Der Schwarze König

GeschichteDrama, Fantasy / P18
Gestaltwandler Vampire
03.01.2020
14.02.2020
7
42269
5
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Wie sich herausstellte, konnte alles noch viel schlimmer kommen. Megära hatte sich nie vorstellen können, dass ihre Brüder dazu imstande waren, doch sie behandelten sie wie Luft. Einmal hatte sie noch versucht, es ihnen zu erklären, nachdem ihre eigene Wut verraucht war, doch niemand hatte ihr zugehört. Sie hatten sie einfach übergangen und so getan, als wäre sie überhaupt nicht da.
Sie fügten ihr einen bis dahin völlig unbekannten, neuen Schmerz zu. Es tat so weh, dass es ihren Fluchtinstinkt auslöste und sie sich vor ihnen versteckte. Vor denen, die ihr bisher immer Halt gegeben hatten.
Nachts wandelte sie in der Burg umher und schlief nur, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Auf dem Heuboden im Stall war es bequem, doch sie glaubte, dass Itat dieses Versteck kannte, deshalb wich sie jetzt auf die Büros und sogar die Keller aus. Sie fiel zurück in ihr altes Verhaltensmuster nach dem Tod ihrer Eltern.

Am zweiten Tag der Feierlichkeiten hatte sie Sharyn darum gebeten, den Abend mit ihr zu verbringen. Er hatte zugestimmt, war jedoch mehr als überrascht gewesen. Sie hatten gemeinsam einem Stück der Schauspieler gelauscht, getanzt und miteinander getrunken. Er hatte ihre einige Verwandte vorgestellt und mit ihm an ihrer Seite war sie erstaunlicherweise sicher vor boshaften Kommentaren oder Bemerkungen bezüglich dieser „Wette“. Itat hatte also Recht behalten. Ihr Cousin schützte sie, indem er einfach nur bei ihr war.

Nun waren die Feierlichkeiten vorbei und Ruhe kehrte ein. Einige Tage lang waren noch Arbeiten zu verrichten gewesen. Die Gäste waren abgereist und wenigstens darüber war Megära froh.
Itats Kinder hingegen waren allesamt ausgeflogen. Sharyn, Sharen und Sharona würden irgendwann zurückkehren. Sie und Sharyn mussten in den sauren Apfel beißen und sich besser kennenlernen, zumindest war Megära dieser Meinung. Nur weil sie sich nicht heiraten wollten, mussten sie sich nicht gleich hassen.
Ich hätte sie begleiten sollen. Zugleich wusste sie, dass Sharyn mit seinen Geschwistern allein sein wollte, um ihnen alles zu erklären. Im Gegensatz zu ihr erhielt er wenigstens die Chance dafür.

Ihr Magen zog sich zusammen und Megära stöhnte verhalten. Sie hatte solchen Hunger. Widerwillig sah sie den Rattenkadaver an, der neben ihr lag. Sie hatte noch nie Tierblut getrunken und jetzt wusste sie auch, dass sie das nie wieder tun würde.
Der Hunger war stärker gewesen und die Ratte nicht schnell genug. Leider war das Blut nicht nahrhaft und nicht ansatzweise genug. Das Blut ihrer Brüder hingegen war immer köstlich gewesen, insbesondere das von Danjal. Es hatte mehr nach Elfenblut geschmeckt als das der anderen.
Bei dem Gedanken an Danjal traten ihr abermals Tränen in die Augen. Er war ihr bester Freund gewesen. Sie hatte wegen dieser verfahrenen Situation schon mehr als genug Tränen vergossen und ihre Augen schmerzten jedes Mal im Tageslicht.
Die Vampirin atmete tief ein (inzwischen bemerkte sie, dass das Atmen langsam in der Brust stach, wohl ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr sich der Vampirismus inzwischen verfestigte) und konzentrierte sich wieder auf das, was sie gerade tat. Sie nahm den kleinen Kadaver (der Hunger war zu groß gewesen und sie hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen, obwohl  sie Ratten eigentlich mochte) und warf ihn in das schwarze Loch, das gerade groß genug war, um einen Arm hineinzustecken.
Der Kadaver verschwand darin.
Megära ließ das Loch zugleiten und seufzte. Die Vorstellung, dass die tote Ratte jetzt über die Schattenwege reiste und vielleicht einem adligen Vampir ins Bett plumpste, entlockte ihr zumindest ein schwaches Lächeln.

