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A Long Way to Go

von Nialuna
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Gert Achtziger Sven Hansen
05.01.2020
05.01.2020
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05.01.2020 6.095
 
Hallo ihr Lieben,

hier ein One-Shot der Rosenheim-Cops von mir :-)
Es ist eigentlich nur ein Gedankenspiel gewesen, das sich zu knapp 6,000 Worten verselbstständigt hat - ich hatte schon immer überlegt, dass es doch logisch gewesen wäre, wenn sich Achtziger und Hansen bereits vor Hansens Übersiedlung gekannt haben - schließlich scheint ja Achtziger Hansens Vater zu kennen..
Vielleicht werde ich in Zukunft noch mehr in diesem kleinen Alternativuniversum schreiben - wir werden sehen ;-)

Der Titel ist aus dem wunderschönen Lied "Beautiful Bboy" von John Lennon - hört es euch unbedingt an, wenn ihr es noch nicht kennt!
Achso, und "Maman" ist kein Schreibfehler, das ist Französisch und bedeutet "Mama".

Viel Spass beim Lesen und ich freue mich wie immer wahnsinnig über Reviews und Favoriten!

disclaimer: alles, was ihr erkennt, ist nicht von mir :-)
Warnungen: implizierte Biphobie, verbaler Missbrauch

EDIT: Dank Maybe44 habe ich eine klitzekleine Änderung vorgenommen - ich hatte nämlich keine Ahnung, dass es Kriminaloberkommissare gibt! Danke nochmal!! :-)
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A Long Way To Go


Gert Achtziger war kein komplizierter Mann. Er liebte die Berge, klassische Musik und italienisches Essen. Einfache Dinge brachten ihm mehr Freude als komplizierte Sachverhalte. Doch zu sagen, dass er eben solchen komplexen Tatbeständen nichts abgewinnen konnte, wäre eine Lüge gewesen. Der springende Punkt lag darin, verstrickte Probleme zu ergründen, Stück für Stück auseinander zu nehmen und auf das Wesentliche zu reduzieren – sie soweit zu entstricken, dass sie eben nicht mehr kompliziert waren. Daran hatte er durchaus seinen Spaß. Und das war auch gut so, denn sonst hätte er seinen Job als Polizeidirektor direkt an den Nagel hängen können. Er leitete nun seit knapp vier Jahren das Kommissariat in Rosenheim und keiner hatte ihn damals, als er die Stelle bekommen hatte, davor gewarnt, wie wenig ‚echte‘ Polizeiarbeit er von da an leisten würde. Stattdessen ging es in einer so hohen Position wie der seinen darum, Kontakte zu haben und zu pflegen. Gert widerstrebte diese Auffassung – und musste zum Glück auch nicht so viele gesellschaftliche Beziehungen knüpfen und erhalten wie andere in ähnlichen Positionen. Das hatte er seiner sehr guten Zusammenarbeit mit der obersten Instanz der bayrischen Polizei zu verdanken. Doktor Lauser-König und Gert Achtziger kannten sich seit vielen Jahren und ihr Bündnis wurde von niemandem in Frage gestellt. Das befreite den Polizeidirektor Rosenheims von vielen lästigen gesellschaftlichen Pflichten – doch leider nicht von allen.

So kam es, dass sich Gert auf der bundesweiten Polizeigala wiederfand, die in diesem Jahr in Hamburg stattfand. Er mochte solche Veranstaltungen nur so sehr, wie er das Musikprogramm und die Verköstigung mochte. Und die jetzige war in beiderlei Hinsicht trocken. Er kannte viele der Gesichter, doch mindestens doppelt so viele hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Die gesamte Hamburger High Society war geladen und dementsprechend ermüdend waren seine bisherigen Konversationen gewesen. Langsam schlich er sich zurück zum Buffet – dort konnte er wenigstens beschäftigt erscheinen. Gerade als Gert überlegte, ob er dem langweiligen Lachs oder der faden Forelle eine zweite Chance geben sollte, spürte er, wie jemand ihm auf die Schulter tippte. Überrascht drehte er sich um und schaute geradewegs in das lachende Gesicht von Florence Hansen.

„Gert, hab ich dich doch richtig erkannt!“ rief sie mit ihrem leichten, französischen Akzent aus, legte ihre Hände auf seine Schultern und beugte sich für zwei Bisous zu ihm. Lächelnd erwiderte er die typische französische Begrüßung – sein Abend hatte endlich eine Wendung zum Guten genommen. Florence Hansen war gebürtige Französin und wunderschön. Sie war groß und hatte funkelnde grüne Augen. Hellbraunes Haar umrandete ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen in lebendigen Wellen. Sie war die Ehefrau eines der einflussreichsten Männer Hamburgs – Olaf Hansen. Gert hatte die beiden vor ein paar Jahren auf einer ähnlichen Veranstaltung kennengelernt und Florence auf Anhieb sympathisch gefunden. Sie war anders als die typische Klientel solcher Veranstaltungen – sie lachte lauter, lächelte breiter und tanzte ausgelassener. Und alles mit einer natürlichen Eleganz und Anmut, die ihr genauso viele pikierte wie neidische Blicke einräumten. Sie war wesentlich echter als der Rest der High Society sich je erhoffen konnte zu sein.

Ihr Mann war um einiger Nummern kühler. Olaf Hansen war der Inbegriff der Hamburger Oberschicht: distanziert, ehrgeizig und sehr auf sich und seine Außenwirkung bedacht. Doch wenn er bei Florence war, war er anders. Er lächelte dann mehr, tanzte sogar mit ihr – sie brachte ihn dazu, das Leben und sich selbst für eine Weile nicht ganz so ernst zu nehmen.

