Es gibt kein 'du' und 'ich' mehr, es gibt nur noch 'uns'. || Neukreutz

GeschichteAllgemein / P12 Slash
Borussia Dortmund FC Bayern München FC Schalke 04
04.01.2020
04.01.2020
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REUPLOAD aus dem Jahr 2014 mit folgender originalen Widmung:

Diesen OS widme ich zwei ganz besonderen Damen. Einmal der alleinigen Frau Großkreutz, die die Einzige außer Manu ist, der Kevin gesetzlicher Weise gehört. Und dann noch meiner Frau Hummels, die mich überhaupt erstmal unterstützt hat, das hier zu schreiben. Ihr seid die allertollsten Fußball-Weiber der Welt <3

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Gedankenverloren drehte ich das Handy in der rechten Hand. Ich saß auf meinem Sofa, mit auf die Knie aufgestützten Ellenbogen und starrte auf die aufgeschlagene Zeitung, die vor mir auf dem Couchtisch lag. Manus Gesicht prangte groß auf der Titelseite. Darunter noch jeweils ein Foto von Basti, Lukas, Mats, Benni, Leon, Max und mir. Das war an sich nichts Neues oder gar Schlimmes, immerhin waren wir alle Profi-Fußballer und somit Personen des öffentlichen Lebens und standen regelmäßig in irgendwelchen Zeitungen oder Zeitschriften. Das, was
diesen Artikel so unglaublich…schlimm für mich machte, war die Überschrift, die sich nach dem ersten Blick darauf schon in mein Gehirn gebrannt hatte:

Diese deutschen Fußballer sind  SCHWUL! Manuel Neuer & Kevin Großkreutz; Mats Hummels & Benedikt Heuerdes; Leon Goretzka & Max Meyer und Bastian Schweinsteiger & Lukas Podolski“

Und jetzt rang ich mit mir selbst ob ich bei Manu anrufen sollte oder nicht. Ich wusste, wie er auf Vorurteile und Anschuldigungen reagierte und da das hier ein ganz besonderer Fall war, konnte ich mir geradezu bildlich vorstellen, wie gerade in seiner Münchener Wohnung irgendetwas leicht Zerbrechliches auf den Boden gesegelt war.

Mit Mats und Benni hatte ich schon gesprochen. Sie waren genauso erschüttert und überrumpelt wie ich. Von Leon, Max, Lukas und Basti hatte ich nur dasselbe gehört. Niemand von uns konnte sich so schnell ausmalen, woher diese Aasgeier von der Zeitung wussten, dass wir schwul waren. Wir hatten immer ein großes Geheimnis daraus gemacht und hatten stets darauf geachtet uns nicht zu verraten. Es wäre einfach zu gefährlich gewesen.

Ich vergrub das Gesicht in den Händen. Ich konnte nicht anders, als darüber nachzudenken, was dieses halbe, unfreiwillige Outing für mich und Manu in Zukunft bedeuten würde. Wir konnten nur hoffen und beten, dass die Menschen da draußen das für Quatsch hielten und es nicht glauben würden. Schwule Profi-Fußballer, wo gab es auch schon sowas?

Mein Blick fiel wieder auf die Zeitung.
Verdammtes Mistding, dachte ich wütend und fegte das verhasste Ding mit einem Wisch vom Tisch herunter. Das Papier segelte langsam nach unten und blieb dann mit Manuels Gesicht nach oben auf dem Parkett liegen. Ich schaute sein Gesicht an. Seine Wangen, Augen und Haare. Warum musste er auch unbedingt von Schalke nach Bayern wechseln? Ans andere Ende von Deutschland. Es wäre viel einfacher gewesen sich ins Auto zu setzen und fünfzehn Minuten nach Gelsenkirchen zu fahren, als die sechs Stunden nach München. Oder von München nach Dortmund.

Ich war so in Gedanken versunken, dass ich das Vibrieren meines Handys neben mir erst jetzt bemerkte. Ich hätte mit einem Anruf von Mats oder Benni gerechnet, aber als ich den Anruf der unbekannten Nummer annahm, erklang eine andere, zitternde Stimme, die ich nur allzu gut kannte.

„Kevin…wir haben es gerade in der…in der Zeitung gelesen. Hast du…?“, die Stimme meiner Mutter brach ab, sie schluckte.

„Ja Mama, wir haben es
alle schon gesehen.“, erwiderte ich leise und ließ mich nach hinten fallen.

„Das ist…das ist doch unglaublich! Wie soll es denn jetzt weitergehen? Hast du schon mit Manuel geredet?“

„Nein, ich habe überlegt ihn anzurufen, aber ich weiß, wie er in solchen Situationen drauf ist und ich glaube es ist besser, ihn erstmal in Ruhe zu lassen.“

Ich hörte Lenny im Hintergrund lachen. Und meinen Vater. Ich wäre jetzt gerne bei ihnen zuhause, bei meiner
Familie. Wenn ich Manu schon nicht hier hatte, dann wenigstens sie. Ich war nicht traurig oder zutiefst erschüttert wegen dieses Zeitungsartikels, sondern eher beunruhigt und auch irgendwie ratlos. So viele Fragen schwirrten mir im Kopf umher, auf die ich keine Antwort fand. Fragen um die Zukunft, meine Karriere und unsere Beziehung. Immer dieseWas wäre, wenn… Gedanken.

