All the demons I can't name

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12
Athelstan Ragnar Lothbrok
12.01.2020
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All the demons I can‘t name…


Den leeren Blick ausdruckslos nach unten gerichtet saß Athelstan am Ufer des kleinen Baches und starrte Löcher in die Wiese. In seiner Hand hielt er eine in Leder gebundene Bibel, die ihm Floki eben noch aufgedrängt hatte.
„Ich hab etwas für dich!“, hat er gesagt und dabei herausfordernd gegrinst. Als wenn er alles sehen könnte, das in seinem Inneren los war. Als wüsste er, was in seinem Kopf vorging. All die Kämpfe mit sich selbst, all die Unsicherheit, die Unstimmigkeiten und die Selbstzweifel. Floki hatte ihn nie leiden können und auch jetzt war es nicht anders. Er traute ihm nicht. Welchen Grund hatte er auch schon dafür? Wenn er doch mit allem, was er von ihm dachte, Recht behielt? Athelstan seufzte zittrig und sein Griff, der das Buch umfasste, wurde fester.
Was ging nur in ihm vor? Wieso war er überhaupt mit nach England gekommen? Weil er Ragnar seine Treue beweisen wollte? Weil er ihn nicht enttäuschen wollte? Das hatte er jetzt davon! Gefährliche Gedanken und grausame Bilder zuckten durch seinen Kopf und bestärkten seine Apathie. Ständig dieser Druck, der auf seinen schwachen Schultern lastete und drohte, ihn zu Boden zu drücken. Ständig diese Erwartungen, die er von allen Seiten zu erfüllen hatte. Die ganze Zeit über stand er unter Beobachtung; es wurde nur darauf gewartet, dass er etwas falsch machte und somit ihre Zweifel an ihm bestärkte. Dauernd wurde er Herausforderungen ausgesetzt; dauernd musste er sich beweisen. Er war es leid! So leid, von allen nur Misstrauen zu bekommen. Hatte er ihnen denn nicht bereits in so vielerlei Hinsicht geholfen? Was wollten sie, dass er tat, damit sie ihn akzeptierten? Es war zum Krank werden, und wenn er ehrlich war, dann fühlte er sich auch krank. Krank, schwach und hilflos gegen all die Dämonen, die in seinem Inneren wühlten und ihm das Gefühl gaben, einer bösen Macht ausgesetzt zu sein. Und er konnte sich nicht befreien.
Schuldgefühle beschwerten sein Herz, als bestünde es aus Stein und all die Taten, die er allein heute begangen hatte, gingen strikt gegen seine Ethik, gegen sein altes Leben.
Sein altes Leben.
Genau das war es auch. Alt. Vergangenheit. Nicht mehr vorhanden. Er war nun ein Wikinger. Kein Engländer mehr. Er hatte gewusst, worauf er sich einlassen würde, wenn er auf diesen Raubzug mitkam. Und doch hatten ihn der Schock und der Schmerz so hart getroffen, als wäre er im Winter ins kalte, schäumende Meer gefallen. Und er ertrank. Langsam begann er zu sinken. Seine Umgebung nicht wahrnehmend. Er rang nach Luft. Der junge, verängstigte Mönch trat vor sein inneres Auge und wie Stunden zuvor konnte er sehen, wie er reflexartig mit der Axt ausholte und den fremden Mann in der Brust traf. Nur viel langsamer. Und deutlicher. Im Nachhinein hatten ihn Trauer sowohl als tiefer Schmerz erschlagen. Er hatte sich selbst gesehen. Als er noch Mönch in England gewesen war. Als er genauso in einem Versteck gekauert hatte, eine Bibel umklammert. Und er hatte diesen Mann umgebracht. Kaltherzig umgebracht. Alles zog sich in ihm zusammen. Er hatte sich damit selbst umgebracht. Ein Vorwurf nach dem anderen formte sich in seinem Kopf; Stimmen summten unverständliche Worte. War es die Stimme Gottes? Oder die Odins? Oder beide?
Tränen traten in seine hellen Augen, ließen das Wasser im Flussbett verschwimmen. Er durfte keine Schwäche zeigen! Das hier war nur ein Rückschlag! Was war schon Winchester? Er musste stark sein!
Mit einer zitternden Hand rieb er sich verstohlen übers Gesicht, als er Schritte neben sich wahrnahm. Hastig ließ er sie sinken.
„Na? An was denkst du?“, fragte eine fröhliche Stimme und im selben Moment spürte er, wie ihm jemand mit der Hand auf den Rücken schlug. Ragnar ließ sich zu ihm in die Wiese sinken. Athelstan blinzelte schnell die verräterische Nässe aus seinen Augen und wandte Ragnar leicht den Kopf zu.
„An nichts bestimmtes“, antwortete er, leise und kraftlos. Er musste überzeugender sein. Ragnar legte den Kopf schief. Sofort musste Athelstan daran denken, dass ihn sein Freund oft an einen Hund erinnert.
