Safe Haven

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
06.01.2020
24.01.2020
6
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Viel zu sagen außer danke mal wieder an alle, die diese Story lesen, hab ich nicht!
Also: Danke und viel Spaß mit Prompt numero tres! xoxo


***


03 Sich übereinander lustig machen


Ungeduldig zerrte Joko an seiner Krawatte, die so gar nicht nach seiner Pfeife tanzen und sich partout nicht von seinem Hals lösen wollte. „Blödes scheiß Drecks Teil!“, fluchte er, zerrte noch einen Moment an dem Stoff, doch gab dann einfach erschöpft auf und ließ sich stattdessen auf das Sofa seiner Garderobe fallen, um sich die Schuhe, bei denen er sich nicht mal mehr die Mühe machte die Schnürsenkel zu öffnen von den Füßen kickte. Dann ließ er seinen Kopf nach hinten auf die Lehne sinken, rieb sich mit den Händen über das müde Gesicht und fand die Vorstellung für immer hier so sitzen zu bleiben und sich nie wieder zu rühren plötzlich sehr verlockend.

Davon abgesehen, dass ihm alles weh tat, er den Weltmeistertitel heute zum dritten Mal in Folge an Klaas verloren hatte und sein Bocklevel inzwischen so ziemlich im dreistelligen Minusbereich angekommen war, hatte er den halben Abend gute Miene zu bösem Spiel betreiben müssen und das war unendlich auslaugend gewesen. Eigentlich war er sogar noch zuerst ganz gut gelaunt in den Abend gestartet. Sie hatten gestern ihren einzigen freien Tag in München gehabt und den hatten Klaas und er entsprechend ausgenutzt und hatten ganz viel ekliges Pärchen Zeugs gemacht, zu dem ihnen sonst oft die Zeit fehlte. Vielleicht war es auch deswegen gewesen, dass seine Laune anfangs trotz zwei vergangenen Niederlagen so gut gewesen war und weshalb sie so grottig geworden und so tief gefallen war, nach Klaas‘ dummen Spruch.

Klar, Klaas riss oft dumme Sprüche. Sie stichelten beide, sie neckten sich gegenseitig, sie traten beim Duell um die Welt selbst in der Team Edition immer noch gegeneinander an. Sie waren in diesem Format Kontrahenten und da gehörte es eben dazu, dass sie sich auch schon mal gegenseitig Sprüche drückten. Meistens kam Joko damit auch ganz gut klar, konterte und lieferte sich mit Klaas ein kleines Wortgefecht, das bei den Zuschauern gut ankam. Er wusste eben, dass er da seine Gefühle für den anderen Mann kurz hinten anstellen und den letzten Rest an Ehrgeiz und Rivalengeist in sich zusammen kratzen musste. Und ja, meistens klappte es ganz gut, aber eben nicht immer.

Und heut war wieder so eine Situation gewesen, da hatte Klaas eine Grenze übertreten und vielleicht war er da empfindlicher geworden, wie Klaas ihm schon das ein oder andere Mal vorgeworfen hatte und er übertrieb und blablabla, aber das änderte nichts daran, dass es nun mal weh getan hatte. Es hatte wehgetan und tat auch jetzt noch so bitter weh, auf eine Art und Weise, wie ihn leider auch niemand verletzten konnte, außer eben der Heufer-Umlauf.

"Ich hab kein Schauspieltalent?! Komischerweise kauft mir aber jeder seit ziemlich lange Zeit schon ab, dass ich den Trottel da liebe, wenn man sich die Quoten mal so ansieht und niemand merkt wie egal der mir eigentlich nach wie vor ist."
Ein einfacher Satz, den Klaas da eben rausgehauen hatte und der vermutlich an ihm abprallen sollte. Das war Show-Klaas gewesen, die Version von ihm, die für die Öffentlichkeit war und die Joko gerne fertig machte, der eben sein Rivale war und ohne Rücksicht auf Verluste auf Sieg aus war. Das war nicht sein Klaas, nicht sein Freund, nicht die Person, die ihn liebte und die er mit allem, was er hatte, liebte. Das wusste Joko irgendwo, doch es half gerade nicht im Geringsten, denn er selbst konnte das einfach nicht so. Er blieb irgendwie er selbst, ob jetzt vor oder hinter der Kamera und vielleicht war es auch deswegen, dass er sich solche Sprüche gerade, wenn sie von Klaas kamen, hin und wieder sehr zu Herzen nahm.

