Veränderungen - Liebe kündigt sich nicht an

OneshotRomanze, Freundschaft / P12
Athelstan Ragnar Lothbrok
05.01.2020
05.01.2020
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Hallo an alle, die sich zu dieser Geschichte verirrt haben!

Schon einmal ein großes Dankeschön, dass ihr euch dazu entschlossen habt, sie zu lesen XD. Ich muss dazu sagen, dass es meine erste Fanfiktion im Bereich Vikings ist und mich noch nicht so gut in diesem Fandom auskenne. Doch seit ich vor kurzem die Serie gestartet habe, bin ich sowohl in die Sendung, als auch in die beiden Charaktere vernarrt, um die es gleich gehen wird.

Ich hoffe, ihr habt Freude beim Lesen und dass euch die Geschichte gefällt. Natürlich freue ich mich auch über Kommentare und Verbesserungsvorschläge.

LG
Norway-Girl


Veränderungen – Liebe kündigt sich nicht an

Etwas hatte sich verändert. Es war langsam aufgetaucht und hatte sich in ihm ausgebreitet. Sein Ziel war immer noch das Gleiche; Ruhm, Reichtum und Anerkennung für seine Leistung. Er hatte es geschafft. War über das offene Meer nach Westen gesegelt und hatte sich somit einen Platz als Held erkämpft. Doch etwas hatte sich seither verändert. Er ließ seine eisblauen Augen über die Klippe schweifen, bis sie am Horizont zu ruhen kamen. Er war in letzter Zeit oft hier hergekommen. Hier konnte er ungestört nachdenken, und wenn er ehrlich war, dann gab es auch eine Menge, über das er nachdenken musste. Als akzeptierter Jarl, dessen Titel er hart erkämpfen hatte müssen, fand er dafür aber kaum noch Zeit. So viele Fragen gingen ihm durch den Kopf. Er war unzufrieden. Doch selbst die Götter wussten, dass er dazu kein Recht hatte.

Er hatte eine wunderschöne, begehrte Frau, eine bezaubernde Tochter und einen willensstarken Sohn, der sich als einen würdigen Nachfolger erweisen würde. Er war Jarl von Kattegat, besaß die Gunst des Wikingervolkes und hatte Reichtümer, von denen er als Bauer immer geträumt hatte. Was wollte er mehr?

Gyda war die Erste gewesen, die eine Veränderung bei ihm bemerkt hatte. Sie hatte ihn gefragt, ob es ihm gut ging; ob zwischen ihm und ihrer Mutter alles okay war – doch nichts war okay. Er zog sich von Lagertha zurück und konnte nicht einmal sagen, warum. Sie war wunderschön, sie war stark und er wusste, irgendwo in einem Winkel seines Herzens musste er sie noch lieben, doch es war nicht mehr wie früher. Natürlich hatte sie seinen Sinneswandel schon längst bemerkt, auch wenn sie nach außen hin so tat, als wäre alles in Ordnung. Lagertha war nicht dumm, im Gegenteil, sie war wohl die klügste und gerissenste Frau, die ihm je begegnet war. Sie wollte nicht, dass sie zum Gerede ihres Reiches wurden, dass er sich mühsam für sie erkämpft hatte. Er stand an der Spitze der Nordmänner und selbst, wenn er Lagertha nicht mehr wollte, dann könnte er jedes andere Mädchen zur Frau nehmen. Doch etwas in seinem Inneren sagte ihm, dass er das gar nicht wollte.

Und dann war da noch Athelstan. Der Priester war längst kein Sklave seiner seitens mehr, so, wie er es wahrscheinlich nie gewesen war.

Warum hatte er den jungen Mann verschont, als er und seine Männer das Kloster überfallen hatten? Wegen seiner Sprachkenntnisse? Wegen seines Nutzens, den er für ihn gehabt hatte? Schon, als er ihm das erste Mal gegenüber getreten war, hatte er eine tiefe Faszination gespürt, die von dem ungewöhnlichen Fremden ausgegangen war. Eine Intuition, nicht mehr, hatte aus ihm gehandelt, als er Athelstan vor seinem Bruder Rollo beschützt hatte. Er hatte es verweigert ihn zu töten und ihn mit nach Kattegat genommen. Warum? Weil er ihn als Sklave verkaufen wollte? Wohl kaum, wie sich dann herausgestellt hatte. Vielleicht auch deshalb, weil es ihn verwundert hatte, einen Mann zu sehen, der in einem Raum voller Schatztümer einzig und allein ein Buch retten wollte. Ein Buch! Nicht mehr.

