What have you done (to me)?

von -Pandaaa-
GeschichteDrama, Thriller / P16 Slash
Eddie Gluskin Miles Upshur Waylon Park
12.01.2020
24.01.2020
3
6.115
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12.01.2020 3.082
 
Colorado. September 2013. 20 Uhr. Die Straßen der ohnehin nicht wirklich viel befahrenen Strecke ist leer. Nur das Licht einer alten, vermutlich schon lange nicht mehr gewarteten, Straßenlaterne, die gerade mal so viel flackerndes Licht spendet, das man schon direkt unter dieser stehen müsste, wenn man etwas erkennen wollte, und die Geräusche die ertönen, wenn die Wassertropfen auf den kaputten Asphalt aufschlagen lassen erahnen, dass es wohl wieder eine regnerische Nacht wird. Unangenehm. Unangenehm für jeden der um diese Uhrzeit, bei diesem Wetter, noch unterwegs sein muss. Vor allem an einem Sonntag. Eigentlich unvorstellbar. Wer würde schon freiwillig das warme Haus verlassen, die Frau, die Kinder und seiner Familie solch ein Wetter vorzuziehen? Man müsste fast schon irrsinnig sein, um sich für letztere Option zu entscheiden. Es sei denn man heißt Waylon Park. Ein recht großer, gut gebauter Mann in seinen 30ern, blondes kurz geschnittenes Haar, einen leichten Kinnbart, der als Software Berater in einer dubiosen Murkoff-Corporation arbeitet mit Vorgesetzten, die herzlich wenig von einem guten Arbeitsklima hielten. „Freizeit“ kommt noch nicht einmal in ihrem Wortschatz vor.

Murkoff-Corporation. Ein Unternehmen, dass offiziell eine Art Charity-Organisation zu sein vermag. Nach Außen hin etwas, wovon sich viele Unternehmen eine Scheibe davon abschneiden könnten, doch nach innen ein Unternehmen, dass viel zu verbergen hatte. So kam es Waylon - dort eher bekannt als Mr. Park - zumindest vor. Hatte er vor wenigen Tagen ein paar Ungereimtheiten in den Codes der Programmierung entdeckt, die nicht so recht mit dem Schema eines „Gemeinnützigen Unternehmens“ zusammenpassten.

Aber was sollte er machen? Rausgeworfen aus ihrem Haus benötigte er für seine Familie, seine Frau Lisa und seine zwei Söhne, mehr als dringend einen Job. Zu sehr hatte ihn der Gedanke, er könnte sowohl seine Frau als auch seine beiden kleinen Söhne enttäuschen gequält. Verzweifelt hätte er jeden Job angenommen, der ihm auch nur irgendwie weiterhelfen würde, seine Familie zu dieser schweren Zeit zu ernähren, ihren Schuldenberg abzubauen. Da kam das Jobangebot als Software Berater gerade richtig. Gute Bezahlung. Lediglich eine etwas längere Autofahrt musste er auf sich nehmen. 2 ½ Stunden pro Fahrt. Wirklich viel Zeit für seine Familie blieb ihm da nicht, aber solange es einen sicheren Lebensunterhalt bedeutete, die langersehnte Rettung aus den Schulden, würde Waylon alles für sie tun. Auch wenn das bedeutete, dass er mehr Zeit mit seiner Arbeit und dem langen Weg dort hin verbrachte, als seinen Söhnen beim aufwachsen zuzusehen. Viel zu lange war es her, Wochen, als er das letzte Mal mit ihnen spielen konnte. Waylon verließ das Haus bei Dunkelheit und betrat es bei Dunkelheit. Wirklich viel Sonnenlicht hatte er die letzten Wochen ohnehin nicht gesehen, hatte man ihm nicht unbedingt das beste Büro zugeteilt, falls man diesen Raum, in dem er arbeitete, überhaupt als „Büro“ schimpfen durfte. Es glich mehr einer Abstellkammer, gerade mal groß genug, dass ein kleiner, kompakter Schreibtisch darin Platz fand, auf welchem nichts weiter als sein Laptop und gegeben falls eine Tasse Kaffee stand. Kein Fenster, keine Möglichkeit mit anderen Mitarbeitern zu kommunizieren, sofern es überhaupt welche gab, hatte Waylon bis jetzt nur jene zu Gesicht bekommen, die in ganz anderen Abteilungen arbeiteten. Lag vielleicht aber auch an der Lage seines sog. „Büros“. Am Anfang des Flures. Kein weiter Weg, aber das bedeutete auch, dass ihm bis her nicht wirklich Einsicht in das Unternehmen gewährleistet wurde. Eigentlich auch ein wenig interessanter Aspekt seiner Arbeit, nicht notwendig, wenn man so wollte, war er nur für einen – um seinen Vorgesetzten zu zitieren „jederzeit ersetzbaren“ – Job zuständig, der kein weiteres Wissen über die Murkoff voraussetzte. Eigentlich konnte es ihm auch egal sein, doch für einen Intelligenten Mann wie Waylon es war, der einen Abschluss der Berkeley University hatte, war es nicht so einfach über Dinge hinwegzusehen, über die man sich durchaus viele Gedanken machen konnte. Wie konnte er es auch ignorieren, dass man gerade zu angestrengt versuchte niemanden, den man nicht traute, zu viel zu verraten?