Was genau Florence in ihm jedoch sah, wusste er nicht. Gert konnte den zielstrebigen Ehrgeiz und das Durchhaltevermögen des Reederei-Besitzers durchaus anerkennen, genauso wie er gerne bereit war einzuräumen, dass Olaf Hansen wesentlich eleganter war und um einiges gekonnter neue Kontakte knüpfen konnte. Er lebte aber mit dem Anspruch an seine Umwelt, dass alles so verlaufen müsste, wie er es sich vorstellte und in der Gewissheit, dass ihm niemand auch nur irgendwie schaden konnte. Und diese übersteigerte Selbstsicherheit, diese Arroganz strahlte er bei jedem Schritt und in alle Richtungen aus. Und Gert war sich sicher: Nur weil er kein Problem für Olaf Hansen darstellte, kamen sie miteinander aus.

„Wie schön, dich wiederzusehen, Florence. Wie lang ist es inzwischen her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ fragte Gert und ausnahmsweise musste er keinerlei Freundlichkeit vortäuschen.

„Zu lang. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du hier bist. Jetzt habe ich hier endlich jemanden, der mehr Interesse an einer Unterhaltung als an der Abendgarderobe seines Gegenübers hat.“

Gert konnte sich ein leichtes Lachen nicht verkneifen. Sein Abend war nun definitiv um einiges lebhafter geworden.

Von Florence wusste Gert, dass sie einen Sohn hatten. Mehr hatte sie ihm noch nicht erzählen können, doch an diesem Abend fanden sie endlich die Zeit zu reden. In ihren Augen glitzerte es sanft als sie endlich über ihr einziges Kind mit ihm sprach. Er hieß Sven, war inzwischen 15 Jahre alt und ein echter Teenager. Wenn es nach Florence ginge, dann wäre er für immer ein Baby geblieben. Doch die Zeit lief unaufhaltsam vorwärts und selbst jemand so Fabelhaftes wie Florence konnte das wohl nicht ändern. So musste sie zusehen, wie ihr Bébé zu einem jungen Erwachsenen heranwuchs, der genauso stur wie seine beiden Eltern sein konnte und sich viel mehr von der Welt versprach als sie ihm je geben konnte. Die Träume der Jugend, hatte Florence immer gesagt und dabei hatte sich eine gewisse Traurigkeit in ihren Blick gelegt. Sie war eine stolze Mutter, das spürte jeder. Leider hatten sie nicht so viel mit einander gesprochen wie sie es gewollt hatten – Ansprachen und Ehemänner stellten kontinuierliche Unterbrechungen und Ablenkungen dar. Und so waren das die einzigen Dinge, die Gert über den Sohn von Florence und Olaf Hansen direkt erfuhr.


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Ein Jahr später, nach Florences Unfall, hatte Gert oft an ihren Sohn denken müssen. Er kannte ihn kaum, und doch ertappte er sich immer wieder dabei, wie seine Gedanken zu ihm wanderten. Er konnte es sich nicht vorstellen, wie es war, seine Mutter so früh zu verlieren. Er hatte, aus Gründen die er selbst nicht verstanden hatte, das dringende Bedürfnis gehabt, mehr zu tun – mit ihm seine Trauer zu teilen, seinen Schmerz zu teilen und gemeinsam mit ihm wieder das Leben zu entdecken – ihm einfach irgendwie zu helfen. Gert hatte eine gute Bekannte verloren, mit der er sich sehr gut verstanden hatte, aber die er weniger als einmal im Jahr gesehen hatte. Sven dagegen hatte seine Mutter verloren – und Olaf seine Frau. Er wusste nicht, ob Olaf und Florence sich geliebt hatten, wusste nicht ob das zwischen ihnen mehr war als ein Arrangement unter Freunden. Manchmal zweifelte er das an. Gert hatte selbstverständlich Olaf und, ja, auch seinem Sohn, schriftlich kondoliert. Er hatte nie eine Antwort erhalten oder eine Einladung zur Trauerfeier. Gert nahm an, dass er Florence dafür dann doch nicht gut genug gekannt hatte. Und das bereute er.

Als Gert das erste Mal seit Florences Tod Olaf wieder sah, sah er einen Mann, der alles verloren hatte. Er schien eine menschliche Hülle von dem zu sein, was er einst gewesen war. Und Gert hatte sich schuldig gefühlt, dass er je daran gezweifelt hatte, ob Olaf und Florence sich geliebt hatten.

Das zweite Mal, dass er ihn wieder sah, sah er einen Mann, der sich zusammenriss. Das schien alles zu sein, was Olaf Hansen für eine Zeit lang tat: sich zusammenreißen. Gert erkannte in seinen Augen die tiefe Traurigkeit, die ihn erfüllte.

Beim dritten Aufeinandertreffen hatte sich etwas verändert. Er schien wieder lebendiger – und gleichzeitig kühler. Gert hatte ihn danach gefragt. Olaf hatte gesagt, er hätte schließlich noch einen Sohn um den er sich kümmern musste. Die Worte hätten Gert eigentlich beruhigen sollen, doch sie brachten Unruhe mit sich. Denn als Olaf über seinen Sohn sprach, sprach er nicht voller Liebe – sondern voller Verzweiflung. Gert bot ihm seine Unterstützung in jeglicher Hinsicht an. Olaf lehnte dankend aber stur ab.