Anstatt sich seinen Anteil am Schatz zu nehmen, so, wie es ihm der alte Earl erlaubt hatte, hatte er sich Athelstan angenommen. Zuerst, um einen Helfer am Hof zu haben. Jemanden, der sich um seine Kinder kümmerte. Doch schnell hatte er gesehen, dass mehr hinter dem Priester steckte, als er zunächst bemerkt hatte. Ein Sklave…. das war Athelstan schon lange nicht mehr. In seinen Augen gehörte er bereits zu Seinesgleichen. War ein Wikinger und ein treuer Gefolgsmann – und noch viel mehr. Vielleicht war Athelstan der einzige Freund, den er je haben würde. Ein leises Seufzen entwich seinem Mund. Während er in seinen Gedanken schwelgte, hatte er komplett das Zeitgefühl verloren; wusste nicht mehr, wie lange er nun schon auf dieser Klippe saß und über das Meer in die unendliche Weite starrte. Das Gefühl war langsam gekommen. Hatte ihn weder überfallen, noch hatte es sich irgendwie angekündigt. Vielleicht hatte er aber auch nur die Zeichen zu spät gesehen. Diese Verbundenheit, die er zu Athelstan verspürte, hatte er noch nie zuvor gefühlt. So intensiv und so rein. Jedes Mal, wenn sich ihre Blicke begegneten, hatte er das Gefühl, der Priester könnte ihm direkt ins Herz sehen. Und dabei bezeichnete er sich selbst als undurchsichtigen Krieger, den nichts so leicht erschüttern konnte. Doch Athelstan würde er über alles stellen – und das war etwas, das ihn beängstigte.

Seine Augen suchten im sanften Licht des Sonnenuntergangs nach Antworten. Nach Antworten auf seine unzähligen Fragen, doch er wusste, nicht einmal Odin könnte sie ihm geben.

Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln eine schattenhafte Bewegung, die sich von hinten auf ihn zubewegte. Obwohl seine Muskeln sich anspannten, bemühte er sich, ruhig zu bleiben und sich nicht zu rühren, bis sich jemand neben ihn fallen ließ. Er spürte brennende Blicke auf ihm liegen, gab jedoch keine Regung von sich.

„Ragnar? Lagertha schickt mich. Sie wollte wissen, wo du bleibst“, hörte er eine leise, so schmerzvoll vertraute Stimme neben sich.

„Ich wusste, dass ich dich hier finden würde. Ist alles in Ordnung?“

Langsam wandte Ragnar den Kopf um und blickte in die besorgten, hellblauen Augen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ach? Wartet man auf mich?“, fragte er belustigt und versuchte, seine Nachdenklichkeit abzulegen.

„Weißt du eigentlich, wie lange du schon weg bist? Ich sollte dich fürs Abendessen holen“, entgegnete Athelstan und begann, nun ebenfalls zu lächeln.

„Ich habe keinen Hunger.“ Ragnar wandte seinen Kopf wieder dem Sonnenuntergang zu, der sich feurig in seinen tiefen Augen spiegelte, als würde sein sonst schon so lodernder Blick neu entflammen.

„Was ist los?“, fragte Athelstan mit einfühlsamer Stimme und legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes. Es war unglaublich, wie wenig er ihm vormachen konnte. Athelstan war wohl der Einzige, der ihn so zu durchschauen wusste wie sonst keiner.

„Nichts“, murmelte Ragnar trocken, doch so leicht gab der ursprüngliche Angel-Sachse nicht auf. Er packte Ragnars Kopf mit seinen Händen und drehte ihn zu sich um, sodass er mitten in diese unergründlichen, blauen Augen sehen konnte. Zugegeben, auch Athelstan hatte sich verändert. Er war immer zurückhaltend und zögernd gewesen. So etwas hätte er sich früher niemals getraut.

„Was ist los?“, wiederholte Athelstan seine Frage, diesmal eindringlicher. Ragnars Augen suchten Athelstans Gesicht ab. Warteten auf einen Hinweis, der ihm zeigte, warum er wirklich hier war. Athelstan war unterwürfig, doch er war keinesfalls wegen Lagertha hier, das konnte er spüren. Ragnar griff mit seiner Hand nach der seines Freundes und brachte sie dazu, loszulassen. In seinem Kopf bildeten sich Worte, doch keines davon konnte erklären, was in ihm vorging. Sein Blick schweifte erneut zu der hellen, in gleißendem Feuer stehenden Scheibe, die langsam im Westen versank.

„Ich weiß es nicht“, murmelte er mit rauer Stimme, als plötzlich ein Gefühl in seinem Bauch zu rumoren begann.

„Kann…kann ich dich etwas fragen? Und wirst du mir ehrlich antworten?“

Athelstan blickte seinen Freund verwundert an. Er kannte ihn nun schon ziemlich lange, doch gerade jetzt spürte er, dass es etwas gab, das er loswerden wollte. Etwas, das es vorher nicht gegeben hatte. Langsam wiegte er seinen Kopf hin und her.

