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[Federation Law] Inter Arma enim silent Leges — Im Krieg schweigen die Gesetze?

von LukeWords
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Sci-Fi / P12 / Gen
03.01.2020
10.09.2020
6
14.215
4
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.03.2020 1.852
 
Aufzeichnung einer Videoübertragung, Crewman Simon Tarses, Sternzeit 44790.2 (16. Oktober 2367, gegen 10:30 Uhr): Liebe Mutter, zunächst entschuldige bitte, dass ich auf deine letzte Nachricht eine Weile nicht geantwortet habe. Du wirst sagen, ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt und mich nicht getraut. Das stimmt nicht.

Simon Tarses saß in seinem Quartier und seufzte. Die überraschend gewährte zusätzliche Ruhephae statt einer Schicht bedeutete für ihn, dass keiner seiner Mitbewohner ihn behelligen würde und er hatte sich vorgenommen, diese Gelegenheit zu nutzen, um seiner Familie eine ausführlichere Nachricht zukommen zu lassen. Allerdings war es ihm bisher nicht gelungen, den richtigen Ton zu treffen: Seiner Mutter konnte er nicht vormachen, dass er kein schlechtes Gewissen hatte, sie würde das sogar aus einem altmodischen Brief heraus spüren können, das wusste er.
„Computer, Aufzeichnung löschen und eine Videoübertragung an meine Mutter neu aufzeichnen, Kennzeichnung als persönliche Korrespondenz!“, ordnete er daher zum wiederholten Male an, seit er sich diese Aufgabe nach dem Frühstück gestellt hatte. In solchen Dingen war er eben noch nie besonders gut gewesen.

Liebe Mutter!
Zunächst möchte ich mich dafür entschuldigen, dass ich dir und euch nicht früher geantwortet habe. Du wirst sagen, ich hätte mich nicht getraut. Das stimmt nicht. Aber ich habe tatsächlich lange über deine Nachricht nachgedacht und es fällt mir schwer, darauf zu antworten. Aber das wirst du wissen, schließlich kennst du mich beinahe besser als ich mich selbst. Du wirst auch sagen, dass Vater doch immer recht hatte mit seinem Rat, mich von der Sternenflotte fernzuhalten, weil man hier ‚nach außen große Reden schwingt und nach innen genau das tut, was man anderen vorwirft‘. Ich kann verstehen, warum du das sagst, aber ich habe hier während des letzten Jahres und auch während der letzten Wochen etwas anderes erlebt. Nicht nur meine Chefin, Doktor Crusher, sondern sogar Captain Picard haben sich wirklich sehr für mich eingesetzt und Captain Picard hat mir sogar eine Freischicht für heute Morgen gewährt, was er sonst eigentlich nie tut. So finde ich jetzt Zeit, dir in Ruhe zu antworten.


Tarses holte tief Luft. Diese eigentlich so einfache, weil so persönliche, Nachricht fiel ihm schwerer als er gedacht hatte. Natürlich konnte und wollte er mit seiner Familie ehrlich sein, aber eben sie hatte er doch irgendwie belogen und musste jetzt im Nachgang dieser Ereignisse die Wahrheit auf den Tisch legen. Counselor Troi hatte ihm ebenfalls dazu geraten, als sie sich vor einigen Tagen ganz außerhalb der Reihe Zeit für ihn genommen, ihn förmlich zu einem Gespräch gedrängt und von einem ‚traumatischen Erlebnis‘ gesprochen hatte, das er bewältigen musste.

Du musst dir um mich keine Sorgen machen, mir geht es gut. Die letzten Tage waren anstrengend, aber alle haben versucht, es mir einfacher zu machen. Außer der Schiffs-Counselor hat mich niemand mehr danach gefragt, wie ich mit dieser ‚Hexenjagd‘ – so hat sie es genannt! - klarkomme. Und darüber bin ich froh, weil ich mich nicht mehr mit irgendwelchem Unsinn beschäftigen möchte, den jemand über mich erzählt.

Wieder eine kleine Lüge, aber schließlich sollten sich seine Eltern keine unnötigen Sorgen um ihn machen. Schlafen konnte er noch immer nicht wirklich gut, aber die bohrenden Fragen seiner Kameraden waren tatsächlich verstummt, nachdem sie ihm am Anfang eben doch gestellt worden waren.