Als sie sich ein viertes Mal trafen, ging es Olaf besser und schlechter. Gert und alle, die Olaf kannten, merkten, dass er aus seiner Apathie erwacht war und nun voll und ganz wieder unter den Lebenden weilte. Nur Olaf schien es noch nicht gemerkt zu haben. Es war merkwürdig: Er hatte wieder mehr Energie und alles, was er mit ihr tat, war sich in ein Loch aus Selbstmitleid zu vergraben. Damals hatte Gert noch Verständnis – jeder hatte schließlich seine eigene Art, mit derart schweren Verlusten umzugehen. Und wieder wanderten seine Gedanken zum jüngsten Mitglied der Hansens und er fragte sich, wie es ihm wohl ging.

Es waren drei Jahre seit ihrem Tod vergangen und Gert traf sich nun schon fast regelmäßig mit Olaf. Wie es dazu gekommen war, wusste er nicht ganz. Es war ja nicht so, dass er Olaf mochte. Er wollte auch nicht Olaf benutzen, um an sein enorm gut vernetztes Kontaktsystem zu gelangen. Nein, Gert wusste wirklich nicht, was ihn bei Olaf hielt. Und doch wusste er es ganz genau. Die Erinnerungen an Florence, die er unbedingt erhalten wollte. Vielleicht spielte auch eine Art Schuldgefühl mit hinein – fühlte er sich schuldig, weil er sie immer hatte besser kennenlernen wollen und es nie getan hatte? Oder fühlte er sich schuldig, weil da zwischen ihm und Florence vielleicht hätte mehr entstehen können, als es für Freunde angebracht gewesen wäre? Gert war sich sicher, dass das zwischen ihnen etwas Gutes gewesen war, etwas Schönes, das vielleicht, aber vielleicht auch nicht zu etwas Größerem hätte aufblühen können. War es diese Ungewissheit, die ihn umtrieb? Nein. Gert wusste, dass es so, wie es gewesen war, gut war. Und er wusste tief in seinem Inneren auch, was ihn bei Olaf hielt – sein Sohn.

Gert wusste, dass Olaf ein von Natur aus sehr selbstzentrierter Mann war. Und das war in Ordnung, solange sich ihm jemand behaupten konnte – Florence konnte das. Sie hatte die Aufmerksamkeit, die sie brauchte, eingefordert und damit auch erhalten. Sie hatte ganz genau gewusst, was sie brauchte und wie sie es bekommen konnte. Ein Sechzehnjähriger konnte das, egal wie stur und intelligent, nicht. Und das machte Gerd Sorgen. So hielt er sich an einen Mann, der ihm ferner war als alles andere, weil er sich um dessen Sohn sorgte – einen Jungen, den er noch nie in seinem Leben getroffen hatte.



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Das erste Mal, als Gert seinen Sohn traf, war er es noch nicht – sein Sohn. Er war stattdessen Sven Hansen – verlorener Sohn von Olaf Hansen, Draufgänger, Flirt, Connaisseur. Begehrtester Bachelor und dauerhaftes Sorgenkind der Hamburger High Society und jede zweite Woche in einen Skandal verwickelt. Sven Hansen war zu einem gut aussehenden jungen Mann herangewachsen, der den Charme seiner Mutter und die Arroganz seines Vaters geerbt und perfektioniert hatte. Die Klatschpresse verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Mit 20 Jahren stand Sven Hansen bereits im Scheinwerferlicht dutzender Kameras, die nur darauf warteten, dass er sich einen Fehltritt erlaubte – um sich dann wie die Geier darauf zu stürzen.

Gert hatte schon bei ihrem ersten Treffen hinter seine Fassade blicken können und andere Dinge gesehen. Wut, Angst und der verzweifelte Wunsch nach der Anerkennung seines Vaters. Und eine allumfassende, niederdrückende Traurigkeit. Und von dem Moment an, in dem er in die traurigen grünen Augen dieses verlorenen Jungens sah, schwor sich Gert, ihm zu helfen.

Seit Florences Ableben hatte Gert nicht mehr viel von ihrem Sohn gehört. Olaf erwähnte ihn höchstens in Nebensätzen und auch nur dann, wenn er eine Enttäuschung für den Reederei-Besitzer darstellte und dieser sich laut fragte, womit er so einen Sohn nur verdient hatte. Gert war in solchen Momenten jedes Mal hin und her gerissen gewesen – einerseits wollte er den Jungen verteidigen, doch andererseits kannte er ihn überhaupt nicht. Vielleicht war er ja wirklich zu so einem Taugenichts geworden wie Olaf ihn hinstellte. Da Gert aber noch nie etwas vom Hörensagen gehalten hatte, hatte er lieber darauf gewartet den jungen Hanseaten persönlich kennenzulernen – er machte sich am liebsten sein eigenes Bild. Also hatte er in einer Mischung aus Skepsis und Neugier auf den Tag gewartet, an dem er Sven Hansen endlich gegenüber stehen würde.

Und es war, wie hätte es anders sein können, auf einer Feierlichkeit der Hamburger oberen Zehntausend und des gesamten deutschen Polizeiapparats, als sie sich das erste Mal trafen. Gert hatte wieder einmal am Buffet gestanden – dieses Mal hatte er zwischen der viel zu feuchten Flunder und dem fast noch tropfenden Tintenfisch hin und her überlegt als er eine Stimme hinter sich gehört hatte.

