Aschenbagasch

von ChaosTime
GeschichteRomanze / P12 Slash
Otabek Altin Victor Nikiforov Yuri Katsuki Yuri Plisetsky
05.01.2020
26.02.2020
6
36.065
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05.01.2020 4.168
 
Hallo und willkommen zu meiner Yuri on Ice Version von Aschenputtel!
Ich habe diese Fanfiktion schon vor zwei Jahren, also im Januar 2018 geschrieben, aber bin irgendwie nie dazugekommen sie hochzuladen. Dafür aber jetzt und nach all der Zeit liest sie sich auch als Autor wesentlich objektiver.  Da sie schon fertig, kann ich genau sagen, dass sie sechs Kapitel hat. Der Titel ist einfach ein männliche Variante von dem Begriff Aschenputtel, allerdings ist etwas her, dass ich mir das zusammengesucht habe, also weiß ich nicht mehr genau, woher ich das entlehnt habe.

So viel Vorgerede wird es in den folgenden Kapitel nicht mehr geben, also wünsche ich viel Spaß beim Lesen und hoffe, dass ich einige gut unterhalten kann.

*

„Viktor, wir müssen reden“, sagte der König nach dem Essen. Die Königin hatte den Speisesaal bereits verlassen und Viktor war gerade im Begriff gewesen das Gleiche zu tun.
Er warf einen hilfesuchenden Blick zu seinem kleinem Bruder, als er wieder stehen blieb, aber Yuri zuckte nur herzlos die Schultern. Verräter.
„Du kannst ruhig auch hier bleiben, Yuri. Mit dir habe ich auch noch zu reden.“
Viktor gab sich keine Mühe sein selbstgefälliges Grinsen zu verbergen.
„Ugh“, machte Yuri genervt und ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen, von dem er gerade erst aufgestanden waren.
„Ich dachte, du wolltest mit Viktor reden“, meinte er seufzend.
„Ja, aber du kannst direkt hier bleiben, dann muss ich dich gleich nicht wieder suchen. Und etwas mehr Manieren könntest du auch an den Tag legen“, meinte Yakov und betrachtete kritisch Yuris krumme Haltung auf dem Stuhl.
„Wozu denn? Wir sind doch allein“, maulte Yuri, setzte sich aber immerhin ein bisschen gerader.
„Ihr beide seid unmöglich“, sagte Yakov kopfschüttelnd, während er zwischen ihnen beiden hin und her sah.
„Wie soll nur eines Tages einer von euch dieses Königreich übernehmen?“
„Am besten gar nicht“, gab Yuri zurück und spielte abwesend mit einem Messer, das auf dem Tisch zurückgeblieben war.
„Das ist keine Option. Einer von euch wird dieses Königreich führen. Und ich hoffe noch, dass ihr zu einer Einsicht gelangt und es nicht in den Abgrund führt.“
„Wolltest du darüber sprechen, Yakov?“, fragte Viktor. Denn darüber hatten sie bereits oft genug gesprochen.
„Nein, nicht direkt.“
Yakov betrachtete sie abermals kopfschüttelnd.
„Da hat man die Wahl bei seinen Kindern und trifft trotzdem die Falsche.“
Viktor wusste, Yakov meinte es nicht böse. Er und Yuri konnten mitunter sehr... anstrengend sein, das gab er zu. Sie waren zwar nicht Yakovs und Lilias biologische Kindern, dieser Segen war den beiden nicht vergönnt gewesen, aber trotzdem die Prinzen. Sie waren adoptiert worden, weil das Königreich Erben brauchte.
Das Königreich hatte damals erstaunlich gut darauf reagiert. Niemand hatte versucht den Thron zu stürzen oder dergleichen. Es sprach sehr für die Bürger und das Reich. Natürlich war es auch nicht ohne Getuschel und Tratsch verlaufen, aber dennoch gut.
Es war auch nicht so, dass Viktor nicht dankbar war adoptiert worden zu sein, er war nur kein Anhänger der Pflichten, die mit dem Prinzen Dasein einher kamen. Genauso wenig wie Yuri. Ein Umstand, der hier oft zu Diskussionen führte.
