Ein überraschendes Angebot

von Snoopy279
GeschichteRomanze / P12 Slash
07.01.2020
21.01.2020
3
11163
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Hallo ihr Süßen,

vielen Dank für die ganzen Reviews, Favos und sogar schon das erste Sternchen, hab mich sehr gefreut!
Jetzt will ich euch aber nicht länger auf die Folter spannen, hier kommt das zweite Kapitel und nächsten Dienstag dann das letzte.
lg, Snoopy



Das erste Date

Erstaunlicherweise schien die Strecke zum Restaurant keine zu sein, auf der viel Feierabendverkehr unterwegs war und ich schaffte es wie geplant in zwanzig Minuten, sodass ich immer noch pünktlich war. Auch die Parkplatzsuche war kein Problem, wie versprochen gab es genug freie Parkplätze. So kurz vor dem Ziel schlug meine Aufregung dann doch nochmal in Panik um und ich überlegte, direkt wieder auszuparken und nach Hause zu fahren. Doch dann gewann meine Neugier überhand und ich stieg aus.

Ich brauchte mich gar nicht suchend umzuschauen, da Clemens unübersehbar direkt neben dem Eingang stand. Er sah wirklich haargenau so wie auf dem Foto aus, sodass ich ihn sofort erkannte. Als er mich sah, hellte sich sein Gesicht auf. Sehr gut, mein Bewerbungsfoto hatte offensichtlich auch genügend Wiedererkennenswert.
„Hallo Herr Federlin, schön, dass Sie tatsächlich hergekommen sind“, begrüßte Clemens mich und war offensichtlich genauso nervös wie ich. Das beruhigte mich tatsächlich etwas und war gleichzeitig ein Indiz, dass er das heute genau wie ich das erste Mal machte und es nicht seine Masche war.
„Freut mich auch, Sie kennenzulernen“, entgegnete ich. Unsicher hantierten wir kurz herum und machten aus dem Händeschütteln dann doch eine kurze Umarmung.
„Komm doch … äh, kommen Sie doch rein.“
„Meinetwegen können wir uns auch gerne duzen“, hakte ich sofort ein. Wenn wir uns den ganzen Abend siezen würden, wäre das sicher sehr seltsam.

„Gut, dann können wir gleich darauf anstoßen“, beschloss Clemens und sagte zum Kellner gewandt: „Guten Abend, ich hatte einen Tisch für zwei auf den Namen Schneider reserviert.“
„Natürlich. Wenn Sie mir bitte folgen möchten.“
Er wies uns einen etwas abseits gelegenen Zweiertisch zu. Das Restaurant gefiel mir, es war recht ruhig, keine nervige Musik und die Ausstattung war angenehm dezent, eher rustikal. Wir nahmen Platz.
„Wollen Sie schon etwas zu trinken bestellen?“, fragte der Kellner.
Fragend sah Clemens mich an, ich nickte. „Eine Cola für mich, bitte.“
„Ich nehme eine Apfelschorle.“
Da es recht früh und unter der Woche war, war kaum etwas los und wir brauchten nicht lange auf unsere Getränke zu warten. Die Zwischenzeit hatte ich genutzt, um mich in Ruhe umzuschauen.
„So, dann einmal die Cola für Sie, hier die Apfelschorle und die Karten“, verkündete der Kellner.

„Ich bin Clemens“, sagte Clemens und nahm seine Schorle in die Hand.
„Janosch oder auch Josh.“ Ich nahm meine Cola ebenfalls in die Hand.
„Auf das Du und einen schönen Abend“, entgegnete Clemens und stieß mit mir an.
„Auf einen schönen Abend“, wiederholte ich. Und weil es so gut passte, konnten wir uns den Kuss zur Brüderschaft nicht verkneifen, obwohl wir den Stilbruch begangen und mit Softdrinks angestoßen hatten.