Vielleicht war das aber auch echt zu weit unterhalb der Gürtellinie gewesen, denn sogar Jeannine hatte den Kopf geschüttelte, das Publikum gebuht und Klaas hatte ihn danach auffällig oft am Arm berührt und versucht seinen Blick zu fangen, so wie er das immer tat, wenn er merkte, dass er zu weit gegangen war und seine eigene Sorge darüber zu kompensieren versuchte. Normalerweise ließ Joko sich auch darauf ein, erwiderte den Blick, lehnte sich in die Berührung, schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. Doch heute war das irgendwie nicht so einfach gegangen. Er hatte immer wieder diesen Satz gehört, wie einfach er Klaas über die Lippen gegangen war, wie er so schadenfroh gelacht hatte und wie verdammt scheiße sich das angefühlt hatte.

Das leise Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken in dem Moment und Joko verzog das Gesicht. „Jetzt nicht!“, rief er, nicht in der Stimmung jetzt mit irgendwem die Abendplanung zum Saufen durchzugehen, zu hören wie gut die Show gelaufen war oder sonst was. Er wollte seine Ruhe, im Selbstmitleid baden und Klaas verfluchen. Die Tür öffnete sich nur leider trotzdem und Joko riss den Kopf herum, bereit egal wen jetzt anzuschnauzen. Nur leider stand, wie sollte es auch anders sein, Klaas, bereits umgezogen und wohl abfahrbereit, da vor ihm und jedes Wort blieb Joko in der Kehle stecken.

Sie starrten sich einen Moment stumm an bis Klaas sich räusperte, sichtlich unwohl von einem Fuß auf den anderen trat und dann murmelte: „Hey…“

Joko ballte die Hände zu Fäusten, drehte den Kopf ruckartig wieder weg und schloss die Augen. Ja, manchmal hasste er den Kerl wirklich. „Hey?!“, schnaubte er dann ungläubig. „Echt jetzt? Was Besseres ist dir nicht eingefallen?“

Klaas seufzte tief und nur kurz darauf senkte sich das Polster neben Joko ein, als der Jüngere dort Platz nahm. „Man Joko… Der Spruch war dämlich, ich weiß das. Tut mir ja auch leid.“

Gott, das war auch wieder so typisch Klaas. Der machte es sich so einfach. Es tat ihm leid, ja ja, bis zur nächsten Aufzeichnung und bis zum nächsten dummen Spruch. Dann kam wieder sorry und Joko vergab ihm und alles war gut und dann passierte wieder alles von vorne, wie ein Teufelskreis, aus dem sie niemals entkamen.

„Winti…“ Klaas umfasste vorsichtig seine Hände, um die Fäuste zu lösen. „Komm schon, fahr einen Gang runter. Das war Show und das weißt du.“

Das war Show. Das war auch so ein typischer Klaas‘ Spruch und langsam kotzte es Joko wirklich nur noch an! Wirsch stieß er Klaas‘ Hände also weg, sprang auf die Füße und ging zurück zum Spiegel, um einen neuen Versuch zu starten seine Krawatte zu lösen. „Ja ja, klar“, zischte er dabei lediglich. Es verstrich ein Moment, in dem von Klaas kein Mucks kam und in dem Joko schon wieder an seiner Krawatte verzweifelte. Das Teil war ein Fluch!

Das Sofa knarzte leise als Klaas aufstand und zu ihm rüber kam. Es hatte sich eine Tiefe Furche auf seiner Stirn gebildet, während er mit erstaunlich bestimmenden Griff um seine Schulter Joko in seine Richtung drehte, was dieser nur widerwillig zuließ und erst stumm seine Krawatte scheinbar problemlos löste bevor er langsam anfing sein Hemd aufzuknöpfen. Der Ältere ließ ihn machen, starrte sein Gesicht dabei unentwegt an und bekam doch keinen Hinweis darauf, was sich gerade in Klaas‘ Innerem abspielte. Er trug dieses Pokerface, was er auch oft vor der Kamera trug und was meistens niemand außer Joko durchschauen konnte. Nur gerade war da leider auch für ihn nichts zu erkennen, vor allem da er auch ganz bewusst seine Augen mied.

Klaas schwieg auch eisern bis zum letzten Knopf seines Hemdes, von wo aus er seine Hände in die Taschen seiner eigenen Jogginghose schob und dann erst langsam wieder zu ihm aufsah. Das Blau war im Gegensatz zu seinem Gesicht voller Emotionen, sodass Joko im ersten Moment überrumpelt war bis Klaas mit ernster Stimme sagte: „Ich liebe dich, Joko.“ Es waren diese drei einfachen Worte, die Joko normalerweise bei egal was immer schwach machten, doch gerade taten sie fast schon seltsam weh.