Aber auch wenn die beiden keine Idealtypen des Prinzen waren, machte Yakov dennoch deutlich, dass er sie trotz allem liebte.
Er hatte außerdem  aufgeben, beziehungsweise nie versucht, sie dazu zu kriegen ihn Vater zu nennen. In gewisserweise und rechtlich gesehen war er das, aber ganz richtig fühlte es sich nicht an. Viktor nannte Lilia auch nie Mutter, zu mal er zu ihr noch eine viel seichtere Beziehung hatte. Sie hatten einfach nie sonderlich viel miteinander zu tun gehabt, seit sie und Yakov sich getrennt hatten. Sie waren zwar noch als König und Königin zusammen, aber das Schloss war groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen, wenn man wollte. Oder sogar ewig lange Ausflüge auf Güter auf dem Land zu machen. Momentan war sie nur ihm Schloss, um Yuri die feineren Raffinessen des Tanz beizubringen. Ein Gedanke, der gut zu den folgenden Worten des Königs passte.
„Ihr denkt beide nur ans Tanzen. Das ist die einzige höfische Etikette, die euch wirklich interessiert.  Und selbst da seid ihr so eigenwillig.“
Yuri grinste zufrieden. Viktors Bruder, war wie er selbst ein Naturtalent, was das Tanzen betraf. Ihm wurde sogar nachgesagt, er könnte Viktor eines Tages übertreffen. Er war auch sonst sehr talentiert, aber wie bei Viktor war das verschwendete Liebesmüh, weil sie beide kein besonderes Interesse daran hatten den Thron zu übernehmen.
„Jedenfalls wird es ein Ball geben. Über drei Tage“
Mit funkelnden Augen richtete sich Yuri auf.
„Großartig!“, verkündete er.
Auch Viktor wand sich aufmerksam dem König zu.
„Der Ball wird Viktor zu Ehren ausgerichtet.“
Yuri verzog kurz das Gesicht und zuckte dann die Schultern.
„Warum auch immer, aber immerhin ein Ball.“
Viktor allerdings blieb misstrauischer. Yakov wollte wohl kaum seinen Unwillen die Krone zu übernehmen mit einem Ball zelebrieren, dessen Mittelpunkt Viktors Lieblingszeitverschwendung des Nicht-Königs-Seins war.
„Mir zu Ehren?“
„Du bist jetzt 27, Viktor. Du wirst nicht jünger.“
Entrüstet verzog Viktor das Gesicht. Ja, vielen Dank auch. Er hatte selbst schon den langsamen, aber beständigen Rückzug seiner schönen Haare bemerkt, aber eigentlich versucht möglichst wenig darüber nachzudenken. Bevor Viktor seiner Empörung Ausdruck verleihen konnte, sprach Yakov aber bereits weiter.
„Auch wenn du dem widerspricht. Solltest du irgendwann einmal dieses Königreich übernehmen, würde ich es bevorzugen dich vermählt zu sehen. Ein Erbe würde auch nicht schaden.“
Viktor ahnte worauf das hinauslief und er spürte Ärger in sich aufsteigen.
Warum um den heißen Brei herumreden, wenn man gleich auf den Punkt kommen konnte.
„Dieser Ball wird veranstaltet egal, was ich sage, nicht wahr?“, fragte Viktor.
„Ja“, erwiderte der König hart, „Viktor, ich habe dir viele Freiheiten gelassen, aber irgendwann ist es genug. Du wirst an diesem Ball teilnehmen.“
Die Qual der Wahl blieb ihm also wie angenommen erspart. Aber wenn er schon mitspielte, dann zu seinen Bedingungen.
„Schön“, antwortete Viktor kurz und kühl.
„Gut. Er wird in einer Woche stattfinden. Ich werde Einladungen an alle heiratsfähigen Prinzessinnen und höheren Damen schicken lassen.“
Viktor hob einen Augenbraue.
„Und was ist mit den Männern?“
Yakov seufzte. Ein biologisches Erbe als Gegenargument zu bringen wäre an seiner Stelle wohl unpassend gewesen.
