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Forbidden Attraction

von Mrsss
GeschichteAllgemein / P16
12.01.2020
22.11.2020
22
34.172
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22.11.2020 2.022
 
So schnell kann's gehen. Dieses Kapitel hatte ich vorgeschrieben, also viel Spaß mit dem Brotkrümel, den ich euch hinwerfe, bevor ich vermutlich erstmal wieder ein bis zwei Wochen lang vom Radar verschwinde :)

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Am nächsten Morgen wachte Poline wunschlos glücklich auf. Sie hatte so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Als sie am gestrigen Abend nach Hause kam musste sie sich anstrengen, vor ihren Eltern nicht wie ein Honigkuchenpferd zu grinsen. Auch am Morgen war dieses unglaublich schöne Gefühl nicht verschwunden. Poline bereitete sich also auf einen weiteren langweiligen Schultag vor und hoffte auf einen möglichst ruhigen Tagesablauf ohne tragische Vorkommnisse. Doch in der Schule angekommen fand die schmerzhafte Realität ihren Weg zurück in Polines Gedanken. Sie dachte daran, dass Lillian ihr die ganze Geschichte mit James nicht glaubte und auch einige der anderen noch zurückhaltend im Umgang mit ihr waren. Plötzlich fiel ihr auch wieder der Brief ein, den sie erhalten hatte. Was, wenn diese Schulwoche tatsächlich ihre letzte auf dieser Schule und mit ihren Freunden sein würde? Ihr wurde klar, dass sie schleunigst Frieden mit allen schließen musste. Wenn sie wirklich schon am Montag die Realschule besuchen müsste, und die Chance war nicht gerade gering, würde sie es sich nie verzeihen im Streit mit ihren Freunden auseinandergegangen zu sein.
In der großen Pause setzte sie sich deshalb wieder an ihren gewohnten Platz, statt die Zeit alleine auf dem Schulhof zu verbringen. Ihre Freunde schauten sie verwundert an. Einige freundlich, andere...weniger freundlich. Poline begann sofort ihr Anliegen zu erklären.

"Ich hab euch vermisst. Ich weiß, die Sache mit dem Abstand zu euch ist mehr oder weniger auf meinem Mist gewachsen, aber ich halte das nicht länger aus. Wir sind doch eine Gruppe. Ich will mich nicht streiten."

Niemand sagte etwas. Die Freude über den Abend mit James, die sie noch kurz zuvor verspürt hatte, schien nun gänzlich vergessen. Tränen der Verzweiflung sammelten sich in Polines Augen.

"Mir ist es sowas von egal, ob ihr mir glaubt oder nicht. Ich will einfach nur, dass alles wieder so normal wie möglich wird."

Noch immer erhielt sie keine Antwort. Langsam wusste sie nicht mehr weiter.

"Ich habe gestern einen Brief bekommen. Es könnte sein, dass das hier meine letzte Woche an der Schule ist. Die würde ich gerne in Frieden mit meinen Freunden verbringen."

Auf den sie anblickenden Gesichtern breiteten sich Verwunderung und Schock aus. Damit hätte niemand gerechnet.

"Daher weht also der Wind", hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.

Poline wusste genau, zu wem diese gehörte. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und drehte sich widerwillig um.

"Was soll das bitte heißen, Vince?"

"Naja, du tust das hier, weil du ein schlechtes Gewissen hättest, wenn du nicht alles geklärt hättest bevor du 'nen Abflug machst."

Vincent grinste und Poline hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen. Stattdessen drehte sie sich zurück zu ihren Freunden.

"Ihr wisst, dass das nicht stimmt. Ich will mich einfach nur mit euch vertragen."

Die Stille war erdrückend. Keiner schien zu wissen, was er sagen sollte.

"Sagt doch endlich was, verdammt", rief Poline etwas lauter als beabsichtigt, wodurch die Aufmerksamkeit der Schüler im hinteren Bereich der Mensa mal wieder ihr galt.

Plötzlich stand Lillian auf.

"Ich sehe das so wie Vince. Tut mir echt leid, aber ich kann dir einfach nicht glauben", sagte sie, nahm ihren Rucksack und lief auf Vince zu.

Neben ihm kam sie zum Stehen. Bevor Poline ihre Verwunderung darüber, dass Vince überhaupt wieder in der Schule war, nachdem er festgenommen wurde, zum Ausdruck bringen konnte, legte er einen Arm um Lillians Taille und zog sie näher zu sich heran. Überrascht blickte Poline die beiden an.

"Wir sind eben immer einer Meinung", meinte Vincent zu Lillian.

"Fast", grinste diese, bevor sie ihn küsste.

Fassungslos und ein wenig angewidert starrte Poline das Paar an. Der Rest der Truppe schien so verwundert wie sie.

