Das Orakel von Izayoi

von Ray Chal
OneshotHumor, Übernatürlich / P12
03.01.2020
23.05.2020
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23.05.2020 3.467
 
Wenn die Augen eines Tengu etwas Schillerndes erspähten, sei es Gold, Silber, Eis oder Kristall, war es kaum noch möglich, der Faszination Einhalt zu bieten. Trotz einer Welt, in der immer wieder Blut floss und scheußliche Suchen grassierten, bot Izayoi immer wieder einzigartige Refugien der Schönheit und des Friedens, heilige Stätten und Sanktuarien, an denen man das Leid und die Unzulänglichkeit der eigenen Existenz für einen kurzen Augenblick vergessen konnte. Als ein bedeutender Ort der Spiritualität galt Neo-Komeiji in der Provinz Shimotsuki, das von einem Clan zweischwänziger Katzenmenschen, den Neo, gegründet worden war. Im Volksmund als Nekomata bekannt, genossen diese Geschöpfe bei den meisten Menschen keinen besonders guten Ruf, waren diese Dämonen sowohl raffiniert als auch magisch versiert. Besonders problematisch: eine Verbindung zur Unterwelt wurde ihnen ebenso nachgesagt, auch wenn nicht einmal Mitsuyos clevere und wissenschaftlich höchst interessierte Cousine Manami bei ihrem Aufenthalt Beweise für eben jene Behauptung finden konnte. Während sich das Volk der Halbtengu in dem Wald von Kaengyoku mit überwiegend spartanischen, einfach konstruierten Holzhütten begnügte, stand die Architektur von Komeiji der der gehobenen Menschenstädte in nichts nach. Auffällig waren insbesondere zwei jenseits des Daches abgespreizte Giebel, die wie Katzenohren abgespreizt ein interessantes Schattenschauspiel in der Dämmerung boten. Wie alle Bewohner Izayois fiel ihre Wahl des Baumaterials in der Regel auf Holz, doch einige Gebäude schienen stellenweise mit Gold verziert, noch prächtiger als das Baumhaus von Mitsuyos Vater Teruaki – immerhin Clananführer und König der Tengu. Es schien geradezu grotesk, dass eine der prächtigsten Villen der Stadt, deren Eingangsbereich sogar vergoldete Laternen säumten, nicht einmal ansatzweise überlaufen war, obwohl sie zu einer öffentlichen Unterkunft umfunktioniert worden war. Welch ein Glücksfall für das schönste Orakel Izayois!
Das „Kaihatsu no Yashiki“, also das „Herrenhaus der Entfaltung“, bevölkerten in der Empfangshalle eine Hand voll Leute in überwiegend dunklen Kimonos und golden glänzenden Obis. Auffällig war zudem, dass an diese Kleidungsstücke eine Art Kapuze genäht war, was aufgrund der Diskrimination der katzenohrigen Neo durch die Menschen nicht allzu fremdartig auf Mitsuyo wirkte. Ob ihre Cousine etwa ihre modische Inspiration, einen mit einer gehörnten Kapuze versehenen Kimono am Kaiserhof Izayois zu tragen, ausgerechnet an diesem Ort gefunden hatte?
„Makan, sei gegrüßt, Imouto. Willkommen in unserer bescheidenen Residenz der Wahrheit. Für eine kleine goldene Saat der Weisheit ist dir erlaubt, hier zu nächtigen“, verbeugte sich eine Neo-Dame würdevoll vor der Reisenden, die so deren baumelnden Pferdeschwanz hinter den dunkelbraunen Katzenohren bewundern konnte: „Ein kleines, goldenes Münzlein, wenn du verstehst, Imouto.“ Ein absoluter Spottpreis für eine Übernachtung in einem derart monumentalen Gebäude! Gerne bezahlte Mitsuyo diesen winzigen Obulus, um sich von der Neo auf ihr Zimmer begleiten zu lassen.
