Das Nichts

OneshotDrama / P16
Fernando Sucre Lincoln Borrows Michael Scofield
11.01.2020
11.01.2020
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3.176
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11.01.2020 3.176
 
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Freigabe:     ab 16 Jahren

Spoiler:     1. Staffel von Prison Break bis einschließlich Folge 17 ‚J-Cat‘ (‚Puzzleteile‘).

Hauptcharakter(e)/Paar(e):     Michael Scofield sowie Lincoln Burrows und Fernando Sucre

Warnung:     Schmerz, Qual, schwere Gedanken     

Disclaimer:     
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Ende der Geschichte zwischen Lincoln und den Wärter stammt aus der 17. Folge ‚J-Cat‘.
Mir gehört rein gar nichts. Nur die Umsetzung zu der folgenden Kurzgeschichte stammt aus meiner eigenen Feder.

Kommentar:
Für mich ist Michael Scofield ein sehr interessanter Charakter. Ich wollte einfach herausfinden, was er womöglich in der Dunkelheit der Zelle gedacht und gefühlt hat, als sich alle auf ihn verlassen haben und er selber am Rand der Verzweiflung stand.  
     
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Das Nichts

Die Dunkelheit war überall. Egal, wo er hinsah, die Dunkelheit war bereits da und erwartete ihn schon. Wieder und wieder huschte sein Blick durch die 2 mal 3 Meter große Zelle und immer wieder war die Dunkelheit schon vor ihm da. Kein Licht drang durch die Schwere, kein Licht erhellte seine Zelle, kein Licht, welches ihm Hoffnung gab – und genau deswegen war er hier. Das war der Zweck dahinter. Er wusste es, aber sein Verstand sprang so hin und her, dass er kurz davor war, keinen klaren Gedanken mehr zu fassen.
„Michael?“
Sein Name. Wieder und wieder. So oft wurde sein Name genannt – und doch, er konnte nicht reagieren. Die tiefe Stimme seine Bruders Lincoln drang durch das lange unterirdische Rohr der Kanalisation, welche die Isolationszellen miteinander verband. Sein Bruder, welcher schräg gegenüber in einer anderen Zelle saß und welcher versuchte, zu ihm durchzudringen. Mit aller Macht versuchte er ihn zu halten, ihn irgendwie zu trösten und ihn vor allem im Hier und Jetzt festzuhalten. Dass er, sein kleiner Bruder, sich nicht in der Dunkelheit verlor.
Michael wusste nicht, ob es Lincoln dieses Mal schaffen würde.
Sein Bruder war sein persönlicher Anker. Schon immer. Er stand ihm zur Seite, wenn es ihm nicht gut ging und er Angst hatte. Wenn er Hilfe brauchte. Schon früh im Leben hatte Lincoln für sie beide gesorgt. Nicht immer sanft, nicht immer besonnen, manchmal mit fester Hand, aber er konnte sich immer auf seinen großen Bruder verlassen. Er war für ihn da. Immer.
Aber es gab auch eine Zeit, wo Lincoln nicht für ihn da sein konnte. Eine Zeit, wo er selber zu viele Probleme hatte und in ein Erziehungsheim kam. Eine viel zu lange Zeit, wo er, Michael, woanders und unter die Aufsicht von anderen war. Eine Zeit, die er am liebsten aus seinem Geständnis streichen würde – aber leider nicht konnte. Eine Zeit, wo er diesem schrecklichen Menschen ausgesetzt war, seinen sogenanntem Pflegevater, und der ihm als kleines Kind immer wieder in eine dunkle Kammer gesperrt hatte. Der ihn wieder und wieder verprügelt hatte. Monatelang war er diesem Mann ausgeliefert gewesen. Sein Bruder hatte ihm nicht helfen können. Er wusste auch jetzt nicht, was ihm damals passiert war. Er konnte Lincoln einfach nicht sagen, was ihm widerfahren war. Es hatte etwas in ihm zerstört und er hatte Jahre gebraucht, um diese Erlebnisse tief in sich zu begraben. Er wollte es seinem Bruder nicht erzählen. Er konnte nicht. Sein Pflegevater hatte seine Strafe erhalten, er dagegen hatte die Dunkelheit zu fürchten gelernt.  
Schwerfällig und unter größter Anstrengung schluckte Michael.
Seit einer ganzen Weile saß er nun schon auf dem Boden der Isolationszelle. Gleich gegenüber von ihm stand das schmale Bett. Nur wenige Zentimeter trennten ihn dabei vom Bettgestell, was das Gefühl der Enge nur verstärkte. Mit dem Rücken lehnte er an der kargen Wand, wobei seine Arme auf seinen angewinkelten Knien ruhten. Seine blaue Häftlingshose und sein graues Langarmshirt hatte er noch an. Sein grauer Pullover lag dagegen in Streifen gerissen neben ihm und zeugte von seinen verzweifelten Versuchen einen Weg zu finden.
Wieder und wieder ließ er seinen Blick von Wand zu Wand gleiten. Suchte einen Halt in den vier Wänden, fand aber keinen. Die Dunkelheit war überall. Zu jeder Zeit. Im Gegensatz zur damaligen Kammer, die wenigstens etwas Licht beherbergte, war die Isolationszelle stockdunkel. Nur schwer konnte er die Umrisse der Toilette und des Bettes ausmachen. Egal, wie sehr er sich auch zu beruhigen versuchte, die Erinnerungen von damals tauchten aus den Tiefen seiner Seele auf und vermischten sich mit den vielen, schrecklichen Erfahrungen und Erinnerungen, die er seit seinem Haftantritt im Fox River Staatsgefängnis sammeln musste.
„Michael, bitte“, sprach Lincoln erneut durch das Kanalisationsrohr. „Rede mit mir!“
Michael schloss die Lider und atmete zitternd aus.
Es war doch eigentlich alles so einfach. Warum konnte er seine Gedanken und seine Ideen dann nicht so umsetzen, wie er sie sich monatelang ausgedacht hatte? Er wollte seinem Bruder doch nur das Leben retten! Warum funktionierte es dann nicht? Warum waren sie nicht schon längst ausgebrochen und über alle Berge? Warum? Warum mussten immer mehr Probleme auftauchen und immer mehr Menschen seinen Weg kreuzen, die ihm an den Kragen wollten? Er hatte so viel gegeben, um Lincoln vor den elektrischen Stuhl zu retten, und doch kam er mit seinen Plan viel zu langsam voran. Immer kam etwas Neues dazwischen. Neue Probleme und neue Situationen, die er erst einmal überdenken und dafür Lö-sungen finden musste. Alles, was zusätzlich Zeit kostete. Zeit, die er und vor allem Lincoln nicht hatte!
Und jetzt auch noch das! Jetzt kam er gar nicht mehr mit seinem Plan voran! Er saß in Isolationshaft, und das nur, weil er die Fetzen der schwarzen Wärteruniform in der Verbrennung auf seinem rechten Schulterblatt nicht erklären konnte. Pope, der Gefängnisdirektor, würde ihn erst wieder zu den anderen lassen, wenn er eine plausible Erklärung für das Alles erhalten hatte. Aber ausgerechnet die hatte er nicht, denn sonst würde er sich selbst verraten! Mal ganz davon abgesehen, dass er noch immer keine Lösung für die Lücke in seiner Täto-wierung gefunden hatte. Seine große Tätowierung, welche sowohl seine Brust als auch seinen Rücken zierte, die endlose Stunden gedauert hatte und all die Baupläne von Fox River enthielt. So viele Stunden hatte er über den Bauplänen gesessen, hatte sich die verschiedensten Wege überlegt und hatte sich Gedanken über Gedanken gemacht, um nun an einer Lücke in den Plänen zu scheitern!        
„Papi?“ Die besorgte Stimme von Sucre drang nun durch das Rohr der Kanalisation und löste die Stimme seines Bruders ab. Der junge Puerto Ricaner, welcher sein eigentlicher Zellengenosse und mittlerweile ein guter Freund geworden war, saß wie er und Lincoln in einer der Isolationszellen fest. „Komm schon, Michael! Sag etwas!“
Er sagte nichts. Er konnte nicht. Es war einfach zu viel. Seine Gedanken rasten. Sein Gehirn versuchte eine Lösung nach der anderen zu finden, überlegte sich Strategien, um sie gleich darauf wieder zu verwerfen und eine neue zu überlegen. Sein Puls begann schneller zu schlagen, als er einfach keine Lösung entdeckte. Egal, wie er sich und seine Gedanken drehte und wendete, für seine vielen, vielen Probleme fand er keine Lösungen.
Panik stieg in ihm auf und er japste erschrocken nach Luft.
Ein lautes Geräusch, was seine Zellennachbarn hörten:
„Michael?“
„Papi?“
Er zitterte, als er immer noch keine Lösung fand und die Dunkelheit mit jeder weiteren Minute stärker nach ihm griff. Er fand keine Lösung!
„Bitte Michael“, versuchte es sein Bruder erneut. Die verzweifelte Stimme schwappte zu ihm hinüber und machte alles nur noch schlimmer. „Lass dich nicht brechen, Michael! Das wollen die doch nur!“  
Sich nicht brechen lassen? Meinte das sein Bruder ernsthaft?
Abermals schnappte er nach Luft und das Zittern breitete sich schlagartig auf seinen ganzen Körper aus. Seine Seele kannte die Wahrheit. Eine Wahrheit, die er niemals laut aussprechen würde: Er war zerbrochen, und das schon seit einer ganzen Weile!
Mit großen, geweiteten Augen starrte er auf seine Hände, die wie sein ganzer Körper zitterte. Wie betäubt hob er sie von seinen Knien und drehte sie langsam hin und her. Starrte sie an, was das Zittern in seinem Körper nur verschlimmerte. Erneut schnappte er nach Luft. Mit jeder Sekunde, die verstrich, fühlte er sich mehr verloren. Mit jeder Sekunde, die verstrich, verloren sie so viel kostbare Zeit, in der sie nicht voran kamen! Er wollte seinen Bruder das Leben retten, und jetzt fand er keine einzige Lösung für seine Probleme! Wie sollte da Lincoln überleben? Er musste einen Weg, eine Lösung, finden – und das so schnell wie möglich.  
Ruckartig setzte er sich auf, kniete sich hin und begann von neuen die Streifen seines Pullovers nach den unterirdischen Gängen des weitläufigen Gefängnisses zu legen. Ein Streifen nach den anderen fand seinen angestammten Platz. Immer schneller, immer fahriger legte er die Streifen und versuchte sich an jeden einzelnen der Gänge zu erinnern. Mit einem Mal stockte er und hielt abrupt in seiner Bewegung inne. Auf den Boden lagen so viele Streifen und doch waren sie nur Puzzleteile, die am Ende nicht zusammenpassen wollten. Wie jedes Mal hatte er alle Gänge des Gefängnisses zusammen. Nur das riesige Loch, wo seine Verbrennung lag und alles zerstört hatte, herrschte eine gähnende Leere. Egal, wie sehr er darüber nachdachte, wie sehr er sich auch zu erinnern versuchte, er fand nicht die Lösung für die letzten fehlenden Gänge. Aber er brauchte sie, um sie alle durch das unterirdische System des Gefängnisses zu leiten und so sicher zur Krankenstation zu gelangen. Ohne die letzten Puzzleteile würden sie sich da unten hoffnungslos verlaufen.
„Verdammt!“, entfuhr es ihm. Vor lauter Frust wischte er mit den Händen über den Boden und zerstörte sein Werk. Gleichzeitig hatte er so viel Schwung drauf, dass seine Hand gegen die Steinwand schlug und er sich verletzte. Er fluchte zähneknirschend und hielt seine rechte Hand fest. Pochender Schmerz jagte durch seine Hand seinen Arm hinauf und Blut benetzte seine verletzte Hand. Unglaublich behutsam hielt er seine Hand fest und konnte nicht glauben, wie sich alles gegen ihn verschworen hatte. Warum nur?
Laut keuchend schloss er die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Es war nur eine Platzwunde, sagte er sich wieder und wieder und öffnete langsam die Lider. Mit großen, geweiteten Augen sah er sich seine Hand genauer an und beobachtete das Blut dabei, wie es sich auf seiner ganzen Hand ausbreitete. Ohne einen Plan zu verfolgen, floss die rote Flüssigkeit träge an seinen Fingern entlang. Als er die Hand vorsichtig drehte, sammelte sich das Blut in seiner Handinnenfläche und wartete geduldig – aber worauf? Dass jemand kam und es wegwischte? Er schloss erneut die Augen. Es würde niemand kommen! Es würde keiner kommen, denn es interessierte schlicht und einfach keinen, ob er sich hier drin verletzte oder nicht. Es interessierte keinen, wenn er hier drin den Verstand verlor. Er lachte kurz auf und sah abermals seine blutende Hand an. Den Verstand verlieren? Einfach alles loslassen und sich keine Gedanken mehr um seine Taten machen? Es war so einfach. Jahrelang war es sein Kopf, der ihn leitete. Sein Kopf, der nicht aufhörte nachzudenken und immer erst nach langer Prüfung aller Möglichkeiten handelte. Vielleicht war genau das die Lösung? Einfach den Kopf ausschalten und nur noch handeln ohne darüber nachzudenken! Vielleicht kam er dann auch hier raus und kam zu einem Ort, wo er sich von alldem erholen konnte? Wo sich seine Seele eine Pause verschaffen konnte und wo er vielleicht eine Lösung für ihre Probleme finden würde. Wo vielleicht ein anderer eine Lösung für sein Problem hatte. Ein anderer!  