"Wir sehen uns dann später", verabschiedete sich Lillian von der am Tisch sitzenden Gruppe und ließ es sich nicht nehmen Poline noch einen letzten abfälligen Blick zuzuwerfen.

"Wie lange geht das denn schon", wollte Poline wissen, als Vincent und Lillian außer Hörweite waren.

"Ist für uns genauso neu wie für dich", meinte Zoey, leicht verstört klingend .

"Übrigens verzeihen wir dir alle endgültig", sagte Tess jetzt, um das Thema zu ändern.

"Ja, die einzige, die noch am Zweifeln war ist jetzt mit dem Teufel in Person verbündet", stellte Amber mit angewidertem Blick klar.

Die Gruppe lachte.

"Ich bin froh, dass wir uns wieder verstehen", gab Poline zu.

"Wir doch auch", versicherte Anne, bevor es klingelte und der Unterricht wieder begann.

In der Mittagspause saßen sie wieder alle gemeinsam an einem Tisch. Lillian hatte sich jedoch dazu entschlossen, die Pause mit ihrem neuen Freund zu verbringen. Allein bei dem Gedanken an die beiden zusammen wurde Poline schlecht. Wie konnte sich so ein kluges Mädchen bloß auf so einen ekelhaften Angeber einlassen?

"Sag mal, Poline", begann Zoey plötzlich, "denkst du, dass heute wirklich dein vorletzter Tag hier sein könnte?"

Poline zuckte mit den Schultern.

"Um ehrlich zu sein weiß ich das nicht so genau. Im Brief stand, dass ich informiert werde, sobald die Schulleitung sich entschieden hat. Bis dahin kann ich nur hoffen, dass sie mir glauben und ich weiter bei euch bleiben kann."

"Aber es wäre doch total unfair, wenn du gehen müsstest, obwohl da nichts zwischen dir und Herr Vega war", beschwerte sich Zoey.

"Ja, aber mehr als die Wahrheit sagen kann ich auch nicht. Ob sie mir Glauben schenken liegt ganz an ihnen."

"Was ist denn jetzt eigentlich mit Vegas", fragte Amber.

Poline zuckte erneut mit den Schultern. Sie war sich nicht sicher, ob sie verraten sollte, dass sie ihn trotz seiner Suspendierung weiterhin traf. Diese Erkenntnis würde in ihren Freunden sicherlich wieder Zweifel erregen und das wollte Poline nun wirklich nicht.

"Mehr als ihr weiß ich darüber auch nicht", meinte sie schließlich. "Seit der letzten Erdkundestunde hatte ich keine Nachhilfe mehr. Aber wenn ihr wollt könnte...ich ihn fragen, ob er mir heute vielleicht Nachhilfe gibt und ihn dann fragen, wie es mit ihm weitergeht?"

Zu ihrer Überraschung blickten sich ihre Freunde nicht skeptisch an.

"Also..du musst nicht, aber wenn du willst, dann würden wir auch gerne die Neuigkeiten erfahren....", antwortete Zoey.

"Kein Problem, ich mache das. Neugierig bin ich ja auch", lächelte Poline.

Kurz nach diesem Gespräch war die Mittagspause vorbei. Poline und Anne gingen noch an den Spindt, während die anderen sich schon auf den Weg ins Klassenzimmer begaben.

"Findet ihr nicht auch, dass sie sich ein bisschen zu sehr gefreut hat, als sie angeboten hat, Vegas wieder zu treffen", fragte Tess.

"Mhm..ein bisschen vielleicht. Aber sie hat uns versichert, dass nichts zwischen den beiden läuft und das sollten wir auch endgültig glauben", meinte Amber bestimmt.

"Ja, ich weiß. Aber irgendetwas sagt mir, dass da was nicht stimmt..." sagte Tess, bevor sie den Klassenraum betraten.

Nachdem die Schule für den Tag beendet war, ging Poline nach Hause, wo sie nach dem Essen direkt Hausaufgaben machte. Wirklich konzentrieren konnte sie sich jedoch nicht. Erst nach dem Gespräch mit ihren Freunden in der Mittagspause war ihr wieder eingefallen, dass die sechs Wochen, in denen James als Vertretung eingesetzt waren, bereits diese Woche beendet sein würden. Bei diesem Gedanken schossen ihr sofort tausende Fragen in den Kopf. Würde ihr alter Lehrer wieder zurückkehren? Würde der Kurs vielleicht noch eine andere Vertretung bekommen? Könnte James diesen Posten nicht vielleicht behalten, oder hatte die Schulleitung schon über seine Zukunft an der Schule entschieden? Aber am wichtigsten war die Frage, wie es denn mit den beiden weitergehen sollte, wenn James nicht länger an der Schule unterrichten würde. Eine Ausrede dafür, sich mit ihm zu treffen hätte sie dann nicht mehr. Poline wurde nervös. Könnte das tatsächlich schon das Ende ihrer Geschichte sein?