Apropos „zu viele Gedanken machen“, die machte sich Waylon auch jetzt noch, obwohl er vor gut einer Stunde dem Firmencampus verlassen hatte und in seinen Wagen – einen braunen Dodge Caravan - gestiegen war. Ein wirklich neues Auto war es nicht, aber für tägliche Fahrt zur besagten „Firma“ taugte es durchaus, war es für sein Alter auch äußerst robust den ganzen Schotterwegen, Schlaglöchern und dem kaputten Asphalt gegenüber, die ihm täglich auf der Fahrt begegneten. Auch wenn ihn dieses robuste Gefährt bis jetzt immer ans Ziel gebracht hatte, befürchtete Waylon jeden Tag aufs Neue, dass es die letzte Fahrt sein würde. Nicht etwa, weil er einen Autounfall zu befürchten hatte, war der Weg durchaus für so etwas ausgelegt, allerdings bedurfte es in den meisten Fällen andere Beteiligte, die er auf diesem Weg nur selten, eigentlich nie antraf. Mehr bereitete ihm der Zustand des Wagens Sorge. Etliche Meilen auf dem Tacho in Kombination mit diesen unebenen Straßen hatte in nicht seltenen Fällen durchaus zu einem vollkommenen Stillstand geführt. Einen Stillstand, den sich der große in gar nicht vorstellen wollte, den er sich gar nicht leisten konnte, denn wirklich viel Empfang hatte man zwischen Leadville – seiner neuen Heimat, seitdem er den Job angenommen hatte – und dem Campus der Corporation nicht. „Nicht viel“ war noch großzügig ausgedrückt, denn eigentlich war es ein einziges, verdammtes, überdimensionales Funkloch. Es gab nicht einmal die Möglichkeit für ihn bei seiner Frau Lisa anzurufen, um sich über seine Söhne zu erkundigen, oder die Chance zu ergreifen ihnen vielleicht einen „Gute-Nacht-Gruß“ mitzugeben, wenn auch nur durch sein Handy. Nicht einmal das Radio empfang hier irgendwelche Signale. Es war eine einzige Stille, die ihn jedes Mal umgab, wenn er diesen Weg entlangfuhr. Lediglich die Geräusche der Außenwelt drangen zu ihm hindurch, sofern die Welt sich nicht selbst zum Schweigen entschieden hatte. Jegliches Geräusch genügte um den Familienvater abzulenken, denn die reine Stille zwang ihn gerade zu in seinen eigenen Gedanken zu versinken, die in letzter Zeit nicht wirklich positiv ausfielen. Umso größer war die Abwechslung, die ihm in jener Nacht geboten wurde. Das fast schon rhythmische prasseln des Regens auf dem Dach seines Dodge Caravan und an den Scheiben hatten eine äußerst beruhigende Wirkung auf den ausgelasteten Mann. Das Nass verwandelte die unebenen Straßen zwar in eine gefährliche Schleuderfalle, aber für den erfahrenen Fahrer weniger heimtückisch als die Stille, die ihn zu unendlichen, meist negativen Gedanken verleitete. Zwar wäre ihm ein wenig Musik die leise im Hintergrund vor sich hin spielte um einiges lieber gewesen. Vor allem da es ihm auch im „Büro“ untersagt war Musik zu hören oder gar jegliche Art von Geräuschen von sich zu geben. Immerhin war er ja nur in der Position, in der er jeder Zeit ersetzt werden konnte, was den armen Mann und seine Familie schnell zurück in die Schuldenfalle werfen konnte, aus der sie sich doch gerade so langsam heraus kämpften.