Du musst dir auch keine Vorwürfe machen, wenn du denkst, dass ich wegen dir hier bin: Die Sternenflotte war immer auch mein Traum und nicht nur dein Traum für mich. Ich wollte zu den Sternen, auch wenn ich nicht ganz ehrlich zu dir war: Ich habe nicht wegen des vielen Lernens auf die Akademie verzichtet, sondern weil ich Angst hatte, dass man dann meine Bewerbungsunterlagen genauer prüft.
Ich habe dir gesagt, dass mich die Sternenflotte trotz Großvaters Herkunft zur Ausbildung zugelassen hat. Ich hatte aber zu viel Angst davor, dass Großvater und Vater tatsächlich richtig liegen mit ihren Bedenken und man mit einem Romulaner in der Verwandtschaft als Sicherheitsrisiko gilt. Sie hatten ja auch recht, das hat diese Satie jetzt bewiesen. Allerdings lag sie mit ihren Anschuldigungen nicht ganz falsch, denn in Wahrheit habe ich einfach gelogen und Großvater als einen Vulkanier angegeben.


Abermals holte er tief Luft und strich sich mit der Hand nervös durch die Haare.

Du wirst mir jetzt sicher sagen, wie dumm das war, aber selbst wenn sie mich jetzt rausgeworfen hätten, wäre mir doch immerhin die Erfüllung meines Traums geblieben, jedenfalls zum Teil. Ich wäre vielleicht wirklich gerne Offizier geworden, aber meine Zeit in der Sternenflotte und meine Zeit auf der Enterprise kann mir keiner nehmen. Das war es auf jeden Fall wert!

Innerlich wollte er von dieser Aussage überzeugter seien als er es tatsächlich war, wenn er ehrlich mit sich selbst blieb: Natürlich hatte ihm seine bisherige Zeit in der Sternenflotte viel gegeben, aber die letzte Woche war zugleich auch die schlimmste seines bisherigen Lebens gewesen, mit einem unerträglichen Druck und in ständiger Angst davor, sich binnen kürzester Zeit in einer Arrestzelle wiederzufinden, weil eine paranoide Ermittlerin auf einmal nicht nur ihren Hirngespinsten nachjagte, sondern einen handfesten Beweis für etwas Verborgenes gefunden zu haben.

Seitdem die Ermittlerin abgezogen wurde, habe ich aber auch nichts mehr wegen dieser Sache gehört und darf auf dem Schiff ganz normal weiterarbeiten. Ich gehe davon aus, dass Captain Picard ein paar Strippen für mich gezogen hat, nachdem ich ihm von meiner Angst erzählt habe. Er hat mich zum Tee eingeladen und danach seine Karriere für mich aufs Spiel gesetzt.
Ich habe noch keine Idee, wie ich ihm das danken soll und wie ich jetzt damit umgehen soll: Man hat mir doch eine Verschwörung mit einem romulanischen Spion nicht unterstellt, weil ich gelogen habe, sondern weil Großvater ein Romulaner ist. Ein Romulaner, der seit wie vielen Jahrzehnten in der Föderation lebte, von ihr eingebürgert wurde und keinen Kontakt mehr in seine alte Heimat hatte? In die Heimat, die ihn verstoßen hat wegen seiner Ideen und beinahe ermordet hätte, wenn er nicht in letzter Sekunde geflohen wäre? Ich wäre nie in die Sternenflotte aufgenommen worden, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, Mutter, deswegen kann ich eigentlich auch kein schlechtes Gewissen haben. Doktor Crusher hat mir immer gesagt, dass sie mit meiner Arbeit mehr als zufrieden ist und sich vorstellen kann, dass ich irgendwann einmal die Medizinische Akademie absolviere und Arzt werden kann. Diese Chance hätte ich nie bekommen, wenn das Hauptquartier der Sternenflotte die Wahrheit gewusst hätte. Wann hat man denn schon einen Vorgesetzten wie Captain Picard, der bereit ist, so viel aufs Spiel zu setzen?
Wäre Großvater doch bloß Vulkanier gewesen, dann wäre das alles so nicht passiert.


Er konnte die empörte Stimme seiner Mutter bereits hören, ihren Gesichtsausdruck bei dieser Aussage schon vor sich sehen, wenn sie ihm ins Gewissen reden und ihn darauf hinweisen würde, dass das Problem in dieser Situation doch seine Lüge gewesen sei und nicht das mögliche Verhalten irgendwelcher Rekrutierungsoffiziere, wenn er seinen Großvater nicht zum Vulkanier umdeklariert hätte. Und er konnte sich vorstellen, wie sehr sein Vater von so einer Aussage über seinen Vater getroffen sein würde. Aber andererseits wollte er nicht schon wieder darüber lügen müssen, dass er sein Handeln bereute. Das nämlich tat er auf keinen Fall und er würde wieder so handeln. Würde er das?

