Eine etwas andere Art der Liebe

KurzgeschichteDrama / P18 Slash
Amerika England
12.01.2020
12.01.2020
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Die Liebe war etwas sehr Kostbares. Sie war ein Verlangen, das man nimmer vollkommen stillen konnte. Sie lässt Gefühle verspüren, die man zuvor vielleicht noch nie gefühlt hatte und Dinge sagen, die man ganz und gar bereuen könnte. Ja, die Liebe war das Sinnbild einer saftigen, reinen Frucht. Doch selbst von der Liebe konnte man zu viel bekommen. Biss man zu oft in die süße Frucht der Lust, so konnte es geschehen, dass auch sie mit der Zeit verdarb.  

Es gab unzählige Leute, welche zwangsweise keine Liebe empfingen. Entweder wurde sie schlicht und ergreifend nicht erwidert oder sie verliebten sich in falsche Personen. In Personen, bei denen man bereits am Beginn ahnte, es würde ein böses Ende nehmen. Jene Leute, die in der Liebe einfach kein Glück fanden, versuchten krampfhaft dieses große Loch in ihrem Innersten mit anderweitigen Sachen zu füllen. Manche gingen dabei ihren Interessen nach, andere probierten es mit materiellen Dingen und wieder andere verführten zwischendurch die unterschiedlichsten Menschen, nur um in einer Nacht die Begierde und Befriedigung zu erlangen, nach der sie sich so sehr sehnten. Eines hatten diese ganzen Sachen jedoch miteinander gemeinsam: Sie schützten vor der Angst alleine zu sein und ummantelten einzelne Personen mit der Macht der Ablenkung.

Einer derjenigen war England. Auch er, als starke Weltmacht bekannt, litt oftmals an der quälenden Szenerie der Einsamkeit. Isoliert vom europäischen Kontinent, verlassen von seinen Kolonien und von seinen Nachbarn herabgewürdigt. England hatte es nie so richtig leicht, was die Verbundenheit zu anderen anging. Stattdessen wurde er sogar von seinen Brüdern tagtäglich gedemütigt und verlor deshalb immer mehr das verbliebene Zutrauen in sich. Sein ältester Bruder Schottland zielte mit besonders viel Schadenfreude auf ihn ab. Er spuckte seine gewählten Worte stets mit einem Hauch von Hohn seinem kleinen Bruder England entgegen und genoss es dabei regelrecht, ihn in sich zusammensacken zu sehen.

Schottland verstand zwar selbst auch nicht genau warum, doch ihm war so als brauchte England das. Als wäre er auf den ständigen Hass angewiesen, um sich im Selbstmitleid zu suhlen und sich in diesen letztlich zu ertränken. England machte aber auch keinerlei Anstalten sich aus diesem Loch zu befreien. Nein. Ganz im Gegenteil, er blieb lieber in diesem verkrochen und horchte lediglich, was außerhalb geschah. Wie ein kleines Häschen, das bedacht und misstrauisch in seinem Bau blieb, während es seine Feinde genau im Visier behielt.

Das tat er zurzeit immer öfter und Schottland ging sein Benehmen tierisch auf die Nerven.

 °^°^°^°^°

„Dann können wir mit dem heutigen Meeting endlich beginnen!“
Ein lautes Räuspern seitens Deutschland erklang, bevor alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war.

„Einige wichtige Themen werden heute zur Diskussion geführt. Er werden unter anderem Probleme und Lösungen wie zum Beispiel das kürzlich ernannte Atomabkommen, die gehäuften Schulden verschiedenster Länder, die allgemeine Reduzierung des CO2- Ausstoßes, der weitere Verlauf dieser Schadstoffe und was jedes Land dazu beisteuern kann, um das Klima zu bessern, besprochen. Und vieles mehr folgt. Nun lasst uns zuerst aber mit der Brexit Thematik innerhalb Europas beschäftigen. Dazu bitte ich nun England auf.“

Lange und zunehmend unangenehmere Stille erfüllte den Raum. Verwirrte Blicke wurden allmählich untereinander ausgetauscht.

„Ich wiederhole: England, ich bitte dich auf!“ Doch auch nach dem zweiten Aufruf passierte nichts.

