Graf Duckula / Vladimir Duckula 2

von Joahar
GeschichteMystery, Fantasy / P12
Dr. von Gänseklein Emma Graf Duckula Igor
10.01.2020
27.03.2020
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10.01.2020 4.591
 
2.Teil

Neue Heimat "Platter Norden"


Diesen Tag war Graf Duckula, für ihn sehr ungewöhnlich, eher schlecht
gelaunt. Er ging im Kreis herum, so dass sich sein Umhang hinter ihn aufbeuschte.
"Wie haben Mylord geschlafen?" fragte Igor.
"Schlecht. Ausgesprochen schlecht!" anwortete der Graf gereizt.
"Oh, wie erfreulich!" säuselte Igor.
Graf Duckula warf ihm einen saueren Blick zu.
"Haben Mylrd davon geträumt wie er in Hälse..." weiter kam Igor nicht.
"NEIN! Habe ich nicht! Ich bin wütend! Einer Familie das Kind zu verweigern! Was für eine Gemeinheit ist das? Was für eine Unverschämtheit!" Igor verstand nicht.
"Vladimir…sie haben ihm damals nicht erlaubt zurückzukehren! Was für eine bodenlose Unverschämtheit gegenüber dem Hause Duckula, sich so etwas zu erlauben! Ihnen den Nachwuchs wegzunehmen! Nur…nur um es uns heimzuzahlen! lch meine…was konnte denn Vladimir dafür!?" Graf Duckula schien sich nicht beruhigen zu wollen.
"Wo ist Vladimir jetzt?" fragte Igor höflich.
"Oben in seinem Zimmer, spielt Geige…er meinte er macht das immer wenn er etwas verarbeiten will." Graf Duckula überlegte. "Vielleicht hat er recht, es bringt nichts sich über vergangenes aufzuregen - schadet nur dem Blutdruck…"
"Oh Mylord. Dass Sie sich für Blutdruck interessieren."
Graf Duckula schlug sich gegen die Stirn und stöhnte. "Oh Igor!"


Erst eine ganze Weile kam auch Vladimir herunter. Er wirkte entspannter. "Wie geht es Vladimir? Geht es besser?"
Vladimir nickte. "Geht ganz gut."
"Will der Junge Herr was zum Trinken?" fragte Igor gewissenhaft.
"Danke Igor…aber nur ein kleines Gläschen. Mehr nicht." Igor schien sich über die Tatsache zu freuen.
"Es ist doch erfreulich wenigstens einen richtigen Vampir wieder im Haus zu haben."
"Es ist schön dass du dessen erfreust, Igor. Da ich nie einer sein will!"
"Sie werden lhre Herkunft niemals leugenen können, Mylord." erwiderte Igor gut gelaunt.
Als der Butler verschwunden war, sahen Vladimir und Graf Duckula ihm nach. "Was meinst du Vladimir, bin ich ein Vampir oder nicht?" Dieser runzelte die Stirn. "Ich denke es kommt von dem Standpunkt aus an, was für den einzelnen einen Vampir ausmacht. Wenn man es rein von Blut trinken abhängig macht…eindeutig Nein. Wenn man es von deinen Fähigkeiten ausmacht…Ja."
"Welchen Fähigkeiten?"
Vladimir grinste und beugte sich vor. "Lass uns beiden unsere Fähigkeiten vergleichen durch einen oder zwei Tests?"
"Welche?" Graf Duckula verschränkte die Arme. "Wer von uns beiden ist schneller? Hast du eine Stoppuhr? Wir laufen beide einige Runden ums Schloss. Mal sehen wer schneller ist. Nimmst du die Herausforderung an?"
Er nam sie an.

