Falsch verbunden

GeschichteFreundschaft / P18
OC (Own Character) Till Lindemann
04.01.2020
13.09.2020
33
97.898
28
Alle Kapitel
129 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
04.01.2020 3.035
 
Das Telefon klingelte mitten in die nachmittägliche Stille eines wunderschönen Frühlingstages hinein. Unbekannte Nummer. Abweisen oder annehmen? Annehmen. Vielleicht hatte ein Bekannter ein neues Telefon samt neuer Rufnummer.
„Hey, Billy! Stella hier. Mensch, warum hat das so eine Ewigkeit gedauert, bis du den Anruf angenommen hast? Egal. Du rätst nicht, wer mir vorhin in der Stadt über den Weg gelaufen ist", quasselte eine Frauenstimme ohne Punkt und Komma drauflos. Sie schien so aufgeregt, dass sich ihre Stimme um ein Haar überschlug. „Billy? Warum sagst du denn nichts? Ich habe dir eine Frage gestellt", ließ die Stimme ihn nun mit Nachdruck wissen.
„Hier ist nicht Billy. Sie müssen sich verwählt haben."
Am anderen Ende blieb es kurz still. „Oh. Echt jetzt? Moment, ich muss kurz auf das blöde Display schauen." Wieder wurde es ein paar Sekunden lang ruhig. „Shit, du hast recht - ich hab' da in der Aufregung einen Zahlendreher eingebaut. Tut mir leid."
Die Stimme klang nett - immer noch ein wenig außer Atem, aber irgendwie sympathisch. Er lehnte sich zurück und dachte kurz daran, das Gespräch mit einer freundlichen Verabschiedung zu beenden. Aber warum eigentlich? Er hatte Zeit und wollte doch zu gern wissen, wer seine unbekannte Gesprächspartnerin so auf die Palme gebracht hatte. Stella. Ein Sternchen also. Wie niedlich.
„Kein Problem. Möchtest du stattdessen mir erzählen, wen du getroffen hast?"
„Warum sollte ich?", fragte Stellas Stimme voller Skepsis zurück.
Er musste unwillkürlich lächeln und stieß sich mit einem Fuß vom Boden ab, um seinen Schaukelstuhl in Schwingung zu versetzen.
„Weil du klingst, als wärst du völlig außer dir. Damit hast du mich neugierig gemacht. Na los, erzähl' schon!"
Stella musste erst über diese Aufforderung nachdenken. Die Stimme des Fremden am anderen Ende klang so freundlich und gelassen, dass es schade gewesen wäre, einfach abzulehnen und das rote Symbol auf ihrem Handydisplay anzutippen.
„Du lachst mich aber nicht aus, okay?"
„Ich werde nicht lachen, versprochen", entgegneter er ruhig.
„Verrätst du mir zuerst deinen Namen? Meinen habe ich dir vorhin genannt."
Knifflig. Würde sie Lunte riechen? Wohl kaum. „Till." Er hörte Stella kurz aufschnauben, wusste aber nicht, was das zu bedeuten hatte.
„Wie der Eulenspiegel?", vergewisserte sie sich.
„Exakt."
Das Lächeln auf ihren Lippen war deutlich zu hören, als sie antwortete. „Schöner Name. Recht selten, oder?"
Sie hielt ihn hin, eindeutig. „Kann sein. Keine Ahnung. Du wolltest mir etwas erzählen und ich habe versprochen, nicht darüber zu lachen", erinnerte er sie geduldig.
„Schon gut. Aaaalsooo ... ich habe meinen Exfreund und seine neue Tussi in der Stadt getroffen." Das hörte sich dumm und banal an, gar nicht wie ein Grund, so aus dem Häuschen zu geraten, fand Stella schon, während sie die Worte sprach.
Etwas in der Richtung hatte er vermutet. „Und? War's schlimm, ihn mit einer Anderen zu sehen?"
Sie lachte unvermittelt auf. „Na, angenehm war's jedenfalls nicht. Der Typ an sich wäre mir ja egal, aber du hättest die Tante sehen sollen, mit der er durch die Gegend gezogen ist!"
„So hässlich?", riet Till amüsiert. Er hatte sich ein waschechtes Frauengespräch aufgeladen.
„Nicht direkt hässlich, nein. Nur irgendwie total billig, so mit Leomuster und Lacklederstiefeln. Totblondiert und mit viel Lipgloss. So, wie man sich die Billignutten immer vorstellt. Hat so richtig einen auf verliebt gemacht, das kleine Luder."
„Hat er sich von dir getrennt oder hast du ihn in den Wind geschossen?"
