Vierzig Prozent

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P18
Hank Anderson PL600 Simon RK200 Markus RK800-51-59 Connor
06.01.2020
05.02.2020
5
18032
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Freie Tage, Wochenenden, Feiertage. Sie waren am schlimmsten.
Das halbvolle Glas fühlte sich in Hanks Händen warm an. Whisky besaß eine samtige, weiche Textur, bewegte sich, als wäre er schwerer als er aussah. Dunkel, bernsteinfarben, mit einem kratzigen Duft. Glühend rann er ihm die Kehle hinab, hinterließ ein ätzendes Brennen und eine falsche Wärme.
Hank griff nach der Flasche und schüttete einen weiteren, großzügigen Schluck ins Glas.  Allmählich dämpfte der einsetzende Rausch die ihn umgebenden Geräusche. Die Nachrichten im Fernseher wurden zu einem fernen Rauschen.
Zusehends leerte sich die Flasche und vor Hanks Augen tanzten farbige, blitzende Punkte. Er sollte direkt hier am Küchentisch schlafen, das kurze Vergessen genießen, die schwindenden Schuldgefühle und den ertränkten Kummer den ihn der Alkohol für ein paar Stunden schenken würde.
Sumo grummelte leise und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass er den beladenen Couchtisch leerfegte. Leere Pizzaschachteln und Bierdosen verteilten sich auf dem Teppich, ohne dass es Hank kümmerte. Er hörte es kaum mehr. Die Trunkenheit ließ ihn seine Umgebung nicht länger wahrnehmen. Alles Sichtbare sammelte sich direkt vor seinem Gesicht, der Rest lag in einer von kleinen Blitzen durchzogenen Dunkelheit, die sich wattig und schwer anfühlte. Sein Körper war  so taub wie seine Sinneswahrnehmung. Schwerfällig wie sein benebelter Geist.
Krampfhaft schlossen sich seine Finger um die kantige Flasche und zogen sie zu seinen Lippen.
Vergessen, einfach nur vergessen, den Schmerz betäuben und die ewig kreisenden Gedanken zum Verstummen bringen. Er wünschte sich, am nächsten Morgen aufzuwachen und erleichtert festzustellen, dass alles nur ein viel zu langer Alptraum war. Er würde Cole in seine Arme schließen, mit ihm Angeln gehen und ihn Süßkram essen lassen, bis er Bauchweh bekam. Aber es würde kein Erwachen geben, der Schmerz zurückkehren. Vielleicht war es besser, nie mehr aufzuwachen, dann könnte er wenigstens in seinen Träumen glücklich sein oder in der unendlichen Leere auf ewig verloren gehen.

Wortlos wurden seine Finger von der Flasche gelöst und er wurde vom Stuhl gezogen. Er ließ sich mitschleifen. Egal wohin.
Sanft wurde er in seinem Bett abgelegt, sein Hemd wurde ihm ausgezogen und die Bettdecke über ihm ausgebreitet. Die Matratze senkte sich, als die Person, die von der Schwärze verdeckt wurde, sich kurz neben ihn setzte und mit ihm sprach. Hank verstand kein Wort. Nur noch das sinnlose Rauschen.
Im Haus wurde das Licht gelöscht, der Fernseher ausgeschaltet und sämtliche Vorhänge geschlossen. Einmal noch, wurde die Haustür geöffnet und geschlossen und danach war es still.