Kurze Zeit später stand Vladimir als erstes in Startposition. Igor mit einer Stoppuhr in der Hand. Emma als Zeugin. Was sie allerdings nicht so recht verstand."Also gut, 10 Runden ums Schloss wie abgemacht."
"Igor zählte ab. "3… 2… 1… Los!"
Vladimir rannte so schnell er konnte los, er zählte die Runden mit und bremste ab als er schließlich mit der 10. Runde durch war. Igor notierte sich die Zeit. "Eine gute Leistung, Junger Herr."
"Danke, Igor…man tut was man kann. Jetzt bis du dran, Fridolin."
"Fridolin…Bläh!"
"Erspare dir den Komentar, zähl!" forderte der Graf ihn auf.
"Wie sie wünschen…3…2…1…" Und Graf Duckula rannte los, so schnell das man nur noch eine Staubwolke sah.
Vladimir verschränkte die Arme und nicke zufrieden. Nun in diesen Fall, war sein Bruder eher ein Vampir als er selbst! Als Igor auf die Stopuhr blickte, bemerkte er dass es nur ein Bruchteil der Zeit von Vladimir war.
Vladimir klopfte Graf Ducklua auf die Schulter, "Nun in diesem Fall, Eins zu Null für dich!"
Er zog eine Augenbraue hoch. "Ich glaube es hat eben das Telefon geklingelt…" Es war eine Lüge, aber Teil seines Planes. Von einem Moment zum nächsten war Graf Duckula inmitten eines kleinen Blitzes verschwunden - um dann auf die gleiche Art wieder aufzutauchen.
"Da hat gar kein Telefon geklingelt? Warum hast du mich angelogen, Vladimir?"
Vladimir sah ihn herausfordernt an. "Zwei zu Null für dich?"
"Wie…wie meinst du dass?"
"Was du eben gemacht hast, dass kann ich nicht."
Der Graf überlegte.
"Wenn es also um die Eigenschaften eines Vampires geht, nun da steht es in Moment zwischen uns Zwei zu Eins. Aber nur weil ich mich von Blut ernähre."
Dieser Sieg allerdings gefiel dem Grafen überhaupt nicht. Er wollte nicht der Vampir im Haus sein!
"Aber du bist stärker als ich…"
"In dem Fall zwei zu zwei." bestätigte Vladimir.
"Und dein Speichel läßt Wunden schließen!"
Vladimir blickte Igor fragend an. "Ist dass eine besondere Eigenschaft eines Vampires?"
"Nein, Junger Herr. Um ehrlich zu sein habe ich es bei lhnen das erste mal gehört."
"Also zählt es nicht dazu," er wandte sich an Graf Duckula. "Wie ich sagte…es ist eine Frage der Sichtweise. Wer von uns beiden der wirklichere Vampir ist!"
"Wenn ich meine Meinung verkünden darf, dann sind sie es, Junger Herr Vladimir." kommentierte Igor das Ganze.
"Danke Igor." Dieses mal war es ehrlich von Graf Duckula gemeint.
"Nun…ich möchte das Vampir sein nicht so gerne auf das Bluttrinken alleine beschränken." erwiderte Vladimir. "Ich finde den Gedanken…erniedrigend."
"Ich weiß wer ihr seid. Duckyputz und unser Küken Floh!" erwiderte Emma Die beiden Vampir-Enten blickten sich an. Während sich Igor mit Emma zu streiten begann, wegen der Bezeichnung der Jungen Herrn, blickte Vladimir und Graf Duckula zum Dorf hinunter.
"Ob sie schon wissen dass wir zu zweit sind?"
"Weiss ich nicht, das Verhältnis zwischen uns und den Dorfbewohnern… ist…sehr angespannt."
"Sie wissen nicht das du Vegetarier bist?"
"lch weiss nicht…ob sie es nicht Wissen…oder ob sie es einfach nicht wissen wollen?"
Während sie wieder zurück ins Schloss gingen, kam dem Grafen die Frage auf. Wie es eigenlich Vladimir in dem Dorf gegangen war? Wie hatten sie ihn aufgenommen? Ob er einen Rat wüßte das Verhältnis hier zu verbessern?
"Ich weiss nicht ob man es vergleichen kann…deren Meinung hier ist seit Jahrhunderten vorgeprägt. Für die Menchen damals bei mir, war es etwas ganz neues, obwohl ich sagen muss, dass man im allgemeinen fürchtet was man nicht kennt…"

