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Der Flügelschlag eines Schmetterlings

von Wega
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Severus Snape
04.01.2020
06.08.2022
73
268.803
29
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06.08.2022 3.590
 
Zerbrochen

Severus Snape trat in die kalte Winternacht hinaus, eine leblose, in schwarzen Stoff gehüllte Gestalt in den Armen. Die Luft war klirrend kalt und Schnee und Kies knirschten unter seinen Schuhen, als er auf das Tor am Ende des Weges zuging, um das Anwesen der Malfoys endlich zu verlassen.
Noch nie war ihm eine Versammlung der Todesser so lang erschienen wie heute. Er hatte keine Emotionen gezeigt, seit Yaxley und Macnair Sophie auf Voldemorts Befehl aus dem Raum geschleift hatten, doch eine kaum zu kontrollierende Unruhe hatte ihn ergriffen. Er hatte sich gewünscht, dass diese Versammlung schnell zu Ende gehen würde, doch der Dunkle Lord hatte viel zu besprechen gehabt.
Sophies Informationen hatten ihn, wie zu erwarten, nicht zufrieden gestellt, ihn jedoch trotzdem dazu veranlasst, Maßnahmen zur Ergreifung der von ihr genannten Ordensmitglieder zu treffen. Doch auch neben diesen Dingen hatte es viel zu besprechen gegeben.
Es war eine Qual für Severus gewesen, an diesem Tisch zu sitzen und zuhören zu müssen, regungslos, gefühllos, während Sophie irgendwo unter ihm gefoltert wurde. Der flehende, verzweifelte Blick, den sie ihm zugeworfen hatte, hatte ihn die ganze Zeit verfolgt. Doch er hatte ihr nicht helfen können, ihr nicht helfen dürfen.
Mit einem Knurren beschleunigte er seine Schritte. Es hatte viel zu lange gedauert, bis der Dunkle Lord die Versammlung aufgelöst und ihm erlaubt hatte, Sophie zu holen und sie mit nach Hogwarts zu nehmen. Er war gerade noch rechtzeitig gekommen, um zu verhindern, dass Yaxley Sophie vergewaltigte. Allerdings nicht früh genug, um sie vor den Schmerzen und der Angst zu bewahren, die sie erlitten hatte.
Die leblose junge Frau in seinen Armen zitterte. Er warf ihr einen besorgten Blick zu. Sie musste schnellstens in Sicherheit gebracht und medizinisch versorgt werden. Obwohl sie immer noch bewusstlos war, zitterte sie wieder und er drückte sie näher an sich. Sie mussten hier weg.
Endlich hatte er das Tor erreicht, trat hindurch und disapparierte auf der Stelle. Auf dem Weg hoch zum Schloss legte er einen starken Desillusionierungszauber um sie beide. Er konnte es jetzt nicht gebrauchen, aufgehalten oder mit Fragen gelöchert zu werden.
Im ersten Stock angekommen, zögerte er kurz. Es wäre bestimmt besser, Sophie in den Krankenflügel zu bringen. Madam Pomfrey würde wissen, wie sie sie heilen konnte, doch dann sähe er sich der Frage ausgesetzt, wie es dazu kommen konnte, dass eine Schülerin solche Verletzungen davontrug. Wo sie gewesen war. Und warum es ihn überhaupt kümmerte, wenn sie verletzt war.
Er presste die Zähne so stark zusammen, dass sein Kiefer schmerzte, dann setzte er seinen Weg zum Büro des Schulleiters und seinen privaten Räumen fort. Er hatte sich selbst schon mehrfach verarzten müssen, wenn es bei einem Einsatz Komplikationen gegeben hatte, es war deshalb nicht zwingend notwendig, den Krankenflügel aufzusuchen. Außerdem konnte er es nicht riskieren, dass seine Tarnung geschwächt wurde, denn seine Sorge wäre für jeden Außenstehenden offensichtlich. Doch er musste unter allen Umständen der skrupellose Todesser bleiben, auch in den Augen seiner Kollegen.