Um 18 Uhr ließ sie sich wieder von James am Bahnhof abholen, da ihr Vater sie immer noch nicht fahren wollte. Poline bemühte sich, einen fröhlichen Gesichtsausdruck aufzusetzen.

"Überpünktlich, wie immer", grinste Poline, als sie ins Auto einstieg.

"So hast du mich kennen und liebengelernt", grinste James zurück.

Er fuhr los, bemerkte jedoch schnell, dass etwas nicht stimmte.

"Hey, alles okay bei dir", brach er die Stille im Auto.

Poline sah ihn mit einem traurigen Gesichtsausdruck an.

"Wir müssen reden", flüsterte sie schon fast.

James musste zugeben, dass Polines Verhalten ihm ein wenig Angst einjagte. Erst einen Tag zuvor haben sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen, statt sie zu unterdrücken. Ja, die Situation war zwar etwas heikel, aber sie würde doch nicht gleich wieder alles abbrechen und mit ihm Schluss machen... oder?

Einige Minuten später kamen sie an. Noch immer sprachen sie kein Wort miteinander. Erst als sie die Wohnung betraten und sich auf das Sofa gesetzt hatten, begann James zu Reden.

"Also, worüber willst du sprechen", fragte er.

"Wie jetzt? Keinen Tee", versuchte Poline die Stimmung zu erheben.

James wusste nicht recht, ob sie scherzte oder nicht. Er schaute sie etwas verwirrt an.

"Das war ein Scherz. Man, hab ich dich echt so aus der Fassung gebracht, weil ich meinte, wir müssten reden?"

"Um ehrlich zu sein schon. Ich...also es klang einfach so, als würdest du..naja, Schluss machen."

Eigentlich wollte Poline lachen, doch etwas an seinen Worten leuchtete ein. Wozu noch zusammen sein, wenn man sich nicht weiterhin treffen kann?
Poline schlug sich für diesen Gedanken innerlich ins Gesicht. Sowas sollte nicht passieren.

"Eigentlich wollte ich zuerst einfach nur wissen, ob die Schulleitung sich schon entschieden hat. Also was deinen Job als unsere Vertretung angeht."

Jame schaute zu Boden. Er wusste, dass diese Frage früher oder später kommen würde.

"Ich muss gehen. War eigentlich klar. Sie meinten, sie hätten keine andere Wahl gehabt, als sich zwischen dir und mir zu entscheiden und die haben natürlich dich gewählt."

"Moment mal, heißt das, ich fliege nicht von der Schule?"

"Das wusstest du noch nicht?"

Poline schüttelte den Kopf.

"Na dann, herzlichen Glückwunsch, Poline."

Sie freute sich und war traurig zugleich. Natürlich wollte sie an der Schule bleiben. Aber ohne ihn? Das wäre nur halb so erträglich.
Poline umarmte James plötzlich. Er war zuerst kurz verwundert, doch er fing sich schnell und legte seine Arme um sie. Beide wussten nicht, was sie sagen sollten. Sie dachten darüber nach, wie es jetzt weitergehen konnte. Doch so sehr es ihnen auch das Herz zerriss, sie wussten ganz genau, was zu tun war.
Poline brach als erste die Stille.

"Ich will nicht, dass du gehst", flüsterte sie in sein Ohr.

"Und ich will nicht gehen. Aber ich habe keine andere Wahl."

Sie ließ von ihm ab, blieb aber nah bei ihm sitzen. Seine Hand wanderte zu ihrem Bein und fuhr leicht über ihren Oberschenkel. Einige Minuten saßen sie einfach so da.

Plötzlich war alles zu viel für Poline. Tränen begannen über ihre Wangen zu laufen.

"Hey", meinte James beruhigend, "nicht weinen. Alles ist okay."

"Nein, ist es nicht. Das weißt du genauso gut wie ich."

James sagte nichts, sondern hob ihr Kinn leicht an. Er blickte ihr tief in die Augen. In seinen konnte Poline ebenfalls Tränen erkennen.

"Ich ertrage es nicht, dich weinen zu sehen."

"Ich kann nicht anders. Ich weiß, was zu tun ist, das wissen wir beide. Es ist unvermeidlich. Aber es tut so weh. Wir sind doch erst gestern richtig zusammengekommen."

James nickte. Eine einzelne Träne lief seine Wange hinunter.

"Ich will dich nicht gehen lassen", gestand er das Offensichtliche.

"Aber du musst. Und ich muss es zulassen. Heute..heute ist das letzte Mal, dass wir uns treffen."
 
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