„Ich würde den Tintenfisch nehmen. Die Chance zu ersticken und endlich etwas anderes zu hören als die neuesten Gerüchte um die skandalöse Affäre von Karolin von Mietorf ist höher als bei der zerkochten Flunder – von der bekommt man höchstens eine Lebensmittelvergiftung und die wird nicht reichen um von hier zu entkommen.“

Überrascht drehte sich Gert um – und blickte in zwei grüne Augen, die er eigentlich nie wieder hätte sehen sollen. Die Antwort, die er sich bereits zurechtgelegt hatte, blieb ihm im Hals stecken und für einen Moment starrte er nur in das Augenpaar, welches dem von Florence Hansen auf fast schon unheimliche Weise ähnelte. Ein belustigter und gleichzeitig herausfordernder Blick lag in ihnen – und als Gert nicht sofort reagierte gesellte sich ein Hauch Enttäuschung dazu. Er riss sich aus seiner Schockstarre und brachte sich dazu, den Rest seines Gegenübers wahrzunehmen. Ein junger Mann, der nicht älter als 20 sein konnte, stand vor ihm. Und er war das männliche Ebenbild von Florence: groß, gut aussehend, mit hellbraunem Haar und hohen Wangenknochen – ihre Ähnlichkeit war verblüffend.

Während Gert sich sammelte, hob Sven Hansen langsam eine Augenbraue und sagte mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber: „Wohl kein Fan des Fatalismus.“
Als er sich schon zum Gehen wandte, hatte Gert endlich wieder die Kontrolle über sich selbst erlangt und brachte ein „Sven Hansen??“, in einer wesentlich höheren Stimmlage als er je zugeben würde, hervor.

„Live und in Farbe.“ sagte dieser mit einem bitteren Lächeln und deutete eine ironische Verbeugung an. Gert war gleichzeitig überrascht und enttäuscht – war das wirklich Florences Sohn? Er hatte sich immer jemanden wie Florence vorgestellt – und zwar innerlich. Äußerlich gab es keinerlei Zweifel – doch wo war ihre Freundlichkeit? Wo war ihr natürlicher Lebensmut, ihre Stärke? Stattdessen schien ein arroganter Zyniker vor ihm zu stehen.

„Achtziger, Gert Achtziger.“ stellte sich Gert dennoch freundlich vor und streckte ihm die Hand entgegen.

Nun weiteten sich die Augen des jungen Hamburgers.

„Ach, Sie sind Gert?“ fragte er ungläubig.

Gert war überrascht – damit hatte er nicht gerechnet. „Sie kennen mich?“

„Nein. Aber meine Mutter kannte Sie. Und Sie kannten sie.“

„Florence und ich haben das ein oder andere Mal miteinander gesprochen. Ob man das wirklich kennen nennen kann, weiß ich nicht.“

„Dann hätte sie aber verdächtig oft von einem Mann erzählt, den sie nicht mal kannte.“

Nun war Gert ehrlich verwundert. „Sie hat über mich gesprochen?“

„Ja.“, ein zerbrechliches Lächeln legte sich auf seine Lippen, „Wenn sie sich mal wieder für irgendeine Veranstaltung zurecht gemacht hat – Maman hat dann immer Chopin gehört und überlegt, wen sie gerne dort treffen würde. Leonardo DiCaprio und Sie waren immer die Ersten, die sie nannte.“ In seinen Augen konnte Gerd plötzlich eine tiefe Traurigkeit ausmachen, die über den jungen Mann zusammenbrach wie eine Welle. Sein Blick war auf einmal offen und verletzlich und in diesem Moment, der kürzer war als der Bruchteil einer Sekunde, sah Gert alles: Angst und Hoffnung. Wut. Die Sehnsucht nach Anerkennung. Und Schmerz. Die grünen Augen hielten auf einmal so viel Tiefe und Echtheit in sich, dass Gert urplötzlich von dem unerklärlichen Verlangen überwältigt wurde den jungen Mann vor sich, der weder Kind noch Erwachsener war, zu umarmen. Doch bevor er etwas tun konnte, dass mehr als unangemessen war, und bevor sich die Dunkelheit in den Augen seines Gegenübers weiter ausbreiten konnte, glitt eine sorgsam konstruierte Maske über sein Gesicht und Unverbindlichkeit und ein freundliches Lächeln nahmen den Platz von Trauer und Schmerz ein. Nur in seinen Augen konnte Gert noch den Sturm der Gefühle wahrnehmen, den die Erinnerungen hervorgeholt hatten.

„Was genau machen Sie hier?“ fragte er und ihnen beiden war bewusst, dass es ein Versuch war, das Gesprächsthema auf etwas Unverfänglicheres zu lenken. Gert nahm das verzweifelte Angebot des Themenwechsels ohne Umschweife an – es war nicht an ihm, dem Jungen zu erklären, wie man trauerte. Und von da an verfielen sie in eine angenehme Unterhaltung. Sven, er hatte ihm das Du angeboten, schien sich anders zu verhalten als vorher und als mit den anderen Gästen. Er hatte den Zynismus gegen unterhaltsame Ironie getauscht und schien ehrlich interessiert an einer Konversation mit dem Polizeidirektor. Gert machte sich keinerlei Vorstellung, dass dieser Wandel anfangs auch nur in irgendeine Weise mit seiner Persönlichkeit zu tun hatte. Er hatte ganz einfach den Vorteil, Florence gekannt und gemocht zu haben – und Florence hatte ihn auch gemocht und wertgeschätzt. Und das wusste Sven. Er wusste, dass er Menschen, die seine Mutter gemocht hatte, einen Vertrauensbonus gewähren konnte. Selbst nach ihrem Tod hatte Florence noch Einfluss auf die Geschehnisse der Gegenwart. Gert musste unwillkürlich lächeln. Florence hätte sich unbändig darüber gefreut, dass sich die beiden endlich begegnet waren und sogar gut miteinander zurechtkamen, wäre sie da gewesen. Doch so waren es nur ihr Sohn und der Polizeidirektor des Rosenheimer Kommissariats, die sich langsam an den Rand des Geschehens zurückzogen um sich ungestört unterhalten zu können. Wie schon zu Florences Lebzeiten wurde das ungleiche Duo regelmäßig in ihrer Unterhaltung gestört – und erntete dabei viele erstaunte Blicke. Im Verlaufe des Abends fanden sie jedoch immer wieder zueinander zurück. Sie redeten über alles, was ihnen in den Sinn kam: Über die Gerüchteküche der High Society und welche nun wahr waren und welche nicht – Sven schien, zu seinem eigenen Leidwesen, alles zu wissen, was hinter den verschlossenen Türen der Oberschicht passierte – über das schreckliche Essen und die noch schrecklichere Musik – dabei deckte Gert überraschende Musikkenntnisse im Bereich der Klassik auf, die er seinem so jungen Gegenüber nicht zugetraut hätte – und ja, auch über Florence. Sie waren nie wieder so tief in alte Erinnerungen zurückgekehrt wie am Anfang des Abends, darauf hatten sie beide geachtet, aber ein bisschen neugierig war ihr Sohn dann doch gewesen und wollte mehr über das Verhältnis zwischen Gert und seiner Maman, wie er sie nannte, erfahren. Und Gert erzählte es ihm gerne. Am Ende des Abends hatten sich gegenseitiger Respekt und Sympathie zwischen den beiden entwickelt und keiner der beiden wollte dies wieder missen. Also blieben sie in Kontakt – und immer wenn Gert sich mit Olaf traf, folgte darauf auch ein Treffen mit Sven. Und Gert lernte mit jedem neuen Treffen mehr über den jungen Mann, für den er Gefühle entwickelt hatte, die er noch nicht ganz verstand.


