Die Leiden des jungen Chuuya

OneshotHumor / P12
Chuya Nakahara Osamu Dazai
04.01.2020
04.01.2020
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Mit einer Mischung aus Unglauben und Abscheu starrte Chuuya sein Telefon an. Einige Momente lang, in denen er überlegte, und allein diese Tatsache schmerzte in seinem tiefsten Inneren. Die Tatsache, dass er tatsächlich darüber nachdachte, auf dieses dumme, kleine, grüne Telefonsymbol zu drücken.

Chuuya war ein Mitglied der Port Mafia. Noch nicht allzu lange, das gab er zu, aber gerade deswegen verspürte er so etwas wie ein Gefühl der Ehre. Dies war eine Mission, die ihm der Boss höchstpersönlich anvertraut hatte, und dabei zu versagen oder- schlimmer- einfach aufzugeben, kam für Chuuya nicht infrage. Aber langsam musste er sich eingestehen, dass es zu viel für ihn war. Mori hatte ihn offensichtlich überschätzt. Chuuya hatte nicht vor, ihm das zu sagen, aber in diesem Augenblick half es nichts: Er schaffte das nicht aus eigener Kraft heraus.

So schwer es gewesen war, sich das einzugestehen, Chuuya brauchte Hilfe. Und als wäre das allein noch nicht genug, war niemand verfügbar. Wirklich niemand.

Zuerst hatte Chuuya Kouyou angerufen. Seine Mentorin wäre nicht nur bereit, ihm zu helfen, sondern würde auch bestimmt niemandem etwas von Chuuyas Schwierigkeiten erzählen, wenn er sie darum bat. Es war in vielerlei Hinsicht nicht nur die rationalste Entscheidung, sondern auch die einzige, zu der sich Chuuya anfangs durchringen konnte.

Er hatte so lange Zuversicht in diese Idee gehabt, bis Kouyou ihm in einem sehr kurzen Gespräch erklärt hatte, dass sie gerade selbst keine Zeit hatte. Anscheinend fand heute irgendeine Besprechung statt, Chuuya war sich nicht ganz sicher, ob er diesen Teil des Anrufs richtig verstanden hatte, während er innerlich seine Unfähigkeit verfluchte.

Nach einem kurzen Ausbruch von Wut und Verzweiflung fand er sich schließlich irgendwann damit ab, dass er die Hilfe von einem anderen Mitglied der Mafia benötigte.

Und dann hatte es begonnen.

Chuuya hatte wahllos alle Kontakte in seinem Telefon durchtelefoniert. Alle Mafiosi, von denen er erwartete, dass sie ihm helfen würden, sei es auch nur, weil sie mussten. Immerhin befand er sich gerade auf einer Mission, und wenn er es allein nicht schaffte, waren sie schließlich dazu verpflichtet. Irgendwie.

Und auch nur, sofern sie nicht selbst etwas anderes zu tun hatten.

Knappe zehn Minuten später hatte Chuuya, am Rande der Verzweiflung stehend, wieder Kouyou angerufen. Ihm war bewusst gewesen, dass ihr das nicht gefallen würde, aber er wusste nicht, was er noch tun sollte. Das war seine erste Mission, die wirklich ihm allein direkt von Mori aufgetragen worden war, und er wollte sie doch einfach nur zu dessen Zufriedenheit erfüllen.

Nach einer kurzen Mahnung- die er verdient hatte, das gab Chuuya sogar zu- sprach eine genervte Kouyou schließlich das aus, was Chuuyas Unterbewusstsein schon die ganze Zeit gewusst hatte, aber einfach mit seiner gesamten Willenskraft ignoriert.

Chuuya hatte Kouyou angefleht, zu ihm zu kommen, das vertrug sein Stolz noch besser als die alternative Option, aber seine Mentorin hatte einfach aufgelegt.

Und so fand er sich jetzt in dieser Situation wieder, diesen verdammten Namen auf dem Display mit aller Abscheu, die er aufbringen konnte, anstarrend. Das war seine letzte Hoffnung, egal, ob es ihm gefiel oder nicht. Chuuya hatte die Wahl, bei seiner ersten eigenen Mission zu versagen oder die Person, von der er das als letztes wollte, um Hilfe zu bitten. Und er würde lügen, würde er sagen, dass er nicht wenigstens kurz darüber nachgedacht hatte, einfach aufzugeben. Aber „wofür gab es Soukoku denn überhaupt“ (Zitat Kouyou), und noch wollte Chuuya sich seine Position in der Mafia nicht verspielen. Nur wegen so einer dummen Aufgabe?