Da Megära nicht wieder in den endlosen, traumatischen Tagen gefangen sein wollte, hatte sie sich eine Beschäftigung gesucht und übte nun stundenlang mit ihren Fähigkeiten, die Schatten zu berühren. Es ging ihr viel leichter von der Hand, als sie es erwartet hätte. Nur in die Schattenwege traute sie sich noch nicht. Doch egal, was sie tat, ihre Brüder fehlten ihr bei jedem Atemzug. Jeden noch so winzigen Erfolg hätte sie zu gern mit ihnen geteilt.
Itat bot ihr in den Nächten Ablenkung, aber selbst seine Anwesenheit, so tröstlich und warm sie auch war, vertrieb den Schmerz in ihrer Brust nicht.
Auch er hatte Wort gehalten: er hatte ihr so viel Literatur zur Verfügung gestellt, dass sie nicht wusste, sie alles begreifen und abarbeiten sollte. Auf ihre Frage, weshalb er ihnen dieses Wissen nicht von Anfang an zur Verfügung gestellt hatte, erwiderte er nur, dass sie damals nicht in der Lage dazu gewesen seien, auch nur irgendetwas davon zu verkraften. Leise hatte sie ihm zugestimmt.
Sie las über Vampire, die alten Elfenclans, über Dämonen und fand sogar vereinzelte Passagen über Vernichter. Ärgerlicherweise sagten sie alle dasselbe aus und es war genau das, was sie schon von ihrem Onkel wusste.
Wenn es nach all den Vermerken ging, war ihr Vater ein unbezwingbarer Massenmörder gewesen. Daran hatte Megära schwer zu knabbern. Nicht einmal Kriegsdämonen erreichten jene Opferzahlen, die ein Vernichter zu verantworten hatte.
Sie konnte sich ein wenig in der Familienhistorie belesen, doch meist ermüdete sie die Geschichte, zumal es unzählige Namen gab, die sie ständig durcheinanderwarf.

Megära zog sich vom Boden auf das breite Bett, das mit schwarzer Seide bezogen war. Die Seide fühlte sich himmlisch auf ihrer Haut an.
Sharyn hatte ihr kurz vor seiner Abreise gestattet, seine Gemächer jederzeit betreten zu dürfen und ihr sogar einen Zweitschlüssel gegeben. Obwohl sie nicht in seinem Zimmer schlief - das war ihr irgendwie zu intim -, verbrachte sie gern Zeit hier, um ihr Schattenspiel zu üben oder die schweren Wälzer durchzublättern, die Itat ihr überlassen hatte.
Sie hatte Sharyns Räume genau inspiziert, ohne jedoch Schubläden oder Schränke zu öffnen. Das würde sie tun, wenn Sharyn es ihr gestattete. Bisher hatte er ihr nur Zutritt zu seinen Gemächern erlaubt. Diese waren eher spartanisch eingerichtet, wenn sie den Rest der Burg als Vergleich heranzog. Er hatte eine beeindruckende Sammlung an Schwertern und Dolchen, die sie regelmäßig inspizierte. Es juckte sie in den Fingern, mit ihnen zu üben. Auch das ließ sie sicherheitshalber bleiben. Wer wusste schon, ob die Waffen möglicherweise emotionalen oder tatsächlichen Wert hatten. Sie wollte nicht diejenige sein, die sie kaputtmachte.
Mehr als einmal stellte sie sich vor, wie es wäre, jeden Morgen hier aufzuwachen. Ihr Cousin war ohne Zweifel attraktiv, dennoch war ihr nie der Gedanke gekommen, das Bett mit ihm zu teilen. Er ist nicht Itat. Würde er darauf bestehen, die Ehe zu vollziehen? Die Idee hätte ihr vor zwei Wochen noch Schauer über den Rücken gejagt.
Inzwischen hatte sie so viel über Gestaltwandler gelesen, dass sie deren Fortpflanzungsmethoden nicht mehr empörte. Sie versuchten lediglich, eine aussterbende Rasse zu retten. Es gab genug Beispiele dafür, wie sehr man damit jedoch fehlschlagen konnte. Sie vermutete, dass ihre Tante Minodora, an die sie kaum Erinnerungen hatte, nur die Spitze des Eisberges war.
Wir müssen ja keine Kinder bekommen. Sie hatte keine Ahnung, ob Sharyn eine eigene Familie wollte.
Je länger sie sich mit Sharyn beschäftigte, desto größer wurde ihre Sehnsucht nach Itat. Bisher wäre ein Auffliegen ihrer Affäre zwar sehr unangenehm gewesen, doch jetzt, da die Verlobung offiziell war… Ob er sich wirklich daran aufreiben würde?

