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Tender Love

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Saskia Berg Thure Sander
05.01.2020
01.12.2021
144
238.793
10
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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24.11.2021 1.521
 
Saskia schlug ein Bein über ihr anderes, während sie am Strand an Thures Lieblingsstelle auf einem kleinen Stück Felsen saß. Seitdem sie sich von ihm getrennt hatte, kam sie regelmäßig hierher und starrte den blauen Himmel oder das Meer an, ließ die Vergangenheit in ihren Gedanken Revue passieren…
Wie oft waren sie hier schon gewesen, hatten gemeinsame Spaziergänge unternommen und sich dabei über alles Mögliche unterhalten? Und nun konnten sie sich nicht einmal mehr in die Augen sehen. Zumindest kam es Saskia in den seltenen Fällen, in denen sie sich nur noch im Treppenhaus trafen, so vor…
Sie sprachen auch nicht miteinander, was hätten sie sich schon groß sagen sollen? Immerhin änderte sich an ihrer Situation nichts. Mit jedem Tag, der verging, blieben ihre Probleme weiterhin bestehen. Wolfgang suchte nicht noch einmal das Gespräch mit Thure, so wie Saskia es geahnt hatte und sie wusste, dass er es auch nicht mehr tun würde. Sebastian würde dieses Spiel nicht verlieren, wie hatte man auch je von etwas anderem ausgehen können?
Aber Saskia hatte sich damit abgefunden. Sollte er doch sein Leben so weiterleben wie bisher, ungestraft und gleichzeitig umjubelt vom Tiroler Volk. Saskia würde davon nie mehr etwas mitbekommen. Sie war hier, weit weg von Innsbruck, in Neustadt und sie war frei, in Sicherheit. Nie mehr Unterwerfung, Unterdrückung, Demütigung, Gewalt, Missbrauch… Eigentlich konnte sie doch froh und glücklich sein.
In den vergangen Wochen hatte sie sich selbst bewiesen, dass sie auch ohne einen Mann an ihrer Seite sehr gut leben konnte, dass sie in der Lage war, für sich selbst zu sorgen, dass es ihr sogar gut tat, auch mal alleine zu sein und nicht ständig mit irgendwelchen Beziehungsproblemen und Streitereien konfrontiert zu werden. Natürlich gab es hin und wieder Momente, in denen sie Thure vermisste, gerade dann, wenn ihr der herzförmige Handwärmer in die Hände fiel, aber ihre Erleichterung darüber, dass es nun keine handfesten Auseinandersetzungen mehr mit ihm gab, die sie jedesmal schier gequält hatten, überwogen mittlerweile dem Gefühl der Sehnsucht.
Im Grunde genommen war sie jetzt freier und selbstständiger, als je zuvor!
Nun ja, fast…
Ohne Pia, die ihr bereitwillig ihre Wohnung zur Verfügung gestellt hatte, wäre Saskia nach der Trennung von Thure wohl ziemlich aufgeschmissen gewesen. Pia hatte einen Großteil ihrer Sachen zu Marten gebracht und ihr versichert, dass sie sowieso die meiste Zeit zusammen verbrachten und fast nie getrennt waren und dass Saskia deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben brauchte. „Im Prinzip leben Marten und ich schon längst zusammen“, hatte sie erklärt. „Zwei Wohnungen sind eigentlich komplett überflüssig für uns, aber irgendwie will sich doch keiner von seinen vertrauten vier Wänden trennen.“
Was hätte Saskia nicht alles für Pias Probleme gegeben? Im Gegensatz zu denen von ihr und Thure schienen sie so unwichtig, so belanglos…
Seitdem Saskia ihm zu verstehen gegeben hatte, dass ihre Liebe nicht stark genug für alle Hindernisse war, war viel Zeit vergangen. Seither hatte sie keinen Fuß mehr in seine Wohnung gesetzt, hatte nicht geputzt und sauber gemacht, was normalerweise ihre Pflicht gewesen wäre, immerhin wurde sie dafür bezahlt. Indirekt sogar von Thure, denn ihr Gehalt war, wie bei jedem anderen Bewohner auch, in seiner Miete mit einkalkuliert. Aber Thure beschwerte sich nicht darüber, zumindest hatte Endrichs sie diesbezüglich bisher nicht ermahnt. Und Thure selbst war vermutlich auch viel zu anständig, viel zu gutmütig und wahrscheinlich auch viel zu verliebt dafür, um sie je zu verraten.