Welchen Unterschied machte das? „Ich hab' ihn abgeschossen", gab Stella an.
Diesmal musste Till lachen. „Dann kann's dir doch egal sein, mit wem er durch die Gegend rennt. Du wolltest den Typen nicht mehr und hattest vielleicht sogar gute Gründe dafür, ihm den Laufpass zu geben. Jetzt hat ihn die Leopardentante am Hals, na und?"
Sie wollte sich schon künstlich empört aufplustern, kam aber nicht über ein Luftschnappen hinaus, weil ihr Gehirn die Worte des Fremden durch die Mangel drehte. Eigentlich hatte er recht. Uneigentlich auch.
„Hm, stimmt. Kann mir egal sein. Aber es hat mir trotzdem einen Stich versetzt. Ich bin ein ganz anderer Typ als dieses billige Flittchen. Was hat er denn an mir gefunden, wenn er jetzt auf so eine Tussi abfährt? Kennst du das, wenn man unvorbereitet in so eine Situation reinschlittert?"
„Kenne ich", bestätigte Till.
„Ex-Ehefrau oder Exfreundin?"
„Beides vorhanden. Such's dir aus. Tut immer ganz beschissen weh, geht aber vorbei."
„Also sind dir deine auch schon über den Weg gelaufen? Deine Ex-was-auch-immer, meine ich."
Ständig. Im Fernsehen, auf Instagram ... „Gelegentlich auf Partys, ja."
Stella fühlte sich schon ein wenig beruhigter. „Dann können wir beide ein Lied davon singen, wie bitter das ist."
Konnte er. Hatte er mehr oder weniger sogar schon.
„Lieber nicht." Darüber hätte Till selbst um ein Haar gelacht. „Irgendwann sieht er dich mit deinem neuen Typen und fühlt genau dasselbe wie du heute."
„Hab' aber keinen neuen Typen. Und du - hast du deiner Ex mit einer neuen Flamme eine lange Nase gemacht?"
„Nee, gibt keine Neue. Ich arbeite zu viel, um mich ernsthaft damit zu befassen." Er holte tief Luft. „Fühlst du dich jetzt besser?"
„Doch, irgendwie schon. Tut gut, dass es dir als Mann auch nicht besser geht. Vielleicht findest du ja wieder eine nette Frau, mit der du vor deiner Ex aufschneiden kannst. Ich wünsch' dir jedenfalls viel Glück dabei, Eulenspiegel."
„Ich dir auch bei der Männersuche, Sternchen", entgegnete Till ebenso locker, wie Stella ihn gerade getriezt hatte.
„Danke. War nett, mit dir zu plaudern. Mach's gut, Fremder."
„Tschüss, Fremde."
Nachdem die Verbindung abgebrochen war, schaute er ein paar Sekunden lang unschlüssig auf die Telefonnummer, bevor er sie unter Stellas Namen seinen Kontakten hinzufügte. Man konnte ja nie wissen, ob sie nicht noch mal versehentlich bei ihm anrufen würde.

„Was'n los hier - nix zum Arbeiten?", blaffte Till seine Kollegen Paul und Olli an, die noch versuchten, eine Tageszeitung hinter ihren Rücken verschwinden zu lassen.
„Nö. Wie denn auch, wenn der Großteil der Band irgendwo auf dem Gelände rumgammelt? Du warst nicht zu finden, Scholle ist wie vom Erdboden verschluckt und von Flake will ich gar nicht erst anfangen. Schneider ist mal wieder der Einzige, der sich brav einspielt, um nachher Oberwasser zu haben", entgegnete Olli gereizt. Er hoffte, dass sie die Zeitung unauffällig loswerden konnten, ohne sie Till unter die Nase halten zu müssen.
„Ist ja gut. Was versteckt ihr da so krampfhaft vor mir?"
„Nix. Wir ham nur 'n bisschen in der Zeitung jelesen", versuchte Paul noch, die Sache herunterzuspielen.
Tills Stirn legte sich misstrauisch in Falten. „Aha, und das ist so geheim oder gefährlich, dass ihr diese Zeitung vor mir verstecken müsst. Herzeigen!"
Es waren ausgerechnet die Seiten mit dem Feuilleton und den bunten Prominachrichten. Paul hielt sie seinem Kumpel hin.
Sophia, seine Exfreundin, mit ihrer neuesten Errungenschaft, einem Fußballer.
„Und? Dachtet ihr, dass ich jetzt aus den Latschen kippe? Ist doch ein alter Hut." Er reichte das Blatt zurück und musste unvermittelt grinsen, als Stella ihm einfiel. Das Grinsen wurde breiter, weil er ihre empörte Stimme noch recht genau im Ohr hatte, obwohl das Telefonat Wochen zurücklag.