„Schön. Dann schicke ich auch Einladungen an die Prinzen und Fürsten.“
„Ich darf tragen, was ich will“, verlangte Viktor.
„Solange es anständig ist“, erwiderte Yakov. Viktor nickte.
„Und Makkachin bekommt eine Schleife.“
Links von ihm kniff Yuri die Augen zusammen.
„Du willst deinen Hund mit auf den Ball nehmen?“
„Natürlich“, gab Viktor selbstverständlich zurück.
„Gut, gut“, meinte Yakov nur und winkte resigniert mit der Hand.
„Hauptsache, du nimmst teil. Und jetzt zu dir Yuri.“
„Kann ich dann gehen?“, hakte Viktor nach.
„Von mir aus“, sagte Yakov und sah ihn schon gar nicht mehr an.
„Hey!“, beschwerte sich Yuri, „Warum musste ich mir sein Gespräch mit anhören, aber er darf gehen?“
Viktor hörte Yakovs Antwort nicht mehr, denn die Tür fiel bereits hinter ihm zu.
Er wanderte durch die Flure des Palastes auf dem Weg zu seinem Gemach.
Er war viel zu leicht auf diesen ganzen Ball eingegangen. Aber was brachten Diskussionen? Außerdem hatte Yakov recht, er konnte sich wohl nicht ewig seiner Verantwortung entziehen. Und wenn ein Ball den König glücklich machte. Sollte Yakov doch glauben, dass ein bisschen Umgang mit dem Hof und sozialer Druck ihn zur Vernunft kommen lassen würden.
Viktor wusste, dass das nicht der einzige Grund war, warum er so wenig protestiert hatte.
Er war einsam. Nicht weil er keine Freunde hatte oder nichts zu tun, einfach weil er nachts alleine lag und zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Es war eine dumme Hoffnung zu glauben, er könnte auf einem Ball voller Fremden in drei Tagen jemanden finden, den er sein ganzes Leben halten konnte.
Von dem er wusste, dass er ihn sein ganzes Leben lieben würde.
Viktor wusste das Heirat zu ihren Zeiten nicht unbedingt oft aus Liebe geschah. Sie war viel mehr ein Werkzeug politischer und sozialer Interessen geworden.
Aber auch Yakov und Lilia hatten einst aus Liebe geheiratet, auch wenn es nicht gehalten hatte.
Und Viktor war ein ganz furchtbarer Romantik, der absolut aus Liebe heiraten wollte.
Es war also vielleicht eine dumme Hoffnung, aber er konnte es nicht ändern, denn Hoffen war eines der Dinge, die der Mensch am besten konnte.






Yuuri sagte sich immer, dass sein Leben eigentlich gar nicht so schlecht war.
Besonders in Momenten wie diesen, in welchen er in die Brotstube kam und ihn Phichit mit dem strahlendsten Lächeln begrüßte. Er zauberte jedes Mal automatisch ein Lächeln auf seine eigenen Lippen.
Er bestellte, was er brauchte und bezahlte, als Phichit sich bereits die Schürze abband.
Er lief um die Theke herum und hakte sich bei Yuuri unter.
„Ich mache Pause, Celestino! Ich begleite Yuuri beim Einkaufen“, rief er zurück und winkte seinem Vorgesetzten, ehe er Yuuri mit durch die Türe zog.
Yuuri versucht zurück zu sehen, aber Phichits dunkle Haare versperrten ihm den Weg.
„Phichit, das ist sehr nett, aber nicht, dass du wegen mir irgendwann noch gefeuert wirst“, murmelte er unsicher.
Phichit winkte ab.
„Ach was. Du kennst doch Celestino. Er versteht das. Außerdem mag er dich. Er hat nicht vergessen, dass du damals immer ausgeholfen hast. Es ist sowieso nie viel los, wenn du kommst.“
„In Ordnung“, nickte Yuuri, etwas beruhigter.