                                                                                                *
Norddeutschland 1948

Sie waren erst seit ein paar Tagen wieder zuhause, als Karl Besuch vom Bürgermeister des Dorfes bekam. Dieser lud ihn ins Wohnzimmer ein. Das erste Gespräch ging darüber, wie sehr man sich freute, dass er noch lebte und zurückgekehrt war. Und dass man sich auch darauf freute wenn er seine Praxis wieder eröffnen würde.
"Lasst mir noch etwas Zeit…ich muss alles wieder in Ordnung bringen. Mir fehlt vieles…"
"Lass dir Zeit, Junge. Du musst dich auch noch von deinen Strapazen erholen. Wir sind alle so glücklich dass du überhaupt noch lebst!"
Ihr Gespräch ging hinüber was alles in den Jahren passiert war, wer gestorben war, wer verschollen, wie es den Frauen und den Kindern ergangen sei. Als es für einen Moment ruhig zwischen den beiden Männern wurde, kam der Bürgermeister auf ein anderes Thema. Eines, wie Karl ahnte, früher oder später kommen würde.
"Ich weiss dass die Menschen, manchmal ganz verrückte Geschichten erzählen, vielleicht erstrecht nach all dem was in den Jahren passiert ist…aber Karl…bitte halte mich nicht für verrückt…es geht das Gerücht um du hättest einen Vampir mitgebracht." Der Bürgermeister lachte. "Kann auch daran liegen, woher du schließlich gekommen bis!"
Karl lehnte sich zurück auf seinen Stuhl. "Nein, ich habe keinen Vampir mitgebracht."
"Wußte ich es doch…alles Fantastereien, entschuldige bitte dass ich nachgefragt habe…"
"Er ist kein Vampir, sondern ein Bastard-Vampir."
Das Lachen blieb dem Mann in Hals stecken. "Karl! Mach bitte keinen blöden Witze!"
"Mach ich nicht."
"Du bist verrück geworden! Anders kann ich es mir nicht erklären…total durchgedreht…armer Junge nach allem was du erlebt hast ist es keinWunder."
"Ich bin weder verrückt noch durchgedreht. Frag Martha. Vladimir ist gerade bei ihr in der Küche und hilft bei Haushalt."
Dem Bürgermeister bliebt der Mund offen stehen, er fuhr sich über die Haare. "Selbst wenn daran etwas wahr sein sollte, musste ich dir erklären dass es irrsinnig ist!Ein solches Wesen wäre eine Gefahr für uns alle!"
Unwillkürlich musste Karl lachen. "Vladimir? Er ist gefährdeter als die anderen." Er stand auf "Ich glaube ich muss mal in die Küche gehen und Vladimir holen, damit du ihn kennenlernen kannst. Er…" Karl stand an der Tür. "…er hat nämlich Probleme mit den Türklinken - er kommt nicht an sie ran."
Damit ging er raus und ließ den verblüfften Bürgermeister am Tisch sitzen. Er ging in die Küche, wo Vladimir auf dem Küchentisch stand während er die Teller abtrocknete.
"Martha…ich muss eben dir eben deinen kleinen Küchenjungen entführen." Vladimir sah ihn fragend an. Er trug ein kleines weisses Hemd, welches Martha für ihn genäht hatte. Vladimir war besonders stolz darauf, war es doch das erste Kleidungsstück seit mehr als 40 Jahren. Damit zeichnete er sich wieder als besondere Ente aus.
"Ist es wegen dem Besuch?" fragte Vladimir. "lch habe euch reden hören…"
"Unser kleiner Vladimir, hört wie ein…Vampir…" Damit nahm er ihn auf den Arm. "Ja es ist wegen ihm. Ich denke es ist besser wenn ihr euch mal kennenlernt. Jetzt wo du hier bei uns lebst."