„Seit wann amüsieren dich Fotos deiner Ex so sehr?" Olli konnte mit der uncharakteristischen Reaktion seines Kumpels nicht viel anfangen.
„Seit ich vor einiger Zeit eine Frau am Telefon hatte, mit der ich mich über genau dieses Thema nett unterhalten habe."
„Wie das? Hast du uns eine neue Freundin verschwiegen?" Olli übernahm das Fragen, weil Paul nur mit neugierig geweiteten Augen neben ihm stand.
„Habe ich nicht. Diese Frau hatte sich verwählt und ist aus Versehen bei mir gelandet. Eigentlich wollte sie irgendeiner oder -einem Billy berichten, dass sie ihren Exfreund mit einer ziemlich billig aufgemachten Tussi in der Stadt gesehen hatte. Ich hatte Zeit und war neugierig, also habe ich sie ihr Leid klagen lassen. War eine echt freundliche Lady."
„Wie hieß se denn? Und wie alt isse?", wollte nun auch Paul wissen.
„Stella war der Name. Mehr weiß ich nicht. Sie wusste auch nicht, wer ich bin."
Olli verzog den Mund. „Jemand, der so heißt, kann noch nicht alt sein. Die alten Weiber haben andere Namen."
Ihr Alter spielte beim Telefonieren keine Rolle, aber doch, sie hatte relativ jung geklungen. Till tat die Bemerkung dennoch mit einem Schulterzucken ab. Er fragte sich, ob sie inzwischen einen neuen Freund hatte, mit dem sie ihren Exfreund eifersüchtig machen konnte. Unwillkürlich zuckte seine Hand an die Hosentasche, in der sich sein Telefon befand.
„So, liebe Leute, dann wollen wir mal ein bisschen rumklimpern. Ich persönlich glaube ja nicht, dass wir das nötig haben, aber Meister Lindemann war ja unbedingt der Meinung", meldete sich in diesem Moment Richard zu Wort. Er war gerade herangerauscht, umweht vom Geruch des beginnenden Sommers und seiner soeben gerauchten Zigarette.
Das 'Rumklimpern' verlief in erträglicher Lautstärke und beschränkte sich an diesem Tag hauptsächlich darauf, die Einsätze aller Bandmitglieder millisekundengenau abzustimmen. Schneider, ihr Schlagzeuger, den niemand jemals bei seinem Vornamen rief, hatte die fehlende Abstimmung bemängelt und um etwas mehr Konzentration gebeten. Sie alle hatten sich der erstaunlich höflich vorgetragenen Aufforderung gebeugt und zusammengefunden, um mal wieder an den Feinheiten zu tüfteln. Nach fünfundzwanzig gemeinsamen Jahren sollte das kaum noch nötig sein, mochte man meinen, aber es war bei ihnen schon immer um Präzision und größtmögliche Effekte gegangen. Bei ihnen, der Band, die man inzwischen selbst in den entlegensten Winkeln des Erdballs kannte, bei Rammstein.

Der Gedanke an die aufgebrachte Frau namens Stella war bei einer abendlichen Zigarette auf der Dachterrasse zurückgekehrt. Ob sie ein weiteres Mal mit ihm reden würde? Kam auf einen Versuch an. Till suchte nach ihrem Namen und tippte auf das grüne Symbol.
„Ja?", meldete sich ihre Stimme etwas zaghaft. Logisch, unbekannter Anrufer. Da war man besser vorsichtig, wenn man schon neugierig genug war, den Anruf anzunehmen.
„Hallo, Stella. Erinnerst du dich noch an mich, den Eulenspiegel, dem du vor ein paar Wochen dein Herz ausgeschüttet hast?"
„Ähm, ja, sicher. Till ... dein Anruf kommt überraschend. Woher hast du meine Nummer?"
Sie klang nicht eben begeistert. Dumme Idee, einfach so eine Fremde anzurufen. „Sie stand damals in meinem Display. Störe ich gerade?"
„Nein, Quatsch. Ich bin nur echt geplättet, dich wiederzuhören. Wie geht's dir? Immer noch so viel Arbeit?"
Seine Mundwinkel hoben sich. Sie erinnerte sich also an ihre Unterhaltung. „Ja, leider, aber was will man machen? Ansonsten ist alles in Ordnung. Und bei dir? Hast du dich wieder eingekriegt? Oder konntest du deinen Ex inzwischen mit seinem Nachfolger schocken?"
Stella fand die Stimme immer noch freundlich und extrem beruhigend. Seine Fragen brachten sie zum Lachen.