„Also dann, Yuuri“, meinte Phichit fröhlich, „Womit haben die Geschwister Grauenhaft und ihre reizende Mutter dich denn heute beauftragt?“
Er nahm den Einkaufszettel aus Yuuris Hand und überflog ihn.
„Dann gehen wir am besten als zum Markt und erst am Ende zum Schneider, damit nichts dreckig wird.“
Yuuri nickte.
„Ich weiß wirklich nicht, warum du da bleibst, Yuuri“, meinte Phichit seufzend.
„Mein Zimmer ist klein, aber du würdest bestimmt noch reinpassen. Und Celestino würde dir bestimmt eine Arbeit geben. Oder irgendjemand Anderes hier. Jeder liebt dich.“
Das war wohl eine Übertreibung, aber Yuuri konnte ein Lächeln nicht aufhalten. Es hatte einen wehmütigen Unterton als er antwortete: „Du weißt, dass ich das nicht kann. Das ist sehr nett, aber es geht nicht. Es ist das Gasthaus meiner Eltern. Ich kann dort nicht weg. Und es wäre ungerecht gegenüber Robert.“
Phichit seufzte.
„Nein, wie du behandelt wirst, das ist ungerecht.“
Yuuri schwieg. Sie hatten dieses Gespräch schon oft genug gehabt. Und er wusste, dass Phichit irgendwo recht hatte. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen, dass Gasthaus seiner Eltern zu verlassen.
Sie waren viel zu früh gestorben, wobei Eltern für ihre Kinder vermutlich immer zu früh starben.
Er hatte ein paar schöne Jahre mit ihnen gehabt, aber in einem Jahr war eine schlimme Krankheit umgegangen und die beiden waren nicht verschont worden. All die Medizin, die sie hatten kaufen können, hatten sie Yuuri gegeben. Es war nicht gerecht gewesen. Aber auch nicht zu ändern.
Alles was ihm damals von ihnen geblieben war, war der Hund, den sie ihm als Kind geschenkt hatten.
Er hatte ihn nach dem Kronprinz des Landes benannt, den er als Kind einmal in der Stadt gesehen hatte. Es war der schönste Mann gewesen, den er je gesehen hatte.
Sein Hund Vicchan war sein letztes Familienmitglied gewesen.
Er war noch nicht alt genug gewesen, als seine Eltern gestorben waren, um alleine zu leben.
Robert, ein Kaufmann, der das Gasthaus seiner Eltern gekauft hatte, hatte ihn aufgenommen und bei sich leben lassen. Er war ein netter Mann, aber oft auf Reisen. Und von von einer seiner Reisen war er nie zurückgekehrt. Der erneute Verlust hatte ihn hart  getroffen, aber er war immer dankbar gewesen. Egal, wie kurz die Zeit mit seinen Liebsten auch gewesen sein mochte.
Heutztage viel das schwerer. Robert hatte zuvor eine ganz furchtbare Frau geheiratet, die ihre Töchter aus früherer Ehe nach ihrem Ebenbild erzogen hatte.
Yuuri war zur Freundlichkeit und Höflichkeit erzogen worden und all seine Verluste und Rückschläge hatten seine Einstellung und Wesen nicht verändert. Vielleicht hatte es ihn nur noch freundlicher gemacht, um anderen den selben Schmerz zu ersparen.
Yuuri hatte versucht sich mit seiner sozusagen Stiefmutter und seinen Stiefschwestern zu verstehen. Aber sie legten keinen Wert darauf. Für sie war er nur ein besseres Hausmädchen und irgendwie hatte Yuuri sich fast damit abgefunden.
„Oh, beeindruckend. Anastasia hat es wohl wirklich darauf angelegt dich durch die halbe Stadt zu jagen“, kommentierte Phichit als er feststellte, dass Yuuris Einkaufsliste auch eine Rückseite hatte. Yuuri zuckte die Schultern.
„Wie kann jemand mit einem so hübschen Namen nur ein so hässlichen Inneres haben?“, seufzte Phichit, „Und Drizella erst.“
Verwirrt zog Yuuri die Augenbrauen zusammen.
„Du findest Drizella ist ein schöner Name? Seit wann das denn?“
Phichit lachte laut.