Mitten in der Nacht erwachte Hank. Sein Magen rebellierte. Der größte Teil des Rausches war verflogen, doch seine Glieder und sein Verstand waren noch immer bleischwer. In seiner Kehle sammelte sich ein unangenehmes Brennen und er griff sich den Putzeimer, den jemand in weiser Voraussicht neben sein Bett gestellt hatte. Es blieb bei einem Würgen und Hank setzte sich auf.
Die Stille wirkte nicht mehr derart bedrückend wie am Abend. Er stellte den Eimer ab und quälte sich stöhnend aus dem Bett. Schlurfend trat er an das große Schlafzimmerfenster, schob den Vorhang beiseite und sah hinaus. Über Nacht hatte erneut starker Schneefall eingesetzt und die Fenster waren eingeschneit. Flocken trieben dicht gedrängt an den Straßenlaternen vorbei. Am Haus gegenüber blinkte und funkelte noch die prächtige Weihnachtsdekoration.
Vielleicht sollte er sich dieses Jahr auch einen Baum anschaffen und ihn schmücken. Er könnte ein Geschenk für Sumo kaufen und vielleicht auch eines für …
Er schüttelte den Kopf. Sumo würde leidenschaftlicher reagieren.
Hank sah zurück zum Bett. Wie war er dorthin gekommen?
Nachdem das Brennen in seiner Kehle verschwand, spürte er die Trockenheit und den unerträglichen Durst. Ein Glas Wasser würde ihm guttun.
Schweren Schrittes schlich er den Korridor entlang, trat auf eines von Sumos Spielzeugen, dessen Quietschen ihm in den Ohren dröhnte. Im schwachen Straßenlicht, das durch die Vorhänge fiel, glaubte er zu erkennen, wie sein Hund den massigen Kopf hob. Er fiel über ein weiteres Spielzeug und ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten.
„Scheiße“, fluchte er heißer und tastete nach dem Lichtschalter neben dem Türrahmen. Noch bevor er ihn erreichte, blickte er zurück zu der Stelle an der sein Hund lag.
War dort nicht etwas? Als verdichte sich an dieser Stelle die Dunkelheit zu einem soliden, hohen Schatten, der reglos verharrte.
Hank schlug auf den Lichtschalter, blinzelte in die schmerzhafte Helligkeit und stolperte erschrocken rückwärts in die Küche.
„Scheiße! Connor! Bist du wahnsinnig? Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen!“ Er rieb sich demonstrativ die schmerzende Brust.
Ruckartig hoben sich Connors Augenlider. „Tut mir leid, Lieutenant.“
Hank verzog das Gesicht. Connor stand zwischen Fernsehkommode und Kamin, und der Anblick gefiel ihm überhaupt nicht. Sumo lag zu Connors Füßen und hob gähnend den Kopf. Hank schmerzte das Herz erneut, nur aus einem anderen Grund, den er vehement zu verdrängen suchte.
„Was machst du überhaupt hier? Wie bist du hier reingekommen? Hast du wieder ein Fenster eingeschlagen?“
„Sie haben mir Ihren Zweitschlüssel gegeben, Hank.“
„Aha“, sagte er langsam, ohne sich wirklich daran erinnern zu können.  „Und warum bist du hier? Hast du dir Sorgen gemacht?“
„Nein.“  Die Antwort kam viel zu schnell.
Hank nickte und goss sich das dringend benötigte Glas Wasser ein. In einem Schluck stürzte er es  hinunter. Connor hatte die unschönen Spuren der vergangenen zwei Nächte beseitigt und den Müll hinaus gebracht. Der Küchentisch war von den klebrigen Resten des Alkohols  befreit worden und Sumos Futterschüssel war frisch gefüllt. Hatte er selbst das vergessen? Hank nahm sich ein weiteres Glas Wasser mit. Connor hatte sich noch immer nicht bewegt, beobachtete ihn aber aus warmen, braunen Augen.  Bevor er wieder in den Korridor zurücktrat, wandte er sich nochmals an den unbeweglichen Androiden.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?“, sagte er und gestikulierte mit der freien Hand. „Steh da nicht 'rum wie ein verdammtes Möbelstück. Leg dich auf die Couch, wenn du schon hierbleibst.“
„Ich muss nicht-“
„Ich weiß, tu es trotzdem.“
„Verstanden.“  