Neben den scharfsinnigen Augen und den sichtbaren Ohren galten insbesondere die scharfen, weiß aufblitzenden Reißzähne als Erkennungszeichen ihrer Spezies, insbesondere während des Teilens ihres Wissens: „Du bist sicherlich weit gereist, aber ich kann dir versichern, dass sich dein Weg gelohnt hat. Unter diesem Dach wirst du nicht nur ruhig schlummern, sondern auch so erwachen wie noch nie zuvor. Denn diese schicke Unterkunft gehört Shoufu, dem weisesten Guru Izayois.“
„Was du nicht sagst … und nun zu den wichtigen Sachen: führt ihr Lachs und Garnelen?“
Die Katzenfrau blinzelte verwundert, biss sich kurz auf die Lippen, entschloss sich dann schlussendlich aber doch zu einem freundlichen Lächeln: „Einige verehren Götter, andere verehren den Lachs … und trotzdem sind sie rastlose Seelen, die Halt in einer Welt suchen, in der die Verehrten zu keiner Antwort mehr in der Lage sind. Doch wir sind in Wahrheit Wesen, deren Seelen es zu befreien gilt, um ihr volles Potential zu entfalten … Makan!“
„Eigentlich habe ich mich für euren Menüplan für den Mitternachtssnack interessiert, aber guuuut ...“, entgegnete Mitsuyo, sich verlegen am Hinterkopf kratzend, während ihre dunklen Augen an einem golden stilisierten, in einander verschlungenen Hiraganasymbol vorbeihuschten: „Shoufu, klingt wie Tofu.“
„Du wirst lachen, aber Shoufu hat uns eine Parabel gelehrt, in der Tofu im Mittelpunkt seiner Anschauungen zum Geist der Beseelten ist.“
„Kuwahaha … was?! Nee, oder?“, prustete die Halbtengu köstlich amüsiert, streckte sich genüsslich, als sie dem zentralen Korridor entlang des friedvollen Bambusgartens folgte.
Der bernsteinfarbene Blick, den die Neo ihr entgegenbrachte, verriet so Einiges über die tatsächliche Unerwünschtheit ihres spottenden Untertons, der weiterhin süßlichen Stimmlage zum Trotz: „Ja, man merkt, dass du in die Grundlagen der Weisheit bislang noch nicht eingeweiht wurdest. Aber das ist überhaupt kein Problem ...“
„Grundlagen der Weisheit. Jetzt verschaukelste mich aber.“
„Mitnichten“, maunzte Mitsuyos kurzfristige Begleiterin mit einem sanften Schnurren in der Kehle und stoppte vor deren Nachtunterkunft: „Dein neugieriger Blick gefällt mir, er ist aufgeweckt, lernfähig. Wenn es da Dinge in deinem Leben gibt, mit denen du nicht zufrieden bist … ruf morgen nach mir. Der Name ist Miu. O-yasumi nasai, Imouto. Makan!“ Nach einer abermaligen Verbeugung zog sich Miu zurück, überließ ihre sogenannte „kleine Schwester“ mit der eigenständigen Erkundung ihres vergleichsweise großflächigen, nahezu luxuriösen Zimmer. Beste Ausstattung, eine vergoldete Bildrolle in der Tokonoma-Nische, bestens gepflegte Blumen auf dem kleinen schwarzen Lacktisch … Mitsuyo war zwar ein Nachtmensch, doch hier musste sie doch schon längst in einem Traum umherwandeln! Müde durch den langen Fußmarsch nach Komeiji war sie zugegebenermaßen dann allerdings doch, sodass sie sich nach einer kleinen Katzenwäsche dann doch rasch in ihren fluffigen Futon kuschelte.

Selbst an den Shoji ihres Herbergenzimmer prangte das goldene Hiragana-Triumvirat, das sich als eine Kombination aus den Silben „ko“, „ha“ und „ku“ entschlüsseln ließ - „Bernstein“. Ein paar Dehnübungen am Morgen vertrieben so manche Verspannungen, doch nicht alle Sorgen – war Mitsuyo wirklich glücklich, wenn Sakeflasche und Lachsfilet nicht gerade in Reichweite angerichtet wurden? Die einschneidenden Ereignisse in ihrer Vergangenheit raunten immer wieder laut in ihrem Kopf, als hörte sie die klagenden, vorwurfsvollen Stimmen der Verstorbenen. Es würde sie nicht groß kümmern, wenn Wildfremde sie heimsuchen würden, doch die junge Dame mit den indigoblauen Haarsträhnen peinigten die Schreie ihrer Mutter Masako, ihres großen Bruders Ishimaro und ihres Cousins Yuuya. Ihre Familie war von außergewöhnlich viel Unheil und Pech verfolgt, was letztendlich einfach nicht ihrem Sinn für Gerechtigkeit entsprach. Die Götter hatten sie zweifelsohne nicht mit ihrem Segen überschüttet.
