Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Hybris

von LMattis
KurzgeschichteAngst / P12
11.01.2020
11.01.2020
1
761
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
11.01.2020 761
 
Angst vor dem weißen Blatt. Ist es das, was ich spüre? Angst davor, meinen eigenen Ansprüchen nicht zu genügen? Etwas zu erschaffen, was unvollkommen ist? Ich sitze vor dem Bildschirm, die Fingerkuppen erwartungsvoll auf die Tasten gelegt, und hoffe darauf, dass etwas passiert. Dass sich eine höhere Macht der Nervosität annimmt, sie packt, meine Leere mit schönen, runden Worten füllt und so die Angst vertreibt. Die Angst, verloren zu haben, was ich einst hatte, die Welt nicht mehr auf die Weise sehen zu können, auf die ich es einst konnte. Jahrelang habe ich mich vertröstet, mir versprochen, dass man diese Gabe nicht verlieren kann – doch habe ich es gewusst? Waren es mehr als hohle Wünsche, die die schwellende Angst maskierten?
Die Gabe, über die Dinge hinauszusehen. Die Gabe, in die Dinge hineinzusehen. Die Gabe, Leben in Worte zu fassen. Wünsche, Gedanken, Gefühle, Träume. Sie aufzufangen und abzulegen auf dem weißen Papier. Festzuhalten für die Ewigkeit. Wenn es diesen Teil von mir, der alles ist, was ich jemals sein wollte, nicht mehr gibt – was bin ich dann? Was bleibt noch, wenn der Teil verloren ist, der das Herzstück war? Das Stück, das ich hegen und nähren wollte, nur um es dann über Jahre einzusperren, hungern zu lassen, an Ketten zu legen und zu fesseln. Was bleibt noch außer einer leeren Hülle, in der einst ein wilder, hungriger Geist tobte, jagte, seine Klauen in die Wände schlug und an sich riss, was ihm zustand?
Tobt in mir noch dieses Feuer? Die Wut? Der Schrecken und das Grauen, die mich einst in Flammen stehen ließen? Ich will ausbrechen, diese blasse, kalte und schwere Hülle abwerfen und mich hinaufschleudern in den Strudel des Ungewissen, die Welt aus Farben und Formen, von der ich jede Nacht träumte und auch heute noch träume. An manchen Tagen. Tagen, die mir einen Blick, einen Spalt in die Vergangenheit öffnen, mir die Verheißung zeigen, nach der ich einst strebte und mich heute noch sehne – mit jeder Faser meines Leibes. Ich wollte frei sein und ich war es. Nicht mit dem Körper, den irdischen Wurzeln, nicht in der Welt um mich herum, die mich beschwerte, mir Lasten aufwarf und Pflichten. Ich war frei in mir. Es war mein Geist, der sich aufschwang in die Lüfte, durch die tiefsten Schwärzen der Nacht tauchte, sich balgte mit den Winden, schmerzte im Angesicht dessen, was er selbst erschaffen hatte. Ich habe geschaffen und vernichtet. Ich war der Gott in meiner Welt. In meinen Händen lag das Schicksal vieler, ich habe geweint um den Tod, den ich mit eigenen Händen brachte, habe gelitten unter den Qualen, die ich selbst auferlegte, habe die Gefühle gefühlt, die ich anderen schenkte.
Was ist geblieben von dieser Macht? Was ist noch übrig, von dieser ungezähmten Gewalt?
Zwei Möglichkeiten bleiben zurück. Vielleicht schlummert die Macht noch immer in mir, wartet auf den Tag, an dem sie die Fesseln zerreißt, mich wieder an sich zieht, sich in mir ausbreitet, meine Adern mit Feuer auswäscht und sie wieder mit fremdem Leben füllt. Oder sie ist verloren, vertrocknet in der Dürre der Zeit, der Wüste meiner Perfektion. Die Perfektion, die frisst und frisst und frisst. Die nie satt wird, an dem, was sie ihrem schwarzen Schlund einverleibt, immer mehr fordert, immer mehr nagt. Die die Seele zermürbt und einschließt in einen gläsernen Käfig. Der Käfig hat Risse bekommen, ja, ich kann sie sehen. Ich sehe die zersplitterten Ecken der Scheiben, sehe die Scherben der Versuche, auszubrechen, sehe die Spuren getrockneter Tränen an den Innenwänden. Ebenso sehe ich die wachsamen Augen der Perfektion, wie sie über die Kanten gleiten, nach Rissen suchen, um sie zu füllen. Um perfekt erscheinen zu lassen, was nie perfekt war.
Doch wenn ich leise bin, in mich hineinhorche, dann scheint da noch etwas zu sein. Es glüht noch ein Funke. Tief, tief, tief in mir brodelt noch etwas. Etwas, das von außen nicht sichtbar in den finsteren Ecken schlummert. Wartet? Worauf? Ich spüre, dass ich überfällig bin. Dass ich kurz davor bin, faulige Ränder zu bekommen. Die Macht in mir schläft, aber vielleicht lässt sie sich noch einmal zum Leben erwecken. Und wenn sie erwacht, dann wird es wie eine Welle über mir zusammenschlagen, es wird mich ertränken in einem Strudel, der bis in meine Tiefen hinabreicht, aus meinem Innersten das hinaufspült, was so lange verborgen gewesen war.
Ich werde weiterkratzen an den gläsernen Kanten, die mich umschließen. Ich werde kratzen, bis meine Nägel brechen. Kratzen, bis meine wunden Hände mich freigelegt haben. Um wieder frei zu sein. Um wieder mächtig zu sein. Um wieder Gott zu werden.

***
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast