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Zwischen Paragraphen und Liebe

GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
Boris Saalfeld Tobias Ehrlinger / Saalfeld
11.01.2020
08.05.2020
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„Verdammt, warum musste ich ausgerechnet heute verschlafen?“ Eilig rannte Staatsanwalt Tobias Ehrlinger die hohe Treppe im Gerichtsgebäude hinauf. Er trug schon seine schwarze Robe, weil er sich nicht mehr mit Umziehen aufhalten konnte.
Als er um die Ecke bog, stieß er mit einem Mann zusammen, dem ein ganzer Stapel Akten auf den Boden fiel. Auch er trug eine schwarze Robe.
„Mensch, können Sie nicht aufpassen, wo Sie hinlaufen?“ schnauzte der Staatsanwalt den jungen Mann an.
„Dasselbe könnte ich auch zu Ihnen sagen,“ meckerte dieser, während er die Akten vom Boden aufsammelte, „Sie kommen da wie ein wild gewordener Stier um die Ecke gerannt.“
„Tut mir leid, aber ich habe es eilig, meine Verhandlung fängt gleich an.“ Mit diesen Worten eilte er zum Gerichtssaal.
„Ach nee, und meine nicht, oder?“ Der junge Mann schaute dem Staatsanwalt empört nach und rannte dann auch los.
Als Tobias Ehrlinger auf seiner Seite des Saales Platz genommen hatte, sah er den jungen Mann hereinkommen, mit dem er eben zusammengestoßen war. Er staunte nicht schlecht, als der sich an den Tisch neben den Angeklagten setzte.
'Scheint ein neuer Verteidiger zu sein, den kenne ich noch gar nicht,' dachte er und musterte ihn genauer. 'Hm, sieht ja nicht schlecht aus, scheint aber ein ganz schön vorlautes Mundwerk zu haben. Na, bin mal gespannt wie er die Verteidigung aufgebaut hat.
Als der Richter hereinkam, standen sie alle auf. „Bitte nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren,“ sagte Richter Jakob Wolf.
„Ich eröffne die Sitzung der großen Strafkammer gegen Fritz Müller. Für die Staatsanwaltschaft ist HerrTobias Ehrlinger anwesend und für die Verteidigung Herr Boris Saalfeld.
So, Herr Müller nun zu Ihren persönlichen Angaben. Ihr Name ist Fritz Müller, 45 Jahre alt, von Beruf kaufmännnischer Angestellter, wohnhaft in Bergenheim.“
Herr Staatsanwalt, bitte die Anklage.“
Tobias Ehrlinger stand auf und begann: „Der Angeklagte Fritz Müller wird beschuldigt, seine Ehefrau Silke Müller am 26.9. dieses Jahres gegen 20 Uhr in ihrer Wohnung heimtückisch mit mehreren Messerstichen ermordet zu haben. Der Tatbestand der Heimtücke ist deshalb gegeben, weil der Angriff von hinten erfolgte und das Opfer somit arg-und wehrlos war.“
„Danke, Herr Staatsanwalt,“ sagte Richter Wolf, „so, Herr Müller, wollen Sie sich zu diesen Ausführungen äußern?“
„Ja, das will ich Herr Richter, ich bin unschuldig, ich habe meine Silke nicht umgebracht, ich habe sie doch über alles geliebt. Warum sollte ich sie dann auf so eine grausame Weise töten?“
„Gut, dann treten wir in die Beweisaufnahme ein und rufen den ersten Zeugen herein. Und Sie setzen sich bitte zu Ihrem Herrn Verteidiger.“
„Herr Karl Leinefeld, bitte eintreten.“
Herr Leinefeld kam herein und setzte sich auf den Zeugenstuhl, der mitten im Raum stand. Dann wurde er vom Richter darüber belehrt, dass er als Zeuge die Wahrheit zu sagen habe, sonst könnte er mit einer Strafe rechnen.
„So, Herr Leinefeld, jetzt erzählen Sie mal, was Sie am Tatabend beobachtet haben,“ sagte Tobias. „Ich wohne ja direkt gegenüber von den Müllers und habe so gegen 20 Uhr laute Geräusche gehört, bin dann vor die Tür gegangen und sah den Angeklagten mit einem blutverschmierten Messer aus der Wohnung kommen. Er sah ganz verstört aus und hat mich nur wortlos angestarrt. Da hat er bestimmt gerade seine Frau umgebracht.“
„Und woher wollen Sie das wissen, Herr Leinefeld?“ Scharf wie ein Rasiermesser knallte die Stimme des Verteidigers durch den Saal, „waren Sie bei der Tat dabei?“
„Nein, aber.........“ stammelte Leinefeld. „Und woher wollen Sie dann wissen, dass Herr Müller seine Frau umgebracht hat?“
„Herr Verteidiger,“ warf Tobias Ehrlinger ein, „ich weiß ja, dass Sie Ihrem Mandanten helfen wollen, aber in diesem Fall ist ihre Mühe umsonst. Dieser Fall ist glasklar.“
„Na, dann putzen Sie mal Ihre Brille, Herr Staatsanwalt, dieser Fall ist keineswegs glasklar. Und das werde ich Ihnen schon noch beweisen,“ zornig funkelte Boris Saalfeld den Staatsanwalt an.
Tobias Ehrlinger starrte den Verteidiger böse an. Na, der nahm sich ja was raus. 'Ich habe doch gleich gemerkt, dass der ein vorlautes Mundwerk hat. Aber dem werde ich schon noch helfen, das werden wir ja sehen.'
In diesem Moment betrat ein junger Mann den Saal. Er bat den Vorsitzenden um Entschuldigung, aber er hätte dem Herrn Verteidiger etwas mitzuteilen. Dann ging er zu Boris Saalfeld, flüsterte kurz mit ihm und überreichte ihm ein paar Papiere.
„Entschuldigen Sie, Herr Vorsitzender,“ sagte Boris Saalfeld, „das ist Herr Frank Wedekind, mein privater Ermittler. Er hat ein paar wichtige Informationen diesen Fall betreffend. Dürfte ich um eine kurze Unterbrechung bitten?
„Gut,“ sagte Richter Wolf, „wir machen eine Pause von ungefähr 30 Minuten.“
Auf dem Gang vor dem Gerichtssaal sah Tobias wie Boris mit seinem Privatermittler sprach und ein paarmal bestätigend nickte und der hübsche junge Mann seine Hand leicht auf die Schulter des Verteidigers legte.
Tobias wusste nicht warum, aber er fühlte sich durch diese Geste irgendwie irritiert.
Nach einer halben Stunde gingen alle wieder in den Gerichtssaal. Boris ging nach vorne zu Richter Wolf und sprach eine Weile mit ihm. Dieser griff zum Telefonhörer und sprach ein paar Worte hinein. Dann eröffnete er die Verhandlung wieder.
„Mein Damen und Herrn, Herr Staatsanwalt, in der kurzen Pause hat sich etwas Neues ergeben, deswegen erwarten wir noch einen Zeugen, der aber erst in ca. 20 Minuten hier sein kann. Deswegen rufe ich jetzt den nächsten Zeugen auf. Herr Bernd Müller bitte eintreten.“
Der Zeuge Müller kam herein und warf dem Angeklagten einen aufmunternden Blick zu, dann setzte er sich auf den Zeugenstuhl.
„Sie sind Bernd Müller, 40 Jahre alt, von Beruf Buchhalter, und Sie sind der Bruder des Angeklagten, haben somit also Zeugnisverweigerungsrecht. Wollen Sie davon Gebrauch machen?“
„Nein, Herr Vorsitzender, ich möchte aussagen. Ich weiß, dass mein Bruder unschuldig ist.“
„Und woher wollen Sie denn das wissen?“ Die Stimme des Staatsanwaltes klang verächtlich, „unsere Ermittlungen haben einwandfrei erwiesen, dass Ihr Bruder der Mörder seiner Frau ist.“
„Dann würde ich mir an Ihrer Stelle diese Ermittlungen doch noch mal ganz genau anschauen, mein lieber Herr Staatsanwalt,“ warf Boris Saalfeld ein, „ich habe schon lange keine so schlampige Ermittlungsarbeit mehr gesehen.“
Der Kopf des Staatsanwaltes lief puterrot an. „Ich wäre mal ganz schön vorsichtig mit meinen Äußerungen, mein lieber Herr Kollege. Das könnte ein Nachspiel für Sie haben.“
„Huh, jetzt habe ich aber Angst,“ grinste Boris.
„Bitte meine Herren, lassen Sie doch dieses unnötige Geplänkel, kommen Sie doch bitte wieder zur Sache.“ warf der Richter ein. Die beiden Streithähne warfen sich noch ein paar böse Blicke zu, sagten aber jetzt nichts mehr.
„So, Herr Müller,“ fragte Boris, „Sie sagten Ihr Bruder sei unschuldig. Wie kommen Sie darauf?“
„Nun, Herr Verteidiger, mein Bruder war bis kurz vor 19.30 Uhr bei mir. Und er hat nicht den Eindruck gemacht, als würde ihn irgendwas belasten. Und dann geht er doch nicht einfach nach Hause und bringt seine Frau um. Ich weiß doch, dass er sie sehr geliebt hat. Außerdem braucht er bis zu seiner Wohnung gut eine halbe Stunde. Wie soll er da in dieser kurzen Zeit seine Frau umgebracht haben und dann mit dem Messer aus der Tür gerannt sein.“
„Diese kurze Zeit reicht schon aus, um einen Menschen umzubringen,“ warf der Staatsanwalt bissig ein. „Bei Ihnen könnte ich mir das ja auch vorstellen, Herr Staatsanwalt,“ grinste Boris, „aber mein Mandant hat erklärt, dass er seine Frau tot in der Wohnung gefunden und in seiner Verwirrung nach dem Messer gegriffen hat, das neben seiner toten Frau lag. Und ich glaube meinem Mandanten.“
„Warum wundert mich das nicht?“ Tobias Ehrlinger schaute Boris Saalfeld spöttisch an.
Boris sagte nichts auf diese Bemerkung, schüttelte nur den Kopf. Mit diesem Staatsanwalt würde er ganz sicher nie klarkommen. 'Also Freunde werden wir in diesem Leben nicht mehr,' dachte er.

********
Eine halbe Stunde später kamen zwei Polizeibeamte herein, die einen Mann in Handschellen zwischen sich führten.
„Nanu,“ sagte Richter Wolf erstaunt, „wieso haben Sie dem Herrn Wichert Handschellen angelegt, Sie sollten ihn doch nur zur Zeugenvernehmung abholen.“
„Herr Vorsitzender, als wir bei Herrn Wichert klingelten und ihm erklärten, um was es geht, hat er versucht, uns die Tür vor der Nase zuzuschlagen und wollte durchs Fenster verschwinden. Aber wir konnten ihn rechtzeitig festhalten. Dabei hat er sich gewehrt und meinen Kollegen erheblich verletzt. Der muss sich im Moment im Krankenhaus behandeln lassen. Deswegen mussten wir ihn fixieren.“
„Gut, Herr Wichert,“ sagte der Richter, „dann setzen Sie sich mal hier in die Mitte. Die beiden Beamten werden sich hinter Sie stellen, damit Sie nicht nochmal an Flucht denken.“
Tobias Ehrlinger erhob sich von seinem Platz und stellte sich vor Herrn Wichert hin. „So, Herr Wichert, jetzt erklären Sie mir mal, warum Sie sich so vehement geweigert haben, vor Gericht zu erscheinen.“
„Das kann ich Ihnen sagen, Herr Staatsanwalt,“ warf Boris ein. Auch er stand auf und stellte sich neben Tobias. „Der Herr Wichert war der Geliebte von Frau Müller und ich fress einen Besen, wenn er nicht der Mörder der Frau ist.“
Ralf Wichert schaute mit flackernden Augen zwischen den beiden hin und her. Plötzlich brach es aus ihm heraus. „Diese blöde Kuh wollte einfach Schluss machen. Sie hat gesagt, dass sie bei ihrem Mann bleiben will. Da habe ich rot gesehen.“
Boris schaute Tobias triumphierend an. „Na, Herr Staatsanwalt, was sagen Sie nun? Da musste erst mein Privatermittler kommen und herausfinden, dass Frau Müller einen Geliebten hatte. Das wirft aber kein gutes Licht auf Ihre Mannschaft.“ Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Tobias Ehrlinger schaute nur ganz grimmig drein und presste die Lippen zusammen.
„So Herr Wichert,“ sagte er dann, „ich erkläre Ihnen hiermit die Festnahme. Meine Herren, führen sie ihn bitte hinunter in die Arrestzelle. Ich werde mich nachher um ihn kümmern.“
Als Ralf Wichert abgeführt wurde, sagte der Richter: „So Herr Staatsanwalt, Herr Verteidiger, ich schließe jetzt die Beweisaufnahme und bitte um Ihre Anträge. Herr Staatsanwalt bitte.“
Tobias Ehrlinger erhob sich. „Herr Vorsitzender, Herr Verteidiger, meine Damen und Herren, wie wir alle gehört haben, hat Ralf Wichert die Tat begangen und Herr Müller ist unschuldig. Ich plädiere auf Freispruch.“
Auch Boris erhob sich. „Herr Vorsitzender, Herr Staatsanwalt, meine Damen und Herren, mein Mandant ist unschuldig. Und deshalb gibt es für mich nur eins zu sagen: Freispruch.“
Als der Richter dann den Freispruch verkündete, fiel Fritz Müller seinem Bruder um den Hals. Dann gab er Boris die Hand. „Vielen Dank, Herr Saalfeld. Einerseits bin ich ja froh über den Freispruch, aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt doch. Ich wusste nicht, dass meine Frau einen Geliebten hatte.“
„Aber sie wollte doch bei Ihnen bleiben, das hat dieser Wichert ja gesagt. Deswegen hat er sie ja umgebracht.“ „Ja, ich weiß, aber weh tut es doch.“
„Ach Herr Müller, freuen Sie sich doch, dass Sie frei sind. Wenn es nach diesem verbohrten Staatsanwalt gegangen wäre, hätten Sie jetzt lebenslänglich gekriegt.“
„Ja, da haben Sie recht, also nochmals vielen Dank, Herr Saalfeld.“ Herr Müller verabschiedete sich von Boris und verließ mit seinem Bruder den Gerichtssaal.
Boris nahm seine Akten und wollte ebenfalls gehen, als Tobias Ehrlinger auf ihn zukam.
„Ich wollte Ihnen nur noch sagen, Herr Kollege, so wie Sie hat mich noch keiner bei einer Gerichtsverhandlung angeschnauzt. Alle Achtung, Sie trauen sich was.“
„Ja, Herr Staatsanwalt, damit müssen Sie bei mir immer rechnen. Ich nehme kein Blatt vor den Mund, wenn es um Gerechtigkeit geht.“ Er streckte die Hand aus und Tobias schlug nach kurzem Zögern ein.
„Gut, dann bis zu unserem nächsten Gefecht, Herr Ehrlinger,“ sagte Boris. „Dito,“ gab Tobias zurück und sie mussten beide lachen.
Als er die hohe Treppe im Gerichtsgebäude hinunter ging, dachte Tobias Ehrlinger 'Dieser Saalfeld ist eigentlich gar nicht so verkehrt. Und irgendwie freue ich mich schon auf die nächste Verhandlung mit ihm.'
 
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