Alle Blicke wanderten zum Platz des gesuchten Landes, dieser war jedoch nur verlassen aufzufinden. Leer war er allerdings nicht, da sortierte Ordner, ein Haufen Papiere und eine halb volle, dampfende Tasse Tee auf diesem standen. „Hat jemand England gesehen?“ Allgemeine Unruhe ging einher, die Deutschland nur teilweise mit seinem strengen Gebrüll besänftigen konnte und ein großes Fragezeichen schwebte im Raum umher.

Schottland, der nicht wirklich weit entfernt vom andern saß, verfiel in ein schäbiges Grinsen und musste sich mit dem Lachen zurückhalten. Sein kleiner Bruder war ein sehr verlässliches und gut organisiertes Land, dass eigentlich nie fehlte, stets mit über aktuelle Politik mitentschied, seine politischen Meinungen und Interessen, sowie Innovationen diesbezüglich willensstark vertrat und im Allgemeinen eine gute Position als einer der Großmächte besaß. Natürlich ging hier etwas nicht mit rechten Dingen zu. Doch allen Anschein nach bekam das niemand richtig mit. Zumindest fast niemand. Nur Schottland allein verstand was vor sich ging, denn er war der Übeltäter dieser brillianten Inszenierung seiner kleinen Spielchen.

Zufrieden schaute er zur halb leeren Tasse hinüber, erhob sich und machte sich in Richtung der Toiletten, wissend. Alles war nach Plan gelaufen und er selbst hatte gleich die Ehre sein erzieltes Ergebnis mit eigenen Augen betrachten zu dürfen. Ungesunde Vorfreude befiel ihn, wenn er an das kommende Leiden seines Bruders dachte. Er wusste, dass er manchmal vielleicht ein klein wenig fies zu seinem kleinen Bruder war, aber dieser brauchte das doch. Brauchte ihn. Brauchte seine sadistischen Veranlagungen, die er eben jedes Mal herzlich und gierig wie eine laszive Nutte empfing. Nichts stünde ihm näher als großer Bruder vor allem als Unterstützer und Helfer zu fungieren. Da war doch nichts falsch daran, nicht wahr?

Leises Stöhnen war zu vernehmen, als Schottland nun endlich auf den Fliesen des angesteuerten Raumes stand und genüsslich lauschte. Ach, was für gequälte Laute ihm entkamen! Es war für ihn einfach wie Musik im Ohr. Er konnte förmlich die Anstrengung aus Englands purem Hecheln heraushören und überraschenderweise erfreute ihn dies sehr. Vielleicht sogar auch etwas zu sehr. Denn diese Geräusche seines eigenen Bruders gefielen ihm wirklich gut, machten ihn zeitgleich aber ebenso zu schaffen.

Etwas lief hier im Moment gewaltig schief und Schottland konnte es im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib spüren. Die ganze Situation nahm eine befremdliche Gestalt an.

Schottlands ursprünglicher Plan, Englands Tasse Tee mit Viagra zu sabotieren, war zwar auf ganzer Linie erfolgreich geglückt, hatte allerdings für ihn selbst einen zusätzlichen herben Beigeschmack, der ihn für eine ganze Weile noch begleiten würde. Ein weiteres, sonderbares Gefühl, abgesehen von der hämischen Schadenfreude, machte sich in Schottland breit, welches er zunächst nicht exakt einordnen konnte. Sobald er aber mit dem unnötigen Denken aufhörte und bloß auf seine angeborenen, niederen Instinkte, seiner Primitivität horchte, so verstand er endlich die Signale, die sein eigener Körper bereits seit längerem entsandt hatte. Schottland war...  absolut geil. Er hätte doch früher darauf kommen können! Dieses heiße Gestöhne in der Toilettenkabine, sein beschleunigter Atem und seine eigene Erregung in diesem Augenblick. Sicher war er sich nicht, ob seine Latte nun Englands alleiniges Werk war oder er zu lange schon keinen Sex mehr gehabt hatte. Doch egal, was letztlich der Auslöser hierfür war, warum nicht darauf eingehen, wenn sich die Gelegenheit dann ergab?

