AnnE with an E: Jerry Baynard

von Don-Neko
OneshotDrama, Schmerz/Trost / P6
12.01.2020
12.01.2020
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Rien n'a jamais fait autant de mal ...
Mit dem Buch von Frankenstein und dem Pudel aus Porzellan vor seinen Füßen, die im Dreck lagen, stand der junge Baynard wie betroffen vor der Brücke, an welcher die sonst so reizende Diana Barry ihn stehen ließ. Den Blick hatte Jerry auf die Geschenke gesenkt, die er Diana gemacht hatte. Genau so fühlte er sich. Als ob sie ihn emporgehoben und jetzt genau dorthin zurückwarf, wo er eigentlich hingehört; in den Dreck.
Es tat so unglaublich weh, dass er spürte, wie jeder Atemzug in der Kehle brannte, kaum hatte sie am Absatz kehrtgemacht, um über die Brücke davonzustolzieren. Das tré charmante Mädchen, ließ einen tré blessé Jungen zurück.

Wenn sich Diana nur ein einziges Mal zu Jerry umdrehte, dann hätte sie gesehen, dass er dort wie versteinert stand und sich nicht vom Fleck rührte. Es ist, wie es ist. Sie hatte ihm das Herz gebrochen. Das konnte man nicht schönreden oder beschwichtigen.
Den Blick am Boden, auf seine schäbigen Geschenke gerichtet, wischte er sich unwirsch mit dem Ärmel über die Augen. Diese aufkommenden Tränen, die in seinen dunkelbraunen Augen glänzten und ihm die Kehle zuschnürten, wollte er direkt im Keim ersticken. Nein, er wollte nicht weinen. Er wollte stark sein, sich davon nicht unterkriegen lassen und seinen Wert nicht verlieren, wie Anne es vielleicht ausdrücken würde – nur mit einer blumigeren Wortwahl. Für wenige Atemzüge konnte er sich zusammenreißen, bis es Jerry übermannte, sein ganzer Körper bebte, dass er kaum noch Luft bekam und nach Atem schnappte. Daraufhin konnte er die warmen Tränen nicht mehr aufhalten, die seinen Ärmel durchnässten.

Es war nicht so, dass Jerry es nicht gewohnt war, wie sogenannter Dreck behandelt zu werden. Kleiner Frosch, Froschfresser, dreckiger Franzose, Straßenköter und was sonst noch alles den ehrenwerten Bewohnern von Avonlea einfiel - dahingehend gab es eine ganze Liste, die gegen den jungen Baynard geworfen wurde, bevor er seine Anstellung auf Green Gables bekam, sodass weniger Menschen in den Genuss kamen, ihn zu erniedrigen, wenn er auf der Straße stand, um Zeitungen zu verkaufen. Er hasste die Stadt. Jerry wurde schon seit frühen Jahren herumgeschubst und nicht nur zwei Mal verprügelt, sondern vier Mal. Das erste Mal für das, was er ist; ein kleiner Franzose mit dreckigen Klamotten, der damals kaum ein Wort Englisch konnte. Das zweite Mal, weil man mit seiner Arbeit nicht zufrieden war. Das dritte Mal, weil er dumm und unvorsichtig war. Das vierte Mal, weil er für jemanden einstehen wollte, den er gern hatte. Weil er einmal in seinem Leben etwas richtig machen wollte.
Aber nichts davon hat jemals so weh getan, wie dieser Augenblick. Wenn man seine Herkunft bedachte, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das reiche Mädchen der oberen Schicht ihn fallen ließ, um einer besseren Zukunft entgegenzutreten, die er ihr niemals bieten könnte. Was hatte er sich auch dabei gedacht? Welche Hoffnungen hatte er jemals gehabt?

In Avonlea zu leben, für jemanden der sich die Landessprache mühsam beibringen musste, ohne in einer Schule gewesen zu sein und in seiner Kindheit immer nur arbeitete, war es nicht unüblich derart beschimpft und behandelt zu werden. Sie waren eine große Familie mit drei Brüdern und drei Schwestern, die in einer Holzhütte, in der es nur einen Raum gab, wohnen. Gewöhnliche Trapper und die unterste Arbeiterklasse. Er könnte niemals etwas besitzen, was von großem Wert wäre.
Aber all das wusste Diana. Sie wusste, wie er lebt und doch ... hatte sie nur mit ihm gespielt? War er ein lustiger Zeitvertreib, bis er ihr zu dumm wurde oder sich bessere Türen für sie öffneten? War er der erste Junge, dem sie derartig Hoffnungen machte? Oder war er bereits der Zweite oder sogar Dritte, der sich in ihren rehbraunen Augen verlor und glaubte, sich Hals über Kopf verliebt zu haben.

Er konnte es Diana nicht einmal verübeln, dass sie ihn hier stehen ließ. Was könnte ihr der Knecht von Green Gables denn jemals bieten? Würde sie denn in so einem Haus leben wollen, wo alle in einem Zimmer schlafen? Wohl kaum!
Jerry hatte gesehen, wie ihre Tante Josephine lebte. In diesem großen Haus, der einem Palast glich. Mit einem Bediensteten und den vielen Zimmern und all den hübschen Kleidern, sowie den teuersten Schmuck, den man sich nur vorstellen konnte. Es war ein unglaublich schönes und unbeschwertes Leben, bei welchem man nie Sorge tragen musste, nicht genug Essen für den Winter zu haben.