„Wollen wir erst mal das Essen aussuchen? Danach haben wir vermutlich noch genug Zeit zum Reden“, schlug Clemens vor.
„Das klingt nach einem guten Plan.“ Gespannt sah ich in die Karte. Es war eine interessante Mischung aus italienischer und deutscher Küche.
„Der Chef, Fabio, kommt aus Italien und seine Frau Carla kommt hier aus der Gegend“, beantwortete Clemens meine unausgesprochene Frage. Mein Erstaunen war mir wohl am Gesicht abzulesen gewesen. „Dementsprechend auch die bunt gemischte Karte. Es schmeckt aber sehr lecker, auch wenn manches abenteuerlich klingt.“
„Naja, das meiste hört sich schon echt gut an“, stellte ich nach einiger Zeit fest. Was sollte ich nur nehmen?
„Entscheidungsschwierigkeiten?“ Ich nickte nur.
„Da die Portionen sehr groß sind, würde ich die Vorspeise weglassen, mal abgesehen von den Pizzabrötchen mit Aioli und den Oliven, die man ohnehin bekommt. Wenn du danach noch hungrig sein solltest, haben sie nämlich eine ausgezeichnete Auswahl an Desserts. Es sei denn, du magst überhaupt nichts süßes.“
„Nachtisch klingt super, Vorspeise ist mir eh nicht wichtig“, stellte ich das sofort richtig. Ohne Süßkram und Naschen leben konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen!

„Gut. Magst du Fisch?“
„Ja, ziemlich gerne sogar.“
„Perfekt. Dann nehmen wir einmal den Zander mit Petersilienkartoffeln und Salat, der ist schön leicht und als absolutes Kontrastprogramm die Gnocchi mit Pilzen und Gorgonzola überbacken. Was hältst du davon?“
„Klingt beides lecker, war auch beides in meiner engeren Auswahl.“
„Perfekt, dann können wir ja bestellen.“ Wie aufs Stichwort erschien der Kellner mit den angekündigten Vorspeisen.
„Haben Sie schon gewählt?“ Ich überließ es Clemens, für uns beide zu bestellen und nutzte die Zeit für einen schnellen Blick auf die Dessertkarte. Das klang wirklich verlockend und ich hoffte, dass ich zumindest für einen halben Nachtisch Platz haben würde.
Leider sah es nicht so richtig gut dafür aus, da ich den Pizzabrötchen keine Sekunde lang widerstehen konnte.Aioli war beim ersten Date vielleicht nicht die beste Idee, andererseits ging ich davon aus, dass Clemens auch davon nehmen würde. Zu recht, wie sich wenig später herausstellte.
„Hmm, die sind köstlich!“
„Ja, ich gehe hier nicht so oft essen, weil es von meiner Wohnung aus etwas umständlich zu erreichen ist. Aber jedes Mal wenn ich hier bin, genieße ich es.“

„Was isst du denn sonst gerne? Was gibt es in deinem Lieblingsrestaurant?“, griff ich das Thema auf.
„Hmm, ich mag ehrlich gesagt fast alles. Mein Lieblingsrestaurant ist ein Inder, aber das liegt vor allem daran, dass der nur drei Türen weiter ist. Am liebsten esse ich Nudeln mit allen möglichen Soßen. Meine Kochkünste beschränken sich daher auch größtenteils genau darauf. Und wie sieht es bei dir aus?“
„Ich stehe auf Kartoffeln und Salate in allen möglichen Varianten und kann Blumenkohl, Rosenkohl und Grünkohl nicht leiden, der restliche Kohl ist okay, muss aber nicht sein. Indisch ess ich gerne, solange es nicht zu scharf ist. Am liebsten esse ich in einem Balkanrestaurant in dem Ort, wo meine Eltern wohnen. Das liegt aber auch daran, dass es die schon ewig gibt und wir früher schon immer da waren. Ich hab dementsprechend viele gute Erinnerungen daran wie ein Belohnungsessen für ein gutes Zeugnis.“
„Wow, ein echtes Traditionsrestaurant. Und das gibt es noch?“
„Ja, mittlerweile hat es der Sohn übernommen. Der hat es auch schön renoviert und einige Neuerungen eingeführt, aber so, dass er das Gute belassen und es nur verbessert hat.“
„Das klingt sehr schön. Wie lief denn dein Vorstellungsgespräch eben? Wo genau warst du nochmal?“
„Bei Frau Schuster in der Praxis. Ich denke, es lief ganz gut, aber ich finde es immer schwierig, das einzuschätzen.“
„Ach ja, stimmt, hab schon mal von ihr gehört. Ja, das kann ich verstehen, ich fand das auch nicht leicht. Bin froh, dass ich einen festen Job habe und da nur noch von der anderen Perspektive aus Bewerbungsgespräche führe.“