Megära lenkte den Blick von den Schwertern weg und sah aus dem Fenster. Der Gedanke, dass Sharyn weiterhin das Bordell in der Stadt besuchte, stieß ihr sauer auf, obwohl sie keine tiefen Gefühle für ihn hatte. Es war ihr Stolz, der davon angegriffen wurde. Bei ihm wird es sich auch so verhalten. Nur suche ich keine fremden Männer auf, sondern seinen eigenen Vater. Das wäre ein Schlag unter die Gürtellinie. Sie fuhr sich durch die Haare, die sie noch nicht zusammengebunden hatte. Es wäre sicherer, wenn wir damit aufhören. Ihr erster Kuss hatte sie so sehr verstört, dass sie versucht hatte, sich danach von ihrem Onkel (in Gedanken lachte sie fast hysterisch bei dieser Bezeichnung auf) fernzuhalten. Es war ihr nicht nur misslungen, es war eine regelrechte Unmöglichkeit gewesen. Insgeheim fragte sie sich, weshalb sie sich so sehr zu ihm hingezogen fühlte. Sie konnte die Ablehnung ihrer Brüder gut nachvollziehen. Was sie wohl von mir denken? Wofür halten sie mich? Wieso geben sie mir keine Chance, es wenigstens zu erklären? Es zu versuchen? Sie sind doch alles, was ich noch habe.

Niedergeschlagen ging sie durch das großzügige Schlafzimmer, vorbei an einem kleinen Ankleideraum und einem Büro, ehe sie die Haupttür zu Sharyns Gemächern öffnete und hinter sich wieder sorgsam verschloss.
„Was tust du hier?“
Sie fuhr zusammen und funkelte den Nachtstern an. „Bei den Höllen, musst du mich so erschrecken?!“
Irgendetwas an Itat war heute anders. Sein Blick wurde nicht milder, er lächelte nicht. Abwartend sah er auf sie herunter. „Nun?“
Ihre Augen wurden von Schwärze verschlungen. „Was werde ich wohl hier tun?“, fauchte sie und ihre Bedrückung wurde augenblicklich zu Zorn. Er hatte ihr das schließlich alles eingebrockt, er brachte sie in die Zwickmühle, seine Ideen hatten ihre Brüder vertrieben, die Verlobung ging ebenfalls auf seine Kappe und seinetwegen würde sie eines Tages noch Kopf und Kragen riskieren. „Ich sehe mir die Räume an, in denen ich zukünftig wohnen werde! Sein Bett gefällt mir, vor allen Dingen die Seidenbettwäsche. Die fühlt sich verdammt gut auf meiner Haut an. Auf seiner auch.“

Vielleicht hätte sie die letzten Worte nicht sagen sollen, denn zuerst trat in Itats Gesicht ein Ausdruck, den sie noch nie an ihm gesehen hatte. Hatte sie ihn verletzt? Bevor sie den Mund öffnen und sich korrigieren konnte, verschwanden die Pupillen in seinen Augen, hinterließen blutrote Löcher.
Sie hatte ihn noch nie bei einer echten Wandlung gesehen, doch jetzt wurden seine Gesichtszüge wesentlich schärfer und seine Finger, eben noch völlig normal, formten sich zu scharfen Klauen.
Er knurrte sie an und sie sah Reißzähne in seinem Mund; sie hatten keinerlei Ähnlichkeit mit ihren eigenen, sein Gebiss glich vielmehr dem eines wilden Tiers.
Mit offenem Mund sah sie ihn an. Sicher gab es ein leises Stimmchen, das ihr den Rückzug befahl, doch sie war viel zu fasziniert von dem, was sich vor ihr abspielte. „Itat…!“
Er klemmte sie zwischen sich und der Tür ein. Es raschelte und einen Moment später hatte er ihr Kleid heruntergerissen. Mit der Unterwäsche ging er nicht sanfter um. Sie spürte das blanke Holz an ihrem Rücken. Seine klauenhafte Hand umklammerte ihren Kiefer reichlich fest. Sie konnte das, was sich auf seinem Gesicht abspielte, nicht mehr deuten.
„Meinen Namen.“ Seine Stimme war heiserer geworden, sogar tiefer. „Sag ihn noch einmal.“
Sie schluckte hart. „Ich wollte dich nicht verärgern, es tut-“
„Meinen Namen!“, unterbrach er sie donnernd und sie keuchte ihn erschreckt hervor.  
Sein Lächeln zeigte die gefährlichen Reißzähne. „Das ist der einzige Name, den du je hier in einem Bett sagen wirst“, prophezeite er und in seinen Augen glühte Genugtuung.
Megära dämmerte langsam, was gerade geschah. Er ist eifersüchtig. Wortlos starrte sie ihn an. Ihre schwarzen Augen hielten den roten stand. Er verlobt mich mit seinem eigenen Sohn und dann ist er eifersüchtig bei der Vorstellung, wie ich in Sharyns Bett liege? Beinahe hätte sie gelacht. Oder vielleicht auch geweint. Bei den Höllen, was ist hier nur los?!

