind richtig hellgrün und erinnern viele immer an eine Katze oder in manchen Fällen auch an eine Schlange. Ich fand diese Vergleiche ziemlich erheiternd. Meine Hautfarbe ist blass und ich werde auch im Sommer niemals braun. Nein, ich bin kein Albino oder sowas. Bin ich auch froh drüber. Das einzige, was an meinem Körper noch auffällt, ist die lange Narbe an der linken Seite meines Bauches, die noch vom Unfall stammt. Klar, habe ich überall verteilt noch ein paar andere, aber die hier fällt wirklich auf. Sie ist lang und wulstig und sie ist auch der Grund, warum ich niemals in ein öffentliches Schwimmbad gegangen bin. Mein Körper an sich ist… normal gebaut. Ich habe keine Kurven, über die es sich zu reden lohnt und jetzt bin ich auch deutlich sportlicher und muskulöser, seit Day Zero ausgebrochen ist. Sport habe ich auch davor schon geliebt, aber immer nur hobbymäßig gemacht, niemals professionell. Also zusammengefasst: fett bin ich nicht. Aber ein Hobby ist erwähnenswert, was mir auch jetzt noch sehr große Vorteile verschafft: Bogenschießen. Ich lernte es auf der Farm meiner Großeltern und es hält nicht nur fit, sondern sorgt auch dafür, dass man sich selbst verteidigen oder auch jagen kann. Auch, wenn ich noch nie ein Tier ermorden konnte.

Wie dem auch sei, ich denke, ich habe genug von mir gesprochen. Was jetzt wirklich wichtig ist, ist der Tag, den ich schon mehrmals angesprochen habe: Day Zero. Ich habe ja schon erwähnt, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits studierte. Und es war der Zeitraum, in welchem ich schon vehement für die Abschlussprüfung büffelte. Deswegen bekam ich von dem Vorspiel nicht wirklich viel mit. Ich meine, man macht sich morgens fertig, duscht und schminkt sich, während die Nachrichten nur nebenbei laufen, damit man sich nicht ganz so einsam fühlt. Ich ging im Kopf lieber alle Fakten des Lernstoffs durch, als mich wirklich auf die Meldungen zu konzentrieren. Dass Personen verschwanden, war in einer Stadt wie Atlanta völlig normal. Gewalt und Kriminalität gibt es auch dort, keine Frage und es leben viele Millionen Menschen dort. Ich meinte… da lebten viele Millionen Menschen. Dennoch stieg die Zahl der Verschwindenden rasch an, aber selbst das bekam ich durch meine Seifenblase, in der ich lebte, nicht mal annähernd mit. Wie gesagt: Abschlussprüfung. Ich ernährte mich fast ausschließlich von Kaffee und Proteinshakes und meine Großeltern waren auf ihrer Farm beschäftigt und konnten mich beim Lernen nicht wirklich unterstützen. Was mir sogar ganz recht war, denn ich lerne lieber alleine. Wie dem auch sei. Ich bekam nicht mit, wie innerhalb von 2 Wochen dreißig Menschen verschwanden. So fing alles an. Unscheinbar, belanglos. Sicherlich hat die Regierung auch großartige Arbeit geleistet, was das Vertuschen anging. Hey, Applaus, Leute! Gut gemacht, dass ihr eine Massenpanik so lange wie möglich aufschieben wolltet! Ich weiß noch ganz genau, wie ich auf die ganze Sache erstmal aufmerksam wurde. Ich saß vor dem Fernseher, natürlich mit etlichen Büchern und Blättern, als eine Nachrichtensprecherin über die Ausschreitungen in LA sprach und ein Video eingeblendet wurde. Es zeigte einen Mann, auf welchen mehrmals geschossen wurde, der aber dennoch weiter auf einen Polizisten zulief und ihn angreifen wollte. Nur ein Schuss in den Kopf löste die Situation. Es war auch kein fake, es war eine LIVE-Übertragung aus einem Helikopter. Natürlich hielt ich es dennoch für nicht echt. Wie konnte ein Mensch denn mit zehn Kugeln im Leib noch überleben? Adrenalin? Nicht mal dann. Dieses Video war der Auslöser, dass ich nur noch Nachrichten hörte. Ich stellte sie sogar lauter, wenn ich unter der Dusche stand. Im ganzen Land breiteten sich Unruhen und Demonstrationen aus. Das Unvermeidbare hatte begonnen. Das Ende der Menschheit. Am Tag vor Day Zero redete ich noch mit meiner Grandma, die mich nach der Prüfung besuchen kommen wollte, damit wir anstoßen. Hätte ich gewusst, dass es das letzte Telefonat mit ihr war, hätte ich über was anderes gesprochen. Nicht über das Lernen, die Prüfungen oder die Demos. Ich hätte ihr gesagt, wie sehr ich sie geliebt habe und wie sehr ich dankbar dafür war, dass sie mich trotz meiner Launen wieder auf die Beine gezogen hat. Aber man kann sich das letzte Gespräch mit jemandem nicht aussuchen. Von einem Tag auf den nächsten ist es vorbei. Und man bekommt keine Vorwarnung.