Mit sanften Fingern übte der Rothaarige leichten Druck an seiner mittlerweile erkennbaren Beule aus und verstärkte diesen, an den richtigen Stellen, an denen es gut tat. Dort massierte er sich im Rhythmus der schweren Atmung des jeweils anderen, der nichts von Schottlands Anwesenheit ahnte und sich hinter der Tür hemmungslos befriedigte. Ihn brachten die schönen Laute des Jüngeren um den Verstand und er wollte mehr dieser verlockenden Töne. Mehr von Englands unterbewusst verführerischen Ader und mehr von diesem Verlangen, dass für dieses unbeschreibliche Gefühl in ihm verantwortlich war. Er massierte und kraulte seinen Schaft stärker, gieriger, bis ihn die erste Welle der Lust durchfuhr. Er öffnete schnell seine Hose und  befreite sein hartes Glied, das unaufhörlich nach Aufmerksamkeit pochte. Er umschloss es fest, wobei die ersten Lusttröpfchen sich gebildet hatten und seine Begierde immer weiter ins Unermessliche anstieg. Auf einmal dachte er über Sachen nach, die er vorher nie und nimmer in Erwägung gezogen hätte. Er fantasierte plötzlich darüber, wie es wohl wäre, wenn England ihn einen Blowjob mit seinen weich aussehenden Lippen geben würde oder wie er gehorsam und unterwürfig unter ihm läge, seinen ängstlichen Gesichtsausdruck auf ihn gerichtet und sich von ihm willig vögeln lassen würde. Warte, halt!

Was war das gerade gewesen? Wieso dachte er überhaupt an so etwas? Er fühlte sich nahezu wie benebelt, konnte nicht klar denken und diese ganze Fragerei im Kopf schien unmöglich für ihn zu beantworten. Hatte er am Ende selbst etwas intus und bemerkte es zu spät? Selbst wenn, er war viel zu angeturnt, um sich jetzt darüber Gedanken zu machen. Stattdessen bespannte er England weiter und holte sich in der ganzen Zeit über einen runter, so dass er bald an seinen Höhepunkt gelang. Er spritzte ab und keuchte geil auf, von der Intensität seiner Masturbation noch immer winselnd.

Was hatte er da bitte eben gemacht? Hastig zog er, nachdem er fertig war, seine Hose vernünftig hoch und wischte seine Hand an dieser halbherzig ab. Er hatte von seinem kleinen Bruder eine große Latte bekommen und hatte sich oben drauf sogar selbst befriedigt. Mehr oder minder mit seinen Bruder zusammen. Ihm wurde bewusst, dass der Raum in komplette Stille gehüllt war, bis er das Knittern von Kleidung registrierte, sich anscheinend ebenfalls wieder anständig herrichtend. Zügig verließ Schottland das Bad und ging wieder Richtung Meeting. Es wäre ziemlich seltsam, wenn England ihn in der Nähe entdecken würde, also sollte er sich schnellstmöglich wieder ins Meeting begeben, ohne dabei Verdacht zu erregen.

Beim Meeting angekommen, setzte er sich seelenruhig auf seinen Platz und widmete den momentanen Redner – in diesem Falle Frankreich – seine kurzzeitige Aufmerksamkeit, der irgendetwas über die europäische Zusammenarbeit erzählte. Lange fokussierte sich Schottland aber nicht auf ihn, da er sich interessiert zur geöffneten Tür wandte, wodurch ein eher ausgelaugtes, erschöpftes  England trat. Jeder warf ihm einen starren Blick zu, insbesondere Deutschland, der sich relativ schnell fing und ihn sofort erneut zurechtwies.

„England, wo warst du denn so lange! Du solltest doch wie abgemacht beginnen! Hast du dafür eine plausible Erklärung?“ Erwartend schaute er zu England hinüber, welcher leicht überfordert wirkte, eine passende Entschuldigung vor versammelter Mannschaft zu finden. Er wurde sichtlich rot um die Ohren, Nervosität war zu erkennen und er stammelte leise etwas von „Magenprobleme“, bevor er an Deutschland geschlagen vorbeiging und an seinem Pult Platz nahm.

Schottland hatte Englands Anspannung bemerkt. Schottland hatte genauso Englands Gänsehaut bemerkt. Er hatte England von oben bis unten einer fein säuberlichen Analyse durchgezogen und war über sein eigenes Fazit erschrocken, als er sich selbst eingestehen musste, dass sein Bruder ein wirklich hübsches Gesicht besaß. Ihm war vorher nie aufgefallen, dass er so hohe Wangenknochen und so ein blasses Gesicht hatte. Das Grün seiner Augen so strahlend durch seinen hellen Teint und im Vergleich zu den anderen, er immer noch dieses Kindliche im Antlitz wahrte. Zudem war sein Körper schmal gebaut, daher schien er tendenziell zerbrechlicher zu sein als zum Beispiel seine anderen Brüder. Schottland wollte es nicht wahr haben, doch musste er schlussendlich zugeben, dass England nun mal... attraktiv war. Doch nicht nur er war dieser Meinung. Auch dieser Idiot von Amerikaner warf England hin- und wieder Seitenblicke zu, die er weiß Gott wie nicht wahrnahm.