Auf einmal nahm sie ihn anders wahr, spürte die Hitze, die er ausstrahlte. Die Aggressivität, die er verströmte, war nicht mehr furchteinflößend, sondern erregend.
Dicht vor ihr stand ein Kriegsdämon in Aufwallung und sie hatte keine Angst. Im Gegenteil: sie begriff plötzlich, dass Itat ihr niemals wehtun würde. Sie war fest davon überzeugt.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte sich ihm entgegen legte ihre Arme um seinen Hals. Der Dämon kam ihr entgegen und ein harter Kuss folgte. Sie spürte seine Reißzähne hinter seinen Lippen, die sich dann in ihre Unterlippe gruben. Einen Arm legte er um sie, die freie Hand schob er zielgerichtet zwischen ihre Beine. Sie sog überrascht Luft ein. Beinahe hätte sie das Vertrauen in ihn verloren – die Klauen waren mächtig und obwohl er vor Hitze und Aggression nur so glühte, taten die Klauen ihr nicht weh.
Sie stand immer noch auf den Ballen und klammerte sich an ihr fest. Seine Hände waren geschickt, jetzt knurrte er ob der Feuchtigkeit, die er vorfand. Seine Zähne schnappten nach ihrem Hals, ihrer Schulter. Es zwickte, doch Megära sah keinen Grund, auszuweichen. Instinktiv rollten ihre Hüften über der Hand und ihre Finger gruben sich in die seidigen Haarsträhnen.
Mit jedem leisen Stöhnen, das über ihre Lippen kam, schien die Hitze noch größer zu werden. Ungeduldig wandte sie sich und entlockte ihm damit ein heiseres Lachen. Als er sich in sie schob, wurde ihr Stöhnen lauter. Sein Daumen drückte erst sacht und dann immer mehr gegen ihre Klitoris.
Megära vergrub ihr Gesicht an seinem Hals und genoss das Flattern, das sie verspürte. Es wurde schnell zu einem drängenden Gefühl, das herrlich war und zugleich mehr verlangte.
Mit einem leisen Schrei kam sie über seiner Hand, fest gegen ihn gepresst.
Der Arm, der sie bisher gehalten hatte, wanderte. Seine Klauen gruben sich in ihr Haar und bogen ihren Kopf zurück. Wilde, rote Augen starrten sie an. „So“, sagte er mit dieser ungewohnt tiefen Stimme, „und nicht anders.“
Sie war noch viel zu benommen, um sofort zu verstehen, wovon er sprach.