Ich kam nicht mal mehr zu meiner Abschlussprüfung. Panik brach auf den Straßen von Atlanta aus, das Militär flog stetig mit Hubschraubern über die Häuser hinweg. Ich hörte, dass sie eine Sicherheitszone hier erschaffen wollten. Zuflucht für alle umstehenden Menschen in kleineren Städten. Doch so, wie es hier aussah, wurde definitiv keine Sicherheitszone geschaffen. Es erinnerte mich eher an eine Treibjagd, bei der alle zusammen auf einen Fleck gebracht werden sollten. Ich sah vom Balkon aus zu, wie unten Menschen schreiend durch die Straßen rannten, Autoscheiben und Fensterfronten zerschlagen wurden. Es war grauenvoll. Ich konnte nicht mehr meine Großeltern anrufen, das komplette Netz brach zusammen. Ich hatte keine Wahl. Ich musste raus aus der Stadt. Ich packte alles ein, was ich gebrauchen könnte, allen voran Lebensmittel und Wasser natürlich. Dann rannte ich in die Tiefgarage zu meinem Wagen. Auf dem Weg traf ich viele Nachbarn, panisch und mit tausenden Koffern bepackt. Sie sahen mich nicht mal mehr wirklich an, waren nur noch mit sich selbst beschäftigt. Diese hinterhältigen Ärsche. Doch weit kam ich mit meinem Auto nicht. Straßensperren wurden an jeder Ecke errichtet, Soldaten, die schwer gepanzert waren, schrien Menschen an oder schlugen sie gar nieder. Ich war eingekeilt von tausenden Menschen, die alle aus der Stadt raus wollten, aber nicht durften. Und dann begannen die Schreie. Ganz nah bei mir und alles geriet in Bewegung. Die Leute drängten sich gegen das Militär, überrumpelten die Soldaten und ich konnte nur mit dem Strom schwimmen, einfach nur rennen. Dann Schüsse. Ich schwöre, ich höre mein Herz gerade so laut hämmern, als wäre ich wieder da. Ich sah diese Kranken erst relativ spät. Deswegen war ich so blöd und hielt an, um zu sehen, wie ein Mann sich auf eine schreiende Frau stürzte und seine Zähne in ihrem Hals versenkte. Ich sehe ihr entstelltes Gesicht, die Gewissheit in ihren Augen, dass sie auch wusste, dass ihr Leben vorbei ist. Blut spritzte und besudelte die Straße um sie herum. Der kranke Mann aber fraß einfach weiter, riss sie in Stücke. Und von diesen Kranken wurden es mehr und mehr. Mit einigen anderen schaffte ich es zum Highway, auf welchem so viele Menschen noch standen, die in die „Sicherheitszone“ wollten. Ich schrie sie an, sie sollen umkehren. Atlanta sei definitiv nicht sicher. Dabei wurde ich von einem Mann und einer Frau aufgehalten, die am Straßenrand standen. Sein Name ist Shane und ihr Name ist Lori. Ich erzählte ihnen, was ich gesehen habe, zeitgleich wurden Napalmbomben auf die Stadt geschmissen. Ich sah, wie mein zu Hause niederbrannte. Ich roch den Qualm auch noch kilometerweit. Meine Augen tränten, ob durch die Hitze, die man selbst Meilen entfernt noch spürte oder durch die endlosen Verluste an diesem Tag. Ich weiß es nicht mehr. Doch auch, wenn ich an diesem Tage meine Wohnung verloren habe, so erschufen wir etwas Neues. Eine Gemeinschaft.