Das Meeting zog sich ganze Drei ein Halb Stunden in die Länge, bis es mit den letzten Worten von Deutschland in Kooperation mit Österreich beendet wurde und jeder seine Sachen zusammenpackte und verschwand. Schottland beobachtete England unauffällig dabei, wie er gerade aufstand und bereits Richtung Ausgang zielte, dieser allerdings stoppte. Eher gestoppt wurde.

Dieser trottelige Amerika sprach ihn nämlich an und verwickelte ihn in ein relativ einseitiges Gespräch, in welchem England meist nur nickte oder ein zustimmendes Geräusch von sich gab. Doch trotz dieser bemerkbaren Zurückhaltung von England, konnte man ihm ansehen, dass er es genoss. Ob es an der Gesamtsituation lag, in ein Gespräch gedrängt worden zu sein oder die Tatsache, dass es Amerika war, der ihn angequatscht hatte, wusste Schottland nicht. Ihm war bewusst, dass England, auch wenn er es immer abstritt, Amerika vom ganzen Herzen liebte. Er hatte ihn immerhin großgezogen! Allerdings konnte Schottland die jetzigen Gefühle Englands im Bezug auf Amerika nicht klar zuordnen. War es etwa brüderliche Liebe, die er ihm gegenüber empfand? Nein, wahrscheinlich nicht. Dafür wirkte England in diesem Moment viel zu flirtend, wie er ihn mit diesen lüsternen Augen besah und sich leicht vor gelehnt hatte beim Reden. Amerika schien diese Zuneigung aber nicht wahrzunehmen und redete unbekümmert weiter.

Verdammt, England! Eine brennende Wutader machte sich auf Schottlands Faust breit. Wie konnte der Kleine bloß so dreist und gänzlich ohne jeglichen Scham versuchen, sich an diesen nichtsnutzigen Amerikaner ran zumachen? Wollte er denn seinen verbliebenen Rest an Selbstständigkeit wirklich über Bord werfen? Und überhaupt: Warum wandte England sich zu dem Kerl dort drüben und nicht zu seinem richtigen Bruder, wenn er etwas brauchte? Schottland atmete tief durch und befreite seinen Kopf von den stressigen Gedanken, tauschte sie mit angenehmer Gleichgültigkeit aus. Ach, was interessierte es ihn, was sein Bruder tat? Sollte er eben jämmerlich nach Trost und Wärme lechzen – seinen Körper freiwillig anbieten.

Während Schottland sich vom Geschehen abwendete und aus dem Gebäude lief, zündete er sich im Schlendern eine Kippe an, die er sich zwischen den Zähnen steckte. Sollte ja nicht seine Angelegenheit sein. Den Rauch inhalierte er tief in seine Lunge, entspannt. Desinteressiert ließ er seinen prüfenden Blick von den beiden ab und ließ sie hinter sich, woraufhin er aus dem Raum verschwand.

 °^°^°^°^°

Am späten Nachmittag saß Schottland am Schreibtisch seines Arbeitszimmers, sichtlich genervt. Musste er nun diese ganzen Dokumente sortieren, die sich seit Wochen auf seinem Tisch gehäuft hatten. Sein Vorgesetzter machte ihm deshalb länger bereits Druck, um ihn voranzutreiben, doch das half Schottland auf keinster Weise. Es ließ ihn eher kalt. Diese ganze Bürokratie langweilte ihn, trotz allem versuchte er sich nicht ablenken zu lassen, auch wenn das ziemlich schwerfiel bei einem solchen Stapel an Eintönigkeit.

Er blätterte die Stapel immer weiter durch, bis ihm etwas ins Auge fiel, was nun doch seine Aufmerksamkeit letztlich erregte. Er hielt ein kleines, quadratisches Foto von England in der Hand, auf welchem dieser müde in die Kamera blickte. Er sah benommen aus, womöglich war er auf dem Bild betrunken. Denn er schaute leicht anzüglich in die Kamera über sich, wobei sich erkennen ließ, dass die oberen Knöpfe seines Hemdes offen waren. Neben seinem Kopf war eine Hand zu sehen, die sich abzustützen schien. Er hatte wohl in dieser Nacht offenbar jemanden abschleppen können, der selbst großes Interesse daran hegte, ihn auf einem Foto zu verewigen. Woher hatte er überhaupt dieses blöde Foto?