„Das kann ich mir irgendwie überhaupt nicht vorstellen.“
„Bewerbungsgespräch führen? Naja, da ich in der Personalabteilung arbeite, sollte ich das können.“ Clemens grinste.
„Ja, klar, aber da ich nicht vorhabe, das zu tun, passt das schon. Kann mir auch nicht wirklich vorstellen, eine eigene Praxis aufzumachen.“
„Dann brauchst du das vermutlich wirklich nicht. Was machst du eigentlich in deiner Freizeit?“
„Oh, das was du so geschrieben hast, passt auch ganz gut auf mich. Ich bin ebenfalls gerne in der Natur, wenn mich nicht gerade eine spannende Serie davon abhält und an den Bildschirm fesselt. Dabei ist es mir recht egal, ob es jetzt spazieren gehen, richtig wandern, schwimmen gehen oder sonst etwas ist. Leider gibt es viel zu viele gute Serien und viel zu wenig Zeit.“
„Das Problem kenne ich auch zu gut. Was hast du denn zuletzt geschaut?“
Bevor ich auf die Frage antworten konnte, wurde das Essen serviert und lenkte mich erfolgreich ab.
„Mhh, das sieht fantastisch aus.“
„Na, ich hoffe, dass es dir genauso gut schmeckt. Womit möchtest du denn anfangen?“, fragte Clemens mich.
„Uff, schwierige Entscheidung... Ich glaub, mit dem Fisch.“
„Perfekt, dann müssen wir erst mal auch nicht tauschen. Guten Appetit!“
„Danke, ebenso.“

Schon beim ersten Bissen stellte ich fest, dass Clemens mir nicht zu viel versprochen hatte. Es war wirklich lecker.
„Hervorragend.“
„Freut mich, das zu hören.“
„Schmeckt es dir auch?“
„Ja, ist köstlich. Magst du direkt probieren?“
„Nee, danke, ich bleib erst mal bei dem Essen.“ Der Fisch war einfach zu lecker, die Kartoffeln schmeckten tatsächlich nach was und waren nicht geschmacksneutral. Und der Salat war schön frisch, mit einem leichten, leckeren Dressing. Gerade kamen mir die Gnocchi gar nicht mehr so verlockend vor, obwohl die auch wirklich gut aussahen.
Schweigend genossen wir unser Essen. Es war angenehm, dass Clemens offenbar nicht zu den Typen gehörte, die keine Minute still sein konnten. Gerade nach dem Vorstellungsgespräch war mir auch nach etwas Ruhe zumute, obwohl ich ihn natürlich kennenlernen wollte, so gut das bei einem Treffen möglich war.
Nachdem ich etwa die Hälfte von meinem Gericht verspeist hatte, beschloss ich, dass es höflich wäre, Clemens die andere Hälfte davon anzubieten. „Willst du den Rest haben?“
„Wenn du ihn abgeben willst, gerne, sonst ess ich auch die Gnocchi auf. Nur ein, zwei Bissen hätte ich gerne.“