„Schön wär's! Weit und breit kein Kandidat in Sicht. Aber macht nichts; ich komm' schon klar. Und du - schon eine nette Lady am Start, die dir den Feierabend verschönt?"
Auswahl gab es genug. Das Problem bestand vielmehr darin, dass selbst schneller Sex und unverbindliche Bekanntschaften sich irgendwann abnutzten und schal wurden.
„Nein, bin auch immer noch Solokünstler. Wo suchst du denn nach deinem Mr. Right - Dorf, Kleinstadt oder Großstadt?"
„In Berlin", entgegnete Stella, ohne weiter darüber nachzudenken. „Man sollte glauben, dass da irgendwo einer rumgeistert, der's wert wäre, oder? Und du?"
„Mal hier, mal da, aber meistens auch in Berlin. Ja, man denkt immer, dass in einer Großstadt eher was geht." Er hörte Wasserplätschern im Hintergrund. „Störe ich dich wirklich nicht?"
„Wenn du's ganz genau wissen willst - ich liege gerade in der Badewanne. Mit einem Glas Rotwein und einer Schachtel Pralinen auf dem Wannenrand."
„Hört sich an, als wärst du eine Genießerin." Till mochte den Gedanken, dass sie gerade nackt und vom Wein entspannt war.
Sie lachte ein tiefes und überraschend erotisches Lachen. „Ersatzbefriedigung. Solltest du auch mal versuchen. Irgendwie müssen wir armen Schweine doch den Frust bezwingen, oder?"
Seine Ersatzbefriedigung, sein Sublimat, lag auf seinem Schoß - ein aufgeschlagenes Notizbuch, in dem besonders die neueren Texte treffsicher unter die Gürtellinie zielten.
„Wohl wahr. Weißt du, dass du die einzige Frau bist, die ich nicht kenne, die Pralinen isst?"
Stella hing einen Moment lang der Formulierung nach. Tatsächlich, sie hatten Kontakt, aber sie kannten einander nicht. Er war gut im Umgang mit Worten und Spitzfindigkeiten.
„Ist bei meiner Figur auch schon egal. Da kommt es auf eine Praline mehr oder weniger nicht an."
Das klang, als wäre sie mehr breit als hoch. Das passte nicht zu dem Bild, das ihre Stimme in seinem Kopf erzeugt hatte.
„Wirklich? Beschreib' dich doch mal! Aber bitte ungefiltert und ungeschönt." Mal sehen, ob sie darauf einging.
„Finde ich gut, dass du so überhaupt nicht neugierig bist, Eulenspiegel. Aber okay, ich bin knapp einssiebzig groß und habe zu viel von dem, was heutzutage total unbeliebt ist", gab Stella sich ein wenig geheimnisvoll.
„Selbstbewusstsein?"
„Haha! Scherzkeks, was? Ich meinte Arsch und Titten. Du magst bestimmt auch die Püppchen, die keinen BH brauchen, weil ihre kleinen Brüste strammstehen wie die Schweizer Garde bei der Wachablösung, oder? Darauf stehen im Moment alle Kerle. Aber versuch' mal, an diesen beiden Stellen abzunehmen, ohne alles traurig nach Süden wandern zu sehen!"
Nein, er mochte sie üppig, weiblich und verführerisch. „Wüsste nicht, was an schöner Unterwäsche verkehrt sein soll. Und nein, ich brauche keine Schweizer Garde. Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen."
„Du steckst voller Überraschungen, Eulenspiegel!", zog sie ihn auf. Wieder konnte man dabei das Lächeln auf ihren Lippen hören. „Wie muss ich mir dich vorstellen? Deine Stimme klingt nicht so, als wärst du eine halbe Portion."
„Bin ich auch nicht." Wie sollte er sich beschreiben, ohne dabei großspurig zu wirken?
„Wie groß bist du?", fragte Stella leise. Sie hatte das Bild eines gemütlich untersetzten Mannes vor dem inneren Auge und wollte zu gern wissen, ob sie mit dieser Einschätzung richtig lag.
„Einsfünfundachtzig. Und nicht gerade ein Leichtgewicht. Ich treibe relativ viel Sport." Till lauschte. Am anderen Ende herrschte wieder die Art von Stille, die sich nur schwer deuten ließ.
„Also kein Waschbärbauch?" Sie schaffte es nicht, die Enttäuschung aus der Stimme zu halten.
War sie wirklich traurig darüber? Till musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut zu lachen. „Nein, kein Waschbärbauch. Tut mir leid, schon wieder nicht ins Schwarze getroffen zu haben."
„Ach, kein Problem. Kann ja nicht jeder, der so eine hübsch ruhige Stimme hat, moppelig sein."