Was wäre, wenn die Menschen da draußen das glauben und sich von uns abwenden würden?

Was wäre, wenn sich unsere Vereine auch gegen uns stellen würden?
Was wäre, wenn unsere Freunde uns verlassen würden?
Was wäre, wenn man uns bedrohen oder beschimpfen würde?
Was wäre, wenn unsere Beziehung daran zerbrechen würde?
Was wäre, wenn wir nie mehr so glücklich leben könnten wie bisher?

Als ich so über meine Sorgen nachdachte, merkte ich, was für eine Schwarzmalerei ich hier eigentlich fabrizierte. Seit wann war ich denn so pessimistisch? Ich hatte doch schon immer gewusst, wie man sich durchsetzen musste. Wenn sowas einer, wusste dann Kevin Großkreutz.

„Wie du meinst. Ich bin der Meinung, es wäre besser, wenn ihr das zusammen besprechen würdet. Hast du wenigstens mit Mats telefoniert?“, fragte meine Mutter fürsorglich.

„Ja. Mit Benni auch, er war bei ihm. Die beiden haben auch schon mit Max, Leon, Basti und Lukas geredet. Denen geht es genauso wie uns. Logischerweise. Ich warte jetzt erstmal ein bisschen ab und rufe dann bei Manu an.“

„Gute Idee. Okay, ich wollte mich nur vergewissern, dass bei dir soweit alles in Ordnung ist. Wir hören uns dann die Tage nochmal.“

„Danke für deinen Anruf, Mama. Bis dann.“

„Tschüss Kevin.“

Ich legte das Handy auf die heruntergefallene Zeitung und verdeckte mein Gesicht. Ich wollte nicht warten, bis Manu sich abreagiert hatte, das konnte noch ewig dauern. Aber ich wollte auch nicht hier sitzen und gar nichts machen. Es war kurz vor sechs Uhr abends. Training hatte ich heute Vormittag schon gehabt, ich könnte noch eine Runde joggen gehen, aber dann würde ich riskieren irgendwelchen lauernden Fotographen in die Arme zu laufen, die wieder nur blöde Fragen stellen würden. Nein, ich musste mir die Zeit irgendwie anders vertreiben.

Vielleicht sollte ich doch rüber zu meinen Eltern und Lenny fahren und möglicherweise sogar dort schlafen. Das war auf jeden Fall besser als hier vor sich hin zu vegetieren und nichts zu machen. Ich beschloss, erstmal duschen zu gehen. Aber mein Handy machte mir wieder einen Strich durch die Rechnung, weil es im nächsten Moment eine WhatsApp Nachricht ankündigte. Eine WhatsApp Nachricht von Manu, wie ich kurz darauf feststellte. Ich runzelte die Stirn und öffnete die Nachricht.

>>Du sollst in spätestens zehn Minuten im Stadtpark sein.<<

Was zum…?! Okay irgendetwas stimmte eindeutig nicht mit ihm gerade. Wieso bestellte er mich für eine andere Person in der Dortmunder Stadtpark? Um diese Zeit und in so einer Situation? Weiter nachzufragen
würde aber nichts bringen, das wusste ich. Dafür hatte ich ihn in den letzten drei Jahren schon genug kennengelernt. Also schloss ich den Chat wieder ohne ihm zu antworten, stand auf und ging in mein Schlafzimmer um meine Jacke zu holen. Er würde schon einen triftigen Grund haben mich dorthin zu bestellen.

Genau zehn Minuten später stand ich im Park, an einen großen Baum gelehnt und wollte gerade Manuel schreiben, dass ich jetzt da war, als ich eine riesige Menschenmenge am anderen Ende des Parks bemerkte. Eine Traube aus Menschen drängte sich um eine einzige Person, die genau in der Mitte stand. Für einen Moment bildete ich mir
tatsächlich ein, dass diese Person Manuel sei, aber ich verwarf diesen Gedanken genauso schnell wieder, wie er gekommen war. Wie sollte er denn so schnell nach Dortmund gekommen sein?!

Dennoch war meine Neugier jetzt geweckt, welche Berühmtheit wohl gerade hier in Dortmund unterwegs war. Ich bewegte mich ein paar Meter in Richtung Menschenmasse, aber immernoch mit genügend Abstand zu  Geschehen. Ich konnte die Person nicht richtig erkennen, es waren einfach zu viele Fotographen hier.

Erst als einen von ihnen rief: „Sind sie wirklich schwul, Herr Neuer?!“

Und als ich dann noch sein Gesicht sah, wollten mir alle Gesichtszüge entgleisen. Schnell zog ich mir die Kapuze über den Kopf,  um wenigstens ein bisschen unentdeckt zu bleiben. Dieser Typ musste wahnsinnig sein! Vielleicht war er ja nach München gegangen, um dort in eine psychiatrische Anstalt statt ins Stadion zu gehen, in diesem Moment hielt ich das für sehr wahrscheinlich.

