[Bunny] Späte Verabschiedung

von Adallie
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 Slash
Kenny McCormick Leopold "Butters" Stoch
07.01.2020
07.01.2020
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07.01.2020 1.759
 
[[ Ein klein wenig inspiriert hiervon :3  > https://www.youtube.com/watch?v=AzsiE44Lz_w

Langsam drücke ich aufs Gaspedal. Der tuckernde Motor brummt etwas unter meinen Fußsohlen und bringt den gesamten Wagen zum stärkeren Vibrieren. Oder soll ich ihn wohl eher Dreckskasten nennen? Schwer zu sagen, hat keinen besseren gegeben. Zumindest nicht mit dem wenigen Geld, das meine Eltern eigentlich haben. Mein Vater hat sich eben kein vernünftiges Auto leisten können, im Gegenteil, er muss sich sogar glücklich schätzen, überhaupt einen fahrbaren Untersatz mit vier funktionierenden Rädern zu besitzen. Und genau diesen Schrotthaufen hab ich ihm heute Nacht geklaut. Was für ein verfluchter Wichser ich doch sein muss.

Doch am Ende war es meinen Eltern immer egal gewesen, wenn es um mich gegangen ist. Ich hab ohne große Mühe Unmengen an Zigarettenschachteln verraucht und mir die ein oder andere Alkoholvergiftung zugezogen. Hat niemanden gejuckt, nicht mal den drei Jungs, die ich einmal Freunde genannt habe. Eher haben sie mich deswegen nur angegrinst und mich damit aufgezogen. Also würde es sie ebenso wenig stören, wenn ich mich eines Tages einfach so aus dem Staub mache.

Nun gut, einen interessiert es. Derjenige sitzt neben mir auf dem Beifahrersitz und starrt schweigend auf sein Handy. Neben dem Fernlicht und den Leuchten an der Landstraße ist es die einzige Lichtquelle, die so ein bisschen das Wageninnere erhellt. Radio läuft nicht, bis auf das Auto selbst ist alles ruhig. Ich riskiere einen Blick aus dem Augenwinkel auf den Jungen mit ähnlicher Haarfarbe. Das Display strahlt in sein Gesicht und ich sehe es in seinen Tränen reflektieren. Dass er weint überrascht mich nicht. Er ist mit der gesamten Situation komplett überfordert, weiß nicht wie mit umzugehen. Allerdings kullern die kleinen Tropfen recht leise und ohne ein Schluchzen die Wangen herunter, wahrscheinlich will er nicht, dass ich da was mitbekomme.

"Hast du deinem Vater geschrieben?", frage ich in die Stille hinein, mit meinen Augen wieder zurück auf der Straße vor mir.

Mich würde es nicht wundern, wenn er es gemacht hat, um ehrlich zu sein. Er ist eben viel zu lieb. Sein Vater hat es schon längst nicht mehr verdient ihn jeden Tag auch nur für eine Sekunde anzusehen. Und dennoch nimmt ihn Butters so oft in Schutz, was ich einfach nicht verstehen kann. Wie um alles in der Welt kann man nur so gutherzig und verdammt naiv sein, einem Arschloch immer und immer wieder die gleichen schlimmen Fehler zu vergeben, obwohl man eigentlich ganz genau weiß, dass er sich nie ändern wird?

"Ja...", haucht er mit leicht nickendem Kopf und blickt aus seiner Fensterseite auf die ganzen Bäume, die an uns vorbeihuschen.

Er scheint sich wohl noch immer verpflichtet zu fühlen, seinen Eltern bescheid zu geben, dass er weggeht und halt in diesem Fall nicht mehr wiederkommt. Wahrscheinlich noch dazu mit tausend Entschuldigungen und wie lieb er sie doch hat. Er muss endlich einsehen, dass er aus einer Familie kommt in der häusliche Gewalt an der Tagesordnung steht und das ganz und gar nicht klar geht. Er muss niemandem jetzt bescheid geben, ganz besonders nicht diese Rabeneltern. Auch wenn seine Mutter ihn nie wirklich geschlagen hat, hat sie immer nur zugesehen, wie sein Vater sich an ihm die Hände schmutzig gemacht hat. Und dann hat sie mir noch dazu jedes Mal ins Gesicht gelogen, wann immer ich nachgefragt habe, was zur Hölle bei ihnen eigentlich los gewesen ist. Verlogenes Miststück.