Jede Faser seines Körpers sträubte sich dagegen, als er nach einer halben Ewigkeit schließlich auf den Anrufbutton drückte. Das hier würde die Hölle werden, das war ihm zu diesem Zeitpunkt längst bewusst.

Es klingelte eine Weile lang, vermutlich war Dazai gerade entweder ebenfalls auf einer Mission oder er ignorierte ihn einfach. Chuuya hätte aus reiner Hilflosigkeit einfach das komplette Gebäude in die Luft gejagt, wenn er sich nicht so sicher gewesen wäre, dass die zweite Option zutraf.

„Hallo?“ Dazais Stimme klang verschlafen, als er schließlich endlich abhob. Chuuya wusste nicht, ob das nur an der Verzerrung durch die Telefone lag, aber er wollte sich nicht blind auf diese Möglichkeit verlassen. „Was willst du? Vermisst du mich so sehr, dass du es keine Stunde aushältst, ohne mich zu hören?“

Chuuya presste die Lippen aufeinander. Diese Begrüßung machte die Worte, die er jetzt aussprechen würde müssen, nicht einfacher, ganz im Gegenteil. Ihm wurde jetzt schon schlecht, wenn er daran dachte, wie oft er das noch von Dazai zu hören bekommen würde. „Nein. Aber ich brauche deine Hilfe.“ Das war so demütigend.

Eine Weile lang blieb es still. Chuuyas Hand schloss sich fester um sein Telefon, während er sich vorstellte, wie Dazai ihn innerlich gerade auslachte. „Hm. Und warum sollte ich irgendetwas für dich tun?“

„Weil du mein Partner bist, du verdammter Arsch!“ Chuuya achtete nicht darauf, wie laut seine Stimme war. Schlimm genug, dass besagter Arsch seine letzte Chance war, bei dieser Mission nicht auf ganzer Linie zu versagen, er musste sich natürlich auch noch dagegen stellen. Fairerweise musste er jedoch auch zugeben, dass er Osamu Dazai bisher genau so kennen gelernt hatte. „Port Mafia! Soukoku! Dir ist bewusst, dass ich auf einer offiziellen Mission bin?!“

„Wenn du mich so lieb bittest.“ Seine Stimme klang eiskalt. „Weil ich sowieso nichts besseres zu tun habe, als einer Jungfrau in Nöten zu helfen. Wo bist du?“

Es kostete Willenskraft, von der Chuuya nicht einmal gewusst hatte, dass er sie besaß, sein unschuldiges Telefon nicht so weit wie möglich von sich wegzuschleudern. Warum ließ er sich das eigentlich gefallen?! Er konnte die Schwerkraft kontrollieren! Er konnte noch so viel mehr. Nur leider hatte Mori ihm gesagt, er solle seine Fähigkeit nur im äußersten Notfall einsetzen, und es würde ihm bestimmt nicht gefallen, würde er auf diese Maßnahme zurückgreifen, bevor er Dazai um Hilfe gefragt hatte… „Beeil dich“, knurrte er, während er alle möglichen Flüche und Verwünschungen im Geiste durchging. „Ich schick dir die Adresse. Wenn du in zehn Minuten nicht hier bist, wirst du dich nicht mehr selber umbringen müssen.“

„Ich freue mich darauf.“ Natürlich, jetzt war da dieses Lachen in seiner Stimme. Chuuya hasste diesen Typen so sehr. Umso schlimmer, dass er mit Corruption auf ihn angewiesen war; und ganz offensichtlich auch während Missionen, bei denen er seine Fähigkeit nicht einmal brauchte.

Das war es vermutlich, was Partner ausmachte. Ob ihnen das gefiel oder nicht.

***


Diese verdammte Ratte.