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Der junge Sven Hansen war es gewohnt eine Maske zu tragen. Sein gesamtes Leben lang wurde er von Menschen umgeben, die mehr Wert auf Aussehen und Etiketten als auf Charakter und Gefühle legten. Er wusste, wie er sich wann verhalten musste um eine bestimmte Reaktion hervorzulocken. Und er spielte damit. Er hatte Spaß daran gehabt, mit seiner Mutter zusammen kleine Sünden zu begehen – etwa mehr als drei Häppchen auf einer Gala zu sich zu nehmen oder mehr als fünf Tänze bei einem Ball zu tanzen – und die Reaktionen der Anderen zu beobachten. Nach ihrem Tod hatte er das Spiel seiner Mutter auf ein neues Level gebracht und fast jeden Skandal ausprobiert – er hatte sich ihr ein Stück näher gefühlt als er die Reaktionen der Aristokraten und Gesellschaftsdamen beobachtete. Doch es hatte ihn auch geschmerzt. Denn im Ende brachte es doch nichts, sich über die fehlgeleiteten Moralansätze einer ganzen Gesellschaftsschicht lustig zu machen, wenn niemand mit einem lachte. Und er hatte sich so allein gefühlt wie noch nie.

Dann war er Gert begegnet. Er hatte ihm anfangs nur getraut, weil er ausnahmsweise einmal nicht nur ein Kontakt seines Vaters sondern auch ein Bekannter seiner Maman gewesen war. Und mit der Zeit hatte sich gezeigt, dass Gert Achtziger ein durch und durch bodenständiger Mann war und somit eine wahre Wohltat von all den wirklichkeitsfremden Wichtigtuern, die ihn Tag für Tag umringten. Aber er war nicht nur das – er war echt und versteckte sich hinter keiner Maske. Und jedes Mal, wenn sie sich trafen, zeigte der Polizeidirektor ein ehrliches Interesse an dem, was er zu sagen hatte – es war ein fast schon berauschendes, unwirkliches Gefühl wieder so wahrgenommen zu werden – etwas, dass er seit dem Tod seiner Mutter nicht mehr erlebt hatte.

Er hatte mit ihm eine Beziehung aufgebaut, die sich bereits nach einem Jahr natürlicher anfühlte als alles, was er je mit seinem Vater geteilt hatte. Es war merkwürdig und er verstand es auch nicht ganz. Er fühlte sich einem Mann näher, den er seit gut einem Jahr kannte, als seinem Vater, der ihn seit seiner Geburt unterstützte. Obwohl unterstützen wahrscheinlich zu viel gesagt wäre. Beobachten traf es eher. Ja, Olaf Hansen hatte ihn stets mit gebürtigem Abstand beobachtet: sei es beim Etiketten lernen, Klavier spielen, segeln oder einfach mit seiner Mutter. Sven konnte an einer Hand abzählen, wie oft sein Vater aus eigenem Antrieb heraus mit ihm gesprochen hatte ohne etwas von ihm zu wollen oder zu erwarten. War das wirklich ein Vater? Anfangs hatte sich Sven keine großen Gedanken darum gemacht. Es war, wie es schon immer gewesen war. Doch dann hatte er Gert kennengelernt und plötzlich gespürt, wie es sein könnte. Aber er hatte Angst davor gehabt, es zu hinterfragen, zu untersuchen – denn er hatte Angst vor der Antwort, die er vielleicht finden würde.

Und dann hatte er Esther kennengelernt. Sie war alles, was er lange nicht gewesen war: voller Tatendrang, selbstsicher, unverwüstlich. Sie erinnerte ihn an seine Mutter. Und zeigte ihm, wie man trauern und gleichzeitig weiter machen konnte. Esther hatte selbst schon zu viele Verluste für ihre 23 Lebensjahre erlitten. Doch es hatte sie stark werden lassen. Mit ihrer sachlichen Art hatte sie ihm geholfen Stück für Stück wieder zu sich selbst zu finden. Mit ihrer Hilfe hatte er es geschafft sich wieder aufzurichten. Ihre Stärke war ansteckend gewesen und bald darauf waren sie das neue Traumpaar Hamburgs geworden: der verlorene Sohn und Erbe des Reeder-Monopols Hamburgs Hand in Hand mit der Tochter des erfolgreichsten Bankiers Norddeutschlands. Ein gefundenes Fressen für die Presse. Reporter hatten sie belagert wie Heuschrecken, sie wurden auf Schritt und Tritt verfolgt. Für keinen der beiden war das eine Neuheit gewesen.