„Ohayou, Imouto. Makan. Hast du gut geschlafen?“, erkundigte sich Miu an der Rezeption zuvorkommend mit einem spitzzähnigen Lächeln: „Wir bieten heute ein meditatives Frühstück aus Seetangsuppe mit Tofuwürfeln an. Wenn du zu folgen wünschst ...“ Eigentlich hatte sich die Reisende vorgenommen, etwas in Komeiji anzusehen und die schicken Tempel und Schreine zu bewundern, doch es konnte ja nicht schaden, den Tag ein wenig bequemer anzugehen – am Vormittag war sie ohnehin so gut wie nie auf den Beinen.
Die sonnengegerbte Tenguprinzessin zog demonstrativ ihren schwarzen Obi um ihrem saphirblauen Yukata ein wenig straffer, deutete auf die prachtvolle Gürtelkunst um den Leib der in der Herberge befindlichen Neo und entgegen ihrer Erwartungen auch gewöhnlicher Menschen, die den Kapuzenkimono offenbar aus anderen Gründen als der Tarnung trugen: „So ein schicker Obi, da werde ich ja glatt neidisch! Wo habt ihr den her?“
„Das sind Geschenke von Shoufu … wenn wir fleißig lernen und den Pfad zum Glück wacker bestreiten, belohnt er uns mit den edelsten Geschenken, denn Gold ist die heilige Farbe.“
Mitsuyo weitete erstaunt ihre mandelförmigen Augen, blinzelte mit ihren langen Wimpern: „Ach … die heilige Farbe von was denn?“
„Der vollkommenen Entfaltung des intelligenten Lebens~“, frohlockte Miu strahlend, als wollte sie ein Liedchen trällern: „Die Farbe Gold hat erwiesenermaßen eine sensationelle Wirkung auf den Verstand aller Lebewesen, jedoch verstärkt sich diese ungemein, wenn Gold an einem Platz gesammelt und ausgestellt wird. Deswegen verzieren wir unsere Häuser und Kleidung mit Gold, sobald wir der Enthüllung der Wahrheit würdig sind.“
„Und diese Wahrheit hat dieser Shoufu festgelegt, ja?“
„Festgelegt?“, schüttelte die junge Neo ihren Kopf, zuckte ein wenig verächtlich mit den Ohren: „Entdeckt. Nicht festgelegt. Er hat Zugang zu einzigartigem Wissen über die Welt und ist bereit, das Glück und das vollkommene Verständnis in dein Leben zu bringen … unter einer kleinen Bedingung. Ein Pfötchen wäscht das Andere, wenn du verstehst, was ich meine, Imouto.“
„Nee“, schnaubte Mitsuyo lustlos mit verschränkten Armen, kniete sich nieder und empfing ihre Seetangsuppe, die extra für sie frisch vom Küchen-Irori herangetragen wurde.
Winzige Stirnfalten bildeten sich über Mius angestrengt blinzenden Goldaugen, die der von Izayois Hofwissenschaftlerin Imae no Manami gar nicht so unähnlich waren. Vielleicht lag es daran, dass die sonst so unabhängige, abenteuerlustige Halbtengu sich etwas hatte einlullen lassen – denn egal, was sich Manami in ihrer lebhaften Fantasie und ihrer weitreichenden naturwissenschaftlichen Kenntnis wieder zusammengereimt hatte – interessant waren diese Ideen allemal, wenn auch vielleicht auch mal sonderbar grotesk.
Die brünette Rezeptionsdame hatte ihre Fassung mittlerweile wiedererlangt und jeden ihrer Gesichtsmuskeln komplett unter Kontrolle gebracht: „Du bist klug, du könntest dir wenigstens etwas Mühe geben. Das Wissen über die Wahrheit kommt schließlich nicht zu dir geflogen.“
„Na also diese Seetangsuppe ja schon ...“, zuckte Mitsuyo nonchalant mit den Schultern, als befände sich mal wieder in der Laune, einen dauerpikierten Beamten aus einer drittklassigen Durchreisestadt wie Gouman zu necken.