„Gott nein! Und ich meinte nur Drizella ist noch schlimmer.“
Yuuri stimmte in sein Lachen mit ein und sie plauderten über alles Mögliche, während er Lebensmittel und Alltagsgegenstände von seiner Liste abarbeitete.
Ja, seine Familienumstände waren wirklich furchtbar, aber er konnte nicht gehen. Er sollte es. Aber einst war dieses Haus wirklich sein Zuhause gewesen und dann hatte ein guter Mann ihm einmal mehr die Möglichkeit dazu gegeben. Und Yuuri war dankbar. Und im Gedenken, derer die er verloren hatte blieb er.
Außerdem wusste er nicht, was aus dem Gasthaus werden würden, wenn er nicht alles am Laufen hielt. Und das machte ihm Angst.
Phichit schien zu wissen was er dachte, als Yuuri gerade ein paar Nägel kaufte.
„Wie ich sehe, darfst du schon wieder Dielen austauschen? Das Gasthaus würde zu Grunde gehen ohne dich. Kein Wunder, wo deine Stiefschwestern keinen Finger rühren.“
Dem konnte er nicht widersprechen. Als sie den Laden verließen, zog Phichit ihn zu einem Stand mit Süßgebäck und kaufte ihnen Teilchen.
„Zeit für eine Pause“, verkündete er.
Yuuri hob eine Augenbraue.
„Du hast doch schon Pause.“
Phichit machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Ich meinte eine Pause für dich. Und ich mach einfach eine Pause von der Pause.“
Yuuri schmunzelte.
„Aber hieße das nicht, dass du arbeiten müsstet?“
„Nein, nein“, meinte Phichit und schüttelte den Kopf, während sie sich auf einem Brunnenrand niederließen, „Das heißt ich mach in der Pause noch eine angenehmere Pause.“
„Verstehe“, meinte Yuuri grinsend und biss von seinem Teilchen ab.
Er hatte kurz überlegt gegen eine Pause zu protestieren, aber wenn er ehrlich war, hatte er es nicht sonderlich eilig zurückzukommen. Er würde so oder so wegen irgendetwas angemeckert werden.
„Oh!“, rief Phichit plötzlich aus und krümelte auf seine Hose und ein wenig auf den Boden. Sofort kamen ein paar Tauben angeflogen, um die Krümel aufzupicken. Yuuri brach ein Stück seines Gebäcks ab und krümelte es ebenfalls auf den Boden. Die Tauben freuten sich.
„Jetzt werden wir die doch nie wieder los“, murmelte Phichit in einer halbherzigen Beschwerde und mit einem kurzen Blick zu der Horde Tauben, „Aber egal, das wollte ich gar nicht sagen. Hast du schon von den Einladungen gehört?“
„Welche Einladungen?“, fragte Yuuri mit vollem Mund.
„Es wird einen Ball geben!“, verkündete Phichit mit einer dramatischen Geste seiner Hände, „Und er wird drei Tage andauern. Er ist zu Ehren des Prinzen-“
„Prinz Viktors?“, fragte Yuuri schnell nach.
Phichit sah ihn mit einem wissendem Grinsen an. Yuuris Besessenheit von diesem Mann, denn er eigentlich gar nicht wirklich kannte, war ihm wohl bekannt.
„Ja. Wenn du mich jetzt ausreden lässt. Also,  er geht drei Tage und der König hat verkündet, dass sein Sohn sich auf diesem Ball eine Frau suchen soll. Oder einen Mann, denn die Einladungen gingen an sämtliche Prinzessinnen und Prinzen. Ebenso wie zig Adelsfamilien.“
Yuuri fühlte einen irrationalen Stich in seiner Brust, als er die Information verarbeitete, dass der Prinz jemanden heiraten sollte. Es war dämlich, schließlich hatte er damit gar nichts zu tun.
Er hatte nur diese Schwärmerei, die immer weiter ausgeufert war, seit er ein Kind gewesen war. Er hatte Prinz Viktor nie wieder persönlich gesehen, aber immer wieder gab es Portraits und Plakate mit seinem Gesicht und Yuuri konnte sich nicht von ihm lösen.