Während dieser Zeit waren sich Gert und Sven näher gekommen – und Olaf hatte sich immer weiter von seinem Sohn entfremdet. Er befürwortete seine Beziehung zu Esther Wilke, doch selbst das konnte die Last der unzähligen Ansprüche, die Olaf an seinen Sohn stellte, nicht lindern. Er erwartete, dass er bald heiraten würde – „Mit 22 Jahren waren deine Mutter und ich schon Herr und Frau Hansen!“ – dass er sein Image wieder aufpolieren müsste – „Die Herren vom Golfclub fragen schon, wann mein Sohn denn beitreten wird, und langsam wird es peinlich.“ – dass er ein Jurastudium ablegte, wobei es dafür eigentlich schon zu spät war – „In deinem Alter hatte ich bereits meinen Abschluss und habe gearbeitet!“ – dass er in die Reederei, die seit der Gründung in Familienbesitz war, endlich einstieg – „Wie kannst du es auch nur in Betracht ziehen, etwas anderes zu tun? Deine eigene Familie derart zu hintergehen?“. Und langsam aber sicher verzweifelte Sven daran. Wieso konnte sein Vater nicht einmal seine Erwartungen beiseitelegen und einfach Zeit mit seinem Sohn verbringen? Immer erzählte er ihm, was er alles noch tun müsse, was es zu erledigen gab und was er falsch gemacht hatte. Sven war unglaublich wütend darüber, und doch versuchte er weiterhin krampfhaft den Ansprüchen seines Vaters gerecht zu werden. Er sehnte sich nach seiner Anerkennung – ein Schulterklopfen, ein Blick der mehr hielt als Enttäuschung, ein paar Worte die ihm zeigten, dass sein Vater doch noch Respekt ihm gegenüber empfinden konnte.

Diese Verzweiflung war der Hauptgrund für seinen Antrag an Esther. Und er wusste, dass sie das auch wusste. Es war ihnen allen bewusst. Sie hatte ihn trotzdem angenommen. Und es hatte ihm sogar ein leichtes Lächeln eingebracht, das jedoch sofort von den darauffolgenden Worten zunichte gemacht wurde – „Das hat auch lang genug gedauert. Aber du hast ja schon immer selbst für die einfachsten Dinge etwas mehr Zeit gebraucht. Für Olaf Hansen war es nie eine Frage des Ob sondern immer nur eine Frage des Wann. Und diese Einstellung war es, die Sven schließlich dazu brachte, vorerst von seinem biologischen Vater Abstand zu nehmen.

Gert war bewusst gewesen, dass Sven Esther gegenüber keinerlei romantische Gefühle gehegt hatte. Sie waren ein Paar geworden, da es das gewesen war, was alle erwartet hatten. Und sie wollten heiraten um Olaf Hansen stolz auf seinen Sohn zu machen. Und weil es die einzig logische Schlussfolgerung war. Es war nie eine Frage der Liebe gewesen. Er hatte ihnen trotzdem gratuliert und es auch so gemeint – denn er hatte gesehen, wie sehr Esther Sven geholfen hatte. Sie hatte Sven wieder zu sich selbst geführt und dafür würde Gert ihr für immer dankbar sein.

Doch als 16 Tage nach der Bekanntmachung der Verlobung wieder die Auflösung eben dieser publik wurde, hatte Gert sich einen kleinen Seufzer der Erleichterung nicht verkneifen können. Und als Sven ihm am Telefon davon berichtete meinte dieser: „Du weißt genau, warum, Gert. Ich bin es leid geworden. Ich habe beschlossen Abstand von ihm zu nehmen. Mal rauszufinden, was ich will, verstehst du?“

Gert hatte verstanden und er war so froh gewesen, diese Worte aus seinem Mund zu hören, dass er dazu geneigt gewesen war, ein kleines Freudentänzchen zu veranstalten. Er hatte Sven bekräftigt und ihn in den folgenden Monaten dort unterstützt, wo es der 22jährige erlaubt hatte. Und so war es dazu gekommen, dass Sven Gert eines Abends angerufen hatte um ihm zu eröffnen, dass er einem Traum folgen wollte, den er hegte und pflegte seit er 7 Jahre alt gewesen war: Sven wollte eine Ausbildung zum Kriminalkommissar absolvieren. Nach außen hatte Gert seine Ruhe bewahrt, ihn gefragt ob er sich das gut überlegt hatte und wusste, was ihn bei dieser Berufswahl erwarten würde. Doch innerlich hatte ein Feuerwerk stattgefunden, neben welchem die US-amerikanischen Festtagsraketen des 4. Julis wie Kinderspielzeug erschienen. Gert hatte zuerst nicht einordnen können, was er da fühlte.
Doch dann hatte er verstanden: Er war stolz. Er war so stolz wie nur ein Vater auf seinen Sohn stolz sein konnte. Und dann hatte es Klick gemacht – all die Fragen und die Verwunderung über seine Beweggründe hinter der Beziehung zum Sohn einer schon längst verstorbenen Bekannten waren auf einmal beantwortet. Ihre Beziehung war nicht zu tief für reine Freundschaft, da es keine Freundschaft war – es war die Beziehung zwischen einem Vater und einem Sohn.
Florence hatte sie zusammengeführt, doch bei einander geblieben waren sie wegen sich selbst. Und mit dieser Erkenntnis war alles an seinen Platz gerutscht. Gert hatte einen Sohn in allem außer Blut. Noch am gleichen Abend hatte er einen Sekt geöffnet.