„Makan, Imouto. Du befindest dich hier in der Sangha Kohaku, der Glaubensgemeinde des Bernsteins. So klar wie Bernstein ist unsere Wahrheit, so schön wie Bernstein ist die Entdeckung der Wahrheit, so ewig wie Bernstein ist das Wirken unserer Wahrheit auf die rastlosen Seelen. Das Besondere an uns ist, dass wir sowohl Youkai als auch Akuma und Menschen die Möglichkeit geben, den Lehren Shoufus zu lauschen und als vollkommene Seele einen Zustand der Transzendenz zu erreichen.“
„Sonst noch was? Da gibt es doch sicher noch mehr, oder?“
Mius Ohren neigten sich nach hinten, zeigten Mitsuyo eindeutig, dass sie mit ihren sarkastischen Kommentaren entgegen der ursprünglichen Hoffnungen aneckte: „Sicherlich, und das ist das Schöne. Es gibt so viel zu Entdecken, Makan! Für nur drei Goldmünzen erwirbst du dir die Möglichkeit, die Grundlagen der Wahrheit der Sangha Kohaku zu entdecken.“
Entgeistert blickte Mitsuyo zur Seite – sie musste sich wohl verhört haben! Planten diese raffinierten Stubentiger etwa allen Ernstes, ihr das wenige Geld aus dem Lederbeutel zu ziehen? Nun, dieser Preis hielt sich immer noch im Rahmen – und da das Waldorakel ohnehin eine kaum wissenschaftlich messbare Hemmschwelle für die Enteignung reicher Damen und Herren besaß, würde eine Investition für köstlichste Unterhaltung vielleicht für eine zwischenzeitliche Erheiterung sorgten, die ihr ihr schmerzender Rücken und und die pochenden Füße zur Zeit ohnehin für Stadt- und Kulturbewunderung versagten: „Gottverdaulicher, das klingt echt balla-balla, aber gut, hier. Einen Versuch ist es wohl wert, schätze ich.“ Die Augen der Katzenaugen leuchteten, als hätte der Goldstern sich verdoppelt, die schneeweißen Reißzähne blitzten aus einem zufriedenen Grinsen auf: eine größere Freude hätte Mitsuyo ihrer Gastgeberin gar nicht machen können!

Wie viele Fässlein Sake konnte man sich von drei Goldstücken kaufen? Wie viele Karaffen Umeshu? Wie viele saftige Lachsfilets oder wie viele fluffige Sakuramochi? Insbesondere die köstliche Nachspeise ließ sich aus Mitsuyos Gedankenwelt nicht mehr vertreiben, als sie ein paar der Goldgürtel auf einen Hügel im östlichen Außenbezirk von Komeiji gefolgt war. Menschen, Neo verschiedener Couleur und eine darunter, die eventuell vielleicht sogar zu den fuchsartigen Kitsune zählte, verbeugten sich auf diesem mit üppigem Gras bewachsenen Hügel vor einem knorrigen Kirschbaum, der mit Holzstäben und heiligem Shimenawa-Seil sehr rudimentär umzäunt war.
„Makan! Gepriesen seist du! Makan! Lasse meine Seele reifen wie eine deiner Kirschen!“, jauchzte ein männliches Exemplar der Gattung Mensch aus der bunt gemischten Gruppe. Mit verschränkten Armen spiegelte sich in Mitsuyos braungebranntem Gesicht vor allem eines wieder: Zweifel.
Zweifel, den Miu ihr zweifelsohne austreiben wollte: „Makan! Imouto, du wirkst bedrückt, doch dieser Ort ist der glücklichste der Erde. Das ist der heilige Kirschbaum von Makan! Jeden Sommer gedeiht die Frucht der Weisheit an seinen Ästen, die er mit uns irdischen Wesen zu teilen gedenkt.“
„Das ist ein Kirschbaum. Auch ein irdisches Wesen, wenn ich mich nicht täusche ...“
„Nuuuun … dazu mehr im nächsten Schritt deiner Seelenentfaltung, Mitsuyo. Zuerst möchten wir festhalten, dass du den Zustand erreicht hast, den heiligen Baum von Makan mit deinen eigenen Augen zu sehen und dich vor ihm zu … verbeugen, wenn ich bitten darf.“
„Vor dem Kirschbaum?“
„Hmm hmm. Genau. Also?“
„Den gerade ein dahergelaufener Straßenköter anpinkelt? Ist der etwa auch auf meiner Stufe der Seelenentfaltung?“, zeigte die Thronerbin Kaengyokus entgeistert auf einen rot- und cremefarbenen Hund mit Ringelschwanz und spitzen Ohren, der soeben sein Bein an der heiligen Umzäunung hob, um den Kirschbaum der Weisheit mit einem kleinen Regenschauer zu beglücken.