Zum Großteil lag das in der Schuld Waylons selbst. Sein Studium hatte einiges an Geld gekostet, dass er zurzeit, die er an der Universität verbrachte, nur durch gelegentliche Minijobs mehr oder minder finanzieren konnte. Viel davon hatte sich im Laufe der Zeit angehäuft. Hinzu kamen ja noch Unterhaltskosten, die mit einem kleinen Studentenzimmer nahe dem Campus begonnen hatte und später zu einem kleinen Haus wurde, in das er mit seiner damaligen Freundin – heute Ehefrau – eingezogen war. Abgesehen von den alltäglichen Kosten des Lebens hatte es wohl auch eine große Rolle gespielt, dass er, obwohl er mit einem überragenden Abschluss das Studium beendet hatte, kaum einen Job fand. Zumindest keinen, der es ihm erlauben würde weiterhin mit seiner Freundin zusammen zu leben, welche selbst noch an ihr Leben in Boulder hing. Und als es langsam Berg auf ging, ein guter Job gefunden war, der es „Studenten“ sogar erlaubte, recht flexibel zu sein, wurde Lisa auch schon mit ihrem ersten Sohn schwanger. Nicht dass das etwas Negatives gewesen wäre, es war sogar einer der glücklichsten Momente, die der Blonde in seinem bisherigen Leben erleben durfte, allerdings war solch ein Kind auch mit weiteren Kosten verbunden. Kosten, die die kleine Familie, trotz der noch bestehenden Schulden, gerne auf sich nehmen wollte.

Gern dachte Waylon an diesen Tag zurück, als er am späten Nachmittag das kleine Häusschen erreichte, in dem seine – mittlerweile Verlobte – saß und ihn zu erwarten schien. Lisa selbst schien es an dem Tag kaum auszuhalten es noch eine Sekunde länger vor ihm zu verschweigen. Unruhig tippte sie mit den Zehenspitzen auf den Boden, während sie ihrem Verlobten dabei zusah, wie er seine Schuhe und seine Jacke auszog und darauf wartete, dass er das Wohnzimmer betrat. Kaum hatte sie ihn in der Tür erkannt, war sie aufgesprungen und hatte ihm die Freude Nachricht gerade zu entgegen geschrien. „Du wirst Vater!“, hatte sie freudig und mit Tränen in den Augen gerufen als sie ihm den positiven Schwangerschaftstest vor die Nase hielt. Ein Gefühl wie Waylon es das erste Mal hatte, als er Lisa gesehen hatte, durchfloss seinen Körper an diesem Tag ein zweites Mal. Selbst schien er es, trotz des Beweises vor seinen Augen, kaum glauben zu wollen. Ein unrealistisches Ereignis das wirklich eingetroffen war, hatte das Paar relativ schnell zu Beginn ihrer Beziehung festgestellt, dass Lisa nur eine sehr geringe Chance hatte überhaupt in ihrem Leben ein Kind bekommen zu können. Kein Wunder, dass er sie damals, geladen vor Glück, in seine Arme geschlossen und ein wenig durch das Wohnzimmer gewirbelt hatte. Es schien fast so, als würde ihr Leben endlich die Richtung einschlagen, die sie sich so sehr erhofft und erträumt hatten…