Sein Körper zuckte. Langsam schüttelte er den Kopf.
Der Druck in seinem Inneren wurde größer. Sein Kopf und seine Seele schrien ihn gleichermaßen an und beide kämpften um die Vorherrschaft seines Körpers. So lange war es sein Kopf, der ihn ausmachte. Seine Seele hatte er immer sorgsam hinter meterdicken Mauern versteckt. Niemand sollte diese empfindsame Seite von ihm sehen. Sie sollten nicht sehen, wie leicht er verletzt werden konnte, wie leicht er zerstört werden konnte. Jahrelang war es Selbstschutz – aber vielleicht war es an der Zeit, die Mauern einzureißen und alles raus zu lassen! Es war so viel, was auf ihm lastete. So viel Druck. So viel Druck, welcher von allen Seiten kam. Irgendwann wurde es jedem zu viel – auch für ihn.
Nicht schnell erhob er sich. Noch immer hielt er seine Hand fest. So fest, dass mittlerweile auch seine andere Hand voller Blut war.
Ja, geblutet hatte er! In so vielerlei Hinsicht!
„Ich habe dafür geblutet!“, murmelte er und sprach endlich diesen Gedanken laut aus. Er hatte so viel von sich gegeben. Er hatte alles aufgegeben. Er hatte sich aufgegeben. Jetzt konnte er nur noch sein Blut geben.
Entschlossen richtete er seinen Blick auf die Wand.
„Was?“ Die verwirrte Stimme von Lincoln drang durch das Kanalisationsrohr. „Was hast du gesagt, Michael?“
„Ich habe dafür geblutet!“, wiederholte er und ließ los.  
Ohne weiter darüber nachzudenken, riss er seine inneren Mauern ein und ließ alles raus.
Er holte mit seinem Arm aus und schlug seine Faust, so fest wie er nur konnte, gegen die Steinwand. Augenblicklich explodierte der Schmerz in seiner Hand. Er keuchte auf.
„Ich habe dafür geblutet!“, rief er jetzt lauter und schlug erneut seine Faust gegen die Wand. Wieder und wieder schlug er seine Hand gegen die Wand. Der Schmerz wurde schlimmer und schlimmer. Er spürte, wie seine Fingerknöchel aufplatzten und das Blut an der Wand haften blieb. Das Geräusch der auftreffenden Faust hallte in seiner kleinen Zelle wider. Der raue Stein grub sich mit jedem neuem Schlag tiefer in seine Haut und verletzte ihn mehr und mehr. Er spürte nur noch den Schmerz und schlug wie in Trance weiter auf die Wand ein. Er verstand nicht, was sein Bruder oder Sucre ihm zuriefen. Er hörte zwar ihre verzweifelten Rufe und ihr Flehen, damit aufzuhören, aber nur ein kleiner Teil wollte auf sie hören. Der Schrei seiner Seele war lauter und kräftiger, und blendete alles andere um ihn herum aus.
„Ich habe dafür geblutet“, murmelte er nun mehr zu sich selbst und verharrte plötzlich in seiner Bewegung. Sein ganzer Körper zitterte. Seine Hand schrie vor Schmerzen. Genau wie seine Seele. Schwer atmend füllte er seine Lungen mit Sauerstoff und hatte doch das Gefühl, dass es nicht reichen würde.
Mit großen Augen starrte er den riesigen Blutfleck an der Wand an und erkannte auf einmal ein Muster, was ihn sehr bekannt war. Sein Körper hatte seinen Ausbruch noch gar nicht richtig verarbeitet, da begann er wie verrückt den Plan der unterirdischen Gänge mit seinem Blut an die Wand zu malen.
„Scheiße, Michael, jetzt sag verdammt noch mal was!“
Abermals rief sein Bruder nach ihm, aber er reagierte nicht auf ihn. Er konnte es einfach nicht, denn er musste endlich eine Lösung für ihr Problem finden!