Seine Hände packten ihre Hüften und er drehte sie herum. Megära lehnte sich, immer noch keuchend, an die Tür, kühlte ihre Stirn daran.
Sein Mund glitt über ihre Schulter, ihren Nacken. An ihrer Hüfte flammte ein kurzer, überraschender Schmerz auf, der gleich darauf wieder vergangen war. Sie mühte sich nicht damit ab, nachzusehen. Im Moment war es ihr egal.
Seine warme Brust drückte sich an ihren Rücken und flüchtig fragte sie sich, ob er das Hemd nur geöffnet oder ausgezogen hatte.
Ihre Beine zitterten vor Anspannung, als er sich wieder erhob und ihre Hüften abermals zurückzog. Sie stemmte sich mit den Ellenbogen und den Unterarmen gegen die Tür und wartete auf ihn.
Er stieß problemlos in ihre Nässe. Mit einem Stöhnen biss sie sich auf die Unterlippe.
Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis sie den passenden Rhythmus fanden; danach wanderte eine seiner Hände an ihre Kehle.
Er nahm sie härter, als sie es gewohnt war. Es interessierte sie nicht; sein ganzes Gebaren war ihr gleichgültig, sofern er nicht aufhörte. Sein Knurren rollte durch sie hindurch, das Stöhnen ließ sie schaudern.
„Itat.“ Es war nur ein Flüstern. Da war schon wieder dieses Flattern.
Er beugte sich zur ihr und irgendwie fanden sich ihre Münder, wenn auch mehr schlecht als recht. Sie riss sich die Zunge an seinen Zähnen auf, die genauso scharf waren, wie sie aussahen. Itat ließ ihre Kehle los, umschloss stattdessen ihre Brust. Das frische Blut leckte er von ihrer Zunge.
„Itat, ich…“ Sie stöhnte an dem geöffneten Mund.
Ihr zweiter Höhepunkt war so heftig, dass sich ihre Muskeln fast schmerzhaft verkrampften. Sie hörte Itat scharf Luft ausstoßen und spürte, wie auch er kam.
Sie liebte dieses Gefühl. Noch während sie versuchte, ihre verkrampften Muskeln zu lockern und sich in seinen Armen zu entspannen, wurde ihr schwarz vor Augen und sie sackte zusammen.

Irgendwie gelangte sie auf den Boden. Ihr schwindelte.
„Ich habe dich verletzt.“ Er klang wieder wie er selbst, nur noch ein wenig atemlos.
„Nein“, erwiderte sie flüsternd, „ich habe nur nicht genug Blut zu mir genommen.“
„Megära.“
Mühsam setzte sie sich zwischen den Kleiderfetzen auf. Jetzt sah sie, wovon er sprach. „Als hätte eine große Katze mich umarmen wollen“, murmelte sie verblüfft.
Seine Klauen hatten ihre Hüften aufgerissen. Vier tiefe Kratzer zogen sich links und rechts über ihre Haut.
„Bei den Höllen.“ Seine Pupillen waren zurückgekehrt und musterten sie besorgt. „Das wollte ich nicht, Megära. Ich würde nie-“
„Ich weiß.“ Sie lächelte matt.
„Ich habe die Kontrolle verloren.“ Er klang ungläubig.
Jetzt grinste sie ihn an. „Dabei ist Sharyn gar nicht zu Hause und ich war ganz allein da drin. Du hättest deine Besitzansprüche also gar nicht so deutlich vorbringen müssen.“
Der Kriegsdämon brummte und legte sich halb auf, halb neben sie.
„Das war unglaublich.“ Sie strich ein paar seiner Haare zur Seite. Normalerweise sah er stets zufrieden oder reichlich arrogant drein, wenn sie ihm solche Mitteilungen machte. Heute lächelte er nur flüchtig und schien mit seinen Gedanken woanders zu sein. Dabei meinte Megära es ziemlich ernst; etwas Derartiges hatten sie noch nie miteinander geteilt.
„Ich würde vorschlagen“, fuhr sie fort, verunsichert, weil der Dämonenfürst nicht erkennen ließ, was in ihm vorging, „dass wir uns so schnell wie möglich von hier fortbewegen.“ Ihre Augen wurden groß. „Bei den Höllen, Itat! Wir liegen mitten im Flur herum!“
Endlich kehrte das Leben in ihn zurück. Er drückte sich mit einem Arm nach oben. „Na und? Das ist mein Haus.“ Er senkte den Kopf und seine Lippen streiften über die ihren. „Und wenn ich dich jetzt noch einmal will, dann nehme ich dich hier.“
Obwohl seine Worte verlockend klangen, versteifte sie sich. „Das geht nicht, Itat. Ich… habe zu großen Hunger.“
Seine Hand, die über ihren Hals bis zu ihrer Brust gewandert war, hielt inne. „Wieso der Hunger?“
Sie lächelte verkniffen und wandte den Blick ab, entzog sich seiner Berührung.