Er drehte den Kopf also weg, schnaubte leise und fragte: „Ach was?“  Er wollte noch einen Schritt weg von Klaas machen, warum wusste er selbst nicht, wenn die Nähe zu ihm sonst das Heilmittel gegen so ziemlich alles für ihn war, doch der reagierte schneller, war schon hinter her und hatte sein Hemd gegriffen, um ihn bei sich zu halten. „Winti, komm schon… Das… es war richtig scheiße von mir, ich weiß. Aber es war nur ein dummer Spruch für die Show. Also beruhig dich jetzt bitte endlich mal.“

Wow. Hatte der Typ eigentlich irgendwas geschnallt?! Es brodelte gewaltig in Joko und er konnte gerade nicht mehr an sich halten und alles schlucken, so wie er das sonst immer tat für das Arschloch hier. Schmerz, Enttäuschung und Verständnislosigkeit waren wie Benzin für die sowieso schon brennende Wut in ihm und so schlug er Klaas' Hand wieder weg. „Alter… es ist immer für die scheiß Show bei dir! Ich hab da keinen Bock mehr drauf! Ich könnte sowas nie zu dir sagen, egal ob es für die Show ist oder nicht und du bist einfach andauernd so ein beschissenes Arschloch zu mir, alter! Du tust mir weh, Klaas! Checkst du das eigentlich?! Mit jedem dieser dummen Sprüche tust du mir so weh und es interessiert dich einfach einen scheiß Dreck wie es mir geht, wenn du so bist! Dann heißt es immer nur: Och Winterscheidt, stell dich nicht so an, heul nicht so rum, ist doch nur für die Show! Aber es reicht mir jetzt! Du kannst mich mal! Ich hab da einfach gerade gar keinen Bock mehr drauf!“

Klaas‘ Augen wurden bei diesen Worten alarmiert groß und als Joko an ihm vorbei wollte, griff er nach seinem Arm, so fest, dass seine Finger sich schon schmerzhaft in Jokos Arm bohrten. „Was soll das heißen?“, fragte er dazu eindeutig panisch.

Was genau das heißen sollte wusste Joko gerade selbst nicht. Er war überfordert, enttäuscht, verletzt, müde, kraftlos. Er wollte nicht mehr diskutieren und sich doch immer nur im Kreis drehen. Er schüttelte also nur den Kopf und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Vergiss es einfach, Klaas…“ Er versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. „Lass mich einfach in Ruhe. Verarschen kann ich mich nämlich auch echt alleine. Dafür brauch ich dich echt nicht auch noch."

„Nein!“ Klaas machte einen großen Schritt, stand jetzt vor Joko und umfasste sein Gesicht, um ihm direkt in die Augen zu sehen. „Winti, hey… fuck, ich... bitte, du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass das die Wahrheit war, was ich da gesagt hab! Da war dumm und unüberlegt und gelogen! Ich liebe dich! Und das meine ich komplett ernst und ehrlich! Was ich für dich empfinde, das… das hatte ich vorher noch nie in meinem ganzen Leben, weißt du? Und klar überfordert mich das manchmal und macht mir Angst, weil… alter, ich weiß nicht was du mit mir machst, ich kann mir das kein Stück erklären, warum ich so komplett blöd werde, wenn du mich auch nur ansiehst und... und deswegen verhalte ich mich wohl auch hin und wieder so total dumm und bescheuert und ich… ich weiß das! Und ich weiß auch, dass ich dich nicht verdient habe, aber fuck… ich glaube nicht, dass dich irgendjemand so sehr liebe kann wie ich das tue! Und wenn du das möchtest, dann… ich sag’s der ganzen Welt! Auch nochmal und völlig deutlich! Ich schäm mich nicht dafür dich zu lieben, ich steh dazu, wirklich und…“

„Klaas, darum geht es doch gar nicht…“

„Worum denn dann? Joko, sag mir bitte was ich machen kann… ich tu alles für dich.“