Er schmiss es beiseite und nahm seine Konzentration wieder einmal zusammen, jedoch gelang es ihm nicht. Stattdessen machten sich Bilder von England in seinem Kopf breit. Bilder, wie er ihn anlächelte oder ihn auf die Lippen küsste. Schottland versteifte sich in seinem Sitz. Ihm wurde wieder auf dieselbe Weise heiß, wie das mittlerweile oft der Fall war, wenn er über seinen Bruder nachdachte. Er hatte das Bedürfnis sich zu berühren, doch rührte seinen Körper nicht. Er war viel zu deprimiert dafür! Warum musste ihm das Schicksal so einen bösen Streich spielen? Wieso denn ausgerechnet bei seinem jüngeren Bruder, den er damals oftmals sogar hänselte? Er verstand es nicht. Vor allem seine eigenen Gefühle nicht.

Er wollte England sehen, ihn umarmen und nicht mehr loslassen. Aber das hörte sich selbst für ihn ganz schön abstoßend an. Es ließ sich nun aber nicht mehr ändern. Der Faden seiner inneren Geduld drohte allmählich zu reißen – er musste nun endlich das Gespräch mit England suchen. Er musste seine Gefühle ihm gegenüber offen legen und verständlich machen, dass er Hals über Kopf in ihn verliebt war. Dies würde keine leichte Aufgabe werden, da England eher an eine Wette oder an die Missgunst Schottlands glauben würde. Er würde seinen Worten bestimmt keinen Wert schenken. Verlieren konnte Schottland sowieso nichts. Also gut, bloß seine Würde könnte masakriert werden.

Nehmen wir aber einfach mal an, England würde sein Geständnis als wahr empfinden: Wie würde er reagieren? Wäre er angeekelt und verständnislos? Oder würde er ihn gar auslachen und zusätzlich beschimpfen? Vielleicht hätte er ja auch einmaliges Glück und sie würden sofort miteinander rummachen und heißen, wilden – Na gut, das war dann doch ein wenig unwahrscheinlich. Hoffen kann man aber immerhin.

Zurück zum eigentlichen Thema: Er würde jetzt aufbrechen und England mit dem nächsten Flug einen kleinen Besuch abstatten! Zwar lebte er nicht weit von ihm, weil ihre Landesgrenzen aneinanderhingen, jedoch ging es so um einiges schneller. Je schneller er ankam, desto besser seine Laune. Desto eher war er dieser Last entledigt, die ihn lange Zeit bereits bedrängte.

Über den ganzen Weg hinweg dachte er bereits über die beste Wortwahl nach, die ihn überzeugend wirken ließen. Die Zeit genügte für dieses langwierige Überdenken seiner Worte nicht, da stand er schon vor dem Haus seines Bruders. Er öffnete die Pforte und durchquerte den gepflegten Vorgarten, der allesamt mit Blumen bestückt war. Er bewunderte sie nicht weiter und gelangte schnell zur Haustüre, wobei er kein Stück zögerte und feste klopfte. Zuerst passierte nichts und einzig Stille war zu vernehmen, es schepperte dann baldig und Schritte waren zu hören. Schottland wurde etwas nervös. Der letzte Besuch war wieder ein paar Jahrzehnte her. Die Türe schwang auf und ein ordentlich gekleideter England mit weißer Schürze stand vor ihm, unverkennbar war er  überrumpelt. Er blinzelte ein wenige Male, um sich zu versichern, dass er richtig sah.

„Schottland.“ England schaute ihn verwirrt an und sprach kein weiteres Wort mehr. Er besuchte ihn nicht oft, das war wahr. Schottland dem das ganze etwas unangenehm zu werden schien, entschied sich dazu, auf seine vorgefertigten Satzvorlagen zurückzugreifen und die frostige Stimmung zwischen ihnen somit ein wenig aufzutauen. „Was ziehst du so ein bescheuertes Gesicht? Darf ich meinen kleinen Bruder denn nicht besuchen kommen?“ Als diese Worte seinen Mund verließen, so erwachte ebenfalls England aus seiner Starre und blickte ihn nun recht unwillkommen an. „Ach, seit wann kommst du mich gerne besuchen? Das ist ja interessant.“ Er verschränkte seine Arme stramm vor der Brust und setzte ein streitsüchtiges Gesicht auf. „Was verschafft mir die Ehre, mein lieber Schottland?“ Jetzt war er sauer.