„Echt? Macht es dir nichts aus?“
Amüsiert schüttelte er den Kopf. „Nein, ist okay. Ich freue mich einfach, dass es dir so gut schmeckt.“
„Probieren würde ich auch gerne bei dir, aber ich denke, dann werde ich dein Angebot annehmen und bei meinem Fisch bleiben.“ Kurz überlegte ich und hielt Clemens dann meine Gabel hin. Das fand ich irgendwie passender für ein erstes Treffen als direkt von der Gabel des anderen zu essen.
Er reichte mir im Gegenzug seine und ich packte Kartoffel und Zander drauf. „Vom Salat nimmst du dir am besten selbst, da klecker ich nur“, sagte ich und schob den Salat mittiger auf den Tisch, damit er gut dran kam.
„Danke. Vorsicht, die Gnocchi sind immer noch heiß.“
Obwohl ich pustete, waren sie tatsächlich immer noch ziemlich warm, aber ebenfalls lecker.
„Mhh, auch sehr gut“, stellte ich fest.
„Aber nicht so gut wie der Fisch“, vermutete Clemens.
„Würd ich nicht mal sagen, aber mir ist heute einfach mehr nach was leichterem. Ist vielleicht auch günstiger, damit ich nachher auf der Fahrt nicht ins Fresskoma falle.“
„Da könnte was dran sein“, antwortete Clemens bemüht ernst, doch dann mussten wir beide lachen. Es war einfach zu offensichtlich, dass ich das nur als Vorwand benutzt hatte.

Während dem restlichen Essen erzählte er mir ein bisschen was über die Umgebung, vor allem natürlich die Vorteile, wie tolle Wander- und Radfahrwege oder ein Kino, das abseits vom Mainstream auch viele schwule Filme zeigte.
„Versuchst du gerade, mich davon zu überzeugen, hierher zu ziehen?“
„Nein“, probierte Clemens es, gab aber direkt auf. „Ja, schon. Ich mein, nach einem Abend können wir beide nicht sagen, was es wird, aber ich finde dich sehr sympathisch und wenn du hier in der Nähe wohnst, können wir uns viel besser kennenlernen. Außerdem ist hier eine echt tolle Gegend, ich wohne wirklich gerne hier.“
„Das merkt man. Es hört sich auch wirklich gut an. Ich will allerdings nicht irgendwo hinziehen, wo ich keinen Job finde oder jeden Tag ewig lang pendeln muss“, wandte ich ein.
„Klar, verstehe ich. Deshalb hoffe ich vollkommen uneigennützig, dass du hier einen Job bekommst. War das heute die einzige Stelle hier in der Nähe, auf die du dich beworben hast?“
„Nein, da waren noch ein paar mehr, aber von denen hab ich bislang noch keine Rückmeldung erhalten.“
„Dann drücke ich ganz fest die Daumen!“
„Danke, sehr nett. Wobei ich zugeben muss, dass heute die Stelle zu meinen Favoriten gehört, auch insgesamt gesehen.“

„Uff, jetzt bin ich satt“, sagte ich, als ich aufgegessen hatte.
„Kein Platz für den Nachtisch?“
„Im Moment leider beim besten Willen nicht, vielleicht nachher. Es ist ja noch was Zeit, bevor ich fahren muss.“
„Sehr schön. Wie kommt es eigentlich, dass du von Bankkaufmann auf Logopäde umgeschwenkt bist? Oder ist dir das zu beruflich nach dem Vorstellungsgespräch heute?“
„Nee, das ist ne völlig nachvollziehbare Frage, darüber stolpern ganz viele Menschen. Bankkaufmann war einfach ne totale Fehlentscheidung, weil ich nach dem Abschluss nicht wusste, was ich machen will. Also hab ich mit meinem besten Freund die Ausbildung gemacht und währenddessen hat es auch noch halbwegs Spaß gemacht, weil wir so viel Zeit miteinander verbringen konnten. Danach war es aber zunehmend ätzender und irgendwann hab ich's einfach nicht mehr ausgehalten. Hat dann aber noch ein Jahr gedauert, bis ich wirklich gekündigt habe, weil ich eine Perspektive haben wollte. Jetzt bin ich heilfroh, dass ich das gemacht habe und endlich was wirklich sinnvolles, bereicherndes mit meiner Zeit anfangen kann.“
„Uh, verstehe. Schön, dass es wenigstens jetzt im zweiten Anlauf geklappt hat. Nach dem Abi hatte ich auch nur eine sehr vage Idee, was ich machen will. Da war ich froh, dass ich mich im Studium noch gar nicht so sehr festlegen musste, sondern die Zeit nutzen konnte, um genau das herauszufinden.“