Der Nachtstern unterdrückte einen Fluch. Er kannte dieses Verhalten erst seit neustem und es gefiel ihm gar nicht. Normalerweise blieb sie nachts bei ihm, wenn sich ihre Wege trafen. Seit kurzer Zeit wartete sie, bis sie glaubte, dass er schlief, und schlich sich dann davon. Einmal hatte er sie zum Stall verfolgt. Sie hatte sich irgendwo auf dem Heuboden verdrückt.
„Dann nimmst du eben meines.“
Überrascht drehte sie ihm das Gesicht wieder zu. „Was?“
„Trink mein Blut, wenn du es so unbedingt brauchst.“
„Ich dachte-“
„Wir müssen darüber nicht diskutieren. Wenn ich dir sage, dass du mein Blut haben kannst, dann kannst du es haben.“
Sie wand sich unter ihm heraus und kroch ihrerseits auf ihn. Die Fangzähne, die jetzt länger wurden, ließen ihn fast aufknurren. Er hatte keine guten Erfahrungen mit Vampirbissen gemacht, sie waren schmerzhaft. Noch etwas, das auf das Konto seiner Schwester Minodora ging. Es war wirklich nicht einfach gewesen, sich nach dem Tod seiner Eltern um die Vampirzwillinge zu kümmern, eine verrückter als die andere.
Megära schmiegte sich wieder an ihn und ihre Lippen berührten seinen Hals. Hätte sie gekonnt, hätte sie vermutlich geschnurrt. Das besänftigte Itat.
Es war nur ein dumpfes Stechen, bestenfalls ein Pieken. Dann stöhnte sie unvermittelt laut auf und saugte an seinem Hals. Ihr Unterleib bewegte sich langsam über dem seinen und er legte seine Arme um sie, drückte sie näher.
Dass sie die Zähne wieder zurückzog, bemerkte er überhaupt nicht. Er spürte nur kurz ihre Zungenspitze, da sie über die Einstichlöcher leckte. Mit einem zufriedenen Seufzen blieb sie in seiner Umarmung liegen. „Danke.“
Der Kriegsdämon traute sich noch keine Antwort zu. Er kannte nur die boshaften, gefährlichen Seiten eines Vampirbisses. Das hier… war eine ganz andere Erfahrung.

Megära regte sich und setzte sich auf. Nervös sah sie sich um. „Da kommt jemand.“
„Ach, wirklich?“
„Wir müssen aufstehen!“
Er verstand ihr Unbehagen, aber wie sie da so nackt und mit weißer Haut auf ihm thronte, gefiel ihm ausgesprochen gut. „Schön und gut, aber wenn wir aufgestanden sind, wirst du immer noch nackt sein. Du hast keine Kleidung.“
Ihre Wangen flammten rot auf und sie drückte sich mit einem leisen Fauchen von ihm herunter. In den Resten ihres Kleides suchte sie schnell den Schlüssel zu Sharyns Gemächern und verschwand darin.
Itat lachte leise und setzte sich auf, lehnte sich an die Tür und fuhr sich durch die Haare. Er hörte die Schritte inzwischen auch und wusste, wer den Gang entlangkam.

„Immerhin hat es über einhundert Jahre gedauert, bis ich dich mal so finde.“ Shaya blieb stehen und die dunkelblauen Röcke schwangen um ihre Knöchel. Sie lächelte. „Mit offener Hose und ohne Hemd. In einem zerrissenen Kleid sitzend. Was würden deine Geschwister dafür geben, dich so zu sehen. Wo ist sie?“
Er zeigte auf die Tür. „Es gibt ein Problem, Shaya.“
Ihre Augenbrauen wanderten fast bis zum Haaransatz. „Liebster, bei deinem Anblick würde ich das bestätigen. Wie wäre es, wenn du erst einmal aufstehst?“
Er seufzte und kam auf die Beine, richtete seine Hose und nahm das Hemd, das Shaya vom Boden aufgehoben hatte. Beim Anziehen sah er das Blut, das unter seinen Nägeln klebte.
Der gefallene Engel strich sanft über seine Wange und drehte dann seinen Kopf ein Stück zur Seite. „Ein Biss? Du hast sie dich beißen lassen?“ Sorgenvoll blickte sie zu ihm auf. „Itat, von welchem Problem sprachst du?“
Er starrte immer noch auf das getrocknete Blut. „Ich hätte sie fast in Besitz genommen.“
Seine Frau gab ein erschrockenes Geräusch von sich. Einen Moment breitete sich bedrückende Stille aus.
„Itat, sie ist noch ein Kind.“
„Sie ist eine Frau und das weißt du genauso gut wie ich.“
„Sie ist neunzehn Jahre alt!“ Shaya war bleich geworden. „Du musst vorsichtiger werden. Wem dient diese Verlobung eigentlich mehr? Ihrem Schutz oder deinem?“
„Sie dient niemandem, wie ich vorhin gemerkt habe. Eine Bemerkung von ihr und ich… hätte fast vollständig die Kontrolle verloren.“
Shaya hielt sich die Stirn und kniff die Augen zusammen. „Dann stimmt es also doch.“
„Ich glaube nicht an diesen Unfug, das weißt du.“
Hilflos sah sie ihn an. „Die Anzeichen sind eindeutig. Ich will dich nicht an sie verlieren.“
Er schloss sie in die Arme. Ihr Geruch war warm und süß, erdig und beruhigend. „Das wirst du nicht.“
Ihr Lachen war bitter. „Das kannst du mir nicht versprechen. Wenn sie deine Auserwählte ist, werde ich weichen müssen.“
„Ich will nichts von Auserwählten hören.“
Shaya schüttelte den Kopf an seiner Brust. „Es wurde schon so lang vorausgesagt. Du hältst nichts von Prophezeiungen, aber sieh doch, wie sich alles ineinanderfügt. Du musst es in Erwägung ziehen, dass es wahr ist. Mystafar hat seine Auserwählte gefunden und geheiratet. Es ist also kein Mythos. Wenn es wirklich so ist, dann müssen wir uns etwas überlegen.“ Shaya sah keinen Grund, die Wahrheit nicht auszusprechen. Es half ihnen nicht, wenn Itat sich weigerte, sie zu sehen. „Du hast sie miteinander verlobt, aber wenn sie deine Auserwählte ist, wirst du Sharyn eines Tages töten. Das könntest du dir niemals verzeihen.“



