Alles kann, nichts muss.

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
03.01.2020
25.10.2020
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03.01.2020 3.012
 
The kingdom come, the rise, the fall
The setting sun above it all
I just wanna be somebody to you

BANNERS – Somebody To You


Aus den Boxen dröhnt „Dancing Queen“, die Mamma-Mia-Version, und ich hample durchs Zimmer. Man kann diese Abfolge ungelenker Bewegungen beim Besten Willen nicht als Tanzen bezeichnen, nicht mal mit viel Wohlwollen, so wie ich auf und ab springe, mich im Kreis drehe und dbea die Arme durch die Luft schwingen lasse, als wolle ich mir etwas beweisen.

Nur den Refrain kann ich aus vollem Hals mitgröhlen. Welch Ironie, dieser Text, und überhaupt, textsicher geht anders. Mit siebzehn habe ich noch beschissener getanzt als jetzt mit 24. Und da war ich ständig besoffen von Fanta-Korn oder Korn pur. Korn pur! Aus der Vitrine im Esszimmer geklaut und mit Wasser aufgefüllt. Macht mich das jetzt alt? Ich muss entschiedener tanzen. Tanzen, tanzen, tanzen. Gegen das aufkommende Tief antanzen. Es ist keine Lust an der Freude, sondern Mittel zum Zweck. Auf dem Schreibtisch steht mein halb getrunkener Rotwein, ich hasse Wein, und ich greife ihn, um mit ihm durchs Zimmer zu tänzeln.

Ich fühle mich besser, wenn ich Wein aus einem dafür vorgesehenen Glas trinke und nicht Beck’s oder Schöfferhofer Grapefruit, das noch vom letzten Geburtstag im Kühlschrank auf seinen Einsatz wartet. Dann lieber Rotwein. Ich kenne mich mit Wein nicht aus, also tuts auch der aus dem Tetrapack. Schmeckt doch sowieso alles gleich ekelhaft und macht dieselben pochenden Kopfschmerzen. Das Lied endet und „Voulez-Vous“ beginnt. Ein besserer Takt. Passender. Ich muss mich noch fertig anziehen und über die rotweinroten Lippen schminken. Mit einem anderen Rot, das dann an diversen Bierflaschen und Shotgläsern kleben bleiben wird. Aber was tut man nicht alles, um auszusehen wie „frisch geboren“, wie ich es nenne und was natürlich Quatsch ist. Wir kommen zerknautscht und blutig zur Welt und schreiend und glitschig. Das ist nicht meine Definition von „frisch geboren“. Ich will gesund aussehen. Rosawangig, strahlend, richtig frisch. Einmal in den Highlighter ohne Glitzerpartikel gedippt und dann mit Fixierspray eingenebelt, damit alles an seinem Platz bleibt. Die Werbung hat mir das eingeimpft und obwohl ich offiziell gegen Beautystandards demonstriere, so wie ich die Gelegenheit sehe, würde ich mich wahrscheinlich unters Messer legen, sobald ich die Möglichkeit hätte.

Die Sommersprossen betonen, die sich andere mühselig mit Henna und Augenbrauenstiften ins Gesicht pinseln. Ich mochte sie immer. Und sie vermehren sich jährlich. Niemals zu viel machen, gerade so, dass es mühelos aussieht. Ich bin kein eitler Mensch, aber hin und wieder überkommt es mich und ich will aus dem Haus gehen und die ganze verdammte Welt überstrahlen. Jetzt legt Pierce Brosnan los. Meiner Meinung nach der beste James Bond. Auch, wenn Daniel Craig verwirrend gut aussieht. Das macht die Rolle. Die Inszenierung. Aber auch in der Hollywood-Verfilmung von „Verblendung“ macht er eine gute Figur. Ich habe immer auf eine Fortsetzung gehofft, aber stattdessen springt er weiter über Züge, reist um die Welt und bestellt einen Martini. Und das ihm egal ist, ob er geschüttelt wird oder gerührt, dass ist die kleine Neuerung, die sich die Bond-Macher erlaubt haben. Wenn ich nochmal Eva Green in einem Aufzug im Meer versinken sehen muss, ich schwöre bei Gott.

