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Der neue Component

von Knirps
GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Electra Joule Volta Wrench
06.01.2020
18.01.2020
7
5.608
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07.01.2020 817
 
Manche mögen das vielleicht als zu hart empfinden, aber ich bin gegen eine zu starke Vermenschlichung der Züge und Wagen. Natürlich haben sie Emotionen und Gefühle, aber in meinen Augen haben sie ein komplett anderes Schmerzempfinden und auch der Heilungsprozess sollte mit einer simplen Reparatur abgeschlossen sein.

Es waren bereits einige Tage seit dem Totalschaden, den der E-Zug erlitten hatte, vergangen. Electra und die 'alten' Components, also Joule, Volta und Wrench, konnten noch am selben Tag, direkt nach dem Aufwachen, die Werkstatt verlassen. Killerwatt war zwar bereits wieder ansprechbar, allerdings machten ein paar der wiederverwendeten Teile Probleme und auch sein System war noch nicht vollständig geladen und installiert.

In den darauffolgenden Tagen gewährte ihnen Control eine kurze Trauerzeit, ehe er sie wieder auf die Strecke schicken wollte. Doch Killerwatt war noch immer in der Werkstatt und Electra weigerte sich schlicht, ohne ausreichende Security den Bahnhof zu verlassen. Also blieb Control nichts anderes übrig als ihre Pause zu verlängern.

Doch nun war es soweit - Killerwatt durfte die Werkstatt verlassen. Control hatte sie  bereits am Abend vor der Entlassung informiert und so hatten die Components genügend Zeit, alles für seine Ankunft vorzubereiten. Schweren Herzens packten sie die Habseligkeiten von Krupp und Purse in Kisten und verfrachteten diese auf den Dachboden, bis auf ein paar wenige Erinnerungsstücke, welche zur Dekoration im Wohnzimer hinzu gefügt wurden. So sorgten sie dafür dass der neue Wagen auch ein Bett und einen Schrank hatte. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal etwas, was er dort reinstellen konnte, denn er war ja genau genommen erst seit wenigen Tagen auf der Welt. Dennoch wollten sie ihm von Anfang an seinen eigenen persönlichen Bereich gestatten, auch wenn Wrench, nun die Jüngste im Bunde, beinahe in Tränen ausbrach als sie den alten Teddy von Purse in einen der großen Umzugskarton legte. Wie oft hatten sie ihn doch eben wegen dieses Kuscheltieres gehänselt und geärgert. Nun würden sie das nie wieder tun können.

Mitkommen wollte aber keiner der Mädels, sie weigerten sich vehement die Kupplungsringe von Electra zu ergreifen. Weshalb konnte die E-Lok nicht verstehen und so machte er sich, leicht verärgert, alleine auf dem Weg.

In letzter Zeit hatte er die große Werkstatthalle gemieden, war nicht wie es eigentlich Gewohnheit war zum täglichen Check gekommen. Warum? Nun, das lag doch auf der Hand: nur durch das inkompetente Verhalten der Mechaniker, durch das fahrlässige Anbringen eines Zettels mit einer Reiszwecke, war es überhaupt zu dem tödlichen Unfall gekommen. Deswegen hatte Wrench in letzter Zeit die Aufgabe übernommen, nach seinem täglichen Morgentraining einmal über seine Laufwerke und Getriebe zu schauen.

Doch hatte Electras Abwesenheit in der Werkstatthalle einen negativen Nachhall, von dem er bis jetzt noch nichts mitbekommen hatte: Man hatte Killerwatt, welcher die Mechaniker über alles ausgefragt hatte was diese zu seinen neuen Partnern wusste, erklärt, dass Electra jeden Morgen vorbei schaute um sich selbst durchchecken zu lassen. In dem Glauben gelassen und nicht über die Abwesenheit seines Meisters informiert glaubte dieser nun, von Anfang an als nicht gut genug eingestuft worden zu sein. Auch wenn der Sicherheitswagen von sich selbst sehr überzeugt und sich sicher war, dass er seine Arbeit gut machen würde, nagten nun Selbstzweifel an im. Weshalb kam er ihn nicht besuchen, wenn er doch eh schon im Gebäude war?  Diese Frage beschäftigte ihn zutiefst und als der Tag seiner Entlassung kam, hatte er Bedenken dass er überhaupt je abgeholt werden würde.
Entgegen der Anweisungen der Mechaniker wartete er vor der Werkstatthalle, um auf jeden Fall einen Blick auf Electra erhaschen zu können. Selbst wenn er ihn nicht haben wollte, nur zu seinem täglichen Routinecheck kommen würde, er würde ihn zumindest noch einmal sehen können, ehe er dafür sorgte dass er ihm nicht mehr unter die Augen kam. Wahrscheinlich würde er sich irgendeinem Geldtransporter anschließen, immerhin konnte er nichts anderes als als Security arbeiten.

Da kam er auch schon. In gemächlichem Tempo, leise, rollte er um die Ecke. In Electra fiel ein Stein vom Herzen, als er seinen neuen Sicherheitsmann vor dem Gebäude auf ihn warten sah. Das würde ihm schon einmal Pluspunkte einbringen, so viel war sicher, denn so musste er den vermaledeiten Mechanikern nicht näher als notwendig kommen. Killerwatt ging fast vor lauter Bewunderung in die Knie. Electra war genau so, nein, noch besser, als er ihn von dem einen kurzen Treffen in Erinnerung hatte. Seine silbernen Metallelemente schillerten mit den zahlreichen LEDs um die Wette. Schließlich sank er doch auf die Knie, genau in dem Moment, in dem Electra vor ihm stehen blieb. Er blieb stehen! Bedeutete das, das er ihn doch wollte?

Dieser Neue hatte nicht nur den Anstand besessen ihn vor den Verrückten in der Werkstatt zu retten, nein, nun zeigte er auch noch seine Ehrerbietung auf eine höchst eindrucksvolle Art und Weise. Eines dieser seltenen Lächeln, entstanden durch Zufriedenheit und Amüsement, stahl sich in seine Gesichtszüge: "Killerwatt, ja? Komm, lass uns gehen."
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