Megära sah sich mit gemischten Gefühlen im Spiegel von Sharyns Ankleidezimmer an. Itat hatte nicht nur tiefe Kratzer an ihren Hüften hinterlassen. Sie fand Bissspuren an ihrer Schulter und ihrem Hals. An ihren Oberarmen gab es ebenfalls Kratzer, außerdem am linken Oberschenkel. Sie wusste nicht, an was sie sich mehr störte: dass sie es nicht gemerkt hatte oder dass sie es für ein so intensives Gefühl noch einmal in Kauf nehmen würde.
Ihr Haar war völlig durcheinander und sie kämmte es mit ihren Fingern grob durch. Dabei blieb sie mit ihrem Verlobungsring an einer Strähne hängen. Auch der Ring hatte Blut abbekommen, obwohl sie beim besten Willen nicht sagen konnte, wessen es war.
Sie betrachtete die junge Frau, die ihr aus dem Spiegel ernst entgegensah. Sie hatte nichts mehr mit der Prinzessin gemein, die neulich noch in einem goldenen Kleid davorgestanden hatte.
„Wenigstens ist mir nicht mehr schwindelig.“ Das Dämonenblut war unglaublich gewesen. Sie hatte so etwas noch nie geschmeckt. Er hat es mich trinken lassen. Wärme durchströmte ihren Magen. Es war eines der ersten Dinge, die Itat ihr nach der Ankunft hier gesagt hatte: dass sie nicht einmal im Traum daran denken sollte, an sein Blut zu gelangen. Nachdem sie sich nähergekommen waren, hatte er ihr auch den Grund dafür mitgeteilt: Minodora. Megära empfand Taevica schon als gruselig, wie konnte jemand noch schlimmer sein? Na ja, da gibt es noch ihren Mann. Schaudernd wandte sie sich den Schränken zu. Eigentlich hatte sie auf Sharyns Zustimmung warten wollen, doch sie konnte schlecht nackt in der Burg herumspazieren. Sie würde sich lediglich ein Hemd leihen und es frisch gewaschen zurückbringen.
Der erste Schrank enthielt Umhänge und andere Überwürfe, im zweiten wurde sie fündig. Sie zog sich das erstbeste Hemd heraus und zog es an. Wenigstens reichte es bis zu ihren Schenkeln.
Sie hatte die Hand bereits wieder an der Klinke liegen, als ihr ein Gedanke kam. Unentschlossen betrachtete sie den Schlüssel in ihrer Hand. Sie schloss von innen ab.