Dazai wusste nicht, ob er wütend auf Chuuya sein sollte, weil der ihn verarscht hatte, oder auf sich selbst, weil er darauf hereingefallen war. Als ob der Zwerg ihn jemals freiwillig um Hilfe fragen würde! Der hielt es ja schon kaum aus, mit ihm in den normalen Missionen, die die beiden gemeinsam zu erfüllen hatten, zusammenzuarbeiten. Dazai, im Übrigen, genauso wenig.

Aber aus irgendeinem für Dazai völlig unersichtlichem Grund war er dem Aufruf trotzdem gefolgt. Das hatte er nun davon.

Unruhig begann er, vor dem Supermarkt auf und ab zu laufen. Gut, Chuuya würde er das schon irgendwann heimzahlen können, der ließ sich sowieso ganz leicht provozieren. Aber Dazai hatte schon eine ganze Weile lang nichts mehr gegessen, und wenn er bereits hier war…

Die Entscheidung fiel ihm nicht weiter schwer.

Chuuya war bereits fast vergessen, als er durch die Gänge des Supermarktes lief und sich nach irgendetwas umsah, das er sich mit den paar Yen in seiner Tasche leisten könnte. Eventuell war das doch keine gute Idee gewesen. Aber immerhin lenkte es ihn noch weiter von seinem idiotischen Partner ab.

So lange, bis er eben jenen Partner vor einem der Regale stehen sah.

Dazai stolperte fast, als er Chuuya erkannte. Es bestand kein Zweifel, diesen Typen würde Dazai überall erkennen, aber… was zu Hölle machte er hier?

Anscheinend war das doch kein Scherz gewesen…?

Mit leicht gerunzelter Stirn schlich Dazai vorwärts wie eine Raubkatze, die gerade Beute entdeckt hatte. Um allerdings als Beute durchgehen zu können, hätte Chuuya nicht so aufmerksam sein dürfen, denn er bemerkte Dazai fast sofort. „Da bist du ja endlich…“ Er hörte sich an, als wolle er noch etwas sagen, entschied sich aber im letzten Moment dagegen.

„Was ist falsch mit dir?“ Dazai sah sich um. „Ich dachte, du bist auf einer Mission und brauchst meine Hilfe?“

Es war doch irgendwie zufrieden stellend, den wütenden und frustrierten Blick auf Chuuyas Gesicht zu sehen. Dazai war immer noch nicht ganz klar, was genau hier ablief, aber gelohnt hatte sich der Weg bereits. „Das… tue ich auch“, brachte Chuuya zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Dazai genoss es, zuzusehen, wie sehr es seinem Partner widerstrebte, diese Worte auszusprechen. „Hier.“ Wenn Blicke töten könnten.

Ohne noch mehr zu sagen, hielt Chuuya ihm einen kleinen Zettel entgegen und Dazai nahm ihn sofort. Chuuya so zu sehen, war unbezahlbar gewesen, aber er war immer noch neugierig, wobei genau er denn nun helfen sollte. „Eine…“ Verwirrt sah Dazai von dem Zettel zu Chuuya und dann wieder auf den Zettel. „Eine Einkaufsliste?“

Chuuya nickte. „Ich habe auch schon alles besorgt“, murrte er, „bis auf das hier.“ Er deutete auf eines der aufgeschriebenen Produkte. Jetzt, wo er es ansprach, bemerkte Dazai, dass sie vor genau diesem Regal standen.

Nur beantwortete das immer noch nicht seine Frage. „Und…“ Er legte den Kopf schief. „Warum brauchst du mich dafür?“

Chuuya murmelte etwas, das Dazai nicht verstehen konnte. Es war zu leise und undeutlich, aber es lag ein kleines Versprechen in Chuuyas gesamtem Tonfall und Körperhaltung. Ein Versprechen, dass sich Dazai noch sehr lange über diesen Tag lustig machen könnte. „Wie bitte?“ Er lächelte. „Ich kann dich nicht hören~“

Chuuya sah aus, als würde er ihm am liebsten hier und jetzt den Hals umdrehen, und Dazai musste sich zusammenreißen, nicht loszulachen. Jedenfalls so lange, bis Chuuya es doch noch aussprach, lauter, als er es eigentlich hätte tun müssen. Was die ganze Sache für Dazai allerdings nur noch unterhaltsamer machte. „Es ist auf dem obersten Regal!“, fauchte er, immer noch auf den Boden starrend. „Ich komm nicht ran.“
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