Mein Handy klingelt. Wo war ich? Ach ja. Mund abwischen, Lippenstift auftragen. Mit der einen Hand nehme ich den Anruf entgegen, mit der anderen stelle ich das Weinglas auf die Fensterbank zwischen all die Bücher, die ich in den letzten Tagen förmlich verschlungen habe. Ich bin noch nachhaltig mitgenommen von Bret Easton Ellis „American Psycho“ – man kann den Film noch so oft gesehen haben, das Buch bereitet körperliche Schmerzen. Es ist ein Meisterwerk. Und ich finde, Christian Bale ist diese Rolle auf den Leib geschrieben, aber vor meinem geistigen Auge sah ich, während ich das Buch las, immer Matthew McConaughey.

„Ja?“

„Fahren wir zusammen?“, Stefan, am anderen Ende der knackenden Leitung, schließt hörbar seine Wohnungstür hinter sich ab. Immer zweimal. Sicherheitshalber. Als könne man das Kellerfenster nicht mit einem beherzten Tritt auf dem Rahmen drücken.

„Ja, bin in fünf Minuten unten.“

Wir wohnen zwei Straßen auseinander. Er in einer Kellerwohnung, immerhin zwei Zimmer, ich in einem Zimmer unterm Dach. Ich kann über die Häuserreihe, die uns trennt, in seine Straße sehen, wenn ich mich ein wenig verbiege.

„Fünf Minuten“, wiederholt er streng und legt auf. Ich trödle eigentlich nie. Nur heute bin ich spät dran, weil ich lange mit mir gerungen habe, ob ich nicht noch absagen sollte. Die Zeit vor einem Tief ist gefährlich. Entweder bin ich beinahe manisch und baue ganz sicher Scheiße oder ich bin so, wie ich immer bin, und baue nur eventuell Scheiße. Der Alkohol entfaltet seine Wirkung auf einen Schlag. Wie immer. Gerade noch packe ich den Lippenstift in meinen Stoffbeutel, den ich nur zum Ausgehen benutze und der nach Bier stinkt, im nächsten Moment muss ich mich mit beiden Händen am Geländer festhalten, um sicher die Treppe hinunterzugehen. Dann gehe ich nochmal hoch um sicherzugehen, dass ich den Herd, der heute gar nicht an war, ausgeschaltet habe, alle Lichter aus sind und die Tür fest verriegelt. So bin ich. Diesen Anflug einer Zwangsneurose, und es ist einer, denn manchmal gehe ich mehrmals oder stehe nachts auf und kontrolliere alles, auch mehrmals, bis ich erschöpft einschlafe, kennt keiner außer mir. Ich habe es vermieden, meinen wenigen Freunden davon zu erzählen, weil sie mich ohnehin schon für „besorgniserregend“ halten. Sie behandeln mich wie eine Patienten, der sie zur Seite gestellt worden sind. Ein bisschen „Ziemlich beste Freunde“, nur ohne offensichtliche Einschränkungen. Nach außen hin wirke ich fast normal. Beängstigend, wie man über psychische Probleme hinweglächeln kann. Ein bisschen Make-Up, ein bisschen Asos, fertig ist das angehende Insta-Model.

Stefan wartet unten an die Backsteinwand meines Hauses gelehnt, das Handy in der Hand. In etwa so einem Moment wollte ich ihm vor vier Jahren meine Liebe gestehen und dann habe ich im letzten Moment gekniffen. Dabei ist es dann geblieben und er ist einfach ein Freund geblieben.

Es gab diesen Moment. Und dann war er vorbei. Und ich bin nicht durch dieses winzige Zeitfenster geklettert, weil ich, wie immer, wenn es ernst wird, Angst hatte. Nach einer Party der Firma war ich ziemlich betrunken und wir waren die Letzten in der Bahn, weil wir auf "der anderen Rheinseite" wohnen. Er brachte mich bis vor meine Haustür und irgendwie wusste ich in diesem Moment, dass es richtig wäre, etwas zu sagen. Dann lachte er über irgendetwas und ich schluckte den aufkommenden Mut hinunter. Und er kam nie wieder.

Das heißt, es hätte Gelegenheiten gegeben. Ich verwende viel Zeit darauf, die Augen davor zu verschließen und erdulde lieber alles, was er sagt und tut und was mich verletzt, weil er es nicht wissen kann und nie wissen wird. Und dann ist heute diese Party. Keine gewöhnliche. Das ich absagen wollte, kommt mir, je mehr ich darüber nachdenke, immer lächerlicher vor. Wir feiern seinen Abschied. Wenn man den überhaupt feiern kann. Alles in mir zieht sich krampfartig zusammen, während er mich zur Begrüßung kurz umarmt. Ist immer so. Man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles.