Ich weiß nicht, ob ich mich wieder so entscheiden würde, nachdem ich diese letzten Tage erlebt habe, aber ich wollte trotzdem einmal von mir hören lassen und euch auf den aktuellen Stand bringen. Ihr müsst euch keine Sorgen mehr um mich machen, mittlerweile kann ich wieder jeden Tag genießen, den ich auf der Enterprise verbringen darf.
Bitte grüße Großmutter, Vater und Joey von mir. Ich weiß noch nicht, wann ich das nächste Mal eine Gelegenheit finde, euch eine Nachricht zu schicken, schließlich gibt es hier immer viel zu tun…


Die Wahrheit war wohl, dass er sehr wohl Zeit gefunden hätte, sich regelmäßiger bei seiner Familie in der Mars-Kolonie zu melden, denn abseits seiner Schichten verzichtete er größtenteils auf eine Teilnahme am Schiffsleben und verbrachte viel Zeit in diesem Quartier, meist damit, Fachliteratur zu lesen, um weiterhin Doktor Crushers Erwartungen erfüllen – wie sie es sagte übertreffen – zu können. Er war schon immer eher zurückhaltend gewesen und hatte Abenden in einer Bar nichts abgewinnen können, selbst wenn die Zehn Vorne hieß und auf der Enterprise lag. Der Blick in den Weltraum wäre zwar ein Argument gewesen, häufiger dort zu sein, aber bei seinen wenigen Besuchen war er immerzu von Guinan angesprochen worden, die ihn in ein Gespräch über Einsamkeit hatte verwickeln wollen – ganz so als könne sie sein Gefühl der Einsamkeit irgendwie fühlen, würde dann aber daran scheitern, auch seinen Wunsch danach erfassen zu können: Den Wunsch, mit einem Blick auf die Unendlichkeit des Weltraumes in den eigenen Gedanken zu versinken und in Ruhe über die Dinge nachzudenken, die ihn in solchen Momenten beschäftigten.
Mit Ausnahme seiner engsten Familie war er sich immer schon selbst genug gewesen, hatte nie danach gestrebt, Freundschaften zu knüpfen oder Zerstreuung zu suchen, nicht in seiner Kindheit, nicht während seiner Ausbildung und auch nicht in der Sternenflotte. Natürlich hatte er sich oft gefragt, ob er damit nicht einem Ideal der Föderation widersprach, wonach das Streben nach der Verbesserung der Menschheit Ziel jedes einzelnen sein sollte, schließlich half er mit seiner Arbeit zwar der Allgemeinheit durchaus, aber gehörte dazu noch mehr? Andererseits hatte er nie recht verstanden, was mit diesem philosophischen Ansatz eigentlich gemeint war, den viele zwar äußerten, aber wenige lebten. Am Ende ging es doch den meisten in erster Linie darum, sich selbst zu verwirklichen und Vorteile für sich selbst zu erzielen. Sein Erlebnis mit Admiral Satie hatte ihn darin noch bestärkt, während Captain Picard eigentlich das Gegenteil gelebt und ihn damit nicht nur geschützt, sondern auch beeindruckt hatte: Opferbereitschaft für etwas, von dem er zutiefst überzeugt war. Diese lebende Legende der Sternenflotte hatte vor einigen Monaten die Borg überlebt und hatte seinen gesamten Ruf und seine zukünftige Karriere für einen Mann riskiert, den er kaum kannte: ihn.
Er musste seine abschweifenden Gedanken zur Ordnung rufen, schließlich hatte er sich eine Aufgabe für den unverhofften freien Tag gestellt, nämlich den Menschen eine Freude zu machen, die ihm trotz alledem wichtig waren: seiner Familie.

… und will euch auch nicht ständig mit meinem Alltag langweilen, schließlich habt ihr auch immer selbst etwas zu tun. Ich bin nicht sicher, wann der nächste Heimaturlaub stattfinden wird, aber das wird wohl noch einige Monate dauern, nachdem wir erst langsam wieder mit den Missionen beginnen, für die die Enterprise eigentlich vorgesehen ist. In fünf Tagen wollen unsere Wissenschaftler dabei helfen, eine Sonne im Kaelon-System am Leben zu erhalten. In der Medizin ist das Routine, aber ich glaube, bei Sonnen eine absolute Ausnahme.

Seine Begeisterung flammte wieder auf, bemerkte Tarses selbst. Er bewunderte die Wissenschaftler, die die Köpfe hinter solchen Projekten waren, gegenüber denen der humanoide Körper wie aus der Zeit gefallen einfach und leicht zu beherrschen erschien. Die Sternenflotte mochte auf ihn als kleines Rad in einem großen Getriebe verzichten können, um Missionen wie diese durchzuführen, aber was blieb ihm denn anderes als die Sternenflotte, um wenigstens sagen zu können, dass er bei Abenteuern wie diesen dabei sein wollte, dorthin zu gelangen, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen war?
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