„Warum bist du denn so merkwürdig? Freust du dich denn nicht? Wir haben gerade unsagbare Schätze gefunden! Kattegat wird uns mit einem Fest der Freude erwarten!“, prahlte Ragnar begeistert und seine Augen erstrahlten im Glanz der Errungenschaft und des Sieges.
„Natürlich freue ich mich!“, log Athelstan hastig und fügte dann noch hinzu:
„Wir haben gut gekämpft.“
„Oh ja, das haben wir. Du warst sehr mutig. Wie ein Wikinger!“ Vor Überraschung, diese Worte von Ragnar zu hören, wandte sich Athelstan seinem Freund nun ganz zu und blickte ihn ungläubig an. Meinte er das ernst oder wollte er ihn nur ein wenig schaukeln? Ragnar lachte laut auf, als er seinen Blick bemerkte, doch dann trat etwas anderes in seine Augen und das war Stolz.
Athelstan drehte seinen Kopf wieder weg und starrte in das leise vor sich hin plätschernde Wasser, dass seine Nerven zumindest ein wenig beruhigen konnte. Nein. Er fühlte sich nicht mutig. Und er hatte Ragnars Stolz nicht verdient. Er hatte es überhaupt nicht verdient, dass man stolz auf ihn war.
„Was ist los? Du bist irgendwie…so anders. Alles in Ordnung?“, fragte Ragnar nun, da er endlich bemerkt zu haben schien, dass es Athelstan nicht gut ging. Der ehemalige Mönch antwortete nicht. Er gab überhaupt keine Regung von sich. Was hätte er auch sagen sollen? Das er Angst hatte? Angst davor, nicht als vollwertig eingestuft zu werden? Angst davor, ihn zu enttäuschen? Sollte er ihm sagen, dass er sich vor der Prophezeiung des Bischofs fürchtete? Davor, ans Kreuz geschlagen zu werden? Damit würde er nur wieder bestätigen, dass er seinen alten Glauben noch nicht ganz den Rücken gekehrt hatte. Wieso sollte er sich sonst fürchten? Das Kreuz war eine Bestrafung für alle Christen. Wenn er kein Christ mehr war, dann musste er auch keine Angst mehr davor haben, oder nicht? Doch er hatte Angst – und wie er Angst hatte. Ständig diese Visionen, die in seinem Kopf Unfug trieben und es ihm nicht gönnten, einmal durchzuatmen.
Athelstans Atem ging stoßweise und seine Stimme zitterte, als er leise stammelte:
„Ich…es ist…es ist meine Schuld!“
Ragnar sah ihn unverständlich an.
„Was ist deine Schuld?“, hakte er nach, versuchte, seinen Blick einzufangen, doch Athelstan wich ihm aus. Erneut traten heiße Tränen in seine vor Entsetzen geweiteten Augen und diesmal fehlte ihm die Macht, sie zurückzuhalten. In einem stummen Fluss bahnten sie sich den Weg über seine Wangen und er senkte rasch den Kopf, in der Hoffnung, Ragnar würde es nicht sehen.
In dem Moment trat ein anderer Mann ans Ufer und schlug Ragnar auf die Schulter.
„Ragnar! Deine Taktik ist tatsächlich aufgegangen! Ich denke, wir haben nun viel zu besprechen! Vor allem, wie wir die Ausbeute aufteilen!“ König Horiks Stimme drang nur dumpf an Athelstans Ohren.
„Natürlich ist sie aufgegangen!“, brummte Ragnar, bevor er aufstand und sich zu einem Grinsen zwang. Während er mit Horik zurück zu ihrem Lager ging, drehte er sich noch einmal um und betrachtete nachdenklich den zusammengesunkenen Athelstan, der irgendwie ein wenig verloren wirkte. Am liebsten hätte er König Horik gesagt, dass ihr Gespräch warten musste und er sich um etwas anderes zu kümmern hatte – um jemand anderen, doch er schwieg.
Athelstan atmete tief ein, als Ragnar schließlich wegging. Mit den blutverschmierten Ärmeln seines Leinenhemdes wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. Er konnte nicht sagen, dass er erleichtert darüber war. Immer noch plagten ihn die Schuldgefühle und vermischten sich mit seinen innerlichen Ungereimtheiten. Doch er war zumindest froh, dass Ragnar seine Schwäche nicht gesehen hatte. Er würde nie stark genug sein, vollständig über seine Vergangenheit hinwegzuschauen. Er würde nie ganz akzeptiert werden. Egal wo er war. Er stand zwischen zwei Welten. Denn nirgendwo, würde man ihn je als vollwertig annehmen. In Kattegat war er immer noch der „Außenseiter“, obwohl er schon so lange bei ihnen war. Sie nannten ihn immer noch „Priester“.
In England war er der Verräter, der auf der anderen Seite kämpfte; der das Christentum und somit auch sein Heimatland verleugnet hatte. Hier war er ein toter Mann.
Sein einziger Trost war, dass Ragnar ihn niemals allein lassen würde. Dass er immer bei ihm sein würde. Doch gerade jetzt konnte er ihm nicht helfen. Gerade jetzt, konnte ihm keiner helfen.

Please tell me you’ll be there for me when I fall, even when I can’t stand up again.
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