An jedes schreckliche Detail will ich mich auch gar nicht erinnern, weshalb ich es nur zu gerne hier auslasse. Du musst ja auch nicht alles wissen, oder? Es tut auch, um ehrlich zu sein, immer noch weh. An diesem Tag ist zu viel passiert, zu viel haben wir alle verloren. Day Zero war wirklich der schwärzeste Tag der Menschheit. Die Beißer, wie wir sie inzwischen nennen, haben die Oberhand gewonnen und löschen Tag für Tag immer mehr von uns aus. Gesetze und Regierungen gibt es nicht mehr, das Militär versagte bereits an dem Tag, an welchem eigentlich die Sicherheitszone geschaffen werden sollte. Dann fiel der komplette Strom aus und wir waren auf uns allein gestellt.

Und damit beende ich meinen ersten und ziemlich langen Tagebucheintrag. Ich hoffe, ich bin dir nicht zu sehr auf den Sack gegangen, aber das war nicht nur für dich, sondern auch für mich. Damit ich nicht vergesse, wer ich bin und woher ich komme. Ich muss jetzt dringend schlafen. Heute ist genau der 24. Tag nach Day Zero und ich hoffe, es wird nicht mein letzter sein.



Mit schmerzender Hand schiebe ich das kleine Büchlein zugeklappt unter meine zwei Kopfkissen. Ich halte kurz inne und nicke nochmal bestätigend, dass ich auch nichts vergessen habe, was irgendwie hätte wichtig sein können. Aber was soll’s? Ich kann es immer noch ins Tagebuch schreiben, wenn es mir einfällt. Das läuft ja nicht weg. Ich knipse die kleine Gaslampe neben mir aus und bette meinen Kopf auf die Kissen. Ich ziehe meinen Schlafsack enger um meinen Körper und atme die kühle Nachtluft ein, die durch die Wände meines Zeltes dringt. Ich höre die Grillen zirpen und die Blätter der Bäume um uns herum leise im Wind rauschen. Jetzt muss ich dringend die düsteren Gedanken zur Seite schieben, damit ich irgendwie noch Schlaf finde. Aber der kam sowieso in den letzten Wochen viel zu kurz. Es liegt gar nicht an dem Zelt, welches jetzt mein zu Hause ist, sondern an dieser Ruhelosigkeit. Ständig muss man aufpassen, dass kein Beißer in der Nähe ist. Man muss immer in Bereitschaft bleiben. Meinen ersten Beißer, ich erinnere mich noch ganz genau, erschoss ich bereits nach den ersten drei Tagen, als wir zum Highway fuhren, um Menschen zu warnen und Vorräte zu sichern. Er kam auf mich zu, stinkend und fauchend. Die Haut war eingefallen und grünlich. Als würde sie verwesen. Die Augen waren in tiefe Höhlen gesunken und trüb, doch schlimmer waren die Gedärme, die aus seinem Bauch hingen und er trotzdem weiter auf mich zukam. Hungrig und gefährlich. Ich schoss ihm einen Pfeil mithilfe meines Bogens aus leichtem Aluminium, den ich damals von meinen Großeltern bekam, direkt zwischen die Augen und er klatschte wie ein nasser Sack auf den Boden. Und nur dadurch sterben sie: Ein gezielter Schuss oder ein Stich ins Gehirn. Ansonsten laufen sie einfach weiter. Wir wissen nicht, was diese Dinger sind. Sind sie lebendig oder tot? Ich kenne keinen gesunden Menschen, der mit heraushängenden Gedärmen laufen kann, aber ich kenne auch keinen toten Menschen, der noch laufen kann. Und wenn sie leben, dann würde das für mich bedeuten, ich hätte einen Menschen ermordet. Nein, sie sind etwas anderes. Sie müssen etwas anderes sein. Das Produkt einer Seuche und unser Untergang. Damit beruhige ich mich wenigstens immer ein wenig. Jetzt ist aber auch genug. Ich kneife die Augen zusammen. Morgen ist ein neuer Tag. Vielleicht sterben wir morgen alle oder jemand rettet uns. Ich weiß es nicht. Doch zumindest für jetzt werde ich versuchen, diesem realen Albtraum zu entkommen.
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