Als Vladimir ins Wohnzimmer getragen wurde, bemerkte er einen Blick, der komischer hätte nicht sein können. Eine Mischung aus Fassungslosigkeit , Entsetzten und einen drohenden Lachanfall. "Eine Ente!"
"Eine Vampir-Ente um genau zu sein." Karl stellte Vladimir auf den Boden ab. Jetzt wurde seine geringe Größe noch anschaulicher."Darf ich ihn dir vorstellen, Vladimir! Die "Große" Bedrohung für die Bevölkerung!"
Fassungslos starrte der Bürgermeister Vladimir an, was er da vor sich sah war ein Wesen, was vielleicht die Größe eines 2 oder 3 JährigenKindes hatte.
Da der Mann offenbar die Sprache verloren hatte, strecke Vladimir ihn die Hand entgegen. "Erfreut Sie kennenzulernen. Ich bin Vladimir Duckula."
In nächsten Augenblick fragte Vladimir sich, ob dieser Mann ihm wirklich zugehört hatte. Beugte er sich doch zu ihm herunter und fing an in Baby-Sprache mit ihn zu reden. "Ja du bist aber ein Kleiner süßer…"
Vladimir verzog beleidigt das Gesicht. "Ich bin schon 12 Jahre alt! lch bin kein kleines Küken mehr!" erwiderte entrüstet.
Karl musste unwillkürlich lachen, bei dem Anblick von beiden.
"Vladimir ist wirklich kein kleines Küken mehr, auch wenn er so aussieht."
Vladimir schnaufte.
"Und wenn er 12 Jahre meint, dann heißt es für uns 120 Jahre. Für ihn sind 10 Jahre, 1 Jahr."
"Tatsächlich…" Der Bürgermeister war erstaunt. "…dann bitte ich vielmals um Entschuldigung Vladimir. Mein Name ist Albert Bruns". Er richtete sich auf und sah Karl an. "Darf ich fragen ob Vladimir schon ausgewachsen ist?"
"Ich denke nein. Er hat noch das Gefieder eines Jungvogels."
"Sie müssen es wissen."
Dann damit wandte der Bürgermeister sich wieder Vladimir zu. "Sag mal Kleiner. Von was ernährst du dich so?"
Das dies eine Fang-Frage war, war Vladimir klar. "Blut. Ich jage Mäuse und Ratten." antwortete er wahrheitsgemäß.
"Ratten? lst dass für dich ziemlich gefährlich? lch meine…eine Ratte ist doch sehr wehrhaft?"
"Es ist nicht ungefährlich", bestätigte Vladimir. Und er dachte dran wie oft ihn welche angesprungen und gebissen hatten. Man musste sehr geschickt sein wenn man sie jagen wollte. Und es war tatsächlich nicht ohne Risiko. Erstrecht wenn man eine Ente war. "Aber ich habe es im Laufe meines Lebens gelernt." beendete Vladimir seinen Satz.
Der Tierarzt nickte. "Vladimir kann es tatsächlich und das recht gut."
"Was ist wenn er größer wird, was wird er dann jagen?"
Diese Frage hatte Karl erwartet, früher oder später. "Nun zum ersten wächst er sehr…sehr langsam. Zum zweiten habe ich als Tierarzt genug Möglichkeiten ihn zu ernähren. Im Lager hat er mir geholfen indem er die Wunden abgeleckt hatte, welche sich dann schlossen."
"Tatsächlich? Also gut…dann sei willkommen Vladimir!"
Damit verabschiedete er sich. Vladimir ging zurück in die Küche, aber nicht ohne stehen zu bleiben und dem Gespräch der beiden Männer an der Tür zu lauschen.
"Wenn keine Beschwerden über Vladimir kommen, keiner einen Angriff nachweisen kann, werde ich meine schützende Hand über ihn legen."
"Ich danke lhnen."
"Und falls Sie Papiere für ihn brauchen, melden Sie sich, ich werde sehen was sich machen lässt."