„Gut siehst du aus“, kommentiert er mein langweiliges Outfit. Innerlich atme ich erleichtert auf und gleichzeitig denke ich: das ist das letzte Mal, dass ihr hier so steht. Das er hier so auf dich wartet. Morgen um diese Zeit sitzt er im Flieger und du in deiner Kackwohnung. Ich wette, ich heule. Ich wette, ich heule heute Abend schon. Wenn ich sofort anfange, spare ich Zeit.

„Und, schon gepackt?“, frage ich ihn.

„Gerade so“, sagt er, „es gibt unendlich viele Videos, wie man einen Koffer am sinnvollsten und platzsparend packt.“

„Ich weiß.“

Ich muss mir Mühe geben, so zu sein, wie ich immer bin. Auf keinen Fall werde ich ihm den Abend verderben. Er wird versuchen, es mir recht zu machen und sich entschuldigen, ohne zu wissen, wofür, er wird nur wollen, dass ich so viel Spaß habe wie alle anderen. Mindestens. Allein der Gedanke daran regt mich auf. Ich hasse es, dass er sich immer so verantwortlich fühlt und alles mitkriegt mit seinen hypersensitiven Antennen. Jede schlechte Schwingung erwischt ihn wie eine Flutwelle, aber das ich in ihn verliebt bin, dass hat er in den letzten vier Jahren nicht gecheckt? Vielleicht hat er es auch einfach ignoriert, damit diese Freundschaft funktioniert. Und das tut sie, seltsamerweise, extrem gut. Natürlich werden wir ständig für ein Paar gehalten. Und Stefan neigt dazu, Dinge zu sagen wie „du wärst doch wirklich die perfekte Freundin“ – im Spaß. Ich bin nicht die perfekte Freundin, wirklich, will ich auch gar nicht sein. Nur jetzt will ich die beste beste Freundin sein, die ihrem besten Freund nicht den Abend versaut. Ich habe oft das Gefühl, dass ich mich unter falscher Identität in diesem Freundschaftsgefüge bewege. Als würde ich ihn die gesamte Zeit über belügen, als würde ich etwas furchtbar Unrechtes tun. Dabei stimmt das gar nicht. Ich bin immer für ihn da. Wir tun uns gegenseitig gut. Ergänzen uns. Von allem, was der eine zu wenig hat, hat der andere zu viel. Wir sind wie ein verdammtes Puzzle. An machen Tagen glaube ich mir das, an anderen fake ich es nur gut.

„Ist was?“, fragt er auf halbem Weg zur Bahnstation. Schnell entspanne ich meinen furchtbar verkrampften Unterkiefer.

„Was soll sein?“, frage ich möglichst unbekümmert.

„Ihr könnt mich jederzeit besuchen“, erinnert er mich. Amerika ist nicht aus der Welt. Cool.

„Ich fliege nicht. Nie“, sage ich, „auch in diesem Fall nicht.“

„Das trifft mich.“

„Du wusstest, auf was du dich einlässt.“

Ich mag es, dass wir noch allein sind. Die anderen treffen wir erst vor dem Club. Dreißig Minuten noch, ehe er mich aus den Augen verlieren und vergessen wird, dass ich schlecht drauf bin. Sie werden ihn umringen und ihm etwas ausgeben wollen, er wird sich ein Lied wünschen, wir werden tanzen, ich werde mich am Rand rumdrücken und draußen bei den Rauchern stehen und gute Miene zu was auch immer machen. In den letzten vier Jahren war Freundschaft Freundschaft. Es gab Momente, in denen es aus mir herausplatzen wollte, zum Beispiel, wenn ich eifersüchtig war oder wir gerade nebeneinander im Riesenrad saßen und er meine Hand hielt, weil ich vor Höhenangst die Augen zukneifen musste. Wenn er mir seine Jacke lieh oder über Nacht blieb, wenn wir die Einzigen im Kino waren, an einem Sommertag, den alle anderen lieber am Rheinufer verbrachten. Diese Momente gab es immer wieder und auch jetzt, während wir nebeneinander auf die Bahn warten, so dicht, dass sich unsere Arme berühren, will ich zu ihm hochsehen und ihm mein scheiß Herz ausschütten. Stattdessen lehne ich mich weiter nach links, gegen ihn, das muss reichen. Was für einen scheiß Kitsch wir durchlebt haben. All die Indie-Film-Momente, nachts im See baden, mitten auf der Straße nach Hause spazieren, während er mein Fahrrad schiebt und es ist warm und die Zeit vergeht nicht und die verdammte Welt steht still.

