Das blutige Messer

von Ortakh
OneshotHorror, Tragödie / P16
04.01.2020
04.01.2020
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Rarik war damals gerade einmal sechs Jahre alt, als es passierte. Niemand konnte es sich erklären, wie es zu dieser Tragödie gekommen war. Nur der kleine Rarik war sich dessen bewusst, denn er war der einzige, der es gesehen und miterlebt hat. Vor exakt 28 Jahren passierte ein ähnlicher Vorfall, bei dem die Mutter vom Vater erstochen wurde. Aber fangen wir von vorne an.  

Es war dunkel und nicht einmal die Monde vermochten es in dieser Nacht durch das Fenster des kleinen Rarik zu leuchten. Der Himmel war stark bewölkt und die angenehm kühle Sommernachtluft suchte sich ihren Weg durch das teilweise geöffnete Fenster in Rariks Zimmer. Er schlief unruhig, wälzte sich mehrere Male von einer Seite des Bettes auf die andere. Er träumte schlecht, wie er später beschrieb, aber er wusste nicht mehr wovon. Sein Zimmer befand sich im oberen Stockwerk eines großen Einfamilienhauses. Seine Eltern, Hurrlak und Angnar, haben viel gearbeitet, um sich diesen Luxus leisten zu können. Sein Vater Hurrlak war bei der Armee und seine Mutter war Köchin beim Grafen in Kvatch.  

Dann wachte er auf und öffnete langsam seine Augen. Er konnte zunächst nichts erkennen, aber er roch und schmeckte es. Beißend, giftig und ekelhaft. Sein Magen drehte sich um und ein Brechreiz überkam ihn, den er jedoch zurückhalten konnte. Rarik schaute zur Tür. Sie war verschlossen, allerdings kam von außen ein Lichtschein hindurch. Seine Eltern haben offenbar die Kerzen im Haus brennen lassen, da es sonst zu finster wäre. Aber etwas störte ihn immer noch. Dann entdeckte er die dunklen Wolken in seinem Zimmer. Sie zwängten sich durch den Türspalt hindurch, an der Decke entlang und durch das Fenster wieder hinaus.  

Rarik war verwundert, was das sein soll. Bislang hatte er dies noch nie beobachtet. Sollte er Angst haben, sollte er vielleicht seine Eltern wecken, oder einfach weiterschlafen? Er war sich sicher, dass sein Vater alles wieder in Ordnung bekäme. Er überlegte einen Moment und beschloss dennoch aufzustehen und zu seinen Eltern zu laufen. Ihr Schlafzimmer lag wie seines auf der gleichen Etage, allerdings am anderen Ende des Flurs.  

“Schweig, Miststück!”, schrie jemand aus dem Erdgeschoss und ein lauter Knall drang an Rariks Ohren. Wer war das? Er drehte sich zur Treppe um und lief auf sie zu. Die Schreie wurden immer lauter und kraftvoller. Dennoch erkannte er noch nicht deren Ursprung. An der Treppe angekommen bemerkte er, dass unten ebenfalls Kerzen leuchten mussten. So viele Kerzen haben wir sonst nie brennen. Mutter hat immer gesagt, das sei zu gefährlich.  

Langsam trat Rarik die Treppe hinunter und bemühte sich durch das Treppengeländer etwas zu erkennen. Es wurde wärmer, je weiter er sich nach unten wagte. Als er ein paar Stufen hinter sich gelassen hatte, konnte er erkennen, warum es so viel wärmer wurde und warum das Erdgeschoss so viel heller waren als sonst. FEUER.

“Das ist deine Schuld. Deinetwegen brennt unser Haus nieder.” Er erkannte die Stimme, die aus der Küche zu kommen schien. Es war sein Vater, der jemanden lautstark anschrie.  

Rarik wusste nicht, was er tun sollte und lief daher einfach zur Küche. Sein Vater wird alles wieder in Ordnung bringen. Vater bringt immer alles in Ordnung. Die Schreie wurden lauter und die Hitze immer größer. Das Feuer hatte sich durch das Wohnzimmer gefressen und drohte nun auf die Küche überzugehen, in der sein Vater zu sein schien.  

“Du bist dafür verantwortlich, du verdammte Hure!” Immer mehr solcher Schreie drangen aus der Küche in den Flur zu Rarik. Dieser lief unweigerlich und unaufhaltsam auf sie zu, bis er direkt vor der halbgeöffneten Tür stand. Mit einer Hand drückte er sie auf und erblickte seinen Vater, wie er über jemandem gebeugt auf dem Boden kniete. Hurrlak erkannte ihn und trat einen Schritt zurück, ohne ein Wort zu sagen. Doch Rarik stürmte mit Tränen im Gesicht auf den leblosen Körper zu.

“Mutter, Mutter! Was ist los mit dir?” Weinend beugte sich Rarik über seine Mutter, packte sie an den Schultern und versuchte sie wach zu rütteln. Doch es geschah nichts. Er nahm die blanke Faust und schlug mehrmals auf ihre Brust, auf dass sie wach und alles wieder gut werde. Ihr Blut verteilte sich bereits auf dem Boden und ihre Kleidung war am Bauch durchtränkt. “Neeeiin!”, schrie der Junge und in seiner Wut schlug er immer öfter und härter zu. Seine Mutter war tot und er konnte nichts mehr für sie tun.  

“Vater?”, fragte eine Stimme neben ihm. Rarik erschrak für einen Moment. Dann blickte er nach rechts auf die Küchentür, durch die er eben kam. Dort stand ein kleiner Junge. Er hatte braune Haare, wie er selbst. Die Augen waren blau, aber rot umrandet. Er weinte. Warum?  

“Vater. Was ist mit Mutter geschehen?”, fragte sein eigener Sohn und Rarik ließ das blutige Messer auf den Boden fallen.
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