Wie besessen zog er eine Linie nach der anderen und versuchte endlich die Lösung zu finden, die sich ihm nicht zeigen wollte. Leider war er sehr schnell wieder da angelangt, wo er nicht weiter kam. Wieder lag die Lücke vor ihm und er konnte das Labyrinth aus Gängen nicht entwirren. Er fluchte und schlug ein letztes Mal gegen die Wand – und dann, von einem Moment auf den anderen, hatte er keine Kraft mehr. Mit einem Mal war die ganze Luft raus und er konnte nicht mehr. Er hatte keine Kraft mehr, nach Lösungen zu suchen, er hatte keine Kraft mehr, für alle der Kopf zu sein und ihnen die Lösungen zu liefern, die sie so dringend benötigten. Er wollte nicht mehr. Er konnte nicht mehr. Warum konnte es nicht jemand anderes sein, der wusste, wie seine Tätowierung weiter ging? Am besten er rief einfach seine Tätowiererin an und fragte sie. Bestimmt hatte sie die Vorlage aufgehoben. Ihre Begeisterung für seine selbstentworfene Vorlage hatte sie jedes Mal in ihren Sitzungen zum Ausdruck gebracht und … Michael erstarrte.
Verdammt – das war es!
Die Vorlage! Die Zeichnungen!
Vor Überraschung riss er die Augen auf und starrte mit offenem Mund die Steinwand an. Sekunden, wenn nicht sogar Minuten vergingen. Die ganze Zeit lag die Lösung vor seinen Augen und er hatte sie einfach nicht gesehen! Er konnte es wirklich nicht glauben und schüttelte den Kopf. Die Lösung konnte er unter diesen Voraussetzungen nicht in den unterirdischen, verwinkelten Gängen finden, sondern in der Zeichnung an sich. Einer Zeichnung, die nicht er anfertigen konnte, sondern jemand, der sich sehr intensiv mit seiner Tätowierung auseinandergesetzt hatte. Jemand, der für einige Tage die Zelle mit ihm geteilt hatte und nun seine Haftstrafe wieder in der Gefängniseigenen Psychiatrie absitzte. Es war so offensichtlich, so einfach, und doch hatte er die Lösung einfach nicht gesehen. Was ihn zum nächsten Punkt brachte: Wie kam er am schnellsten zu Charles ‚Haywire‘ Patoshik in die Psychiatrie, damit dieser ihm das Labyrinth der Gänge aufzeichnen konnte?
„Michael?“ Wieder rief sein besorgter Bruder nach ihm.
„Papi?“ Wieder rief sein verzweifelter Freund nach ihm.
„Michael? … Michael? … Komm schon!“
Er hörte, wie sein Bruder fluchte. Nur Sekunden später schlug es laut gegen die Metalltür der Isolationszelle: „Wärter!“
Hektisch sah sich Michael in seiner kleinen Zelle um. Wenn Lincoln nach dem Gefängnisaufseher rief, würde gleich einer nach ihm sehen und … das Chaos sehen, was er angerichtet hatte: Der Pullover lag zerrissen auf dem Boden und die Wand war wie seine Hände blutverschmiert. Auf den ersten Blick sah es in seiner Zelle so aus, als hätte er einen Kurzschluss gehabt und den Verstand verloren. Genau das, was er sowieso gerade gebrauchen konnte.
„Wärter!“ Abermals rief sein Bruder nach dem Gefängnispersonal.
Schnell setzte er sich im Schneidersitz auf dem Boden und legte seine verletzte Hand so auf sein Bein, dass sie auf jeden Fall von dem Wärter gesehen wurde. Ein letztes Mal holte er tief Luft, ehe er sich vorbeugte und ins Leere starrte.
Mit einem Mal waren Schritte im Gang zu hören.
„Ja?“ Endlich war ein Wärter bei seinem Bruder.
„Sehen Sie nach meinem Bruder“, rief Lincoln besorgt. „Er antwortet nicht!“
„Was?“
„Checken Sie, wie es Scofield geht!“ Sein Bruder klang schlagartig ungehalten. Verzweiflung schwang in seiner Stimme mit. „Er antwortet nicht. Bitte!“
Erneut vergingen einige Sekunden.
Plötzlich öffnete sich die kleine Luke in der Metalltür seiner Isolationszelle und der Lichtschein einer Taschenlampe wanderte über ihn.
„Scofield?“ Der Wärter rief nach ihm, aber er rührte sich nicht. Er reagierte nicht. „Scofield?“ Der Lichtschein wanderte weiter zur Steinwand, die voll mit seinem Blut war. „Scheiße.“ Schlagartig war der Wärter in Alarmbereitschaft. Die Luke wurde ruckartig geschlossen und die aufregende Stimme des Wärters hallte durch den Gang: „Ich brauche einen Sanitäter im Bunker – und zwar sofort!“
Michael atmete erleichtert auf und neigte den Kopf. Der erste Schritt war getan. Jetzt konnte es endlich weiter gehen …


                                             Ende
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