Einen Schwur brechen

KurzgeschichteAngst, Familie / P16
Five / Nr.5 / The Boy Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance
03.01.2020
03.01.2020
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Vorwort:
Diese kurze Szene entstand ursprünglich für das Projekt Inspiration fürs ganze Jahr und dem dort erwähnten Schlagwort "Einen Schwur brechen". Da ich keine Ahnung habe, ob ich dieses Projekt wirklich irgendwann mal fertig bekomme, wollte ich hier trotzdem diesen sehr kurze OS posten, da er sonst nur auf meine Festplatte verstaubt :)
POV: Klaus Hargreeves
Triggerwarnung: Drogenmissbrauch (wir reden hier von Klaus, liebe Freunde) Andeutung einer Überdosis, Suizid(versuch)



Einen Schwur brechen


„Bitte … lass mich nicht allein“, flüstere ich in die Dunkelheit, mein Ton nichts weiter als ein brüchiges Hauchen inmitten der schrillen Schreie, die fordern, drohen, sich in meinen Verstand bohren. Sie hallen in meinem Kopf wider, ein hysterisches Echo des Wahnsinns, dem ich täglich, doch in besonderem Maße hier ausgesetzt bin.

„…“

Deine Stimme geht unter zwischen dem dröhnenden Lärm, den ich nicht ausblenden kann und ich atme erschwert, meine Kehle zugeschnürt und meine Lungen nicht in der Lage, genug Luft zu bekommen. Ich hyperventiliere, meine Hand verzweifelt an meinen Hals gelegt, röchelnd.

„H-Hey, Klaus? Klaus!“

Eine Hand auf meiner linken Schulter, die andere an meiner Wange, mein Gesicht anhebend.
Ich blicke auf, sehe verschwommen durch den Tränenschleier in ein bekanntes, blaues Augenpaar. Schnappend atme ich ein, zittere, verängstigt und wie ein Häufchen Elend auf dem kalten Steinboden sitzend.

Eine einzige Enttäuschung.
Sir Hargreeves größte Enttäuschung.

„Ich bin hier, Klaus. Hier bei dir, hörst du?“

Finger, die meine Tränen auffangen.
Finger, die beruhigende, sanfte Kreise in mein Schulterblatt zeichnen.
Finger, die mir eine wilde Haarsträhne aus dem Gesicht streichen, dann meine Hand umfassen, sie sachte, doch nachdrücklich von meiner Kehle ziehen.

Das Atmen fällt mir immer noch schwer, flach und zitternd kommt der Atem über meine Lippen, doch deine Berührungen, dein Gesicht direkt vor meinem hilft mir, verdeckt all die grässlichen, beängstigenden Fratzen der Geister.

Du bist wie ein Leuchtturm auf stürmischer See.
Eine kleine Kerze in der dunkelsten Nacht.
Mein Anker, nach dem ich greifen kann, der mich davor rettet, in einem Meer aus Ängsten zu ertrinken.

Ich kralle meine Hände in deine Schultern, suche Körperkontakt, brauche deine Nähe, die Sicherheit und Souveränität, die du ausstrahlst.
Du lässt es geschehen, widerstandslos.
Für mich.
Immer nur für mich.

„Ich bin hier bei dir.“ Ich werde in eine Umarmung gezogen, in die ich mich wortlos, erschöpft fallen lasse. Die schreienden Stimmen haben nachgelassen und umso glasklarer höre ich dein nächstes Wort: „Immer.“

„Versprich es“, wimmere ich, vergrabe mein Gesicht in deine Halsbeuge. „B-Bitte … versprich es mir. Lass mich nicht allein.“

„Niemals.“ Du ziehst mich noch ein wenig näher an dich, animierst meine Arme dazu, sich um deine Mitte zu schließen, dich festzuhalten, als ob du das einzige bist, das mich noch am Leben hält.

„Ich verspreche es.“

***

Zwei Monate später stürmst du aus dem Speisesaal, nicht gewillt, dem Disput mit unserem Vater zu unterliegen.

Wir warten bis zum späten Abend, doch du kommst nicht zurück.
Wir warten die nächsten Tage, doch keine Spur von dir.
Wir warten Wochen, Monate.
Solange, bis aus dem „wir“ ein „ich“ wird.
Ich warte Jahre.
Bis aus der Hoffnung Verzweiflung, aus der beängstigenden Vorahnung grausame Realität wird.
Bis aus dem Versprechen, deinem Versprechen, eine Lüge wird.
Nichtige Worte, bedeutungslos, nutzlos.

***

Du wirst nie wieder zurückkommen.

Die Konsequenz dieses Umstandes wird mir auf seltsam beruhigender Weise klar, eines Tages, als die Stimmen zu laut in meinem Kopf hallen, als ich zusammengekauert auf meinem Bett sitze und den Ärmel hochkremple, die Dosis erheblich höher ansetze, bevor die Nadel meine dünne Haut an der Ellenbeuge punktiert.

Du kommst nicht zurück.

Und ich bleibe nicht hier.
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