Für Vladimir war dies alles ein vollkommen neues Leben, eine neue Welt. Nicht nur die Tatsache dass er bei Sterblichen wohnte, sondern auch die Umstände. Sie hatten nicht viel, wie alle Menschen in der Zeit, aber was sie hatten teilten sie miteinander. Als Martha ihm das Hemd geschenkt hatte, hatte Vladimir Tränen in den Augen gehabt. In der Zeit spielte Vladimir meist im Garten, jagte Mäuse, lief (in Begleitung von seinen neuen Pflegeeltern) über die Felder, half im Haushalt mit. Wenn es die Zeit ermöglichte unterrichtete man ihn weiter im Lesen, Schreiben und Rechnen. Vladimirs Tage waren ausgefüllt und dies nicht nur mit dem Kampf ums Überleben. Es tat gut, dass er wieder Kind sein durfte.
Einige Zeit später eröffnete Karl seine Praxis wieder. Es fehlten zwar noch einige Mittel, aber es tat es eben so gut wie es möglich war. Wenn irgendwie half Vladimir ihn. Er wurde mit Neugierde beobachtet, einige waren verzückt von dem kleinen Kerl. Andere begegneten ihm mit Misstrauen. Karl riet Vladimir dies einfach zu übersehen und
freundlich zu bleiben. "Es ist das Beste wenn du die Leute überzeugen willst. Etwas besseres gibt es nicht."
Eines Tage kam eine ältere Dame mit ihrem Hund rein, ihre Abneigung gegen Vladimir war nur all zu offensichtlich, da ihr Gesicht Bände sprach. Vladimir fühlte sich verletzt, doch Karls Blick rat ihn einfach den Raum zu verlassen.
Nach der Behandlung des Hundes gab Karl der Frau noch ein Medikament mit und einen kleinen Zettel den er geschrieben hatte. "Hier noch ein Hinweis was sie zu beachten hatte."
Dankend aber reserviert nahm sie den Zettel an. Vladimir der aus den Fenster sah, blickte ihr traurig hinterher.
"Mach dir nicht daraus, Floh. Ich habe ihr ein Rezept aufgeschrieben."
"Was hat das mit mir zu tun?"
"Warte es ab…wenn es sein muss gebe ich jeden Menschen dieses Rezept mit auf dem Weg."
Vladimir blickte ihn fragend an.