„Ja, das glaube ich gerne. Nach dem Realschulabschluss funktioniert das leider nicht wirklich, solange man nicht doch noch Abi macht.“
„Stimmt.“
Anschließend saßen wir kurze Zeit schweigend da, bis Clemens das Gespräch wieder aufnahm. „Ich hoffe, das ist jetzt kein zu abrupter Themenwechsel, aber wie sieht es jetzt mit einem Nachtisch aus?“
„Das klingt nach einer großartigen Idee“, stellte ich fest. „Nachdem du mich beim Hauptgang so gut beraten hast, überlasse ich dir einfach die Wahl.“ Um ehrlich zu sein war ich gerade zu faul, um nachzulesen, was sie überhaupt im Angebot hatten. Außerdem vermied ich so jegliche Entscheidungsschwierigkeiten.
„Sehr gerne. Dann verrat mir nur, ob ich ein Dessert bestellen soll oder wir uns zwei verschiedene teilen.“
„Ach, ich denke, jetzt habe ich wieder genug Platz, also nimm ruhig zwei.“
Clemens nickte und stand auf. „Gut, ich bestelle rasch, damit es eine Überraschung für dich wird.“
Neugierig sah ich ihm hinterher. Naja, ich würde es ja bald erfahren. Bisher waren wir immer sehr rasch bedient worden und da es nicht allzu viel voller geworden war, gab es keinen Grund, warum sich das jetzt ändern sollte.

Wenig später wurden vier kleine Schälchen an unseren Tisch gebracht.
„Hattest du nicht von zweien gesprochen?“, fragte ich verwirrt.
„Naja, wollte ich eigentlich. Aber dann hab ich nachgefragt, ob es auch die Möglichkeit gäbe, Probierportionen zu bekommen und deshalb hast du jetzt noch mehr Auswahl!“ Stolz grinste Clemens und war offensichtlich zufrieden über die gelungene Überraschung.
„Wow, super... Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, stellte ich fest. Tjaja, schon wieder meine altbekannten Entscheidungsprobleme.
„Dann mach einfach die Augen zu und den Mund auf“, befahl Clemens mir. Für einen Augenblick zögerte ich, dann gehorchte ich.

Behutsam spürte ich einen Löffel an meiner Unterlippe entlanggleiten.
„So, hier einmal Nummer eins. Nummer zwei gibt es erst, wenn du das hier erraten hast.“
Gespannt schmeckte ich das angenehm kühle Etwas auf meiner Zunge. „Hmm, auf jeden Fall etwas mit Haselnuss, würde ich sagen. Sehr lecker.“
„Bravo, das lasse ich gelten. Es ist Haselnuss-Mousse. Schmeckt ein bisschen wie Giotto, oder?“
„Ja, das stimmt.“
„Gib mir mal kurz deine rechte Hand.“
Irritiert streckte ich meine Hand in seine Richtung aus. „Hier hast du ein Glas Wasser. Trink einen Schluck davon, damit du das nächste probieren kannst.“

Rasch trank ich, stellte das Glas ab und öffnete erwartungsvoll meinen Mund erneut.
„Wow, lecker! Das ist Zitronensorbet mit irgendeinem Kraut, richtig?“
„Ja, richtig. Kannst du auch sagen, welches?“
„Dafür muss ich nochmal probieren.“ Erneut bekam ich einen Löffel in den Mund geschoben. „Jetzt hab ich's! Das ist Thymian, oder? Dachte zuerst an Minze oder Basilikum, aber die sind es beide nicht.“
„Hervorragend. Dann trink nochmal einen Schluck Wasser.“
Es war gar nicht so leicht, mich zu erinnern, wo das Glas stand, doch ich schaffte es, etwas zu trinken, ohne das Glas umzukippen.
„So, hier kommt Nummer drei.“
„Das ist einfach, Tiramisu“, sagte ich sofort nachdem ich den Probierbissen herunter geschluckt hatte. Ohne Aufforderung griff ich direkt nach dem Glas, so sicher war ich mir.
„Genau. Dafür wird das letzte jetzt eine echte Herausforderung!“
Meine Zunge bestätigte diese Aussage sofort. Was auch immer es war, es schmeckte göttlich. Es fiel mir allerdings wirklich schwer, eine Idee zu entwickeln, was es sein könnte.
„Da ist irgendwie Schokolade mit drin, oder?“