„Auf einer Skala von 1 bis 10, wie wenig Bock hast du?“, fragt er mich.

„Hier geht’s nicht um mich, sondern um dich“, sage ich. Keine ideale Antwort. Minus zehn wäre ziemlich ehrlich, aber ein Downer.

„Überspringen wir den Teil, in dem so du tust, als wäre alles cool?“, sagt er nach einem demonstrativen Blick auf die Uhr, „ich hasse es, wenn du dich für mich zu so einem Scheiß zwingst.“

„Wow, spricht man so über seine Freunde?“

„Ich bin auch kein party animal.“

„Deine dancing skills sind nicht übel“, erwidere ich lachend. Ich will, dass wir das Thema wechseln und albern sind und wie immer und nicht darum kreisen, ob ich Lust habe oder nicht. Ich fühle mich in Clubs generell nur wohl, wenn ich getrunken habe. Nur dann bringe ich den Mut auf, mich gegen widerliche Kerle zu wehren, statt es über mich ergehen zu lassen und mich hilfesuchend umzusehen. Normalerweise bin ich nicht so. Nicht so schwach. Ich gehe boxen, joggen, ich bin nicht auf den Mund gefallen und ich vertrete meine Meinung immer. Ich schreite für andere ein und würde alles für meine Freunde tun, aber sobald mich jemand bedroht oder mir zu nahekommt, bin ich wie gelähmt. Mir bereitet der Rückweg jetzt schon Kopfzerbrechen. Wenn ich nicht mit ihm zurückfahre, bin ich den meisten Teil des Weges allein. Und es wäre nicht das erste Mal, dass das zu unangenehmen Situationen führt. Einmal habe ich "WIe es geht" von den Ärzten gesungen, einfach, weil mir nichts mehr eingefallen ist, was ich hätte sagen können. Der Text ist mein Leben. Das sage ich über viele Lieder und ich wünschte, über dieses müsste ich es nicht.

„Wir steigen eine Station früher aus und holen uns ’n Wegbier“, schlägt er vor, „wie hört sich das an?“

„Nach einem deiner besseren Pläne.“

Der Kerl, der uns gegenüber im Vierer sitzt und auf seinem Handy herumwischt, starrt auffällig oft auf meine Oberschenkel. Ich drücke sie fester aneinander. Das Kleid ist so kurz, dass meine Haut den Sitz berührt, was mich anekelt, weshalb ich ständig am Saum ziehe, um Stoff dazwischen zu bringen. Was habe ich mir bei der Wahl gedacht? Ich fühle mich unwohl und Stefan beeindrucke ich damit nicht. Ich wollte mich toll fühlen, stattdessen fühle ich mich bloßgestellt. Angestrengt sehe ich aus dem Fenster. Meine alte Schule, mein Schulweg, der Supermarkt, in dem ich verkatert Himbeeren gekauft habe, um sie auf der Treppe zwischen Bio- und Chemietrakt zu essen. Was haben meine Eltern sich dabei gedacht, ihr worteliebendes Kind auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium zu schicken?

„Lou?“

Ich habe nicht mitbekommen, dass er mit mir spricht.

„Hm?“

„Wo warst du?“, fragt er grinsend. Ich halte den Blick des Mannes nicht mehr aus und trete ihm einfach gegen sein Schienenbein. Er zuckt zusammen.

„Nirgendwo“, antworte ich dann trocken. Der Mann steht auf und stellt sich an die Tür. Ich wette, er muss nicht wirklich aussteigen. Wahrscheinlich hat er Schiss, dass ich andere auf seine widerliche Art aufmerksam machen könnte.

Eine Haltestelle vor unserem Ziel steigen wir aus und Stefan verschwindet im nächsten Kiosk. Ich warte davor, auf mein Handy starrend, wie immer, weil ich nicht gerne in solche Läden gehe. Sie sind immer klein und so einsehbar, ich fühle mich ständig beobachtet. Der Kerl hinter der Kasse lehnt immer auf dem Tresen und blättert durch die Bild oder den Express und trinkt einen Kaffee. Und er beurteilt einen nach seinen Einkäufen. Immer.

„Ein Bier und ein Snickers für die junge Dame“, er überreicht mir die Sachen mit einer ausladend feierlichen Geste.