„Severus, was ist passiert?“, fragte Dumbledores Porträt entsetzt, als er mit Sophie im Arm das Büro betrat, die Tür schnell hinter sich schloss und den Desillusionierungszauber aufhob.
„Später, Albus“, keuchte Severus Snape und eilte mit Sophie in den Armen zu seinen privaten Räumen.
In Anbetracht dessen, was sie erlebt hatte, war es vielleicht nicht die beste Idee, aber Severus beschloss, sie erstmal auf sein Bett zu legen, damit er sie untersuchen konnte. Es war der mit Abstand geeignetste Ort, damit sie sich ausruhen und ihre Verletzungen geheilt werden konnten. Zumindest die äußerlichen Verletzungen. Die Verletzungen in ihrer Seele würde er nicht versorgen können, das war ihm schmerzlich bewusst.
Vorsichtig, als wäre sie aus hauchdünnem Porzellan, legte er sie auf seinem Bett ab. Sie sah beinahe friedlich aus, wie sie da lag, sah man von den Blutergüssen an ihrem Kinn ab, doch Severus wusste, dass der Eindruck täuschte.
Damit sie nicht erwachte, während er sie verarztete, belegte er sie mit einem Schlafzauber. Dann begann er, komplizierte Diagnosezauber auszuführen, um die Schwere und Art ihrer Verletzungen zu bestimmen. Er atmete erleichtert auf. Es war nicht Lebensgefährliches, doch es waren auch keine Lappalien. Das würde viel Arbeit werden.
Er entfernte den Umhang mit einem Zauberspruch und begann, ausschließlich auf die Verletzungen konzentriert, mit der Heilung. Sie würde es ihm wahrscheinlich nicht danken, dass er sie so gesehen hatte, wenn sie aufwachte, doch er wusste sich nicht anders zu helfen. Was er sah, schockierte ihn, auch wenn die Diagnosezauber ihn auf den Anblick vorbereitet hatten.
Ihr Bauch und ihre Seiten waren ein einziger, riesiger Bluterguss, ihre Fußgelenke waren geschwollen und schillerten in rot, blau und violett. Ihre Handgelenke waren wund gescheuert und blau, das linke war verstaucht, und auch ihr Hals verfärbte sich bereits dunkel. Tiefe Schnitte durchzogen ihre Haut, sie wechselten sich ab mit einigen Brandwunden. Dünne Rinnsale roten Blutes flossen draus über ihren Körper und färbten die dunkelgrüne Bettwäsche noch eine Spur dunkler.
Es dauerte ein wenig, dann hatte er ihre gebrochenen Fußgelenke und das verstauchte Handgelenk geheilt, die Schnitte in ihrer Haut geschlossen und die Brandwunden ebenfalls versorgt. Silbrige Narben bedeckten nun ihren Körper, Narben, die vermutlich für immer bleiben würden. Ihre Prellungen und die Blutergüsse hatte er mit einer kühlenden, heilenden Salbe behandelt.
Severus kleidete sie in einen eigens heraufbeschworenen, warmen Pyjama, dann säuberte er sie und die Bettdecke, Er deckte sie vorsichtig zu, trat zurück und entfernte zuletzt den Schlafzauber. Sophie regte sich nicht.
Leise verließ er das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. Er hätte gerne mehr für sie getan, doch das lag nicht in seiner Macht. Severus seufzte, dann ging er in sein Büro, um Albus von dem Treffen zu berichten.
