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Hör zu und schau nicht weg

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
08.01.2020
08.01.2020
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Du sitzt gemütlich auf der Couch, genießt dein Feierabend mit einer Flasche Bier. Schaltest wie jeden Abend den Fernsehen ein. Und jedes mal willst du nicht die Nachrichten sehen. Also schaltest du mal wieder weg. Weil du die Nachrichten nicht an dich ranlassen möchtest. Du willst sie nicht in deiner nähe haben, damit es sich auch nicht  Real für dich anfühlt.
Aber soll ich dir was sagen.. Ich möchte endlich mal gehört werden, denn ich bin die Realität. Ich bin ein Stück der Menscheit die vergessen worden ist. Hi, Ich bin Mawha und das ist meine Geschichte.
Ich bin in Syrien zur Welt gekommen und ich kannte die Welt ohne Krieg nicht. Kannte die Welt nicht friedlich. Nicht schön. Nicht unscheinbar. Ich kannte nur die dunklen Seiten und wusste auch nicht wie es ist anders zu leben. Syrien war mein Zuhaus. Syrien war meine Heimat. Doch ich konnte nicht bleiben. Ich musste fliehen. Fliehen vor den Bomben. Fliehen von den Anschlägen. Fliehen von meiner Heimat.
Eines morgens wachte ich erneut von den Bomben auf, doch es war nicht wie jeder morgen, das bemerkte ich jedoch erst später. Ich stand auf ging in die Küche und da saß sie. Mama die weinend am Esszimmer saß. Ich sah ihren Blick und wusste sofort wir müssen die Taschen packen. Also rannte ich hoch und nahm das wichtigste mit. Handy, Laptop, unser ganzes erspartes und mein lieblings Kuscheltier. Wir rannten los ohne Ziel, ohne eine Ahnung zu haben wo wir hin rannten. Wir waren Tage  zu Fuß unterwegs ohne ein schluck Wasser ohne zu wissen wie es weiter geht. Bis wir nach Tagen an einem Camp ankamen. An einen überfüllten Camp ankamen. An einem Camp ankamen das nicht zumutbar war. Doch wir waren froh endlich mal wieder etwas zu trinken und zu essen zu bekommen, auch wenn es nur dreckiges Trinkwasser war, auch wenn es nur trockener Reis war. Wir waren froh endlich mal wieder schlafen zu können, auch wenn es nur auf dem Boden war ohne Decke. Wir waren froh überlebt zu haben. Doch nach Wochen wollten wir nur weg. Weg von dem Elend was dort war. Weg vor den Krankheiten die dort herrschten. Ich konnte es nicht mehr aushalten zusehen wie Kinder mit alten Mienen spielten. Ich  konnte es nicht mehr aushalten zu sehen wie fast jedes Zelt in flammen aufgeht, weil der Ofen dort nicht gesichert war. Ich konnte es nicht mehr aushalten im Dreck zu leben, Im Dreck auf Klo zugehen. Im Dreck zu schlafen. Im Dreck zu leben. Im Dreck unter zugehen. Also entschieden wir uns weiter zu ziehen.  Wir entschieden uns ein Schleuser zu finden der uns raus  aus diesen Elend bringt. Wir fanden schnell einen Schleuser, das war nicht besonders schwer. Doch wir waren Naiv. Naiv zu denken er will uns wirklich helfen. Es war ein Lastwagen. Wir dachten dieser Lastwagen ist unser Glück. Dieser Lastwagen wird uns befreien. Doch es war nicht so. Wir bezahlten ihn 200 euro für jeden von uns. Für Mama. Für mein Bruder. Für meine Schwester. Für mich..Und ich wünschte so sehr wir würden auch für Papa bezahlen können. Doch er schaffte es nicht vor den Bomben zu fliehen. Also mussten wir ohne ihn losziehen. Ohne ihn in diesen Lastwagen einsteigen. Wir waren nicht allein. Wir mussten uns zu 100 Leuten in diesen stinkigen Lastwagen quetschen. Doch das war uns egal, wir glaubten wir fahren in die Freiheit. Doch es war genau das Gegenteil. Genau das Gegenteil was wir uns erhofften. Als wir nach 12 Stunden anhielten dachten wir haben es geschafft. Als sie die Tür öffneten wussten wir sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmen würde. Sie zwangen uns in ein Keller zu gehen. Dort suchten sie sich bestimmte Leute raus und sie mussten mit ihnen gehen. Wir hörten nur die Schreie von draußen. Als sie wieder zurück kamen waren sie voller Blut. Voller Tränen. Voller Angst. Ich wurde am nächsten Tag auch rausgezogen. Sie zündeten sich Zigaretten an und brannten mir die Glut in mein Rücken. Sie schlugen mich solange bis ich bewusstlos wieder in diesen dunklen Keller mit den anderen aufwachte. Sie gaben uns alle 2 Tage abgelaufene Nudeln. Nach 10 Tagen haben sie gesagt wir können gehen, wenn wir ihnen 400 euro geben. Wir hatten das Geld und dafür bin ich bis heute so dankbar. Die es nicht hatten mussten in diesem Keller bleiben. Eingesperrt ohne Hoffnung rauszukommen. Wir konnten fliehen, doch ich weiß nicht was mit den anderen passiert ist. Noch immer höre ich nachts die schreie von draußen.