Ein paar Tage später, kam die Frau wieder, klingelte an der Haustür entschuldigte sich bei Vladimir und schenkte ihm einen Ball.Verblüfft sah Vladimir sie an. Was war passiert?

Das Geheimnis seiner Frage entdeckte Vladimir ein paar Tage später, einen Aushang welcher in Mitteilungsfenster den Gemeindebüros hing. Vladimir musste hoch gehoben werden, um es lesen zu können.


Wie wollen wir gesehen werden? Jeder will eine Chance, egal was in der Vergangenheit war. Jeder hat diese verdient!
Geben wir Anderen diese Chance, egal was wie sein mögen. Dann gibt man uns diese genauso!
Friede kehrt erst ein wenn man einen Neuanfang findet! Mit uns selbst - und mit den was uns fremd ist.


Als er die Worte gelesen hatte, strich er mit den Fingern über das Glas. Jetzt verstand er was passiert war. Er drehte sich zu seinem Pflegevater herum und lächelte ihn an. "Danke!"



Als der Winter langsam ins Land, kam strickte Martha Vladimir noch einen Pullover, eine kleine Jacke, sowie Mütze und Schal.
Vladimir konnte sein Glück darüber kaum fassen. Überhaupt dass er nach all den Jahren wieder Kleidung tragen konnte, was ihn als außergewöhnliche Ente kennzeichnete. Schon die Hemden welche er nach und nach bekam, erfreuten ihn riesig. Auch wenn seine Pflegemutter meinte, dass es ihr kaum Mühe machte, denn das bisschen Stoff was sie dafür benötige erhielt sie als Reste die man sonst weg warf. Sie erfreute ich an dem kleinen Kerl, der sie jedes mal dafür umarmte.
Ihr Mann hatte recht gehabt, Vampir-Ente hin oder her. Vladimir konnte einem das Herz erwärmen.
So langsam…ganz langsam bekam er auch Kontakt mit den anderen Kindern im Dorf.
Eine Hilfe war es ihm, als er heraus bekam dass er nicht der Einzige war, der Eltern und Zuhause verloren hatte. Er war nicht alleine mit seinem Kummer. So war für Vladimir geteiltes Leid, halbes Leid.
Was allerdings Probleme machte, war seine geringe Größe. Da die Kinder die seinem Altern entsprachen, sehr viel größer waren und ihn anfangs nicht unbedingt ernst nahmen. Aber auch dies legte sich recht schnell, Vladimir bewies sehr viel Mut und Kraft, was sie beeindruckte. Als der erste Schnee fiel, wollten sie zusammen mit ihm einen Schneemann bauen. Vladimir hatte überhaupt keine Ahnung was das sein sollte. Er konnte sich unter einem "Schneemann" gar nichts vorstellen
und fragte sie ob sie ein "Schneemonster" meinten. Worauf alle lachen mussten.
"Du weißt wirklich nicht was ein Schneemann ist?"
Vladimir schüttelte den Kopf.
"Ich glaub du musst noch eine Menge lernen…"
Als er Schneekugeln mit ihnen zusammen drehte, waren sie wieder beeindruckt, waren diese doch sehr viel größer als er selbst. Zuletzt betrachteten sie das Werk.
Zwei Kohlestücke als Augen, um die Nase rein zu setzten hob man Vladimir hoch damit er die Karotte einsetzten konnte.
Einer der Mädchen steckte Steine als Mund ein. Während der Zeit brach einer der Jungen zwei kleine spitze Äste ab und steckte diese als Eckzähne den Schneemann ins Gesicht. "Jetzt stimmt es!" er grinste Vladimir an.
"Ein Schneemann-Monster…ein Vampir!"
Vladimir verschränkte die Arme und schnaufte. Die anderen Kinder mussten bei seinem Anblick lachen.
"Du bist so lustig, Floh!"


Dann kam die erste Weihnachtszeit. Und wieder konnte Vladimir damit nichts anfangen. Sicher er hatte mal davon gehört im Lager. Aber was er gehört hatte und was er sah, gab überhaupt keinen Sinn. Deshalb verstand er es nicht was das Ganze bedeuten wollte. "Klar", kommentierte die anderen Kinder sein Unverständnis. Woher soll denn ein Vampir das Wissen?"
"Was hat dass den damit zu tun?"
"Eine Menge, wenn du überhaupt verstehen würdest was dass ist! Du stammst aus einem langen Geschlecht Adliger Vampir-Enten. Ihr seit das Böse! Warum solltet ihr Bedacht werden?"
Vladimir verstand nicht.
"Und hast du früher mal was zu Weihnachten bekommen? Warum kennst du das gar nicht? Siehst du darauf hast du keine Antwort…weil ihr einfach böse seit!"
Vladimirs Herz verkrampfte sich bei den Worten. "Ihr seid gemein! lhr seid so gemein!" Damit rannte er nach Hause. Zuhause angekommen wollte er erst nicht sagen was vorgefallen war und ging einfach wortlos in sein Zimmer. Erst Abends kam er raus und hatte nur eine Frage. "Was ist Weihnachten?"
Seine Pflegeeltern sahen sich an. Karl nahm ihn zu sich hoch und fing Vladimir die ganze Weihnachtsgeschichte zu erzählen, bis zu der Erklärung warum es Geschenke gab.
"Also haben die Kinder recht", meinte Vladimir resigniert. "Meine Familie war immer böse deshalb gab es auch nie etwas für uns."
"Vladimir…deine Familie hat einfach davon nichts gehalten, weil sie…anders war. Aber was hat denn das mit dir zu tun? Wer sagt denn dass du nichts bekommst?"