Es war zu einem Fest gewesen als er den Prinzen als Kind gesehen hatte. Er hatte mit einem der Männer aus dem Dorf getanzt und danach mit einer der Damen. Yuuri wusste nicht mehr wie seine Tanzpartner ausgesehen hatte, aber er erinnerte sich mit beeindruckender Genauigkeit an die flüssigen Bewegungen des Prinzen und wie sein Haar durch die Luft gewirbelt war bei jeder raffinierten Drehung. Als Kind war er sich sicher gewesen, das irgendeine Magie am Werk gewesen sein musste. Die führenden als auch die nicht führenden Schritte hatten ausgesehen wie eine komplizierte Zauberformel und waren doch von bewundernswerter Klarheit gewesen. Der Tanz war seitdem seine einzige Verbindung zu dem wunderschönen Mann auch wenn er sehr oft alleine tanzte. Manchmal tanzte er mit Phichit, aber das war immer seltener geworden, denn die Arbeit im Gasthaus nahm nur zu.
„-uuri. Yuuri! Hallo?“
Phichit wedelte vor seinem Gesicht herum und Yuuri blinzelte verwirrt.
„Entschuldigung, was?“
Ein Schmunzeln fand den Weg auf Phichits Lippen.
„Warst du wieder abgelenkt? Kaum erwähne ich den Prinz verfällst du in Tagträume. Hast ihn auf dem Ball verführt und dann habt ihr stürmisch geheiratet?“
„P-Phichit...“, murmelte Yuuri verlegen, „Was redest du da? Nein...“
Wobei das zugeben nach einem sehr schönen Tagtraum klang.
„Warum denn nicht? Das wäre die Gelegenheit diesen Tagtraum wahr werden zu lassen!“
„Wie bitte?“
„Ihr habt bestimmt auch eine Einladung erhalten. Und du bist doch auch adelig, Yuuri! Das ist die Gelegenheit! Du kannst den Prinzen sehen. Du kannst tanzen!“
Yuuri blinzelte. Und dann blinzelte er erneut.
„Was?“, fragte er stumpf.
Phichit verdrehte seufzend die Augen.
„Also wirklich, Yuuri. Theoretisch gehörst du doch zur Familie. Also bist du auch eingeladen, wenn der Rest eine Einladung erhalten hat.“
„Das stimmt“, stellte er stupide fest. Er stand noch unter Roberts Vormundschaft und der soziale Rang ihrer Familie war nicht gering, wenn auch nicht für das alltägliche Leben wirklich relevant. Für einen Moment wallte Freude in seinen Innerem auf. Sie erstarb allerdings sogleich als ihm alle anderen Umstände wieder einfielen.
„Sie werden mich niemals mitnehmen. Und ich habe sowieso nichts zum anziehen für einen Ball.“
Phichit verzog grübelnd das Gesicht.
„Dann musst du dich raus schleichen. Und es ist egal wie du aussiehst, der Prinz wird so oder so von dir verzaubert sein.“
Yuuri lächelte. So wie er einst von ihm bezaubert worden war.
Aber das war nicht realitätsnah.
„Selbst wenn ich etwas finde und mich raus schleichen könnte, ich käme niemals rechtzeitig zum Schloss und wieder zurück ohne das jemand etwas bemerkt.“
Darauf fiel auch Phichit nichts mehr ein.
„Ich fürchte, ich muss langsam zurück. Mittags ist viel los“, meinte Phichit wehmütig, als er sich umsah. Yuuri erhob sich und gab den Rest seines Gebäcks den Tauben. Er lächelte, auch wenn es ein wenig erzwungen war.
„Kein Problem. Den Rest schaff ich auch allein.“
„Tut mir Leid, Yuuri“, sagte Phichit ohne bestimmte Referenz, was er meinte. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Vielleicht hast du ja doch irgendwie Glück.“
Sie verabschiedeten sich und Yuuri machte sich auf den Weg zum Schneider.