Sie war witzig, ohne es darauf anzulegen. „Tja, die kleinen Enttäuschungen des Alltags. Sag' mal, wird dein Badewasser nicht langsam kalt? Nicht, dass du dir meinetwegen eine Blasenentzündung holst."
„Kalt wie das Polarmeer. Hast du was dagegen, wenn ich dich mit auf mein Sofa nehme?"
„Ganz und gar nicht. Was dagegen, mit auf meine Couch zu kommen?"
„Überhaupt nicht."
Es plätscherte am anderen Ende der Leitung, irgendwo in dieser großen Stadt. Nackte Füße schlüpften in Pantoffeln und tappten über den Boden, während Till die Terrassentür hinter sich zuzog und auf seinem Sofa Platz nahm.
„So, da wären wir. Hast du's bequem, Eulenspiegel?"
„Sehr. Du auch, Sternchen?"
„Ja. Erzähl' mir doch mal, warum du meine Telefonnummer behalten hast. Wenn du damit fertig bist, erzählst du mir noch, warum du gerade heute auf die Idee kamst, mich anzurufen."
Er ließ den Hinterkopf auf die Rückenlehne sinken. „Ich dachte, du verwählst dich vielleicht mal wieder. Darauf wollte ich vorbereitet sein. Angerufen habe ich, weil ein paar Kumpels heute das Gespräch auf meine Exfreundin gebracht haben. Da bist du mir wieder in den Sinn gekommen. Deine Entrüstung ... Ich wollte wissen, ob bei dir wieder alles okay ist."
„Du bist einer von den Fürsorglichen, oder?"
„Kann sein. Ist aber auch irgendwie unbeliebt."
Stella seufzte leise. „Bei mir nicht. Ist doch schön, wenn sich jemand kümmert." Sie schickte ihrer Aussage ein Kichern hinterher. „Merkst du, dass uns allmählich der Gesprächsstoff ausgeht?"
Wieder verzogen sich Tills Mundwinkel zu einem Lächeln. „Merke ich. Ist wohl die Angst davor, zu aufdringliche Fragen zu stellen oder in Fettnäpfchen zu treten."
„Das und der Rotwein, der das Gehirn schwerfällig macht. Ist aber nur meine Ausrede. Du musst dir was Eigenes ausdenken."
Sein Kopfkino. Es arbeitete auf Hochtouren am Bild einer drallen jungen Frau, die sich fast nackt auf ihrem Sofa räkelte, während sie mit ihm scherzte.
„Welche Haarfarbe hast du eigentlich?"
„Blond, so eine Mischung aus Straßenköter mit einem Hauch Sonne. Und du, Eulenspiegel?"
„Momentan dunkel. Früher Natur, inzwischen dank chemischer Hilfe."
„Dann versuche ich's doch mal mit einer aufdringlichen Frage samt Fettnapfpotential: Wie alt bist du?" Stella hatte keine Ahnung, wo sie die angenehme Stimme einordnen sollte.
„Mitte fünfzig. Von aufdringlich zu unverschämt - und du?"
Sie hatte kein Problem damit, darauf zu antworten. „Mitte dreißig." Ein tiefes Luftholen. „Kein Waschbärbauch, stattdessen Muskeln und bestes Mannesalter. Und du bist trotzdem allein? Geh' raus, kauf' dir eine große Schachtel Pralinen und einen schönen Rotwein! Du hast das Zeug noch nötiger als ich, mein lieber Eulenspiegel."
Tills Lachen drang ebenso laut und kräftig durch den Lautsprecher, wie es sein Wohnzimmer ausfüllte. Dieser trockene Humor lag ihm sehr.
„Ist gebongt. Vielleicht tun's auch eine Tafel Billigschokolade und eine Flasche Fusel aus dem Späti, nachdem du mich so reizend auf meine Bedürftigkeit hingewiesen hast." Zur Antwort empfing ihn wieder dieses warme, sexy Lachen, das nach schwarzer Seide und gespreizten Beinen klang.
„Du bist eine echte Granate, Eulenspiegel. Ich denke an dich, wenn ich mich gleich wieder über meine Seelentröster hermache."
„Danke, das kann ich offenbar gut gebrauchen. Mach' dir noch einen schönen Abend, Sternchen."
„Du dir auch, Eulenspiegel. Von mir aus darfst du gern jederzeit wieder anrufen."
„Ich werde darauf zurückkommen. Gute Nacht und danke."
Stella spürte das dümmliche Grinsen, das ihr übers Gesicht kroch. „Dir auch eine gute Nacht und danke für den Spaß. Bis bald."