Was sie allerdings noch mehr schockierte, war der Blick zu ihrer neuen Mentorin, die ihre Miene nicht im Geringsten dieser völlig neuen Situation anpasste: „Auch dieses Wesen war einst ein Wesen wie wir, ein treuherziger Gärtner, der die Lehre Shoufus verstanden hat und nun seine Existenz der Pflege dieses Kirschbaumes widmet.“ Fassungslos verharrte Mitsuyo kniend und mit in ihre Hüfte gestemmten Armen vor diesem alten Baum, dessen belaubten Äste sanft hin und her schwangen, als wollte er die Kohaku-Mitglieder hypnotisieren. Die in orangene oder rostrote Gewänder gehüllten Anhänger der Padmé galten bereits als von der Gesellschaft Izayois überwiegend misstrauisch beäugte Gruppierung – doch diese wundersame Bande schlug dem Fass den Boden aus!
„Öffne dich der vollkommenen Wahrheit, entdecke, wer du wirklich bist, Mitsuyo. Makan!“
„Äh … Makan?“
„Makan! Spürst du, wie das neue Wissen durch deinen Körper strömt und beginnt, Last für Last abzutragen?“
„Meine Knie tun so verdammt ...“
„Shhhhhhh ...“, legte Miu sanft ihren Finger auf die Lippen ihrer neuen Schülerin: „Die Frage bezog sich auf deine Seele … ist dieser Anblick der prächtigen Natur Makans nicht zutiefst beruhigend?“
„Ja … Makan!“
„Da hast du es, Imouto! Du hast den Pfad zum Glück eingeschlagen, welch ein schöner Tag zum Jubilieren!“, jauchzte das schnurrende Wesen an Mitsuyos Seite, bevor es sich wieder aufrichtete und verspielt ihren Blick auf die anderen Glaubensbrüder und -schwestern richtete: „Die heutige Lektion der Wertschätzung ist zuende – Mitsuyo kann hingegen heute Nachmittag eine Einführung in die Geschichte der Galaxie erhalten. Sechs Goldstücke für ein fundiertes, naturwissenschaftlich schlüssiges Wissen, das Shoufu in 6 Jahren mühsam gesammelt hat. Es steht hier quasi zum Ausverkauf.“ Die Tengudame pustete ihre Backen auf, nur um diesen Atem ganz langsam wieder entweichen zu lassen. 6 Goldstücke! Ihr glänzender Lederbeutelinhalt würde sich in diesem Tempo ganz rasch zuende neigen, doch der Gedanke an ihre Cousine Manami ließ sie von dem ursprünglichen Plan, den Pfad des Glücks postwendend in Richtung Innenstadt zu verlassen, abkommen. Was wohl ihre Lieblingsgöttin Kagyuna, Herrin des Eises, der Kristalle und der Schönheit dazu sagen würde, dass sie diesen Quacksalbern gleich 108 offene Ohren zu schenken schien?
Wissenschaftlerin Manami würde sich eine solch einzigartige Gelegenheit, kostbare Erkenntnisse zu erwerben, keinesfalls entgehen lassen und sich sicherlich äußerst dankbar erweisen. Immerhin war es doch ihre treue, sonderbare Nami-chan! Mitsuyo war sich vollkommen bewusst, dass die Möglichkeit zur rigorosen Umkehr durchaus noch gegeben war, eine Rückkehr in die Arme der Bernstein-Sangha keinesfalls eine Verpflichtung. Doch dieses eine Mal würde sie doch noch eine Ausnahme machen können, nicht wahr? Ganz egal, was die skeptischen und ängstlichen Seelen in der Innenstadt Komeijis sagten – die „Zungen der Täuschung“, wie Miu sie verächtlich fauchend bezeichnet hatte.