Natürlich hatte Olaf Gert die Schuld dafür gegeben, dass sein Sohn nun Polizist werden wollte – „Gert, hör auf meinem Sohn solche kindlichen Hirngespinste in den Kopf zu setzen! – und hatte alles daran gesetzt, dies zu vermeiden. Doch Sven war nicht nur so stur wie sein Vater, nein, er hatte auch noch die Dickköpfigkeit seiner Mutter geerbt und hatte keinen Millimeter nachgegeben. Noch im selben Jahr hatte er sich eingeschrieben und die Ausbildung begonnen. Olaf war so geschockt gewesen, dass er sich beleidigt und in seinem Ansehen gekränkt zurückgezogen hatte. Sven hatte dies mit Fassung hingenommen und war weiter seinen Weg gegangen. Und selbstverständlich wurde all das von der Hamburger Presse intensiv mitverfolgt. Es war schließlich ein wahrer Skandal in der Hamburger High Society, ein Skandal wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hatte – der Sohn des reichen Reedereibesitzers hatte dem Familiengeschäft den Rücken gekehrt um Polizist zu werden. In den meisten Artikeln wurde Olaf die Opferrolle zuteil. Er war der arme Vater, der jederzeit nur das Beste für seinen Sohn gewollt und getan hatte. Sven dagegen war der undankbare Sohn, der nicht mehr ganz richtig im Kopf sein konnte, wenn er wirklich dachte, dass eine Karriere bei der Polizei besser war als in das altehrwürdige Familiengeschäft einzusteigen. Und es hatte nicht lang gedauert bis die wildesten Spekulationen über das jüngste Mitglied der Familie Hansen in Umlauf gebracht waren.

Gert war damals geschockt gewesen, was für ein Aufstand darum gemacht wurde und wie viele Menschen glaubten, das Recht zu besitzen, auch nur ein Wort bei der Sache mitreden zu können. Sven hatte versucht es ihm zu erklären und ihm so gut er konnte die unzähligen ungeschriebenen und doch gültigen Regeln und Funktionsweisen der Oberschicht veranschaulicht – mit dem Ergebnis dass Gert gleichermaßen erstaunt und wütend gewesen war über die oft gegensätzlich erscheinenden Erwartungen und Haltungen dieses erlesenen Kreises.

Nur durch seine lebenslangen Erfahrungen im Umgang mit der Presse war es Sven möglich gewesen den nötigen Abstand zu jedem Artikel beizubehalten. Es hatte trotzdem an seinen Kräften gezehrt – das Auftauchen von Reportern hatte zu dieser Zeit eine neue Hochform erreicht und Umwege um ihnen zu entgehen standen für mehrere Wochen auf der Tagesordnung des jungen Hamburgers.

Schwerer dagegen waren die darauf folgenden Kommentare seines biologischen Vaters. Denn nach einem guten Jahr Funkstille hatte dieser sich dazu entschieden, dass er, wenn er das Leben seines Sohnes schon nicht lenken konnte, es ihm wenigstens zur Hölle machen konnte – um ihm zu zeigen, dass sein Weg der letztendlich Bessere und im Grunde auch der einzige Realistische war. Der Reederei-Inhaber hatte seine Opferrolle vollkommen ausgefüllt und abwechselnd Gert und Sven die Schuld an allem gegeben. Da Gert jedoch die meiste Zeit in Rosenheim verbrachte, bekam Sven den Großteil der passiv-aggressiven Attacken ab. Mindestens einmal im Monat verkündete Olaf der Welt und seinem Sohn, wie enttäuscht er von ihm war und wie undankbar und ungerecht sich Sven ihm gegenüber verhalten würde. Gert wusste, dass jedes dieser Kommentare wie ein Stich in das Herz seines Sohnes waren, auch wenn dieser es sich oft kaum anmerken ließ. Und so traurig es auch klingen mochte: Sven war es gewohnt. Es war seit Jahren der einzige Weg, in welchem Olaf mit ihm kommunizierte und er hatte es lieber so als gar keinen Kontakt. Er brauchte schließlich seinen Vater und er redete sich ein, dass sein Vater ihn auch brauchte.

Sven lebte also sein Leben weiter, versuchte eine sehr anstrengende Ausbildung, die er mit Leidenschaft gerne tat, mit einem noch wesentlich anstrengenderen Vater zu vereinbaren und dabei nicht verrückt zu werden. Und zwei Jahre später absolvierte er schließlich sein Studium als einer der Jüngsten und Jahrgangsbesten. Gert war zur Abschlussfeier angereist und hatte Sven mit Stolz und Tränen in den Augen in die Arme genommen – Olaf aber war nicht erschienen.

Und so begann Sven bei der Hamburger Kriminalpolizei im Bereich Mordermittlung zu arbeiten. Er hatte sich schnell den Respekt seiner Kollegen eingeholt und war bereits nach kurzer Zeit vollends in den Kreis seiner Kollegen aufgenommen. Er hatte sich dort so wohl gefühlt wie lange nicht mehr. Er fühlte sich nicht nur wahr- und ernstgenommen, sondern auch akzeptiert. Bei Fragen wandte er sich immer noch an Gert, doch es wurden zunehmend weniger. Svens Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl waren langsam aber sicher gestiegen und hatten ihn zu einem selbstbewussten jungen Mann werden lassen, der wusste, was er tat, und machte, was er liebte. „Kriminalistik verlangt die perfekte Mischung aus Logik und Instinkt.“, hatte Sven einmal verkündet. Es war offensichtlich, dass er voll und ganz in seinem Beruf aufging.

