Augustine's Abyss

GeschichteDrama, Romanze / P18
Damon Salvatore Lorenzo "Enzo" OC (Own Character) Stefan Salvatore
11.01.2020
23.01.2020
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Sandman

Ich räusperte mich, fühlte mich aber etwas sicherer in Anbetracht der Tatsache, dass er nun blind sein musste und mich vermutlich nicht angreifen konnte. Auch, wenn ich mir sonst nicht erklären konnte, wie er mein Dasein bemerkt hatte.

„Ja.“, sagte ich. „Was ist da drinnen passiert?“

„Willst du das wirklich wissen?“, fragte er und lachte trocken.

„Ja.“, wiederholte ich konzentriert. Ich konnte es nicht länger aushalten, für meinen Vater die vermeintliche Drecksarbeit machen zu müssen, für die er selbst sich zu fein war, ohne zu wissen, was im Inneren des Behandlungsraumes geschah.

„Es kann sein, dass du deinen Daddy danach nie wieder so wie vorher siehst.“, meinte er mit einem sarkastischen Unterton. Er spuckte die Worte verächtlich aus, als könnte er nicht glauben, wieso ich mich für die Arbeit meines Vaters interessierte.

„Das spielt keine Rolle.“, entgegnete ich ungehalten. Schon wieder einer dieser Männer, der mich nicht einbeziehen, sondern nur kleinmachen wollte. Woher sollte er wissen, was ich denken würde? „Ich will die Wahrheit.“

„Er hat mir die Augen ausgerissen.“, sagte der Schwarzhaarige und spannte merklich seinen Kiefer an. Seine Gesichtszüge waren scharf und kantig, was mir trotz des Verbandes sehr deutlich auffiel.

Meine Kinnlade fiel nach unten. Ich fasste mir bestürzt an den Mund. Konnte das wirklich wahr sein? Er hatte doch tatsächlich einen Verband um die Augen. Aber was sollte es bringen, jemandem beide Augäpfel zu entfernen? Was sollte daran der Forschungszweck sein? Ich hatte erst vermutet, dass Vater die Augen vielleicht von außen untersucht hätte, aber nicht, dass er sie komplett… Entnahm. Mein Hals schnürte sich zu.

„Ich verstehe das nicht.“

„Ich auch nicht.“, räumte er bitter ein. „Aber in einigen Stunden sollte ich wieder wie vorher sein.“

„Also stimmt es, was Vater über Sie sagt.“

„Was sagt er denn?“, gab er zurück.

„Dass Sie beide Vampire sind.“

„Richtig.“, antwortete er. „Aber das ist vermutlich auch das einzig Wahre, das aus Edward Whitmores Mund kommt.“

An dieser Stelle fühlte ich mich unterbewusst angegriffen. Er war doch schließlich immer noch ihr Vater. Ich wollte seine Motive schützen, auch wenn ich immer noch entsetzt über das Geschehen war. Er hatte bestimmt seine Gründe. Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen meinem Bauchgefühl, das die Experimente eindeutig als falsch wahrnahm und meinem Gehirn, dass es glauben lassen wollte, es hätte schon alles seine Richtigkeit.

„Er tut es, weil er herausfinden will, wie man Menschen heilen kann.“, verteidigte ich ihn. „Echte Menschen. Um wertvolle Leben zu retten, die ohne seine Hilfe enden würden.“

Er schwieg eine Weile.

„Dass der Schmerz vergeht, macht ihn nicht weniger real für mich.“, sagte er und tastete mit den Fingern die Bandage ab. Sein Ton war distanzierter.

Ich richtete ermutigt meine Haltung auf und setzte mich vor die Gitterstäbe. Wir saßen uns beinahe gegenüber.

„Das Ganze erinnert mich irgendwie an… Den Sandmann.“, kommentierte ich abwesend und ließ meinen Blick durch die Zelle gleiten.

„Den was?“

„Den Sandmann.“, meinte ich nochmal und strich mir eine dunkle Locke hinters Ohr.