„Sie wird Hilfe brauchen, wenn sie aufwacht, Severus“, sagte das Porträt von Albus, nachdem er seine knappe Schilderung beendet hatte. „Hilfe von Menschen, denen sie vertraut und die ihr etwas bedeuten.“
„Ich weiß“, erwiderte Severus und rieb sich die Stirn. Er hatte es sich auf einem gemütlichen, eigens heraufbeschworenen Sessel vor Albus Porträt bequem gemacht, um sich mit ihm zu unterhalten. „Vermutlich werde ich alles nur noch schlimmer machen, aber ich konnte sie nicht zu Poppy bringen. Trotzdem bin ich wohl kaum der Richtige, um sie zu versorgen.“
Ihm entging der zweifelnde Blick und das leichte Schmunzeln von Albus Porträt nicht, deshalb fügte er an: „Ich werde morgen ihrer Freundin Bescheid sagen. Sie wird ihr besser helfen können als ich.“
Albus nickte. „Das halte ich für eine gute Idee. Und du solltest versuchen, sie möglichst von Tom Riddle fernzuhalten. Wer weiß, ob sie das nächste Mal überlebt.“
Severus sprang auf, die Hände in dem langen, leicht fettig wirkenden Haar vergraben. „Verdammt, Albus, das versuche ich ja! Aber ich kann es nicht verhindern!“
Er ließ resigniert die Arme hängen und ging langsam vor dem Porträt auf und ab. „Ich habe es schon die ganze Zeit versucht, aber es hat nichts genützt. Und spätestens zu den Osterferien wird er sie wiedersehen wollen. Es gibt jetzt keinen Grund mehr, ihr zu erlauben, hier oder bei den Weasleys zu bleiben. Er wird sie überwachen und kontrollieren wollen, davon bin ich überzeugt, zumindest, solange er glaubt, dass sie einen Nutzen für ihn haben könnte.“
Severus ließ sich wieder in den Sessel sinken und sah mit abwesendem Blick auf seine Hände.
„Ich wünschte, ich könnte sie vor ihm beschützen, Albus“, flüsterte er. „Dieser Blick, den sie mir zugeworfen hat, bevor sie sie rausgebracht haben …“ Die nächsten Worte klangen beinahe zornig. „Wieso hat sie auch gedacht, ich könnte sie retten?!“ Er schrie nun fast. „Ist mein Leben nicht schon schwer genug? Wie konnte sie denken, dass ich irgendetwas unternehmen kann?“
„Nun, sie scheint dich zu mögen, Severus. Ist es da so überraschend, dass sie Hilfe bei dir sucht?“
Severus schüttelte den Kopf, seine Stimme klang erstickt, als er sagte: „Aber ich habe ihr nicht geholfen. Sie wird mich hassen und das mit Recht. Sie wird nichts mehr mit mir zu tun haben wollen und das ist allein meine Schuld. Es ist wie damals, Albus …“
„Nun aber langsam mit den jungen Hippogreifen, Severus!“, fuhr Dumbledores Porträt scharf dazwischen. „Noch ist sie nicht aufgewacht. Warte doch erst einmal ab, was geschehen wird. Ich bin mir sicher, dass sie, auch wenn sie dir vielleicht eine Mitschuld für das gibt, was geschehen ist, dir verzeihen wird. Aber du musst ihr Zeit lassen.“

Eine angenehme Wärme umgab Sophie. Sie lag auf etwas Weichem und spürte das behagliche Gewicht einer Decke auf sich. Ein bekannter Geruch stieg ihr in die Nase, nach Kräutern und etwas, das sie nicht benennen konnte. Es roch angenehm. Sie streckte sich, hielt jedoch sofort inne. Sie spürte jeden einzelnen Muskel in ihrem Körper. Alles fühlte sich steif an.
Und dann brachen die Erinnerungen wie eine Sturzflut über sie herein und zogen sie mit in die Vergangenheit. Voldemort, der Keller, der Raum, Yaxley und Macnair. Die Bilder prasselten auf sie ein, sie hörte wieder ihr Lachen, dann ihre eigenen Schreie, roch das Blut und konnte den rauen, kalten, nassen Stein unter ihren Händen spüren. Sie war wieder dort, sie konnte sich nicht bewegen, obwohl sie doch fliehen wollte …
„Sophie!“
Eine Stimme, weit entfernt.