Einen Tag vor Heiligabend lernte Vladimir weitere Mitglieder der Familie kennen. Karls Mutter (der Vater war in Krieg verstorben) und Marthas Eltern kamen zu Besuch. Valdimir hielt sich etwas zurück und beobachtete sie erst einmal mit Abstand. Wobei er sich fast schüchtern neben seine neuen Eltern stellte.
Karl beugte sich zu ihn herunter. "Warum so schüchtern, Vladimir?"
Vladimir seufzte. Wußte aber nicht recht was er erwidern sollte. Dass er Karl und Martha Papa und Mama nennen durfte, war eine Sache, aber würden sie ihn als "Enkel" annehmen? Er war eine Ente, und dazu noch ein Vampir.
Martha nahm ihn bei der Hand und gab ihm einen sanften Schups. "Jetzt möchten wir euch unseren kleinen Vladimir vorstellen."
Alles Blicke ruhten auf ihm. Einen Moment lang herrschte betretendes Schweigen.
Karl griff ein. "Diesem kleinen Kerl haben viele Menschen ihr Leben zu verdanken. Da man ihn nicht nach Hause ließ, haben wir ihn aufgenommen."
Martha lächelte und strich Vladimir über den Kopf. "Nächstenliebe sollte nicht bei der eigenen Art enden."
Damit gingen sie ins Haus. Hier lernten die Eltern, Vladimir im laufe des Tages näher kennen. Er war höflich, und hilfsbereit und…er benahm sich wie ein Kind. Einigermaßen erstaunt war Vladimir als Karl und sein Schwiegervater einen Tannenbaum ins Wohnzimmer trugen und er anschließend dieses nicht mehr betreten durfte. Und dies abschloss. Fragend blickte Vladimir seine Pflegemutter an.
"Dies gehört zur Tradition. Erst zur Bescherung darf man wieder rein.
Karl wird ein Glöckchen läuten wenn es soweit ist."
Vladimir runzelte die Stirn. So ganz hatte er den Sinn noch nicht verstanden, aber er beschloss sich überraschen zu lassen. Er lebte jetzt unter Sterblichen und bei denen war vieles so anders. Sie taten in dieser Zeit so Geheimnisvoll…
So war Vladimir mit seiner neuen Mutter in der Küche und half bei der Vorbereitung zum Weihnachtsessen. Es war sehr bescheiden. Gezeichnet von der Hungerzeit. Doch da Vladimir dies alles noch nicht kannte, war ihn dieses schon ziemlich groß. Erst in laufe der Jahre sollte er wesentlich größere Weihnachtsfeste kennen lernen. Dieses aber war sein erstes.
Marthas Mutter und Schwiegermutter waren erstaunt über den Eifer der kleinen Vampir-Ente zu helfen. Wie neugierig er alles beobachtete und zur Hand ging wenn es um Arbeiten ging. So nach und nach wärmten sie sich für dieses kleine Wesen auf.
So anders wie ein normales Kind war er gar nicht mal, nur dass er Federn und Schwimmflossen hatte - und Eckzähne.
Eine Frage verunsicherte Vladimir allerdings.
"Das schönste Geschenk ist in diesem Jahr, dass wir Karl lebend zurück bekommen haben. Dafür können wir dem Herr danken."
Vladimir überlegte. Karl hatte ihn davon erzählt, dass musste mit der Weihnachtsgeschichte zusammen hängen, vor der sein Pflegevater ihn erzählt hatte.
"Dafür bin ich unendlich dankbar", nahm Martha den Gesprächsfaden wieder auf. "lch habe meinen geliebten Mann zurück bekommen. Und dazu sogar noch einen Sohn bekommen."
Liebevoll blickte sie auf Vladimir herab.
"Und?", fragte ihre Schwiegermutter an Vladimir gewandt. "Kommst du morgen mit zur Christmesse?"
Vladimir blieb der Schnabel offen stehen. Angst keimte in ihm auf, eine Angst welche nicht wirklich von ihm selbst kam. Sondern tief in ihm verwurzelt war, von all seinen Vorfahren. Er wich zurück.
Martha lächelte wehmütig. "Er ist ein Vampir…ich denke…dies ist zuviel für ihn."