„Ich kann mir einen Beitritt einfach nicht leisten.“
„Sie stellen sich gegen die traditionellen Götter der Neo.“
„Diese Glaubensgemeinschaft schreckt vor Frevel nicht zurück.
„Die Bernsteinsekte beobachtet Freund und Feind.“
„Die Bernsteinsekte ist furchterregend.“
„Selbst in deinen Albträumen könnten sie dich jagen.“
Kein gutes Wort hatten die Zungen der Täuschung an den rechtschaffenen Erleuchtern der Mensch- und Dämonenheit gelassen, und doch trat Mitsuyo erneut in die Höhle des Löwen, die sich dieses Mal als der schicke Bambusgarten im Inneren des Hauses präsentierte, umgebend von entspannend plätscherten Brunnen aus Steintürmen.

„Makan! Mitsuyo. Du bist bereit für die Erkenntnisstufe RA-3, eine äußerst schnelle Lernerin. Wie fühlst du dich, mit einem Erfolg nach dem anderen überhäuft zu werden?“, fragte Miu süffisant lächelnd, während sie in ihrem rotgoldenen Kimono im Schneidersitz vor dem Steinturmbrunnen meditierte.
Das sonst durchaus schlagfertige Orakel begnügte sich mit einer minimalistischen Antwort, die ihre Mentorin absolut zufriedenstellte: „Makan.“
„Makan! Imouto, nun fragst du dich, wie du Einsicht in den Ursprung deiner Seele gewinnen sollst, die Befreiung deiner verketteten und gepeinigten Seele erreichen sollst, wenn du dir über den Ursprung der Galaxie noch nicht im Klaren bist. Bist du bereit, dass ich dir dieses Geheimnis enthülle?“
„Klar, hau raus.“
„Vor 234 Ären reiste eine Delegation von Mondhasen, Untergebene des galaktischen Kaisers  Yüsuixiatián, Herrscher von 60 Planeten, zu denen auch die für uns sechs sichtbaren Wasserstern, Goldstern, Feuerstern, Holzstern, Erdstern und Erde zählen … zur Erde.“
Mitsuyo blinzelte. Mehrmals, mehrmals hintereinander, in der stetigen Hoffnung, dass Miu einfach fortfahren würde … doch ihr Gegenüber merkte, wie nicht nur der Zweifel die „verkettete und gepeinigte Seele“ der jungen Tenguadligen eroberte, sondern auch der Drang, in Lachen auszubrechen. Mit allerhöchster Körperbeherrschung biss diese sich auf die Lippen, bis das kleine Reisegeschenk für Manami weiter enthüllt wurde.
„Unser faszinierender Guru Shoufu berichtete uns ausgiebig von seinen Beobachtungen des Weltalls … es sind die Sterne selbst, die diese Geschichte erzählen: also landeten die Mondhasen unter der Führung von Yüsuixiatián in Izayoi auf dem Berg Senrei, der heute als verflucht gilt. Dieser Monarch war ein sehr machtgieriges Wesen und seine Entourage an Außerirdischen in allen Farben und Formen galt als äußerst aggressiv, da sie die normale Bevölkerung der anderen Planeten mundtot gemacht hatten. Nur die durchsetzungsstarke Elite aller Planeten folgte ihm in jeden Feldzug, in denen die Galaxie unterjocht werden sollte. Es hieß, die Bewohner der Erde hatten sich geweigert, Tee als Tribut an den galaktischen Herrscher auf dem Mond zu lagern – also entsandte Yüsuixiatián seine außerirdischen Vasallen, von denen einige Nachkommen immer noch auf der Erde verblieben, hierzulande bekannt als sogenannte Kishin.“
„Umm … eine Frage, Miu-neesan“, hakte Mitsuyo zögerlich ein, hob fast schon schüchtern ihren linken Zeigefinger.
Gönnerhaft senkte Miu ihr Haupt, nickte.
„Bist du betrunken? Also so richtig voll?“
Die Tenguprinzessin konnte nicht bestreiten, ein bedrohliches Fauchen aus der Kehle der angesäuerten Bernsteinsektenmentorin gehört zu haben, doch vielleicht handelte es sich nur um den Schrei ihrer gepeinigten Seele, die die vollkommene Wahrheit wieder in weite Ferne rücken sah.