Doch wir mussten sie dort zurück lassen, wir mussten an unser leben denken. Wir wollten überleben. Also flohen wir, erneut ohne Plan und ohne Ziel. Wieder gingen wir Tage lang zu Fuß, bis wir endlich das Meer erreichten. Das Mittelmeer der Weg zur Freiheit. Der Weg ins Glück.Oder der Weg in den Tod. Der Weg zum größten Friedhof auf erden. Das Mittelmeer. Und das möchte trotzdem niemand sehen. Niemand weiß wie viele dort eigentlich ihr Leben verlieren. Doch sag mir wie kann es sein, dass die Helden in der Not als Kriminelle beschimpft werden. Die Helden die uns das Leben gerettet haben.
Um überhaupt auf ein überfüllten Boot einsteigen zu dürfen mussten wir erneut bezahlen. Diesmal mussten wir alles abgeben was wir hatten. Wir hatten nichts  mehr. Wir hatten nur noch uns und die Hoffnung und die Angst es nicht zu schaffen. Mein kleiner Bruder bekam eine Tablette, damit er das ganze Elend nicht ertragen muss, in der Hoffnung er kann eine friedliche Zukunft erleben. Das Boot war für 15 Leute, doch wir waren 60. Ohne Rettungswesten, ohne Essen, ohne Trinken, ohne eine Ahnung ob wir es überhaupt schaffen. Die Wellen des Ozean trieben uns voran. Trieben uns immer weiter weg von dem Krieg. Und auch wenn ich nicht wusste ob wir es überleben, war ich froh hier zu sein. Ich würde lieber hier sterben als dort weiter zu leben. Und nach Tagen fielen mir langsam meine Augen vor Müdigkeit zu..
Ich wurde wach von großen Lichtern und Geschrei von einer Sprache die ich nicht verstanden habe. Ich rieb mir die Augen um zu verstehen was hier geschah. Und dann wusste ich es. Wir wurden gerettet. Wir wurden auf ein großes Schiff hineingezogen. Erst die Kinder. Dann die schwangeren und kranken Personen.
Mir fiel der größte Stein vom Herzen den ich je hatte. Ich war glücklich.
Genau, ich war glücklich.
Wir sind nach einem Jahr von Flüchtlingscamp zu Flüchtlingscamp weiterverschoben worden, sind von Land zu Land  gezogen ohne Hoffnung auf Asyl. Doch Deutschland nahm uns auf und dafür bin ich dankbar. Und ich dachte ich habe endlich nach Jahren wieder ein neues Zuhause gefunden. Ich habe meine Heimat gefunden. Dachte ich zumindest. Doch wenn ich auf die Straßen gehe sehe ich diese Hassblicke und ich will ihnen meine Geschichte erzählen. Ich wehe die weiße Fahne, doch niemand sieht sie.
Und jetzt sitzt du erneut auf der Couch und genießt dein Feierabend mit einem Bier. Ohne zu wissen was die Realität überhaupt ist.
Doch ich bin nicht mahwa.
Ich kann nicht nachempfinden was ihr geschehen ist.
Doch Mahwa ist die Realität.
Und ich möchte das sie gehört wird.
 
 
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