Saskia liebte ihn noch immer, natürlich tat sie das und sie hatte das Gefühl, dass das auch niemals enden würde. Aber offensichtlich waren Menschen, und wenn sie sich noch so sehr liebten, nicht immer füreinander bestimmt, manchmal waren ihre Leben oder die Welten, aus denen sie kamen, einfach zu unterschiedlich…
Seufzend schob Saskia die Gedanken der vergangenen Wochen beiseite, erhob sich und setzte ihren Spaziergang am Meeresrand fort. Sie lief ein paar Schritte und blieb dann plötzlich stehen, weil sie direkt hinter sich die Anwesenheit jemand Anderes spürte. Ihr Verdacht wurde zur Gewissheit, als sie ein lautes Schnauben vernahm. Heißer Atem strömte ihr in den Nacken.
Langsam drehte sich Saskia um und machte große Augen, als sie direkt vor sich ein schneeweißes Pferd stehen sah. „Hey. Wo kommst du denn her?“, fragte sie überrascht.
Ein Pferd am Strand? Moment… Hatte sie dieses nicht schon einmal gesehen?
Vorsichtig hob Saskia ihre Hand und fuhr dem schönen Tier über die Blesse. Es hielt ganz still und wirkte dabei entspannt, als würde es die Streicheleinheit genießen. Was für weiches, schönes Fell es doch hatte…
Als Saskia ihre Hand wieder sinken ließ, richtete das Pferd seine Ohren auf und sah sie aufmerksam an. „Was mache ich jetzt mit dir? Gibt es niemanden, dem du gehörst?“ Wieder schnaubte das Pferd und verscheuchte währenddessen mit seinem Schweif ein par Fliegen.
Wem mochte es wohl gehören? Saskia dachte nach, aber sie hatte keine Ahnung, wo hier in der Umgebung der nächste Pferdehof oder zumindest Stall war. Sie vermutete, dass das Pferd ausgebüxt war, denn es trug weder einen Sattel noch einen Halfter.
Gab es denn niemanden, dem das Pferd bereits aufgefallen war? Saskia schaute sich am Strand um, doch sie konnte keine Menschenseele finden. Während sie ihr Handy aus der Hosentasche zog und überlegte, wen sie wohl am besten anrufen konnte, hielt sie dem Pferd ihre geöffnete Hand hin. Es senkte seinen Kopf, legte seinen Nüstern hinein, und hielt wieder ganz still.
Eigentlich blieben nur Pia oder Marten, die sie um Hilfe bitten konnte. Denn die Polizei, die man in solchen Fällen vermutlich rief, würde mit Sicherheit ihre Personalien aufnehmen wollen…
Gerade, als Saskia Pias Nummer wählen wollte, ertönte plötzlich ein heller Pfiff. Sie hob ihren Blick und sah in der Ferne einen Mann, der mit beiden Armen winkte. Sofort drehte sich das Pferd um und rannte wie der Blitz los, galoppierte über den feuchten Sand und hinterließ dabei seine Hufabdrücke. Saskia bewunderte seine Schönheit währenddessen, seine Kraft, seine leichtfüßigen Bewegungen. Sie beobachtete, wie das Pferd zu dem Mann rannte und er es lobend auf den Rücken klopfte, ehe er sich auf den Rücken des Tiers schwang und sich mit den Händen an seiner Mähne festhielt.