Ich wollte gerade umdrehen und zurück zu meiner Wohnung joggen, als ich Manuels Stimme antworten hörte: „Ja, ich bin
wirklich schwul. Und jetzt lassen sie mich bitte durch. Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen.“

In diesem Moment vibrierte wieder mein Handy in meiner Hand.

>>Lauf und lass dich nicht erwischen. Wir treffen uns in deiner Wohnung.<<

Und das tat ich auch. Ich lief los ohne mich nochmal umzudrehen. Die Stimmen der Menschen wurden leiser, bis sie schließlich ganz wie in einer Nebelschwade verschwanden. Ich hielt das Handy fest in der Hand umklammert. Ich wollte es nicht fallen lassen. Sonst hätte ich stehen bleiben und es wieder holen müssen.
Manuels Worte hallten in meinen Ohren. Er hatte sich geoutet. Vor so vielen Menschen und Kameras. Einfach so. Vier kleine Worte. War es wirklich so leicht, wie es sich angehört hatte?
Ja, ich bin wirklich schwul. Wie oft hatten wir überlegt, diese Worte öffentlich zu sagen? Und wie oft hatten wir schon mit Mats und Benni zusammengesessen und darüber diskutiert ob wir uns endlich outen sollten.
Bestimmt schon dreihundert Mal. Wenn das reicht.

Nach dem ungeplanten Sprint kam ich leicht aus der Puste an meiner Wohnung an. Ich lehnte mich gegen die Hauswand und wartete auf Manu, der auch gleich um die Ecke auf mich zukam. Ich stieß mich von der Wand ab, schaute mich rasch um, um sicherzugehen, dass uns niemand sah (denn bis jetzt hieß es nur, dass er schwul war. Von einem
uns war noch keine Rede) und lief dann die wenigen Meter auf ihn zu.

„Bist du des Wahnsinns, Neuer?“, fragte ich ihn eine Spur schärfer, als ich es eigentlich vorhatte.

Aber Manuel zuckte nicht zusammen. Nein, er lächelte mich sanft an und legte beide Hände an meine Wangen und küsste mich. Lange und leidenschaftlich. Das hatte er schon lange nicht mehr so getan. Und vor allem nicht mitten auf der Straße in aller Öffentlichkeit.

„Komm.“, sagte er leise und zog mich an der Hand in die Wohnung.

Im Wohnzimmer drückte er mich auf die Couch und setzte sich vor mich. Dann sah er mich die ersten Momente einfach nur an. Diese wunderschönen blauen Augen, da waren sie wieder. Wie auf der Frontseite der Zeitung. Natürlich hatte er es schon gelesen, jeder wusste davon. Aber warum war er hier? So schnell?
Und warum in aller Herrgottsnamen outete er sich in einem verdammten Stadtpark und nicht wie jeder andere normale Fußballer auch bei einer organisierten Pressekonferenz?! Es waren so viele Fragen, die mich quälten, aber keine von ihnen schaffte es über meine Lippen. Die waren fest verschlossen.

„Ich weiß, was du fragen willst, Kevin. Pass auf, jeder hat diesen tollen Artikel da gelesen und jeder hat die Bilder gesehen.“, er deutete auf die Zeitung neben dem Tisch und hob sie anschließend auf. Er strich das Papier glatt und hielt mir dann die Bilder unter die Nase. „Da bin ich und da bist du. Aber ab heute gibt es kein
du und ich mehr.“

„Aber…“, wollte ich ihn unterbrechen, aber Manu fiel mir gleich wieder ins Wort.

Er ließ die Zeitung sinken und nahm stattdessen meine Hände. „Ab heute gibt es kein
du und ich mehr. Ab heute gibt es nur noch uns. Weil ich dich liebe, habe ich das getan. Jeder soll es wissen. Jeder soll wissen, dass ich einen Mann liebe. Einen Fußballer. Und das schon seit über drei Jahren. Ich will nicht mehr mit dem Verstecken und diesem Geheimnis leben. Hast du eine Ahnung, wie sehr ich dich liebe, Kevin?“

Manu sah mich durchdringend an und drückte meine Hände fester. Ich sah herunter zu unseren Fingern, die miteinander verschränkt waren. Dann hoch zu seinem Gesicht. Ein zartes Lächeln seinerseits.

„Ja, ich habe eine Ahnung. Nämlich genauso sehr, wie ich dich liebe. Morgen früh gehe ich auf die Straße und werde es durch die ganze Stadt schreien:
Ich liebe Manuel Neuer. Seit drei Jahren schon. Ja, ich bin schwul.“

„Wir setzen alles aufs Spiel.“, sagte er leise und lehnte seine Stirn gegen meine.

„Ich weiß. Aber das ist mir egal, wenn ich dann mit dir zusammen sein kann. Für immer.“

„Nur noch
uns.“, flüsterte Manuel.

Wir mussten beide lächeln und er beugte sich vor um mich noch einmal zu küssen.

Nur noch uns.
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