„Danke.“

Die Straße ist voller Menschen, die irgendwo hinwollen. Ich bewundere die Frauen, die auf hohen Schuhen über Kopfsteinpflaster laufen als sei es nichts. Die, die sich aufwendig frisiert haben. Sowas wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. YouTube-Tutorials haben mich längst aufgegeben und ich halte es damit, eher der natürliche Typ zu sein. Manchmal hat man einfach keine Wahl.

„Bist du aufgeregt?“, frage ich ihn.

„Ein bisschen“, antwortet er, „komisches Gefühl, nachher in eine leere Wohnung zurückzukehren.“

„Kann ich verstehen.“

Wird keinen großen Unterschied machen, denn er war immer sehr spartanisch eingerichtet. Die Möbel bleiben für die Untermieter, sein persönliches Zeug bringt er bei Florentin unter. Nicht mehr als zwei große Umzugskartons voll Kram.

Es ist, wie ich es vorhergesehen habe. Alle begrüßen einander und ich bilde den Rand. Das tue ich nicht immer. Oft genug bin ich Mittelpunkt der Geschehnisse, aber es fällt mir nicht schwer, zurückzutreten und zur Beobachterin zu werden. Florentin, der unser Dreiergespann komplettiert, reißt dämliche Wortwitze und sagt, ich sehe in meinem Kleid aus als sei ich 16.

„Mitte zehn“, sagt er, „und du wirst trotzdem nie nach deinem Ausweis gefragt.“

Er hat recht. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht nach meinem Personalausweis gefragt worden. Ja, am Flughafen, klar, aber sonst? Nie. Ich kam immer in jeden Club, in jede Disko, konnte jedes Getränk und Zigaretten kaufen. Dabei sehe ich wirklich aus als sei ich ich frisch in die Oberstufe gekommen.

„Ich finde, das Kleid steht dir sehr gut!“, sagt Pia, eine Kollegin. Sie trägt hautenge dunkle Jeans und ein schlichtes schwarzes Top.

„Danke.“

„Ich habe nicht gesagt, dass es ihr nicht steht“, verteidigt sich Florentin, „es lässt sie eben jung aussehen, daran ist ja prinzipiell nichts falsches.“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ach komm, du bist doch sonst nicht so empfindlich“, er legt mir den Arm um die Schultern und zieht mich an sich, „es steht dir natürlich ausgezeichnet. Ich bin kein großer Komplimentemacher, weißt du doch.“

„Benimmst du dich wieder daneben, Florentin?“, Stefan boxt ihm von hinten auf die Schulter.

„Alles wie immer“, antworte ich.

„Ich habe ein einziges verunglücktes Kompliment gemacht“, verteidigt er sich, „und ihr werdet es mir wieder den ganzen Abend vorhalten, jaja, mal wieder ein perfekter Abend.“

„Nein, werden wir nicht“, verspreche ich ihm feierlich, „du hast ja Recht, war nicht meine beste Wahl.“

„Jetzt hör aber auf!“, leidend verzieht er das Gesicht, „an deinem Kleid ist nichts falsch. Du machst mich fertig, Lou, echt, das war nur ein schlecht platzierter Witz!“

„Das Kleid ist so schön“, Pia, immer noch vehement auf meiner Seite, nickt mehrmals bekräftigend, „es unterstreicht deine Persönlichkeit.“

„Und das ist jetzt ein Kompliment, das du hören willst?“

„Danke Pia“, ich betone ihren Namen übermäßig und Florentin tut so, als würde er sich selbst ohrfeigen. Ich lache. In Kombination mit dem Wegbier holt mich Florentin aus meinem selbstgegrabenen Loch und in die Gegenwart zurück. Keine Flashbacks zu was-wäre-wenn-Momenten mehr. Es ist vorbei. Gelaufen. Finito. Er wird seiner Wege gehen und eine „YOU“-ähnliche Karriere in L.A. starten, während ich hier eingehe, weil jeder Typ, der an mir interessiert ist, gleichzeitig auch ein großes Interesse an Drogen oder Verbrechen hat.

„Du siehst gut aus“, sagt Stefan, der meint, meine Gedanken zu lesen, „mach dir keine Gedanken.“

Ich mache mir keine Gedanken. Nicht um mein Äußeres. Wenn mich ernsthaft interessieren würde, wie ich aussehe, dann würde ich mir mehr Mühe geben und nicht ständig nur jammern. Ich habe gar keine Zeit, darüber nachzudenken, wie ich aussehe, weil ich nur an dich denke, du Vollidiot.
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