Ein ungewöhnliches Rattern riss den erschöpften Waylon aus den Gedanken, die bei seiner Frau und seinen Söhnen hängen geblieben waren. Hier auf dieser Straße war es nicht unüblich, dass sein alter Wagen mal das ein oder andere Geräusch von sich gab, aber ein derartiges war ungewöhnlich, was den Familienvater augenblicklicher langsamer werden ließ. Vielleicht hatte er sich nur verhört oder es war einfach nur ein Stein, der irgendwo dagegen geflogen war, wie es bei Schlaglöchern so üblich war. Doch kaum wurde der Dodge Caravan langsamer, schien sich das Geräusch mehr zu mehr zu häufen, lauter zu werden. Es war nicht nur das Rattern, das fast schon an einen Oldtimer aus den alten schwarz-weißen Filmen erinnerte, sondern auch ein komischer Geruch, der ihm in die Nase stieg. Rauch. Noch bevor er überhaupt ausmachen konnte woher der Rauch kam oder was Feuer gefangen haben könnte, hielt Waylon den Wagen an. Unter der einzigen, flackernden Laterne, die sich hier auf dem sonst so dunklen Weg befand. Die Laterne, die gerade mal so viel Licht spendete, dass er die Umrisse seines alten Caravans in der Dunkelheit sehen konnte, nachdem er ausgestiegen und in den Regen getreten war. Vielleicht nicht die beste Wahl heute lediglich einen weißen Pullover anzuziehen, über den er ein gelbliches, ausgewaschenes Shirt trug sowie einfache Jeans und alte Sneaker. Nicht gerade die Kleidung, die man wählte, wenn man vor hatte im Regen durch den Matsch zu spazieren, aber das war auch gar nicht seine Intention gewesen. Zwar hatte er immer daran geglaubt, dass seine Befürchtung, der Wagen könnte auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause den Geist aufgegeben stets präsent gewesen, doch das es ausgerechnet jetzt eintreten musste, kam doch überraschender, als Waylon vielleicht sogar selbst zugeben würde. Wirklich viel Ahnung hatte er von Motoren nicht. Er war zwar intelligent, beschränkte sich sein Wissen jedoch mehr auf Theorien und Programmierung, als darauf wie man mit einem Motorschaden umging. Woher er wusste, dass es vermutlich am Motor lag? Eine große Rauchschwade suchte sich den Weg unter seiner Motorhaube hervor. So viel hatte er bei dieser spärlichen Belichtung noch erkennen können. Allerdings bereitete ihm etwas ganz anderes mehr Sorgen, als den Schaden oder das er sich schnellstmöglich nach einem neuen Auto umsehen musste. Wie kam er von hier weg? Er war noch gut eine Autostunde von Leadville entfernt und hatte hier keinerlei Empfang. Nicht einmal ein Anzeichen davon, dass eine kleine Nachricht zu Lisa oder einem Abschleppunternehmen durchdringen könnte. Gar nichts. Wie sollte er denn jetzt nach Hause kommen? Die Wahrscheinlichkeit, dass hier jemand vorbeifuhr, der ihm helfen konnte, ging gleich gegen Null. Nicht einmal ein Ort, an dem er sich unterstellen könnte schien hier zu sein. Zwar gab es da noch seinen Wagen, doch hatte er starkes bedenken wieder in diesen einzusteigen, da dieser immer noch Rauch ausstieß. Da blieb er lieber im Regen stehen, lies das sticheln der Tropfen auf seiner Haut durch den regen Wind zu, bevor er riskierte sich eine Rauchvergiftung zuzufügen oder gar sein Leben zu beenden, sollte der Caravan – warum auch immer – in die Luft gehen. Allein der Gedanke, dass er damit seine Lisa und seine Söhne zurücklassen würde, zusammen mit einem Rest an Schulden, die sie niemals alleine abbezahlen konnte, machte es schon mehr erträglich für ihn in dem stichelnden Regen zu stehen. Lisa befand sich nämlich noch in ihrem letzten Jahr Mutterschutz, war der Jüngere der beiden gerade mal 2 Jahre alt.

Dennoch konnte er das nicht die ganze Nacht tun, in der Hoffnung das irgendwann irgendjemand hier vorbei kam, um ihm eventuell zu helfen oder dann doch weiter zu fahren, denn um ehrlich zu sein, die Menschen achteten doch lieber auf sich selbst, bevor sie in den Regen gehen mussten, um jemanden zu helfen, der diese Hilfe an diesem Ort mehr als nur gebrauchen konnte. Außerdem, welche Art von Menschen fuhr schon diesen, bestimmt von einigen Leuten bereits vergessenen, Weg entlang? Vermutlich nur jemand wie Waylon. Ein Mitarbeiter der Murkoff-Corporation. Selbstsüchtige, egoistische Männer in Anzügen, die eher noch in eine Pfütze fahren würden, um ihn von oben bis unten in schlammiges Wasser zu hüllen, als tatsächlich anzuhalten und zu helfen oder eine Fahrt in die Stadt anzubieten.

Ihm blieb also fast nichts übrig als sein Glück zu versuchen und sich ein wenig von seinem rauchenden Auto zu entfernen, in der Hoffnung irgendwo doch ein klein wenig Empfang zu haben. Wie ratsam es war an so einem Ort sich von seinem einzigen Zufluchtsort und der einzigen Lichtquelle zu entfernen, war fraglich, keineswegs eine Option, die man außerhalb eines Notfalls wählen sollte, doch in solch einem befand sich Waylon doch gerade. Ein Ausnahmezustand, wenn man so wollte. Mit gezücktem Handy tippte er seine Nachricht:

>>Lisa,
muss mich kurzfassen. Mir geht es gut. Der Wagen ist liegen geblieben und ich benötige dringend einen Abschleppdienst. Standort XX.
Liebe dich.<<