„Ja“, bestätigte Clemens und gab mir einen weiteren Löffel.
So sehr ich mich auch bemühte, ich hatte keine Ahnung, was noch da drin war, auch nach zwei weiteren Bissen nicht.
„Keine Ahnung, ich geb auf. Der Geschmack kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich hab keine Idee.“
„Glaub ich dir. Das ist Zabaione-Schokoladenmousse. Schmeckt genial, ist in der Kombination aber so ungewöhnlich, dass es schwierig ist, das auseinander zu sortieren.“
Ich nickte, ließ meine Augen jedoch noch geschlossen, weil ich unsicher war, ob ich sie wieder aufmachen durfte.

Plötzlich waren da warme, weiche Lippen an meinem Mund und als ich ihn öffnete, ließ Clemens mich an dem Bissen Mousse, das er im Mund hatte, teilhaben. Obwohl ich wirklich nicht unerfahren war, war das mit Abstand der spektakulärste erste Kuss, den ich je hatte. Das lag an der Atmosphäre, der Restanspannung durch die Aufregung und dem Vorstellungsgespräch, vor allem aber an dieser großartigen Mousse und meinen geschlossenen Augen. Clemens wusste definitiv, was er tat und ich genoss es.

Als er sich von mir löste, öffneten meine Augen sich von alleine und unsere Blicke trafen sich.
„Ich hoffe, ich habe dich gerade nicht zu sehr überrumpelt, aber die Gelegenheit war einfach zu verführerisch.“ Leicht unsicher und verlegen sah Clemens mich an.

Lächelnd schüttelte ich den Kopf. „Nein, keine Sorge. Es war perfekt.“ Vielleicht wusste er doch nicht so genau, was es tat, aber er war gut darin, das zu überspielen und trotzdem das Richtige zu tun. Leider merkte ich, dass ich langsam müde wurde und musste mir ein Gähnen verkneifen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass das wirklich kein Wunder war, denn wir hatten schon halb zehn! Nachdem ich letzte Nacht so schlecht geschlafen hatte und jetzt das Adrenalin und die Nervosität des heutigen Tages nachließen, war es nur logisch, dass ich jetzt müde wurde.
„Ich sollte jetzt trotzdem nach Hause fahren, ich hab schließlich noch anderthalb Stunden Fahrt vor mir.“ Wirklich schade, denn eigentlich wollte ich noch gar nicht los. Der Abend war viel besser gewesen, als ich es zu träumen gewagt hatte. Ich hatte eher damit gerechnet, dass Clemens total oberflächlich war oder wir uns gar nichts zu sagen hatten oder dass er mich im schlimmsten Fall live gar nicht mehr attraktiv und interessant fand.

„Oh, schon so spät!“ Clemens wirkte genauso überrascht, wie ich es eben gewesen war. Die Zeit war wirklich schnell verflogen. „Ja, vermutlich ist es wirklich das Beste, wenn du dich jetzt auf den Weg machst. Ich will ja, das du heil ankommst!“ Er war ebenso wenig erfreut wie ich. „Aber vermutlich wirst du nicht bei mir übernachten wollen, nachdem wir uns heute erst kennen gelernt haben.“