„Sophie!“
Wieder die Stimme, jetzt konnte sie sie schon besser hören. Die Stimme gehörte nicht in den Keller, es war keiner der Todesser, die sie mitgenommen hatten.
„Sophie, konzentriere dich! Du bist in Sicherheit! Du bist nicht mehr dort!“
In Sicherheit … Die Worte hallten wie ein Echo in ihrem Kopf wider. Sie war in Sicherheit. Wo war sie?
Es dauerte lange, bis die Erinnerungen in den Hintergrund rückten und sie wieder etwas anderes wahrnahm. Unter ihren Händen war kein harter, kalter Boden, sondern eine weiche, warme Matratze. Es roch nach Kräutern, nicht nach Blut. Ihr Blick klärte sich und sie konnte hören, wie eine Person beruhigend auf sie einredete.
Sie saß aufrecht in einem Bett. Ihre Hände hatten sich in die mit dunkelgrüner Bettwäsche bezogene Decke gekrallt. Der Raum, in dem sie sich befand, war spartanisch eingerichtet. Bis auf das breite Bett, den Nachttisch aus dunkelbraunem Holz und einen großen Schrank aus demselben Material war es leer. Die Tür war nur angelehnt, von ihrer Position aus konnte sie jedoch keinen Blick in den Raum dahinter werfen.
Eine Bewegung in ihren Augenwinkeln. Sophie schrak zusammen und fuhr herum, die Decke schützend vor sich gezogen. Vor ihr saß Severus Snape, die Hände abwehrend erhoben und musterte sie mit vorsichtigem Blick.
„Schon gut, ich tue dir nichts.“
Sophie starrte ihn an. Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. Sie sollte wütend sein, enttäuscht oder erleichtert, aber sie fühlte … einfach nichts. Nur Leere.
Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass es vermutlich sein Bett war, in dem sie lag, und dass sie einen Pyjama trug, der ihr nicht gehörte. Probehalber bewegte sie ihre linke Hand. Es schmerzte nicht mehr, was bedeutete, dass er ihre Wunden verarztet haben musste.
„Was … was ist passiert, nachdem ich … bewusstlos wurde?“, krächzte sie.
Ihr Hals schmerzte immer noch vom Schreien und Yaxleys Würgegriff.
Severus ließ die Hände sinken und sah sie wachsam an.
„Ich habe dich, so schnell ich konnte, da herausgeholt. Du warst noch bei Bewusstsein, als ich eingetroffen bin, glaube ich. Kurz danach bist du dann bewusstlos geworden. Ich habe dich nach Hogwarts gebracht und dich versorgt.“
Sophie nickte mit abwesender Miene. Dann war er es also gewesen, der Yaxley unterbrochen hatte, als er versucht hatte –
„Das sind deine Räume, oder?“
Er nickte.
„Kann ich mich irgendwo waschen? Es – ich –“
Wieder nickte Severus.
„Ich kann dir das Badezimmer zeigen.“
Er trat langsam einen Schritt zurück, drehte sich dann um und ging durch die Tür. Sophie zögerte kurz, dann raffte sie die Decke zusammen, stand langsam von dem Bett auf und hüllte die Decke wie einen schützenden Mantel um sich. Der Boden unter ihren nackten Füßen war kühl, aber nicht kalt.
Sie trat ebenfalls durch die Tür und blieb wie angewurzelt stehen. Das war sein Wohnzimmer! Hier hatten sie Okklumentik geübt, bevor –
Sie zwang sich, den Gedanken zu unterbrechen und konzentrierte sich ganz auf Severus, der mit dem Finger auf eine Tür deutete, die aus dem Wohnzimmer heraus führte.