Joko seufzte tief und ließ seine Stirn vorsichtig nach vorne und gegen die von Klaas sinken. Er musste die Augen selbst nicht öffnen, um zu wissen, dass Klaas seine Gesichtszüge aufmerksam und verzweifelt betrachtete und er wusste auch so, dass es ihm wirklich leid tat und er den Satz bereute. So war Klaas eben. Er hatte Angst davor wie tief diese Gefühle zwischen ihnen gingen und was passieren würde, wenn das so an die Öffentlichkeit geriert. Denn klar, sie waren geoutet, aber trotzdem hielten sie ihre Beziehung eben privat. Sie gingen nicht Hand in Hand über den roten Teppich, küssten sich nur selten vor Kameras und machten keine groß verknallten Posts füreinander auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Sie wollten nicht als das schwule Promi Paar angesehen werden, ihre Liebe vermarkten lassen und sich selbst oder schlimmsten Falls noch sich gegenseitig in dem Ganzen verlieren. Da waren sie sich auch einig und das war auch schon vor ihrem Outing klar gewesen. Ihre Beziehung war ihre private Beziehung und die Details ging nun mal niemanden etwas an.

Nur war Klaas‘ Reaktionen darauf vor der Kamera, dieses blinde und wilde um sich treten und schlagen nicht die Lösung dafür, vor allem da er Joko eben immer wieder mit erschreckender Zielsicherheit mitten ins Herz traf und er langsam nicht mehr wusste wie lange er das noch schaffen würde ohne daran kaputt zu gehen. Nur was war die Alternative? Ein Leben ohne Klaas? Nicht wirklich vorstellbar für Joko.

„Es tut mir wirklich, wirklich leid“, flüsterte Klaas gerade und atmete zittrig durch. „Ich bin der größte Vollidiot auf dieser Welt und ich…“

„Klaas“, unterbrach Joko ihn da. Denn so sehr er Klaas für diese Aktionen hasste und ihm die Pest an den Hals wünschte und so wütend er auch war, so sehr brauchte er den Kerl nun mal leider auch, in seinem Leben und an seiner Seite, egal was kam. So paradox und unlogisch das sogar für ihn selbst erschien. Er öffnete die Augen schließlich wieder und traf auf das Blau, was so durcheinander und verzweifelt und ängstlich war, dass sich Jokos Brust unwillkürlich zusammen zog und seine eben noch flammende Wut zu kaum mehr als einem mickrigen kleinen Lichtlein erloschen ließ. „Hör auf dich so entschuldigen", murmelte er also. „Ich kann dir nicht sagen, dass es okay ist, weil es das einfach nicht ist, aber ich weiß, dass es dir leid tut und ich weiß, dass du das ehrlich meinst.“

Klaas biss sich auf die Unterlippe, doch nickte dann. „Tu ich wirklich. Und ich werde mehr drauf achten in Zukunft, wirklich. Ich will nicht so zu dir sein... Ich hasse mich selbst, wenn ich das im Nachhinein sehe, ehrlich ich... ich weiß auch nicht... keine Ahnung...“

Joko seufzte nur leise, denn das hatte er auch schon öfter gehört, doch er beließ es dieses Mal dabei. Ihm taten schließlich auch alle Knochen weh und er wollte nur noch ins Bett. Er streckte sich also stattdessen nur und gab Klaas einen sanften Kuss auf die Stirn bevor er leise fragte: „Können wir bitte einfach ins Hotel? Ich bin echt erledigt...“

„Klar!“, erwiderte Klaas sofort und ließ es dieses Mal zu, dass Joko sich von ihm löste, damit er seine Tasche vom Sofa holen konnte. Mit dieser geschultert sah er wieder zur Tür, wo Klaas mit ausgestreckter Hand auf ihn wartete. Und Joko musste zugeben, dass er irgendwie niedlich aussah, wie er da stand mit zerwuschelten Haaren, schiefem Grinsen und wenn Joko sich den großen Pulli, den er trug so ansah, war das wohl auch einer von ihm. Allein das reichte, um sein geschundenes Herz schon wieder etwas kräftiger schlagen zu lassen und er verschränkte ihre Finger miteinander, sobald er Klaas erreicht hatte.

Klaas lächelte darauf verräterisch erleichtert und blieb noch einen Moment stehen, um ihre Hände zu seinem Mund zu führen und einen Kuss auf Jokos Handrücken zu platzieren. „Ich liebe dich, Joko“, murmelte er dann.

Der Ältere drückte zur Antwort seine Hand kurz und erwiderte das Lächeln warm, denn er liebte den Kerl auch und manchmal musste er sich eben daran erinnern, dass bei aller Liebe, sie beide eben auch nicht perfekt waren und das war auch okay. Sie machten Fehler und manchmal verletzten sie einander, doch am Ende des Tages war das, was da zwischen ihnen war, stärker als alles andere und das war das einzige, was wirklich zählte.
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