„Das ist eine Erzählung aus der deutschen Schauerliteratur. 1816.“

„Aha.“, sagte der Insasse wenig interessiert.

„Es geht um einen Studenten, der sich an mysteriöse Ereignisse aus seiner Kindheit erinnert.“, setzte ich an. Mir war bewusst, dass ich bei ihm auf wenig Interesse stieß, doch ich wusste nicht, worüber ich sonst sprechen sollte. Es lag mir viel daran, die beklemmende Stimmung etwas abzuwenden. „Als er jung war, erlebte er an vielen Abenden, wie sein Vater Besuch von einem geheimnisvollen Mann bekam, mit dem er sich in einen verbotenen Raum zurückzog, um alchemistische Versuche durchzuführen. Durch ein Ammenmärchen, das den Kindern erzählt wurde, glaubte er, dass es sich um den Sandmann handeln würde. Einen Mann, der nachts den Kindern, die nicht schlafen, die Augen ausreißt. Nur, dass es hier kein Märchen ist.“

„Hm.“, sagte er und pausierte. „Hast du gar keine Angst vor mir? Immerhin bin ich kein Bestandteil von Schauerliteratur, sondern real.“

Diese Frage war berechtigt. Im Vorfeld hatte ich mich tatsächlich gesträubt, den Keller zu betreten und diese lebenden Toten kennenzulernen, von denen so oft am Küchentisch die Rede war. Zusammengerissen hatte ich mich jetzt erst, um meinen Vater stolz zu machen. Doch mittlerweile graute es mir eher davor, nach oben zu gehen und dem Verursacher dieser Gewalt gegenüberzustehen. Sollte ich so tun, als wüsste ich nicht, was der Insasse mir erzählt hatte?

„Jetzt gerade empfinde ich keine Angst. Oder weniger.“, sprach ich ehrlich und musterte seine harten Gesichtszüge. „Sie haben mir noch keinen Grund dazu gegeben.“

„Ich könnte versuchen, dich auszusaugen, Kleine.“, betonte er scharf. „So viel frisches, süßes Blut ist mir lange nicht mehr untergekommen. Immer nur diese kleinen, abgepackten Überlebensportionen. Ekelhaft.“

„Warum sollte ich mich vor einem eingesperrten, blinden Untoten fürchten?“, konterte ich und legte den Kopf schief. In diesem Moment konnte er mir nichts anhaben. „Selbst, wenn Sie es wollen würden. Sie könnten mir nichts tun. Ich sollte fragen, ob Sie keine Angst haben, dass ich meinem Vater von Ihren Drohungen erzählen könnte. Dann wäre es mit seiner Gnade vermutlich ganz schnell vorbei. Er könnte sie hier verrotten lassen, wenn er es wollte. Ich könnte ihm einen Grund dazu liefern. Haben Sie keine Angst vor mir?“

„Touché.“, sagte er und deutete ein Grinsen an. „Ich sollte mich tatsächlich besser benehmen. Sie sind schließlich mittlerweile die einzige Lady, die mir in der Zukunft unter die Augen kommen wird. Also irgendwann vielleicht wieder unter die Augen kommen wird.“

Ich lachte über seinen Witz auf. Er hatte eine unterhaltsame Art, sich auszudrücken in Anbetracht der Tatsache, dass er gefangen und wehrlos war.