„Das Bad ist dort. Ich habe dir schon Seife und ein Handtuch bereitlegen lassen. Du kannst einen Hauselfen damit beauftragen, dir die Sachen zu bringen, die du anziehen möchtest.“
Sophie erwiderte nichts, nickte nur und tappte zum Badezimmer. Erleichterung durchströmte sie, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Erschöpft lehnte sie sich gegen das kühle Holz und schloss die Augen. Obwohl sie gerade erst aufgewacht war, hatte sie das Gefühl, von all den Eindrücken förmlich überrannt zu werden.
Es dauerte lange, bis sie sich schließlich dazu aufraffen konnte, flüsternd nach Dobby zu rufen. Der Hauself erschien sofort mit einem lauten Plopp, das Sophie heftig zusammenzucken ließ.
„Wie kann Dobby Ms Winter helfen?“, quiekte er und sah sie besorgt aus seinen tennisballgroßen Augen fragend an.
„Kannst du mir etwas zum Anziehen bringen?“
„Natürlich, natürlich“, piepste er.
„Den grünen, weiten Pulli, den Mrs Weasley mir geschenkt hat, die schwarze, weite Stoffhose in meinen Koffer, Unterwäsche und Socken bitte.“
Dobby nickte und verschwand wieder mit einem lauten Plopp. Sophie sank vor der Tür auf die kalten, weißen Fliesen. Das Badezimmer war erstaunlich hell gehalten, weiße und helle Grautöne dominierten. Die grauen Schränke unter und neben dem Waschbecken und der Hocker neben der Dusche vervollständigten das Bild.
Doch Sophie nahm davon kaum etwas wahr. Sie kämpfte darum, mit den Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis Dobby mit der Kleidung auftauchte, sie auf dem Hocker ablegte und sofort wieder verschwand. Langsam rappelte Sophie sich auf und ließ die schützende Decke zu Boden fallen. Mechanisch entkleidete sie sich und stieg unter die Dusche.
Sie stellte das Wasser an, es war viel zu warm, doch sie achtete nicht auf die Temperatur. Sie wollte nur die Erinnerungen loswerden, die wieder in ihr aufkamen. Das Gefühl von Yaxleys Händen auf ihrem Körper, seinen Geruch, sein Gewicht, das sie zusätzlich zu dem Zauber an der Wand festhielt. Sie konnte seine Finger immer noch spüren, die ihr über das Gesicht strichen, den Hals, den Oberkörper.
Sie fand ein Stück Seife und einen Schwamm und begann, sich damit abzuschrubben. Ihre Haut rötete sich schon, doch sie konnte einfach nicht aufhören. Sie wollte doch nur, dass dieses ekelhafte Gefühl endlich verschwand, wollte es vergessen, aus ihrem Gedächtnis ausradieren …
Schließlich sank sie zitternd auf den Boden. Es nützte nichts, sie konnte nichts tun. Wieder war sie hilflos, machtlos gegen das Gefühl auf ihrer Haut. Die Tränen, die ihr über das Gesicht liefen, vermischten sich mit dem heißen Wasser, das unermüdlich auf sie einprasselte.
„Sophie? Bist du immer noch da drin?“
Raes Stimme holte sie aus ihrer Starre. Sophie blinzelte, bemerkte das fließende Wasser und schaltete es aus. Mechanisch stieg sie aus der Dusche und trocknete sich ab. Kurz fragte sie sich, warum Rae hier war, doch wirkliches Interesse an der Antwort auf diese Frage konnte sie nicht aufbringen.
Sie war froh, dass die Dampfschwaden im Bad und das beschlagene Glas ihr den Blick auf ihr eigenes Spiegelbild verwehrten, so musste sie sich wenigstens nicht sehen.
Der weite Pulli und die ebenfalls weit geschnittene Hose gaben ihr ein kleines Stückchen Sicherheit zurück, als sie schließlich mit nassen Haaren aus dem Bad ins Wohnzimmer trat.

Rae saß in Severus Snapes Wohnzimmer und fühlte sich höchst unwohl. Sie hatte sich unheimlich große Sorgen gemacht, als Sophie nicht zum Frühstück und auch nicht zum Unterricht erschienen war. Tracey und Daphne hatten ihr auch nicht sagen können, wo Sophie war, von ihnen hatte sie nur erfahren, dass sie wohl nicht in ihrem Schlafsaal übernachtet hatte.