Ich seufze. "Du weißt, dass ich das nicht gerade gut heiße. Ganz besonders nicht, weil du ihnen jetzt bestimmt gesagt hast, dass du mit dem lieben Kenny ausreißt, weil er meint, dass sie scheiße sind."

Vielleicht etwas zu hart ausgedrückt, aber Butters sollte mich nach all den Jahren, wo wir zu zweit in der gleichen Klasse gehockt sind, inzwischen gut genug kennen. Manchmal meine ich es echt nicht so, doch bin ich eben von einem mehr als verkorksten Haushalt, wo man sich weitaus kräftiger ausdrückt, als diese flaue Bemerkung hier. Ein klein wenig bereue ich es dann aber doch.

"Ich hab ihnen nicht gesagt, dass ich mit dir weggehe...", murmelt es von meiner Rechten und ich blinzle aus Überraschung. Dann ciao, Gewissensbisse."Ich hab nur geschrieben, dass ich für immer weg sein werde und sie nicht nach mir suchen sollen... und dass ich sie trotzdem noch lieb hab..." Da haben wir das mit dem Naiven.

"Ich weiß. Ich bin stolz auf dich."

"Stolz...? Worauf?"

"Dass du dich so tapfer schlägst. Und dass du mir vertraust, natürlich. Dir wird es nicht mehr gut gehen zuhause, glaub mir.", erkläre ich und drehe meinen Kopf kurz zu ihm, um meinem Sagen durch sicheren Blickkontakt mehr Glaubwürdigkeit zu geben.

Man merkt bei dem schlechten Licht die Rötung um seine Augen kaum. So wie es aussieht hat er sich einiges an Tränen schnell weggewischt, um mich normal ansehen zu können. Er denkt wohl noch immer, dass ich ihn beim Heulen nicht erwischt hab, da er sich um ein Lächeln bemüht, aber mal richtig dran scheitert. Wie schon gesagt, schwierige und vor allem riskante Situation, in der wir uns grade befinden. Allerdings bin ich guter Dinge, dass alles ohne Komplikationen aufgeht. Schließlich war da eine wochenlange Planung im Gange gewesen, inklusive sehr vielen Nebenjobs für Startkapital und einer Hotelreservierung ziemlich weit weg von dem Drecksloch von Bergstadt. Wir dürfen also nun wirklich nichts zu befürchten haben. Es kann einfach nichts schief gehen!

Ich spüre seinen Kopf langsam auf meine Schulter sinken. Laut seiner Erzählung von heute morgen in der Mittagspause hat er letzte Nacht vor Aufregung und Unsicherheit kaum schlafen können. Die versäumten Stunden kann er aber gern nachholen. Es wird eh noch eine Weile dauern, bis wir da sind. Es sollte immerhin nicht gleich die nächste Stadt sein, nein, es waren schon ein paar Stunden Fahrt eingeplant. Zugegeben etwas zu viel für jemanden, der nicht wirklich einen Führerschein hat, sondern nur ein paar Dinge von seinen Eltern mehr oder minder freiwillig gezeigt bekommen hat, aber für mich und Butters werde ich alles auf mich nehmen. Pausen kann ich genug einnehmen und so spät nachts fährt so gut wie niemand, schon gar nicht auf dieser Strecke.  

"Mach trotzdem dein Handy jetzt aus, wenn du allen bescheid gegeben hast.", versuche ich ihn mit so viel Mitgefühl wie möglich drum zu bitten. "Wir wollen nicht, dass uns dann doch jemand folgt." Wäre viel zu ärgerlich, wenn am Ende wegen einem kleinen Detail alles schief läuft.

Butters sieht noch ein letztes Mal auf die gesamten Nachrichten, die er in den letzten paar Minuten noch geschrieben hat. Gott sei Dank sieht es nicht so aus, als hätte irgendeiner der Empfänger sie gelesen, um noch rechtzeitig darauf reagieren zu können. Ich erhasche einen kurzen Blick auf die Namen seiner Eltern, Cartman, Sandy, Kyle, Stan und Wendy bis schließlich das kleine Fenster auftaucht, das um Bestätigung zum Herunterfahren bittet.