Miu rang sichtlich nach ihrer Fassung, bemühte sich allerdings, ihre Höflichkeit zu wahren: „Makan, Imouto, Makan. Die Saat der Zungen der Täuschung neigt dazu, die Enthüllung der Wahrheit als einen Prozess des Lächerlichen zu interpretieren, doch dies ist lediglich die Absicht der Unredlichen und Abtrünnigen. Wenn du eine besonders enge Führung benötigen solltest, einen vollkommenen Schutz vor den Einflüssen der Außenwelt … dann organisiere ich das gerne für dich. Jedenfalls fielen viele Wesen im Kampf gegen die Kishin, sowohl Menschen als auch Youkai, Akuma und sogar Kami. Wir sitzen somit alle im selben Boot. Die Seelen der Verstorbenen manifestierten sich in Onryou, die Yüsuixiatián versuchte, in mehreren großen Zoos mit dem vergnüglichen Betrachten weißer Elefanten und Tiger zu beruhigen. Leider misslang dies, da die Tiger die Elefanten merkwürdigerweise attackierten und die Onryou wurden letztlich so gefährlich, wie sie heute sind … einige von ihnen sind sogar die Seelen verschleppter Einwohner anderer Planeten, wodurch ihnen Elementarkräfte zu eigen sind.“
Ausdruckslos starrte Mitsuyo in Mius goldene Katzenaugen: „Ich weiß gerade echt nicht, was ich dazu sagen soll.“
„Makan, Imouto.“
Die gepeinigte Seele seufzte erschöpft: „Makan, Oneesan.“
„Für zehn Goldstücke erwartet dich morgen eine ganz besondere Gelegenheit, Mitsuyo. Unser Guru, Shoufu, wird unserer Gemeinde eine kleine Parabel vorlesen und du kommst in den Genuss, Stufe RA-4 der Wahrheit zu erreichen. Du hast wahrlich Glück!“
„RA-4. Das klingt … bärenstark. Lass mich raten, ist das das mit dem Tofu?“, hauchte eine immer noch fassungslose Mitsuyo und drehte ihre blaue Strähnen um ihren Zeigefinger, nur um einen fast schon bemitleidenden Blick ihrer Mentorin zu ernten.
Die braunhaarige Katzenfrau kicherte kurz, hatte ihre Hände andächtig in ihrem Schoß gefaltet, so wusste sie genau, was die einzelnen Stufen auf dem Pfad des Glücks zu bedeuten hatten: „Lass dich einfach überraschen ... nun, auf der Stufe RI-3 hast du die Gelegenheit, deinen eigenen goldenen Obi für nur 42 Goldstücke zu erwerben … danach geht es in den RU-Stufen so richtig ans Eingemachte, da wirst du dich … wie soll ich sagen, schon wie eine kleine Göttin fühlen, so klar und geküsst von der Wahrheit!“
Wie eine kleine Göttin … das war mal eine Ansage.
Eine wichtige Frage lag der erleuchteten und entfesselten Seele in spe aber doch noch auf der Zunge: „Götter sagst du … würdet ihr auch die Kami oder sogar diese … wie heißen die … Majikkushoujogami oder so, na wie diesen Shoukoretojigoku-no-Saika in euren illustren Kreis aufnehmen?“
„Nun, irgendwann, wenn alle gewöhnlichen Wesen an die endgültige, vollkommene Wahrheit  herangeführt worden sind, werden auch diese leidenden Geschöpfe ihr Interesse geweckt sehen. Makan, Imouto!“
„Eeeeeh ... alles klaaaar … Makan!“
Dass Mitsuyo diesen an den Haaren herbeigezogenen Schundroman aus dem Weltraum einer Naturwissenschaftlerin wie Manami gar nicht erst präsentieren brauchte, schien ihr im Gegensatz zu ihrem neu erworbenen Wissen durchaus schlüssig – doch diesen einen Tag und diese zehn Goldstücke wollte sie dann doch noch opfern, um herauszufinden, um was für eine Person es sich bei diesem legendären Guru namens Shoufu eigentlich handelte. Was war das für ein Wesen, das es schaffte, diesen verlorenen Seelen einen solchen Humbug in den Kopf zu setzen? Am folgenden Tage würde sie es erfahren ...
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