In diesem Moment hat Saskia ein Déjà-vu: Sie erinnerte sich an den Moment, als sie die beiden das erste Mal gesehen hatte, dieses weiße Pferd und seinen blonden Reiter, die einst an ihr vorbeigezogen waren.
Der Mann hob seine Hand. Saskia tat es ebenfalls. Und ehe sie es sich versah, drehten sich die beiden um und galoppierten davon. Ohne Zügel, ohne Sattel und trotzdem waren die beiden eins, bewegten sich vollkommen gleich, in einer Harmonie, im selben Takt…
Saskia schaute den beiden verträumt hinterher und konnte dieses Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit, das sie gerade empfinden mussten, nur erahnen. Als Kind war sie selbst ein paar Mal auf einem Pferd gesessen, jedoch hatte sie das Reiten niemals richtig gelernt. Eine Sache, die sie in ihrem Leben wohl versäumt hatte…
„Bewunderst du das Pferd oder seinen schnuckeligen Reiter?“, hörte sie plötzlich Pia hinter sich fragen. Erschrocken drehte sich Saskia um und lachte verlegen. „Den habe ich doch gar nicht richtig gesehen“, erwiderte sie. „Aus dieser Entfernung…“ Pia zwinkerte ihr zu und legte ihr eine Hand auf den Rücken. „Alles okay?“, fragte sie. „Ja, alles gut. Und bei dir?“ „Alles perfekt.“
Schweigend setzten sie sich in Bewegung, liefen nebeneinander her, jeder in seinen Gedanken versunken, bis Pia irgendwann das Wort ergriff. „Thure hat morgen Geburtstag“, sagte sie. „Ich weiß…“, nickte Saskia.
„Marten und ich wollen ihn zu seinem Lieblingsitaliener einladen. Kommst du mit?“ Saskia blieb stehen und starrte nachdenklich auf das Meer hinaus. „Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist“, erklärte sie.
„Es ist sein Geburtstag!“, entgegnete Pia. „Und auch, wenn ihr euch getrennt habt, solltest du nicht vergessen, was er schon alles für dich getan und vor allem riskiert hat. Er würde sich bestimmt freuen, wenn du mitkommst.“ Sie stupste Saskia mit ihrem Finger in die Schulter, woraufhin diese matt lächelte: „Wer weiß… Vielleicht wäre er auch ganz froh drum, wenn ich nicht dabei wäre.“ „Ach komm schon!“, bettelte Pia. „Wenigstens einen Abend lang werdet ihr euch wohl wie zwei erwachsene Menschen benehmen können, ohne euch gleich zu bekriegen und zu zerfleischen. Marten und ich werden auch sicherheitshalber unsere Waffen mitnehmen, damit wir im Notfall einschreiten und euch voneinander trennen können.“ Saskia lachte kurz auf, ehe sie über Pias Bitte nachdachte.
Es war kein Abendessen zu zweit. Sie würden zu viert sein. Für Gespräche über ihre gescheiterte Beziehung, geschweige denn über einen Neuanfang würde sich also keine Gelegenheit bieten. Nicht mal für eine innige Umarmung, einen kleinen Kuss, oder sonstige romantische Gesten… Von dieser Seite her sollte dieser Abend also keine Gefahr bergen.
„Also schön“, gab Saskia schließlich nach. „Und was schenken wir ihm?“ Pia setzte ihr schönstes Lächeln auf: „Was ich ihm schenke, weiß ich bereits. Aber was du ihm schenken wirst, da werde ich mich überraschen lassen.“ Sie zwinkerte Saskia zu, ehe sie ihren Gang wieder fortsetzte.
Saskia schaute ihrer besten Freundin hinterher und stieß einen tiefen Seufzer aus. Was schenkte man einem Mann, den man liebte und dem man gleichzeitig keine Hoffnungen auf eine erneute Beziehung machen wollte?
Zumindest vorläufig nicht…
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