„Also...“, fing Schottland vorsichtig an zu sprechen, ohne die Absicht zu hegen, England unnötig aufzuregen. „Ich hatte gehofft, mit dir reden zu können.“,äußerte Schottland trocken ohne jegliche Begründung seinen Wunsch. „Tze.“ England baute sich so groß wie möglich vor ihm im Türrahmen auf (was allerdings ganz schön niedlich aussah) und schaute ihn mit finsteren Augen an. „Du willst mit mir etwas bereden, so so. Aber weißt du, ich will meine Zeit mit dir Gesindel nicht vergeuden müssen und habe weitaus Besseres zu tun als sie mit dir zu verschwenden. Wenn du mich nun entschuldigen würdest.“ Bevor die Tür von England zugeschlagen werden konnte, stellte Schottland seinen Fuß in den Spalt. „Hey, was fällt dir-!“ „Bitte, England. Es ist dringend.“

In dieser kurzen Zeitspanne seiner Erscheinung war England zum zweiten Mal sprachlos. Er hatte nicht geahnt, dass Schottland jemals  … ihn um etwas bitten würde. Ihm entging nicht die drohende Ernsthaftigkeit seines großen Bruders und seine völlig verzweifelte Bitte ihm Gehör zu schenken. Letzten Endes trat England zur Seite und ließ ihn teilweise widerwillig eintreten. Er wies ihn Richtung Küche und sie setzten sich an den dortigen Holztisch. England schenkte ihn beiden den frisch aufgekochten Schwarztee ein und sah Schottland lediglich abwartend an.
Er bekam seine volle Aufmerksamkeit. Doch womit sollte er denn anfangen?

„Danke, England, dass du-...“ „Ja ja, schon gut, komm zum Punkt.“ Innerlich seufzte Schottland. Wie sollte er die passenden Worte finden, wenn England ihm keine Zeit gab? „Genau, worüber ich mit dir reden wollte, ist Amerika.“ Huch? Da schien er ja ganz verwirrt zu sein? „Was soll denn mit Amerika sein?“, fragte er stutzig. Schottland war emotional gänzlich unberührt und fuhr einfach fort: „Ich würde dir raten, dich von ihm so fern wie möglich zu halten.“ Er machte eine kurze Pause und hielt die Tasse Tee vor sich noch immer mit seiner kalten Hand umschlossen. „Gestern beim Meeting, da hat man ihm angemerkt, dass...“ Er haderte absichtlich scheinbar mit den Worten. Baute so eine gewisse Spannung auf, die England nervös werden ließ. Es ging schließlich um seinen kleinen, tollen Liebling.

„...er versucht dich eindeutig wirtschaftlich zu seinem persönlichen Nutzen auszubeuten.“ Stille. „Ach?“, gab England von sich. „Richtig, er erhebt gezielt höhere Zölle gegen dich und meidet es so gut es geht Handel mit dir zu treiben. Fällt dir das nicht auf oder willst du es einfach nicht sehen?Die meisten sind vom berüchtigten England, der früher die Weltmeere erobert hatte, insgeheim abgeneigt.  Bei Amerika nicht anders. Bestimmt hat er denselben Plan wie Frankreich damals in der napoleonischen Herrschaft mit dieser verdammten Kontinentalsperre. Ich würde Acht darauf geben und mich von ihm nicht zu sehr um den kleinen Finger wickeln lassen.“

England trank genüsslich hörbar einen Schluck seines Tees und stellte die Tasse mit einem kleinlauten Scheppern auf die dazugehörige Untertasse sachte ab. „So, ich soll mich also von Amerika fern halten? “ Oh, er war richtig sauer. „Also, eh, ja, ich würde dir zumindest dazu raten, da wie man sieht... -“ „WIE MAN SIEHT, BIST DU EIN RIESEN IDIOT!“ Die Gesundheit meines Trommelfells ergeht es blendend, danke der Nachfrage. „Wie kannst du es dir überhaupt ERLAUBEN dich in meine Angelegenheiten einzumischen?!“
„Als dein großer Bruder sorge ich... -“ „Wage es ja nicht, die erbärmliche Karte des großen Bruders zu spielen!“ Dieses ständige Unterbrechen strapazierte langsam meine Nerven. „Nein, nein, ich hatte nicht vor, plötzlich ein fürsorglicher Bruder zu werden, der ich nie war. Ich will dir doch nur sagen, dass selbst mir aufgefallen ist, wie überaus fragwürdig er sich dir gegenüber verhält.“