Glück war in seinem Leben eher rar gesät. Aber das machte nichts. Dafür schätzte er, was er hatte umso mehr. Es war manchmal schwer und er verzweifelte, aber am Ende half es wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Da war diese kleine Hoffnung, dass es besser werden würde. Er wollte sich nicht darauf verlassen, aber er hielt daran fest. Schritt für Schritt in eine Richtung, die sich hoffentlich als die Richtige erwies. Diese Einstellung half jedenfalls weiterzumachen.


Als er nach Hause kam, bemüht möglichst nichts von all den Sachen, die er tragen musste, fallen zu lassen, wusste er sofort, dass die Einladung bereits angekommen war.
Seine Stiefmutter und seine Stiefschwestern saßen um den Tisch im Speisezimmer, ein Brief zwischen ihnen. Seine Stiefmutter warf ihm nur einen kurzen Blick zu und wand sich dann wieder dem Papier zu.
Drizella sah ihn und die Sachen auch flüchtig an und sagte: „Du bist spät.“
Es war keinesfalls freundlich, aber es war keine direkte Beleidigung. Und das war alles, was er zu hören bekam. Yuuri war überrascht, aber er wollte sich keinesfalls beschweren. Hoffnung keimte in ihm auf. Vielleicht, wenn er sich geschickt anstellte und sich ruhig und fleißig verhielt, würden sie ihn mitnehmen?
Er legte die Anziehsachen über das Treppengelände, um sie später nach oben zu bringen und brachte die Lebensmittel in die Küche. Er musste kochen und das Abendessen vorbereiten, aber die Mittagszeit war gerade erst vorbei, also konnte er noch einen kleinen Augenblick warten. Das Gasthaus war schon lange kein richtiges Gasthaus mehr, aber Yuuri blieb gewissenhaft. Seine Stiefmutter hatte es zu einer Art Prestigeunterkunft gemacht und ließ hier nur noch die edeleren Gäste unterkommen, wenn sie der Meinung war, der Kontakt mit diesen würde ihr einen Vorteil bringen. Momentan beherbergten sie einen Kaufmann, aber er war oft außer Haus.
Möglichst leise ging er zurück ins Speisezimmer.
„Und ihr braucht beide ein neues Kleid. Und du musst davor unbedingt zum Friseur, Drizella.“
Sie hielt inne.
„Was willst du, Aschenbagasch?“, fragte sie unfreundlich. Den unliebsamen Spitznamen hatte ihm Drizella einst verpasst und er war ihn nie wieder losgeworden. Es war eine ständige Verhöhnung. Seine Kleider waren dreckig und alt, deswegen nannten sie ihn Gesindel. Und weil er neben dem Ofen schlief und öfter Asche im Gesicht hatte, war es eine für sie nette Erweiterung gewesen.
Aber er hatte sich traurigerweise bereits daran gewöhnt. Er ignorierte es.
„Was ist das?“, fragte er möglichst unaufdringlich, auch wenn er es eigentlich schon wusste.
„Ein Brief vom König“, sagte Anastasia wichtigtuerisch.
„Er lädt zu einem Ball ein, damit Prinz Viktor endlich heiratet. Wird so langsam ja auch Zeit.“
Yuuri kniff die Lippen zusammen, um keine bösen Kommentar abzugeben.
„Darf ich den Brief sehen?“, fragte er.
„Uh. Du machst ihn nur schmutzig“, meinte Anastasia, aber ihre Mutter hob stolz das Kinn.
„Du kannst ja einen Blick darauf werfen. Man sieht ja nicht jeden Tag einen Brief vom König persönlich.“
Sie schob den Brief über den Tisch in seine Richtung und einmal war er fast dankbar für den Hochmut seiner Stiefmutter. Er überflog die Anrede und die Zeile, die er schon von Phichtit kannte.
'Alle heiratsfähigen Damen und Herren“, las er und ein sein Herz klopfte verräterisch.
„Wirklich beeindruckend“, sagte er und natürlich bemerkte er den zufriedenen Gesichtsausdruck aller Anwesenden.