Weshalb sie diese Entscheidung traf, konnte sie nicht sagen. Vielleicht war es das brennende Dämonenblut, das sie mutiger machte, vielleicht war es dieses intensive Hochgefühl, das sie eben noch in Itats Armen verspürte hatte.
Mit einem Ausatmen kniete sie sich auf den Boden und griff in die Schatten. Inzwischen hatte sie gelernt, dass es überall Schatten gab. Man musste sie manchmal nur finden.
Sie riss sie zu einem großen Loch auseinander, in das sie mühelos hineinpassen würde. Es konnte gut möglich sein, dass sie einfach nur wissen musste, wohin sie wollte. Nystev war ja nicht gerade auskunftsfreudig gewesen, was die Beherrschung der Schattenwege anging. Sie stellte sich also den Saal vor, in dem sie bis vor kurzem noch geschlafen hatte, in dem auch all ihre Kleider untergebracht waren. Wenn ihre Brüder dort waren, dann war es eben so, doch sie brauchte dringend etwas anderes Anzuziehen.
Vorsichtig setzte sie sich an den Rand des Schattenlochs. Ihre Beine baumelten haltlos hinein. „Gut“, murmelte sie, „gut, gut.“ Ihre nackten Füße (sie hatte sowieso keine Schuhe getragen) tasteten nach Halt. „Es muss einen geben. Es muss. Wenn Nystev das kann, kann ich das auch. Bei den Höllen, was für ein verrückter Vergleich.“
Da! Da war tatsächlich etwas. Sie lächelte siegessicher und trat abermals zu, fand dann auch mit dem anderen Fuß eine Stelle, auf der sie sicher stand.
Zunächst langsam, dann immer schneller ließ sie sich hinabgleiten.

Dieses Mal war es kein wilder, ungebremster Fall. Es war vielmehr, als steige sie flache Stufen herunter. Zwar herrschte immer noch pechschwarze Finsternis, jetzt jedoch erkannte sie eine Art Pfad. Da sie lediglich diesen einen sah, folgte sie ihm. Sie erlaubte sich kein Zögern, damit sich die Umgebung nicht wieder veränderte und sie endlos fiel.
Der Weg war nicht so lang, wie sie es erwartet hatte. Stattdessen führte er irgendwann wieder nach oben, sodass sie nun eine Art unsichtbare Treppe wieder hinaufstieg.

Plötzliches Tageslicht ließ sie geblendet die Augen zusammenkneifen. Das Licht der späten Nachmittagssonne war kräftig und beleuchtete den Saal herrlich. Ihre Brüder waren nicht da und darüber war Megära im Moment nicht traurig. Solange sie nicht wusste, wie sie sich ihnen wieder annähern konnte, würde sie ihnen aus dem Weg gehen. Die beiden großen, schwarzen Eulen hockten auf dem Fensterbrett und sahen sie an. Sie raschelten mit dem hübschen Federkleid und Megära ging zu ihnen, kraulte sowohl Deimos als auch Phobos unter den beeindruckenden Schnäbeln und ging dann zu ihrem Schrank.
Darin hing ein sehr selten getragenes, rotes Kleid, das eher für kühlere Tage geeignet war. Sie wusste, dass es Itat gut gefiel. Ihre Wangen wurden schon wieder heiß. Bei den Ahnen, ich sehne mich schon wieder nach ihm. Das ist nicht normal. Sie wählte eine schlichte Stoffhose und ein paar dünne Stiefel, zog Unterwäsche darunter und behielt Sharyns Hemd an. Es gab Tage, an denen belastete sie der Umstand, dass Itat verheiratet war, sehr. Es gab Tage, so wie heute, da war es ihr gleichgültig. Shaya brauchte nur ein Wort zu ihr zu sagen und sie würde sich von Itat fernhalten. Nun, sie würde es zumindest versuchen.

Wenn sie allerdings selbst verheiratet war, würde es noch wesentlich komplizierter werden. Sie hatte keine Lust, eine Hochzeit zu planen oder ein Brautkleid auszuwählen. Sie hatte keine Lust, in ihrem Alter schon zu heiraten und wenn sie das eines Tages tun wollte, dann sicherlich einen Mann, den sie liebte und der sie liebte, nicht einen, der ebenso dazu gezwungen wurde.

Sie erwog, abermals die Schattenwege zu nutzen, um zu den Arbeitszimmern von Itat und Shaya zu reisen. Die viele Literatur, die Itat ihr überlassen hatte, wartete noch auf ihre Durchsicht. Sie könnte die Nacht gleich dort verbringen oder die Nacht durchlesen und den Vormittag zum Ruhen nutzen, wie sie es jetzt manchmal getan hatte.
„Besser nicht“, entschied sie, um ihr Glück nicht doch noch herauszufordern. Sie verabschiedete sich von den Eulen und verließ den Saal leise.
Review schreiben