Am Abend des nächsten Tages wurde es für Vladimir noch geheimnisvoller. Er roch die frische Tanne im Wohnzimmer und Kerzen.
Karl und sein Schwiegervater brachten eine kleine Kiste insWohnzimmer. Und seine Pflegemutter erzählte ihm, dass sie den Baum nun schmücken würden. Weil er so unruhig war entschlossen die Frauen mit den Kleinen etwas spazieren zu gehen. Vladimir hatte so viele Fragen auf dem Herzen, doch all die neuen Eindrücke beschäftigten ihn so sehr dass er kaum dazu kam auch nur einige dieser Fragen zu stellen. Es war kalt und Schnee bedeckte den Boden, doch Vladimir kam der Winter mild vor. Er war schlimmeres gewohnt, durch all die Jahre inder Wildnis.
Dort hatte die Jahreszeit mit den Tod gedroht, hätte ernicht den Schutz eines Wolfsrudels gesucht.
Irgendwann schließlich gingen sie mit ihm nach Hause, weil die Heilige Messe anfangen sollte.
"Könnt ihr Vladimir alleine lassen?" fragte man seine Pflegeeltern.
Doch diese vertrauten ihm, auch wenn Karl zur Sicherheit beschloss den Schlüssel zur guten Stube lieber mitzunehmen.
Vladimir setzte sich noch eine Weile in die Küche und stellte das Radio an. Diese technischen Errungenschaft zog ihn immer wieder in seinen Bann. Er stand dabei auf und zog die Gerüche in sich ein. Er wußte nicht wie das einzelne nun schmeckte und doch war es für ihn faszinierend was es alles für Gerüche gab. Und was die Sterblichen daraus machten. Schließlich wurde er müde, stellte das Radio aus und legte sich in sein Kinderbett.

Ihm kam es vor als habe er Stunden geschlafen, als eine sanfte Stimme ihn weckte. "Vladimir…Vladimir…aufwachen…wir sind zurück…" Vladimir drehte sich herum und blickte schlaftrunken in das Gesicht seiner neuen Mama. Sie lächelte ihn an. "Steh auf kleiner Schatz, das Christkind war da."
Müde richtete sich Vladimir auf und folgte ihr. Noch war die gute Stube abgeschlossen, doch sein Pflegevater stand davor mit einer Glocke und läutete diese, nun durfte Vladimir das Zimmer wieder betreten…
Was er sah, war für ihn unbeschreiblich. Er sah einen geschmückten Tannenbaum beleuchtet mit vielen kleinen Kerzen. Das Licht der Kerzen ließ den Schmuck leuchten und strahlen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Da drunter waren ein paar Pakete. Für jeden eines und eines trug seinen Namen.
Vorsichtig öffnete Vladimir dieses…was er vorfand war ein Gehäkelter Teddybär.
Vladimir stand sprachlos da, er fühlte Tränen in seinen Augen. Er, ein Vampir, hatte tatsächlich ein Weihnachtsgeschenk bekommen! Dieser Teddy war für IHN ganz alleine!
Er drehte sich mit dem Teddy in der Hand herum und fiel seinen Pflegeeltern in die Arme. "Danke."
Mehr brachte er nicht heraus.

Nach der Bescherung sang die Familie gemeinsam Weihnachtslieder.
Vladimir konnte das Glück in ihren Stimmen hören, dass sie wieder Karl in ihrer Mitte hatten.
Ob es einst auch so sein würde, wenn er nach Hause kam? Noch am gleichen Abend, saß er bei seinem neuen Opa auf dem Schoß während dieser ihn aus Herman Melvilles Buch "Moby Dick" vorlas.
Irgendwann fielen Vladimir dabei immer mehr die Augen zu. So trug sein Pflegevater ihn in sein Bett zurück. Vladimir umklammerte im Schlaf seinen neuen Teddy.
Endlich durfte er einfach wieder ein Kind sein, was er auch schließlich war.
"Wir hatten uns unseren ersten Enkel nicht mit Federn vorgestellt - oder mit Eckzähnen. Aber wir müssen zugeben…er ist ein wunderbarer Junge."
Diese Worte hörte Vladimir leise zu sich dringen als er einschlief.


                                                                                                         *


"Es waren die ersten Weihnachtsgeschenke in meinen Leben."
"Der Teddy…ist es der den du immer noch hast?"
Vladimir nickte. "Er und meine Geige sind meine wertvollsten Besitztümer."
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