Ein paar Jahre später, er war gerade 28 geworden, wurde er befördert. Aus Kriminalkommissar wurde Kriminaloberkommissar und dann endlich Kriminalhauptkommissar. Svens Stolz und Freude darüber überstrahlten alles andere. Sein Beruf war ihm unsagbar wichtig. Er war das Erste, was er komplett allein und ohne die Unterstützung seines Vaters in Angriff genommen und durchgezogen hatte. Die Beförderung war ein weiterer Erfolg, den er nur sich selbst zu verdanken hatte – kein einziges Mal hatte Olaf Hansen seine Kontakte genutzt und Strippen gezogen um Sven den Weg zu erleichtern. Das erste Mal in seinem Leben hatte Sven Hansen etwas geschafft ohne seinen Familiennamen und dessen Ruf in der Hamburger High Society auszunutzen. Gert war von grenzenlosem Stolz erfüllt und eine Zeit lang schien sogar Olaf Hansen ruhig gestellt, beeindruckt vom Erfolg und Ehrgeiz seines Sohnes.

Und beflügelt von der Reaktion seines Vaters und mit Gerts Unterstützung hatte Sven den Mut gefasst etwas zu tun, was er sich vorher nie getraut hatte: sein Coming-Out. Gert wusste damals noch nicht, worum genau es ging, nur dass es eine ungeheuer große Sache für den 28jährigen war.

Sven war sich seit seinem 22. Lebensjahr bewusst, dass er bisexuell war. Esther war die einzige lebende Person, der er es erzählt hatte. Und sie hatte es akzeptiert und ihm vergewissert, dass es nichts an ihrer Beziehung ändern würde. Er hatte es, fast sofort nachdem er sich sicher gewesen war, seiner Maman in Gedanken erzählt. Er würde nie wissen, wie sie in Wirklichkeit reagiert hätte – in seinem Kopf hatte er es sich immer wieder und in den verschiedensten Farben ausgemalt: vor Überraschung geweitete Augen, liebevoll lächelnde Lippen, eine verzweifelt gerunzelte Stirn, eine angeekelt gerümpfte Nase. Er wusste nicht, wie sie reagiert hätte – er würde es nie mit Gewissheit wissen. Doch was er wissen konnte, war die Reaktion seines Vaters. Er hatte es lange vor sich her geschoben, und mit jeder Woche war die Angst vor seiner Reaktion gewachsen. Doch nun, noch berauscht von seinem beruflichen Erfolg und ermutigt von der untypischen, längeren Pause zwischen den Tiraden seines Vaters, traute er sich. Er fasste seinen gesamten Mut zusammen, holte sich Gerts Ermutigung ab – ohne dass dieser wusste, worum es ging – und fuhr zur Villa Hansen.


Bis heute wusste Gert nicht, was genau an diesem Nachmittag passiert war. Er hatte eine Stunde später einen völlig aufgelösten Sven am Telefon gehabt und es war das erste Mal gewesen, dass er diesen hatte weinen hören. Er hatte nur abgehackte Sätze – „Ich weiß gar nicht, was ich mir dabei “, „ – bisexuell , „ – er hat geschrien, Gert “, „ – noch nie so enttäuscht , „ – schämt sich für mich “, „ – nicht länger sein Sohn – zwischen heftigen Schluchzern herausgebracht. Gert hatte sich noch nie so wütend und ohnmächtig gefühlt. Sein Sohn hatte gerade das Schlimmste durchgemacht, was ein Vater seinem Sohn antun konnte, und mehr als 800 km lagen zwischen ihnen. Alles, was er tun konnte, war ihn weinen zu lassen, ihn zu beruhigen und ihm tröstende Worte zu zuflüstern.
Und in Svens Innerem formte sich ein Gefühl, das wuchs und wuchs unter den liebevollen Worten und tröstenden Versprechen. Und plötzlich brach ein Gedanke aus dem Chaos in seinem Inneren hervor, der so klar und offensichtlich war, dass er alle anderen verblassen ließ: Er ist nicht mein Vater. Er ist nie mein Vater gewesen. Das ist mein Vater. Und er hatte es sofort ausgesprochen, zu erschöpft um sich über die möglichen Folgen Gedanken zu machen. Es platzte einfach aus ihm hinaus.

Du bist mein Vater.“

Und ohne einen Moment zu zögern hatte Gert geantwortet: „Und du bist mein Sohn.“


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In den nachfolgenden Monaten hatte sich viel verändert. Sven hatte an einem Nachmittag seinen einstigen Vater verloren und seinen echten Vater gefunden – Schmerz und Freude gingen Hand in Hand und eine Zeit lang herrschte das absolute Chaos in seinem Inneren. Er nahm sich viel Zeit für sich, besuchte oft den Friedhof um mit seiner Mutter zu reden und verarbeitete das Geschehene. Und langsam formte sich ein Plan in seinem Herzen, der immer mehr Gestalt annahm. Und mit jeder vergangenen Woche wurde er sich sicherer, dass es genau das war, was er wollte und seit langer Zeit brauchte. Und er fragte Gert:

„Was hältst du davon, wenn ich nach Rosenheim wechsle?“



Und so kam es, dass Sven Hansen, gebürtiger Hamburger und erfolgreicher Kriminalhauptkommissar, endlich das tat, was schon vor langer Zeit hätte passieren sollen:

Er fuhr nach Hause.
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