Umständlich ließ Connor sich auf die Couch sinken und wusste nicht recht, wohin mit Armen und Beinen. Er musste die Knie ein wenig anziehen, um richtig liegen zu können. Einen Arm legte er auf die Sofalehne und seinen Kopf auf ebendiesen Arm. Das war nicht unangenehm.
Sumo tapste zu ihm, hechelte ihm ins Gesicht und ließ sich mit einem Seufzer fallen, schmiegte sich an die Couch und Connor streckte die freie Hand aus, um ihn zu streicheln.    
„Ich weiß, Sumo, ich mache mir auch Sorgen“, sagte er leise und bedauernd.

                                                                     ♣

Der Friedhof lag unter einen dicken Schneeschicht, welche der ewigen, andächtigen Stille dieses Ortes etwas märchenhaftes gab. Wie ein alter, verwunschener Ort, dessen schlafende Seelen unter einem friedlichen Zauber lagen.
Bedächtig ging Connor durch den festgetretenen Schnee, bis er den hohen, schwarzen Grabstein zwischen den im Winterschlaf ruhenden Bäumen erspähte.
„Markus“, sagte er leise und der wandte sich von dem Grabstein ab und ihm zu. Markus hielt den Kopf ein wenig gesenkt, die Hände in den Manteltaschen vergraben, als fröre er.
Connor gesellte sich zu ihm und schweigend erwiesen sie Carl Manfred Respekt, der nur einen Tag nach Markus' friedlicher Revolution gestorben war. Er war eingeschlafen und nicht mehr erwacht.
„Wie gehen die Verhandlungen voran?“
Markus' Blick glitt in die Ferne. Er seufzte. „Schwierig. Aber ich habe nichts anderes erwartet. Veränderungen benötigen Zeit und Geduld.“
„Ich verstehe. Hat Josh etwas aus den Daten herauslesen können, die ich ihm gab?“
„Er weiß bisher nicht mehr als du. Nur, dass es sich um einen alten Code handelt. Aber woher er kommt oder ob es, wie Kamski meinte, eine spontane Mutation ist...Wir benötigen mehr Daten zum Vergleich.“
Forschend betrachtete Markus sein Gegenüber.
„Du bist nicht hier, um darüber zu sprechen, nicht wahr? Unser Netzwerk funktioniert ausgezeichnet. Du musst nicht persönlich zu mir kommen, um das zu erfahren. Worum geht es wirklich?“
Connor berührte den schwarzen, glatten Grabstein, strich mit den Fingern über die tiefen Buchstaben und Ziffern.    
„Wie war es mit ihm? Wie war er?“, fragte er nachdenklich und auf Markus' Lippen erschien ein liebevolles Lächeln. Er vermisste den alten Mann und er scheute sich nicht, es zuzugeben.
„Er war alles für mich. Freund, Mentor … Vater. Ohne ihn fühlte ich mich verloren. Warum fragst du?“
Als Connor ihn unschlüssig ansah, nickte Markus verstehend.
„Wegen Lieutenant Anderson?“
Connor rieb sich in einer unbewussten Geste die Hände. „Ich dachte, hoffte, ich wäre zu ihm durchgedrungen und könnte ihm helfen, bei...“ Er zögerte. Markus kannte die Geschichte um Hanks Probleme. „Es ist nur schlimmer geworden und ich erkenne den Grund nicht.“
Gemeinsam gingen sie einige Meter den verschneiten Weg entlang, bis Markus Connor einen Arm um die Schultern legte.
„Ich wünschte, ich könnte dir einen Ratschlag geben. Eine Sache, die ich bei Carl gelernt habe, ist, manchmal genügt es, einfach nur da zu sein. Sei sein Freund, wie bisher, ohne ihn zu bedrängen.“
„Aber ich komme mir hilflos vor. Du hättest ihn sehen sollen. Es ist schwer zu ertragen. Mir bricht es-“
Connor biss sich auf die Unterlippe. Gefühle zu besitzen war eine Sache, sie sich einzugestehen, eine andere.  Markus ergriff ihn behutsam am Arm.
„Sei für ihn da. Mehr als Geduld und Ruhe braucht es manchmal nicht.“
„Wenn ich noch Zeit dafür habe.“
„Was?“
Connor antwortete ihm nicht, seufzte nur bedauernd und verließ ihn schweigend. Eine Antwort erzwingen konnte Markus letztlich nicht.  