Am liebsten hätte ich sein Handy von Anfang an beschlagnahmt oder sogar aus dem Auto geschmissen, bevor er auch nur auf die Idee gekommen wäre, den Leuten zu schreiben. Doch seinen schon angeschlagenen Nerven hab ich nicht noch mehr antun können. Es war sehr gefährlich sowas zuzulassen, aber notwendig, um Butters dazu zu bewegen, weiterhin ruhig zu bleiben und mir zu vertrauen. Ich weiß mehr als genau, dass ich der einzige bin, mit dem er jemals von zuhause weglaufen würde, beziehungsweise fahren. Und wenn man mal vom Fahren redet, ich habe ja noch dazu keine gesetzliche Erlaubnis dafür, also ein Grund mehr, seine Treue zu mir nicht aufs Eis zu legen.

"Gut gemacht. Gemeinsam bekommen wir es auch ohne Eltern hin.", lobe ich ihn schmunzelnd. Wenn ich jetzt nicht fahren würde, wäre ich ihm definitiv einmal durch die Haare gewuschelt. Ein Jammer, dass er sowas echt nicht kennt. Naja gut, ich eigentlich auch nicht, man hat mir das nur mal so nebenbei im Unterricht rübergeworfen, genauer gesagt, hab ich es mal von einem anderen Gespräch zwischen zwei Jungs mitbekommen. Wenn man seinen Sohn loben will, macht man das halt so wie's aussieht. Ob ich hier jetzt die Vaterrolle für Butters spiele weiß ich nicht, keine Ahnung. Allerdings werde ich kurz darauf mit einer äußerst kuriosen Frage konfrontiert.

"Du, Kenny... brennen wir eigentlich gerade durch?"

"Hm? Wie kommst du denn darauf?", frage ich etwas verwirrt und habe das Gefühl mein Herz hat für einen kleinen Moment ausgesetzt. Was lässt ihn so denken? Weil wir so viel Zeit miteinander verbracht haben und uns dementsprechend recht dicke waren? Oder weil ich einen ziemlichen Beschützerinstinkt für ihn hege, der jahrelang herangewachsen ist, hauptsächlich weil ich mich selbst in ihm sehe?

"Ich kenn das Ausreißen nur mit jungen Pärchen... hauptsächlich, weil ihre Liebe von beiden Familien nicht anerkannt und jegliche Art von Kontakt zwischen den beiden verboten wurde..." Ach, der Kitsch da... Obwohl ich sagen muss, dass mehr oder minder beide Eltern von uns nicht wirklich positiv auf unsere Freundschaft gestimmmt waren. Meine haben die Stotchs von Grund auf nicht leiden können und seine hassen mich, da ich mich gewaltig in ihre Erziehungsmethoden einmische. Und das traurigste ist, dass ich dies sogar als einziger tue. Andere haben von den schlimmen Umständen bei Butters zuhause nicht mal was mitbekommen, weil er ein Außenseiter war.

"Das... ja, das mag sein.", gebe ich noch immer etwas neben der Spur von mir, obwohl ich das eigentlich nicht genau so sagen hab wollen. Wahrscheinlich weil ich einfach nicht weiß, wie ich auf sowas reagieren, geschweige denn antworten soll.

Dementsprechend verwundert sehe ich Butters' Augen aufblitzen."Aber wir haben uns nie geküsst oder so, oder auch sonst nie irgendwie Gefühle füreinander gehegt..."

"Das stimmt. Aber warum sollten nur Pärchen weglaufen dürfen und nicht auch mal Freunde?"

"Da hast du auch wieder recht... Ich kannte es bis jetzt halt nicht anders."

"Kein Problem."

Vielleicht nicht unbedingt das beste Thema einer Unterhaltung, aber mir immer noch wesentlich lieber, als die bedrückte Stimmung von vorhin. Drum schmeiß ich noch ein gewitzeltes "dann werden wir die ersten Freunde sein, die miteinander durchbrennen" rein, einfach um Butters' Stimmung ein bisschen wieder in die Höhe zu treiben. Glücklicherweise erscheint wie geplant ein Lächeln auf seinen Lippen.

Somit scheint es dann wohl festzustehen. Freunde, die miteinander durchbrennen. Ohne Gefühle, nur Freundschaft. Wie beschissen sich das eigentlich anhört, da muss ich mir ja fast ein Lachen verkneifen. Aber auch das tue ich nur für Butters, sowie auch alles andere.
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