„So so.“, scherzte ich. „Sie sind nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Frauenheld. Gewesen.“

„Frauenheld lasse ich gerne so stehen, aber Mörder… Das hört sich wirklich etwas gemein an.“, klagte er gespielt. „Man kann auch von Menschen trinken, ohne ihr Leben zu beenden. Wie es ausgeht, entscheide immer noch ich.“

„Wie soll ich mir das vorstellen?“, wollte ich neugierig wissen. „Sie sprechen jemanden auf der Straße an, ob er ihnen kurz eine Ader zur Verfügung stellen würde, gönnen sich einen Drink und verabschieden sich?“

„Nicht ganz.“, meinte er. „Ein Blick in die Augen reicht, um die Sterblichen zu manipulieren. Ich kann sie vergessen lassen. Nur schade, dass ich es gerade nicht demonstrieren kann.“

„Nur schade für Sie, dass ich Eisenkraut nehme.“

„Hm, das ist wirklich schade.“, stimmte er zu. „Es verunreinigt das Aroma leider auch. Dieser bittere Beigeschmack kann die leckerste Dame ruinieren. Ohne würdest du bestimmt köstlich schmecken.“

Ich wusste nicht, ob ich diese absurde Aussage als Kompliment auffassen sollte. Sein Ton klang… Flirtend, herausfordernd, obwohl er gerade davon sprach, mein Blut verspeisen zu wollen. Ich wusste noch nicht ganz, ob ich ihm glauben sollte, dass es möglich war zu trinken, ohne das Opfer zu töten. Vielleicht war es nur eine Ausrede, ein Versuch meine Naivität auszunutzen. Wenn Vampire nicht töten mussten, war es aus moralischer Sicht vielleicht weniger schlimm? Sicher, die Blutspenden, die ansonsten für medizinische Zwecke genutzt werden würden, würden an dieser Stelle fehlen. Aber es wäre trotzdem weniger grausam, als ein Leben zu beenden, um das eigene zu erhalten.

„Ich weiß nicht, was mein Freund davon halten würde.“, mischte ich beiläufig in die Konversation ein. „Außerdem haben Sie mich nicht einmal gesehen, um Ihr kleines Defizit hinzuweisen.“

„Oh, da kommt es also.“, sprach er hämisch. „Das obligatorische und subtile ‚Übrigens, ich bin vergeben‘. Glaub‘ mir, das würde mich nicht aufhalten, wenn ich hungrig bin.“

„Vielleicht schon.“, widersprach ich stur. „Tom kann ganz schön unangenehm werden.“

Der Vampir nickte nachdenklich.

„Tom also.“, sagte er. „Inwiefern unangenehm? Erzählen Sie mir von ihm.“
Ich musste schlucken.

„Na ja, was soll ich da erzählen.“, druckste ich herum. Ich hatte ihn nur kurz erwähnen wollen, um einen imaginären Sicherheitsabstand zwischen uns zu errichten. Nicht, um aus dem Nähkästchen zu plaudern. „Wir sind erst seit drei Wochen zusammen. Er ist der beste Freund von meinem Bruder Paul. Wir haben uns auf einer Verbindungsparty kennengelernt.“

„Verdammt, es ist einer von denen.“, meinte er mit einem spöttischen Ton. „Lass‘ mich raten. Blond, blauäugig, groß, aber schlaksig. Studiert auf Daddys Kosten irgendein Schnöselfach und trägt merkwürdige Hemden.“

„Hey, seine Augen sind grün.“, musste ich zugeben und konnte sich ein kurzes Kichern nicht verkneifen, obwohl ich natürlich auf der Seite meines Freundes stand. „Und die Hemden sind auch gar nicht so schlimm.“

„Meinetwegen.“, lenkte er ein und verschränkte lässig die Hände hinter dem Kopf. „Also dann, verschwinde besser, bevor du noch erwischt wirst.“

Ein wenig enttäuscht darüber, dass dieses durchaus spezielle Gespräch enden sollte, erhob ich mich. Er hatte eine magnetische Ausstrahlung und einen Humor, der mich besonders faszinierte. Aber mir war klar, dass er nur ein Versuchsobjekt war. Er hatte Menschen getötet und saß nicht grundlos in dieser Zelle. Vielleicht konnte ich Vater ja dazu überreden, stärkere Narkosen oder schonendere Methoden einzusetzen.

„Gute Besserung.“, sagte ich zum Abschied, betrachtete ihn noch kurz und verließ dann den Keller.
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