Rae war schon versucht gewesen, Snape in seinem Büro aufzusuchen und ihn so lange zu nerven, bis er ihr sagte, was geschehen war. Doch dann war sie ihm auf einem Gang im siebten Stock begegnet und er hatte sie mit der Bitte, in sein Büro zu kommen, überrascht. Fern von neugierigen Ohren hatte er sie über das Todessertreffen am letzten Abend aufgeklärt und auch darüber, was mit Sophie geschehen war. Er hatte ihr von Sophies körperlichen Verletzungen erzählt und sie gebeten, für Sophie da zu sein, wenn sie das Badezimmer wieder verließ.
Und nun saß sie hier und wartete darauf, dass ihre beste Freundin endlich unter der Dusche hervorkam. Snape hatte sie allein gelassen und das war wahrscheinlich das Beste, denn seine Anwesenheit würde sie möglicherweise verunsichern. Keiner von ihnen wusste, was in Sophie vorging und wie sie sich fühlte. Sie konnten nur vermuten.
Rae mochte Snape nicht besonders, aber sie war ihm dankbar dafür, dass er ihr Bescheid gesagt hatte. Sophie brauchte jetzt die Unterstützung ihrer Freunde, auch wenn ihr das selbst vielleicht nicht bewusst war. Zum Glück hatte sie in der ersten Stunde keinen Unterricht, sodass sie in aller Ruhe hier warten konnte.
Als nach einer halben Stunde jedoch immer noch das Wasser rauschte, begann Rae sich ernsthafte Sorgen zu machen.
„Sophie? Bist du immer noch da drin?“, fragte sie laut.
Kurz darauf hörte das Rauschen auf und noch etwas später öffnete sich die Tür zum Badezimmer. Heraus kam Sophie, gefolgt von dichten Wolken aus Wasserdampf, die sich erst verflüchtigten, als sie die Tür wieder schloss.
Sie sah furchtbar aus. Das Haar hing nass und schwer auf ihre gebeugten Schultern, die Haut an Gesicht und Händen war ungesund gerötet, am Hals und am Kinn waren tiefdunkle Flecken zu sehen und der Blick, mit dem sie Rae ansah, war leer. Das Funkeln, das sonst darin gewesen war, war verschwunden. Ihre ganze Körperhaltung zeugte von Unsicherheit und die weite Kleidung machte den Eindruck, als ob sie sich vor der Welt verstecken wollte.
Sie sah so verloren aus, dass Rae am liebsten aufgesprungen wäre und sie umarmt hätte, aber sie wusste, dass das vermutlich eher kontraproduktiv wäre. Deshalb blieb sie sitzen und beobachtete, wie Sophie zu dem zweiten Sessel schlurfte und sich hineinsetzte, den Blick auf die Flammen gerichtet.
Eine Zeit lang sagte keine von ihnen ein Wort, Rae trocknete und bürstete nur mit einem kurzen, nonverbalen Zauber Sophies Haare, damit sie sich nicht erkältete.
„Sophie, ich kann nur erahnen, wie du dich fühlst“, sagte Rae leise, „aber wenn du reden möchtest, bin ich immer für dich da.“
Sophie nickte zwar, wirkte aber immer noch so teilnahmslos, dass Rae sich fragte, ob sie ihr überhaupt zugehört hatte.
Hatte sie wohl, denn nach einer langen Pause flüsterte Sophie: „Danke, Rae.“
Sie saßen noch einige Zeit lang schweigend dort. Rae fühlte sich hilflos, denn sie hatte keine Ahnung, wie sie Sophie helfen konnte. Es war offensichtlich, dass sie das, was Voldemort und die Todesser ihr angetan hatten, keineswegs verarbeitet hatte.