Die Nachricht noch einmal Probegelesen, entfernte er sich langsam von seinem Wagen in Richtung Dunkelheit. Jetzt konnte er nur hoffen, dass er ein Signal fand, auch wenn es nur für einen Bruchteil einer Sekunde war, dies würde schon reichen, um seine Nachricht an seine Frau durchgehen zu lassen. Fast schon dämlich kam er sich vor, als er sein Handy in die Luft hielt, wie die Teenager in Filmen es taten, um zu verdeutlichen, wie wenig Empfang es doch auf dem Land gab. Als würde das irgendwie helfen. Ihm half es zumindest nichts. Die Nachricht blieb unversendet. Jeder andere wäre wohl zu dem Auto zurückgekehrt, hätte sich dort ins Trockene gerettet und einfach auf ein Wunder oder ähnliches gehofft, doch der Gedanke, dass seine Familie – Lisa – nicht wusste wo er sich befand, sich Sorgen machte, lies ihn trotz des stärker werdenden Regens immer weiter gehen. Das fahle Licht der alten Straßenlaterne war nur noch schemenhaft zu erkennen, so weit war er schon über den schlammigen Boden gelaufen in der Hoffnung, sein Handy würde irgendwo ein Signal empfangen. Doch anstelle eines Signals fand Waylon etwas ganz anderes. Kurz hielt er es für eine simple Einbildung, ein Versehen, da er aufgrund des Regens ohnehin kaum etwas erkennen konnte. Doch nachdem das, was er erblickt hatte, sich immer noch an der Stelle befand, an der es zuvor war, konnte er sich sicher sein, dass es sich dabei nicht um irgendein Hirngespinst handelte, sondern wirklich da war. Ein Licht. Ein kleines Licht, das nicht, wie er zuvor kurz angenommen hatte, die flackernde Straßenlaterne war. Es war heller. Eine Taschenlampe? Scheinwerfer? Oder doch etwas anderes? Egal was es war, wo Licht war, war für gewöhnlich auch ein Mensch.

So steckte Waylon sein nasses Handy in die ebenso nasse Hosentasche zurück und fing an sein Tempo anzuziehen. Zunächst nur in dem er schneller ging, worauf bald aber schon ein Rennen wurde, um dieses Licht, die vermeintliche Hilfe, nicht zu verlieren. Ein paar Minuten später, keuchend, erreichte er endlich die Quelle des Lichts. Dabei handelte es sich weder um eine Taschenlampe, noch um Scheinwerfer oder dergleichen. Nein. Es war ein Haus. Ein Haus. Hier. Mitten im Nirgendwo. Es schien nicht einmal eine Adresse zu haben, konnte Waylon weder ein Straßenschild noch eine Hausnummer erkennen. Was er aber deutlich, trotz des starken Regens, erkennen konnte, war die Silhouette einer Person am Fenster. Ein erleichtertes Seufzen entwich seinen Lippen und er nahm noch die letzten, wenigen Meter in Angriff, bis er schließlich vor der Tür stand, um zum Klopfen anzusetzen. Doch dies schien gar nicht nötig zu sein, schien die Tür einen kleinen Spalt offen zu stehen. Hatte die Person ihn draußen schon gesehen und ihm die Tür geöffnet? Da Waylon aber noch einen gewissen Respekt und Anstand als Kind gelernt hatte, klopfte er dennoch an die Tür, bevor er in das Haus eintrat, welches von einer kleinen, alten Lampe, erleuchtet wurde. Eigentlich war das gar nicht seine Art; einfach irgendwo eintreten, ohne die Erlaubnis des rechtmäßigen Besitzers oder der Besitzerin zu haben, doch in einem derartigen Notfall – wie Waylon es empfand – vergaß auch er seine Prinzipien.

„…“, setzte er zu Worten an, die seinen Mund nicht verließen, nachdem er das alte, kleine Häuschen betreten hatte, stellte jedoch fest, dass die vermeintliche Person, die er am Fenster stehen gesehen hatte, gar kein Mensch war, sondern eine Schneiderpuppe. Eine Schneiderpuppe auf der sich ein – zugegebenermaßen nicht wirklich gut genähtes – Kleid befand. Selbst Waylon, der eigentlich keine Ahnung von der Arbeit eines Schneiders hatte, wusste, dass es sich hierbei viel mehr um die Kreation eines Hobby-Schneiders handelte, als die Arbeit eines jenen, der diese „Kunst“ gelernt hatte. Aber irgendjemanden musste diese Puppe doch gehören. Irgendjemand musste dieses Kleid genäht haben, da es nicht danach aussah, als würde es schon seit Jahren hier stehen. Vorsichtig nahm er den Stoff des Kleides in die Hand, setzte viel eher dazu an, als er plötzlich einen starken Griff an seiner Schulter spürte. Ein Griff, als würde ihn jemand in die Mangel nehmen wollen. Schreckhaft – vielleicht etwas zu schreckhaft für einen Mann Mitte 30 - zuckte er zusammen und wandte sich um, wobei er die Puppe fast zu Fall brachte. „Habe ich dich erschreckt? Es tut mir sehr leid, dass wollte ich nicht“.
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