Am Ende war er nur der Farmboy, der nicht gut genug für ein Mädchen wie Diana ist. Daran war nichts zu rütteln. Das ist die Realität. Er war ein simpler Apfel, den man überall bekam, an jedem Baum und Diana war eine fruchtige, süß duftende, teure Orange.

Aber konnte es so einfach sein? Könnte es nicht sein, dass er eines Tages … gut genug ist? In seinen Gedanken hörte er unentwegt die Stimme von Anne, die ihn zum Ritter oder zu irgendeinen Abenteurer schlug, der die Welt bereist, weil ... alles möglich ist.

Vielleicht hatte Anne recht. Vielleicht ist alles möglich! Von diesen Worten getragen, führten ihn seine Füße bis zu einer Türe, einer jungen Frau, die ihm genau dieses Gefühl vermittelte, wenn er in ihre blauen Augen sah.
„Miss Stacy, verzeihen sie die Störung, i-ich ...“, kaum öffnete sich die Türe zu der kleinen Holzhütte, an welcher er soeben klopfte und nervös von einem Fuß auf den anderen trat, kam ihm diese Bitte, für welche er hier hergekommen war, unsäglich vor. Oh sacrément, was hatte er sich dabei nur gedacht? Völlig überstürzt, mit den von den Tränen geröteten Augen stand er hier und wusste nun nicht, wo er beginnen sollte.
„Ähm, Jerry, richtig? Was für eine Überraschung. Was führt dich zu mir?“, kam ein freundliches und so herzliches Lächeln über die Lippen von Miss Stacy, dass ihm die passenden Worte, die ihm am Weg hierher durch den Kopf gingen, im Hals stecken blieben. Das Lächeln auf ihren Lippen blieb abwartend bestehen, sowie ihr der Junge, der sie um einen Kopf überragte, am Eingang ihres Hauses gegenüberstand. Der junge Knecht von Green Gables war ihr bisher noch nie entgegengetreten. Nicht so direkt, nicht persönlich und schon gar nicht vor ihrer Türe am frühen Sommerabend.
„Ich dachte, also, ich habe mich gefragt, ob sie mir vielleicht … helfen könnten? Etwas kann ich bereits. Anne, sie - sie hat mir das Lesen und Schreiben beigebracht. Also, ich bin nicht wirklich gut darin, aber ein bisschen was kann ich schon ...“, faselte Jerry nervös, immer mehr in den französischen Akzent rutschend. Während seines undeutlichen Gestammels zog sich Jerry aus Höflichkeit die Kappe vom Kopf, die ihm nun ganz gelegen kam, da er diese in seinen Händen knetete.

„Du willst etwas lernen? Das ist doch hervorragend“, lobte Miss Stacy voller Freude, die in diesem Fall nicht so richtig zu verstehen schien, wo das Problem lag. Wobei ihr die geröteten Augen längst aufgefallen waren, die verdächtig nach vergossenen Tränen glänzten. „Du kannst im kommenden Jahr direkt beginnen. Zusammen mit dem Rest der Klasse“, bot Miss Stacy für das nächste Schuljahr an, woraufhin das anfängliche Lächeln von Jerry verblasste, der sich seiner Lage wieder bewusster wurde.
„Nein, das … kann ich nicht. I-ich muss arbeiten, Miss Stacy … Pardon, ich hätte nicht fragen sollen, das war dumm von mir ...“, ruderte Jerry stotternd zurück, wie er es so oft tat, wenn er glaubte, im Unrecht zu sein.
„Oh, selbstverständlich, ich verstehe. Dann abends, nach der Arbeit“, gab sie prompt von sich, um Jerry, der schon die Kappe aufsetzte, um fluchtartig vor der unangenehmen Situation zu verschwinden, wieder zurück in das Gespräch zu holen.
Wie er dort vor ihrer Türe stand, kaum den Blick heben konnte, um der jungen Frau in die Augen zu sehen, sowie er vor Nervosität stotterte, machte Jerry einen äußerst kümmerlichen und traurigen Eindruck. Sie hatte ihn nicht oft gesehen – aber so niedergeschlagen hatte sie den französischen Jungen nicht in Erinnerung.

„Merci, Miss Stacy. Ich habe nicht viel, aber ich ...“, mit einem erneuten Anhieb von einem tiefen Atemzug, holte Jerry einen Beutel hervor, der bereits verräterisch klimperte. Es klang nicht nach viel, aber es klang so, als wäre es eben alles, was er hatte.
Sofort schüttelte Miss Stacy den Kopf, sowie sie die Hand mit dem Geldbeutel, in ihre Hände nahm, um sie von sich zu schieben.
„Das ist nicht nötig“, beteuerte sie mit einem liebevollen Lächeln, sowie ihre blauen Augen den Jungen musterten. „Du kommst vorbei, wann auch immer du Zeit hast, und dann sehen wir weiter. Ich bin mehr als froh, wenn ich dir helfen kann, Jerry.“ Mit diesem mahnenden Blick, bei welchem ihre Augenbrauen abwartend nach oben huschten, deutete sie ihm, dass er die hart verdienten Münzen wieder einstecken sollte.
„Merci beaucoup. Ich weiß nicht, wie ich ihnen dafür jemals danken soll“, ein erleichtertes Lächeln huschte über die traurigen Gesichtszüge. Für Miss Stacy war es allerdings eine Selbstverständlichkeit, für die er ihr niemals danken müsste. Schon gar nicht für sein hart verdientes Geld.
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