„Du weißt, dass du mich alles fragen kannst, Ragnar“, erinnerte ihn Athelstan und Ragnar lächelte. Ja, das wusste er und dennoch verspürte er eine Hemmung, die er nie gekannt hatte. Doch jetzt hatte er die Möglichkeit und es wäre dumm, sie nicht zu ergreifen.

„Denkst du…ich bin ein schlechter Mensch?“, stieß er die Frage aus und auf Athelstans Gesicht spiegelte sich Verwunderung. Wie kam Ragnar dazu, über so etwas nachzudenken, wo es ihm doch immer egal war, was andere über ihn sagten. War er ein schlechter Mensch? Vielleicht. Vielleicht hätte Athelstan das am Anfang bejaht. Als er den brutalen Überfall auf das Kloster, auf sein Zuhause, miterleben hatte müssen – doch jetzt?

„Wie kommst du darauf?“, fragte er seinen Freund, der sich erneut im Nirgendwo verloren hatte.

„Ich habe dir viel Leid zugefügt. Ich habe vielen anderen Leid zugefügt.“ Ragnar’s Stimme klang undefinierbar und etwas Seltsames schwang darin mit.

„Mir? Du hast mich immer gut behandelt“, erinnerte Athelstan ihn, doch Ragnar schüttelte seinen Kopf.

„Ich hab dich aus deiner Heimat entführt und zugesehen, wie man deine Kameraden umgebracht hat. Wenn ich kein Leid verursacht habe, dann habe ich das Leid nicht verhindert.“ Ragnar spürte, wie der Blick seines Freundes sich in seiner Seite eingravierte.

„Du hast mich entführt und mir die Freiheit geschenkt. Ich bin bei dir geblieben.“ Athelstan wunderte sich über den scheinbar labilen seelischen Zustand, den Ragnar in letzter Zeit aufwies.

„Dein Gott… Billigt er Leid auf der Erde?“, fragte Ragnar da unvermittelt, während er an Loki dachte, der Gott des Unheils und der Unterwelt.

„Nein. Er billigt kein Leid unter den Menschen, aber er verhindert es auch nicht. Er gab uns die Möglichkeit zu lieben und wir müssen entscheiden, was wir aus dieser Möglichkeit machen.“

„Denkst du…er würde mir vergeben, wenn ich in deinem Glauben stehen würde?“ Obwohl Athelstan sich über die merkwürdigen und untypischen Fragen wunderte, so musste er dennoch lächeln und ließ seinen Blick nun seinerseits in die Ferne schweifen.

„Gott verzeiht allen Menschen auf der Erde. Weil er sie alle liebt, auch dich. Auch diejenigen, die nicht an ihn glauben. Er ist sehr gütig“, erklärte der Mönch, während er den unglaublichen Ausblick von hier oben bewunderte. Schon langsam wurde ihm klar, warum Ragnar so oft hier oben verweilte. Das Meer hatte eine tiefblaue Farbe angenommen und ganz hinten spiegelte sich der orange-rote Sonnenuntergang, während am Himmel rosa-blaue Wolken vorüberzogen.

„Was ist mit dir? Hast du mir denn verziehen, was ich angerichtet habe? Was ich dir angetan habe?“, wollte Ragnar wissen. Athelstan verstand, dass diese Schuldgefühle ihn nicht loslassen wollten; dass er sie nur immer mehr in sich verbarg.

„Ich hatte nie etwas, das ich dir verzeihen musste.“

Ragnars Blick traf auf den von Athelstan und beide schienen in den Augen des anderen zu versinken.

„So vieles ist anders geworden. Wir haben uns verändert. Die Welt ist nicht mehr die, die sie einmal war. Du hast mir vieles gelehrt und ich…“ Ragnar brach ab. Er konnte nicht mehr weitersprechen. Das Band der Freundschaft, das die beiden Männer umgab, war mit der Zeit stärker und stärker geworden und Ragnar wusste längst, dass da mehr zwischen ihnen war. Mehr als Freundschaft. Mehr noch, als Seelenverwandtschaft. Er liebte diesen Mann und das wurde ihm erst klar, als er die Zeit nutzte, um über sich nachzudenken.

„Du hast mir auch vieles beigebracht.“ Athelstan lächelte aufmunternd und legte erneut eine Hand auf Ragnars Schulter. Eine Zeit lang saßen sie so nebeneinander da. Schweigend und jeder in seinen eigenen Gedanken vertieft. Bis sich Ragnar plötzlich umdrehte und Athelstan in eine tiefe Umarmung zog. Etwas überrumpelt über diese Regung, erwiderte Athelstan die Geste und drückte den Wikinger enger an sich. Er spürte, wie wichtig Ragnar ihm war und dass er keinesfalls mehr in England glücklich werden würde, wenn er nicht bei ihm wäre.

Nur Gott wusste, dass es Liebe war.
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