Es herrschte einen kleinen Moment Pause, bis Schottland erneut das Wort ergriff.
„Ich will dir das auch nur mitteilen, weil du es nie bemerken würdest.“ Meine Frustration, die ich vorhin runter geschluckt hatte, kommt nach und nach meinen Hals wieder hoch gekrochen. „Denn ihm bist du nie wirklich böse. Du hängst eben zu sehr an ihm.“ Hass bildet sich in seinem Magen. „Du liebst ihn schon zu lange.“

Er versteinerte kurzzeitig. Fand keine Worte auf das eben Gesagte und beließ es einfach dabei, bevor er ganz verstummte. Schottland atmete noch einmal tief durch und ließ seinen Ärger so gut es ging in Luft verdampfen. „Weißt du, England...“ Er griff zart nach Englands Hand und legte seine größere behutsam auf die unter seiner. England versteifte sich sichtlich. „Ich habe lange Zeit darüber nachgedacht. Mir lange Wörter zurecht gelegt, die es am besten ausdrücken würden.“ Englands Hand begann ganz leicht zu zittern, Unsicherheit ausbreitend. Seine Augen fokussierten starr sein gegenüber, wobei es fast schon ängstlich wirkte. „Ich kann dein ständiges Reden über Amerika nicht mehr hören. Mir ist es absolut gleich, ob du ihn anhimmelst oder nicht. Deine Gefühle sind mir mittlerweile hierfür nicht mehr wichtig genug. Denn dafür stelle ich jetzt nach langer Zeit meine eigenen Bedürfnisse wieder in den Vordergrund.“, verkündete er gefährlich, während er dabei leicht mit seiner Zunge über seine Lippen fuhr.
 
„England, ich will dich jetzt schon so lange.“ Endland riss seine Augen förmlich auf und sprang von seinem Stuhl auf, welcher zu Boden fiel, wobei er selbst an der Wand zum Halt kam. Er suchte sehnlichst die Flucht, doch fand keine, die nicht an Schottland vorbeiführte. Gewähren würde ihm dieser die Flucht nämlich nicht. Er ging mit langsamen Schritten auf ihn zu, wie ein Jäger auf ein verängstigtes Reh und ließ seine Hand lieblich über Englands Haar, Gesicht und Hals gleiten. Der Jüngere sackte immer mehr in sich zusammen und sah immer hilfloser aus. England hatte über die letzten Minuten wirkliche Angst entwickelt, versuchte allerdings es sich nicht all zu sehr anmerken zu lassen. „Schottland, hör a-auf.“ Aw, hatte er den allmächtigen, königlichen England wahrhaftig zum ersten Mal stottern gehört? Seine Stimme versagte ihm wohl allmählich ebenfalls, was Schottland nur zu belächeln empfand. Er verstand zwar selbst nicht warum, aber irgendwie gefiel ihm diese Rolle des „Bösen“ sehr. Dieses ängstliche, ja, beinahe weinerliche Gesicht, welches England machte,turnte ihn aus irgend einem ihm nicht erdenklichen Grund dermaßen an.  

„Und was ist, wenn nicht?“ Ja, was wäre eigentlich, wenn nicht? Wie würde es hiernach weitergehen? Würde er ihn in der Tat gegen seinen Willen missbrauchen, obwohl er furchtbare Angst hatte? Würden ihn denn Schreie von England überhaupt zur Besinnung bringen? Und wie würde England im Anschluss auf ihn reagieren, wenn sie sich zufällig oder zwangsweise begegneten? Schottland kannte die Antwort auf all diese Fragen nicht im geringsten. Zudem musste er sich eingestehen, dass er vergeblichst mit Überforderung besät war. Keine einzige Lösung bot ihm eine Alternative an, die ihm eine ungefähre Richtung gab, wie oder womit er nun handeln sollte. Ausschließlich das Schicksal allein, wusste um des schmalen Pfades Bescheid, welchen er betreten würde. Denn dieser wurde ihm bereits vom Schicksal persönlich mit seiner Entstehung, mit seiner Geburt eingraviert.
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