„Es gibt also viel zu tun. Anastasia und Drizella sind zwar bezaubernde Geschöpfe“, eine Aussage, der er so nicht zustimmen konnte, „aber sie müssen perfekt aussehen, wenn sie den Prinzen bezaubern wollen.“
„Was ist mit Tanzen?“
Seine Stiefmutter hob die Augenbrauen.
„Tanzen? Was soll damit sein?“
„Prinz Viktor tanzt gerne“, murmelte Yuuri, „Vielleicht sollten sie ihre Tanzschritte ausbessern.“
Anastasia und Drizella kicherten überheblich, während seine Stiefmutter ihn kopfschüttelnd ansah.
„Na und? Am Ende geht es doch sowieso um das Aussehen. Der Prinz wird da wohl kaum anders sein.“
Sie lachte abfällig.
Yuuri hoffte sehr, sie hatte Unrecht. Prinz Viktor war nicht so oberflächlich, da war er sich sicher.
Es stimmte, dass er durchaus für seinen ausgefallenen Kleidungsstil und Vorlieben außergewöhnlicher Äußerlichkeiten bekannt war, aber das hieß nicht zwingend, dass Prinz Viktor oberflächlich war.
Seine Stiefmutter nahm den Brief wieder an sich und nickte zufrieden.
Es war Yuuris Chance. Ihre Konversation war nicht annähernd so harsch gewesen wie sonst, sie schienen alle in guter Stimmung zu sein. Er schluckte und ballte die Faust zusammen.
Eine Antwort konnte ihm nicht mehr wehtun als der Rest, wenn er jetzt fragte.
„Darf ich mitkommen?“
Überrascht sahen ihn alle an.
„Was?“
„Naja, die Einladung gilt doch der ganzen Familie und es sind Damen und Herren eingeladen“, meinte er, seine Stimme immer leiser.
Drizella schnaubte.
„Du willst mit? Der Prinz heiratet doch ohnehin keinen Mann.“
Er wollte ihn ja nicht gleich heiraten. Er wollte ihn kennenlernen. Außerdem hätte er keine Männer eingeladen, wenn er nicht interessiert wäre. Aber das war sowieso nicht der einzige Grund, warum er mit wollte.
„Ich möchte tanzen.“
„Gott, er ist so lustig“, kicherte Anastasia. Seine Stiefmutter lächelte belustigt.
„Du hast doch gar nichts zum Anziehen. Du kannst doch nicht in diesen Lumpen gehen.“
„Der Schneider leiht mir vielleicht einen alten Anzug.“
Immer noch spöttisch sahen sie zu ihm.
„Bitte“, sagte er flehentlich.
„Na schön“, sagte seine Stiefmutter und die Schwestern schnappten überrascht nach Luft, „Du kannst mitkommen. Aber nur unter einer Bedingung. Du musst eine Liste mit Aufgaben abarbeiten, bevor der Ball nächste Woche beginnt.“
Yuuri nickte eifrig.
„Natürlich“, bekräftigte er. Egal, was sie ihm aufbürden würden, er würde alles tun, um mit zu diesem Ball zu können.


*

Das war Kapitel 1 von 6, wobei die Kapitel längentechnisch allerdings etwas varieren. Wer Fehler findet, darf mich gerne auf diese aufmerksam machen. Korrerturlesen ist meine Achillesferse und wenn ich das so ordentlich machen würde wie ich wollte, würde ich vermutlich nie wieder etwas hochladen.
Reviews und Kommentare sind eigentlich immer willkommen. Da die Geschichte schon fertig ist, hängt meine Motivation allerdings nicht daran und wer die Geschichte lieber in ihrer Gesamtheit am Ende kommentieren möchte, soll das tun.
Plottechnisch würde ich im Übrigen nicht sagen, dass die Geschichte furchtbar albern ist, aber auch nicht immer super logisch, weil es eben ein Märchen ist.  Ich habe mich bemüht, die Details des Orginals für Yuuri möglichst sinnvoll anzupassen.
Aber genug der trockenen Überlegungen, ihr hört von mir beim nächstem Kapitel^^

Schöne Grüße
ChaosTime
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