In der nächsten Woche bemühte sich Rae um Schadensbegrenzung. Sie tat im Unterricht so, als wäre Sophies Abwesenheit etwas vollkommen Normales und alle, die Sophie nicht näher kannten, schienen davon auch keine Notiz zu nehmen.
Den Lehrern fiel es natürlich auf, sodass Rae gezwungen war, Professor McGonagall zu erzählen, Sophie sei für eine Weile untergetaucht und befinde sich an einem „sicheren Ort“. Glücklicherweise zog die Verwandlungslehrerin daraus den logischen Schluss, dass Sophie sich im geheimen Versteck der DA aufhielt und stellte keine weiteren Nachfragen.
Auch die Professoren Flitwick, Sprout und Slughorn gaben sich damit zufrieden. Die Carrows interessierte Sophies Fortbleiben glücklicherweise sowieso nicht sonderlich, sie dachten vermutlich, Sophie sei getürmt oder immer noch zu schwer verletzt, als dass sie am Unterricht teilnehmen könnte. Wer sollte ihr auch helfen? Ihre Freunde konnten schwarzmagische Wunden nicht behandeln und warum sollte ein Todesser wie Professor Snape sie mit Tränken und Zaubern behandeln?
Ihre Freunde aus der DA wussten natürlich, dass Sophie nicht im Raum der Wünsche war. Doch auch ihnen gegenüber sagte Rae nur, Sophie brauche Erholung von dem Verhalten der Carrows und sei vorerst untergetaucht, bis es ihr besser ginge. Sie konnte nicht einschätzen, ob Neville und Ginny ihr wirklich glaubten, aber zumindest fragten sie nicht weiter nach.
Jeden Tag nach dem Unterricht schlich Rae sich ins Schulleiterbüro, wobei sie akribisch darauf achtete, dass ihr niemand folgte, und brachte Sophie ihre Notizen und die Hausaufgaben. Oft versuchte sie, sie dazu zu motivieren, irgendetwas zu tun, egal ob es mit dem Unterricht zu tun hatte oder eine Runde Zauberschnippschnapp war. Doch Sophie nahm von Raes Versuchen, ihren Alltag zu strukturieren und sie abzulenken, kaum Notiz.
Sie saß die meiste Zeit des Tages in Snapes Wohnzimmer und starrte aus dem Fenster oder in das Feuer des Kamins. Sie sprach fast gar nicht und erwähnte mit keinem Wort, was geschehen war. Manchmal, wenn die Erinnerungen sie wieder übermannten, fing sie plötzlich an, am ganzen Körper zu zittern und egal, was Rae in diesen Momenten tat, es half Sophie nicht.
Sowieso war Rae zuerst überrascht, dass Sophie ausgerechnet bei Snape bleiben wollte, immerhin war er auch ein Todesser, aber nach einiger Zeit bemerkte sie, dass sie sich in seiner Gegenwart sicher zu fühlen schien. Sie verließ seine Räume nicht und zuckte bei jeder unabsichtlichen Berührung mit ihm oder Rae zurück, aber sie suchte trotzdem seine und Raes Gegenwart.
Von Snape erfuhr Rae, dass Sophie nachts immer wieder schreiend aus Albträumen erwachte und nur mit dem Trank des traumlosen Schlafes überhaupt schlafen konnte. Er gestattete es Sophie, weiterhin in seinem Bett zu schlafen und ließ mit keiner Geste oder Silbe erkennen, dass er das Schlafen auf dem Sofa oder ihre Anwesenheit als belastend empfand.
Nach allem, was geschehen war, war das auch gut so, fand Rae. Sie wollte ihm zwar glauben, dass es nichts gegeben hatte, das er hatte tun können, außer sie schnellstmöglich dort herauszuholen, dennoch gab sie ihm eine Mitschuld an den Ereignissen. Vielleicht, wenn er sie von Anfang an mehr von Voldemort ferngehalten hätte, wäre nichts von alledem geschehen.
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