                                                                  ♣


Wütend schlug Hank Anderson mit der flachen Hand auf Fowlers Schreibtisch, der dessen Wut ruhig aber angespannt entgegensah.
„Ich kann nichts machen Hank, versteh das doch. Er geht zurück.“
„Kannst du nicht wenigstens genug Zeit herausschlagen, bis die ersten Verhandlungen beendet sind? Das wird nicht mehr lange dauern. Dann wäre er zumindest frei.“
„Hank, wenn er nicht der Einzige wäre, vielleicht, aber er ist ein Prototyp. Er muss zurück.“
Schnaubend trat Hank gegen den Tisch und war versucht, sämtliche darauf liegenden Akten und Papiere auf den Boden zu fegen.
„Du traust doch dem abgehobenen Vorstand von Cyberlife ebenso wenig wie ich, und du weißt, was sie mit ihm machen werden. Glaubst du ernsthaft, er wäre wirklich der einzige seiner Art? In ihren Frankenstein-Kellern werden sie eine ganze Armee von seiner Sorte haben!“
Captain Fowler zog drohend die Augenbrauen zusammen.  
„Schluss jetzt! Das reicht! Es geht nicht, Hank! Er gehört Cyberlife!“
„Verdammt nochmal! Darum ging es doch bei dem ganzen Scheißaufstand! Dass er und die anderen eben niemandem gehören, darum, dass sie lebendig sind!“
Ein Blick von Fowler genügte, um Hank zu verdeutlichen, dass das Gespräch beendet war. Es war noch nicht viel Zeit vergangen, seit sie ein ähnliches Gespräch führten, wenn auch unter anderen Umständen. Geändert hatte sich aller Mühe und aller Verluste zum Trotz offenbar nichts. Einen weiteren Fluch knurrend wandte er sich ab, trat gegen den Mülleimer neben dem Schreibtisch, stürmte aus dem Raum und warf die Tür derart kraftvoll ins Schloss, dass das Glas gefährlich knirschte.
„Verdammt!“
Fragend sah Connor ihn von der anderen Seite des Schreibtisches an, als er sich in seinen Stuhl fallen ließ.  
Er wich dem Blick aus, strich sich mit beiden Händen durch die ergrauten Haare und zog den obersten Schubkasten seines Schreibtisches auf. Wie eine Verlockung rutschte ihm ein Flachmann entgegen. Plötzlich stand Connor neben ihm und schob die Schublade wieder zu. Sein Blick war eindringlicher geworden, besorgt, eine stumme, verzweifelte Bitte.  
Hank sah zur Seite, griff nach einer Tasse Kaffee und stellte sie wieder zurück, ohne einen Schluck genommen zu haben. Unruhe breitete sich in ihm aus, ein unangenehmes Kribbeln unter seiner Haut, das ihm bis in den Kopf stieg. Nervös rieb er sich über die Arme, stand abrupt auf, schob Connor weg und stürmte davon.  
Connor hatte ihn noch festhalten wollen. Viel zu deutlich spürte er dessen stets kühle Hand auf der seinen und wie sie abglitt.



A/N: Verbesserungsvorschläge etc. werden gern angenommen, denn ich bin mir bei dieser Story ein wenig unschlüssig, ob sie vom Ablauf und der Schreibart passt. Zumal es eigentlich nur ein OS werden sollte.
Na ja, Kritik wird grundsätzlich gern angenommen.
Lg
Alex