„Naja, ehrlich gesagt würde ich das sogar in Betracht ziehen, wenn ich nicht aktuell bei meinen Eltern wohnen würde. Durch die Ausbildung konnte ich mir keine eigene Wohnung leisten. Dementsprechend wissen meine Eltern aber, dass ich mich noch „mit einem wildfremden Kerl aus dem Internet“, wie meine Mutter es so schön formuliert hat, getroffen habe. Wenn ich heute nicht nach Hause komme und mich nicht gleich schon mal kurz melde, bevor ich losfahre, alarmiert die auf jeden Fall die Polizei.“
„Zu dumm“, seufzte Clemens. „Aber ich will ja nicht gleich einen schlechten Eindruck bei ihnen hinterlassen, falls ich sie irgendwann mal kennen lernen sollte.“ Er stand auf. „Du willst dich vor der Fahrt bestimmt nochmal kurz frisch machen. Ich gehe solange zahlen.“
„Du musst nicht...“, begann ich, doch er unterbrach mich sofort. „Ich habe dich angerufen und eingeladen, also bezahle ich selbstverständlich auch. Außerdem hattest du ja noch die Fahrtkosten. Du darfst dich gerne demnächst revanchieren.“
„Gut, dann vielen Dank.“ Ich stand ebenfalls auf und ging auf Toilette, schließlich wollte ich nicht in der Dunkelheit an irgendeinem versifften Rastplatz halten und auf Klo gehen müssen. Anschließend spritzte ich mir Wasser ins Gesicht, um die Müdigkeit halbwegs zu vertreiben.

Clemens wartete bereits neben dem Ausgang auf mich. Er begleitete mich noch zu meinem Wagen. „War echt schön, dass du dich darauf eingelassen hast und hergekommen bist. Ich bin echt froh, dass ich dich wirklich angerufen habe, obwohl sowas ja eigentlich nicht erlaubt ist.“
„Keine Sorge, ich bin auch total glücklich, dass du das gemacht hast. Der Abend war wirklich toll und es war definitiv die richtige Entscheidung, hierher zu kommen“, versicherte ich ihm.
„Super, dann passt es ja. Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.“
„Das hoffe ich auch, aber ich fürchte, es wird noch dauern, da du ja nicht gerade um die Ecke wohnst.“
Statt einer Antwort legte er seine Hände an meine Wangen und küsste mich. Bereitwillig erwiderte ich den Kuss, zog ihn an mich. Normalerweise glaubte ich nicht unbedingt an Liebe auf den ersten Blick, aber das hier hatte definitiv Potential und ich hoffte, dass es mit einem Job hier in der Gegend klappen würde.

Weil es so schön war und Clemens echt gut küsste, dauerte es viel zu lange, bis ich mich schließlich losriss. „Ich muss...“
„Ja, du hast recht. Gute Fahrt, pass auf dich auf und schreib mir kurz, wenn du heil angekommen bist, okay?“

Ich nickte und stieg dann in mein Auto. Ansonsten würde ich vermutlich doch bei ihm übernachten müssen. „Bis hoffentlich bald“, sagte ich durch das Fenster, was ich runtergelassen hatte, nachdem ich meiner Mutter kurz eine SMS geschickt hatte.
„Bis bald und gute Fahrt!“ Clemens winkte mir noch hinterher, bis er außer Sichtweite war.

Die Fahrt war ziemlich anstrengend, weil ich wirklich müde war, vor allem gegen Ende. Zum Glück war nicht viel los, sodass ich gut durchkam und etwas weniger als anderthalb Stunden brauchte. An das letzte Stück konnte ich mich jedoch nicht mehr wirklich erinnern. Wurde Zeit, dass ich ins Bett kam!

„Und, wie war es? Schön, dass du heil wieder da bist. Ich hab mir ja schon Sorgen gemacht“, wurde ich von meiner Mutter überfallen, kaum dass ich die Tür aufgeschlossen und den Flur betreten hatte.
„Es war sehr schön, Clemens war sehr nett und ich bin jetzt wirklich müde und will einfach nur noch ins Bett, Mama“, entgegnete ich.
„Oh, natürlich, war sicher sehr anstrengend für dich“, räumte sie betreten ein. „Dann will ich dich nicht aufhalten. Schlaf gut.“ Sie drückte mich fest, gab mir einen Kuss auf die Wange und verschwand, um selbst auch ins Bett zu gehen.
Keine fünf Minuten später nach einer Katzenwäsche lag ich in meinem Bett und holte mein Handy hervor.
„Vielen Dank für den wunderschönen Abend. Geh jetzt schlafen und werd von dir träumen“, schrieb ich Clemens.
„Dann werde ich das Gleiche tun. Bis in unseren Träumen“, antwortete er sofort. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.

tbc
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