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Wendungen

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Esme Cullen Jasper Whitlock Hale OC (Own Character) Rosalie Hale
02.01.2020
10.10.2020
85
279.809
30
Alle Kapitel
387 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
26.05.2020 3.891
 
Hallo ihr Lieben,
ich habe das nächste Kapitel für euch vorbereitet. Da wir mit dem letzten Kapitel die Grenze zu den 100 Reviews geknackt haben, möchte ich mich mal wieder bei euch bedanken:

Danke, für 96 Favoriteneinträge.
Danke, für 16 Empfehlungen
Danke, für 109 Reviews
Danke, für 17905 Aufrufe

Ich kann selbst kaum glauben wie diese Geschichte gewachsen ist. Ich bin so dankbar darüber, dass sie so gut bei euch ankommt und ihr mich unterstützt. Ohne euch, würde mich das gar nicht so stolz machen. Also fühlt euch alle gedrückt <3
Vor allem die letzten 2 Kapitel haben unheimlich viele Reviews bekommen, es wächst und wächst. Wow, ich bin sprachlos.
Bevor ich nun aber zu sentimental werde, wünsche ich euch viel Spaß mit dem Kapitel. Im nächsten bekommt ihr dann die geballte Dr. Bell Power.
Habt noch einen schönen Tag <3
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Warum tat er ihr das an? Wieso war er so gemein?
Wie in Trance starrte Sofia auf jene Tür, die Carlisle vor ein paar Minuten anmutig ins Schloss gezogen hatte. Bisher hatte sie sich noch nicht bewegt, es erschien ihr unmöglich. Er ließ sie alleine mit dem Wissen, dass er ihr gerade das Herz aus der Brust gerissen hatte. An dieser Kette hing ihr Leben, ihre Hoffnung, und nicht zuletzt zu viele schmerzhafte Erinnerungen. Die glühend heißen Nadelstiche schienen sie innerlich zerfetzen zu wollen, wann hatte sie zuletzt so entsetzlich gelitten? Wohl als sie eine Handvoll Erde auf den Sarg ihres Vaters geworfen, als man ihn tief in die Dunkelheit des Grabes hinabgelassen hatte. Es fühlte sich so an, als würde er erneut sterben. Ohne Vorwarnung prasselten all die negativen Emotionen, all die schmerzhaften Erinnerungen auf sie nieder wie ein unaufhaltsamer Orkan voll Giftpfeile. Jede einzelne Erinnerung hinterließ Spuren, Wunden. Ihre Seele blutete, als sie sich endlich regte und unüberlegt nach einem dieser teuren, kuscheligen Kissen griff. Wütend schleuderte sie es gegen die gegenüberliegende Wand. Dem ersten Kissen, folgte ein zweites. Wieder einmal fragte sie sich, wieso sie nicht mit ihrem Vater gemeinsam aus dem Leben geschieden war. Wieso musste sie dieses Leben so bestrafen? Sie hasste Carlisle und Esme und ihre dummen Regeln. Sie hasste diese Dr. Bell und ihre blöde Therapie. Sie hasste dieses Haus, diese Familie, dieses neue Leben. Warum war sie nicht einfach auch gestorben? Innerlich stieg ihr der Geruch von Benzin und verbranntem Gummi in die Nase, sie hörte den Aufprall, sah, wie sich die blauen Augen ihres Vaters für immer schlossen. Er hatte sie alleine gelassen! Er hatte nicht eine Minute darüber nachgedacht zu kämpfen! Er hatte sich seinen Verletzungen hingegeben und den einfachen Weg genommen! Vielleicht hatte Lola ja doch recht, vielleicht war es ihm ganz willkommen gewesen, sein Leben nicht mehr mit ihr zu teilen. Sie war ein schrecklicher, abstoßender Mensch! Sie hatte diese Chancen gar nicht verdient.  
Tränen tropften in Strömen aus ihren Augen, während ihre Hände sich zu festen Fäusten ballten. Es erschien ihr unmöglich, sich nun zu fügen. Ihr falscher Stolz verbot jeglichen Gedanken an Kapitulation oder einem klärendem Gespräch. Dabei war sie so durcheinander, so verzweifelt. So schlimm war ihr Heimweh seit ihrer Ankunft bei den Cullens noch nie gewesen. Sie wollte nichts weiter als nach Hause, sie sehnte sich nach den starken Umarmungen ihres Vaters und seiner lockeren Art. Sollte all das denn wirklich vorbei sein? Wieso konnte es nicht einfach an der Tür klingeln, wieso mussten ausgerechnet sie in diesen Unfall verwickelt werden?
Sofia hörte es innerlich buchstäblich knacken, als sie das blutige Gesicht ihres Vaters einfach nicht mehr aus dem Kopf bekam. Assoziiert mit Carlisles herzloser Strafe bedeutete das den Supergau. Sie konnte nicht mehr, sie hatte offiziell keine Kraft mehr. Sie wollte nicht mehr kämpfen, nicht mehr leben. All das war zu anstrengend geworden. Ihr Leben war vollkommen aus den Fugen geraten, der Vorfall in der Schule bildete nur das Sahnehäubchen auf der Torte. Den Dominostein, der alles irgendwie ins rollen gebracht hatte. Fremde Menschen begannen über sie zu urteilen, sie zu verstoßen, wieder andere wollten sie therapieren und erziehen. Seit dem plötzlichen Unfalltod ihres Vaters war sie kein eigenständiges Individuum mehr, sondern eine Puppe zum herumreichen. Für pädagogische Experimente und psychologische Gutachten. Interessierte es denn wirklich niemanden , was sie selbst wollte?

Schmerzerfüllt griff sie sich an jene leere Stelle überhalb ihres Herzens, die sonst immer die goldene Kette ausgefüllt hatte. Ihr Vater war zwar tot, doch so hatte sie immer das Gefühl gehabt, ihn bei sich zu tragen. Jetzt fühlte sie sich leer, verlassen. Wie sollte sie das ohne die Kette jemals schaffen? Es mochte vielleicht ihrem Aberglauben oder ihrer verzweifelten Psyche geschuldet sein, doch ohne das Schmuckstück fühlte sie sich erschöpft und kraftlos. Ihre Hoffnung hatte sie in jenem Moment verlassen, als Carlisle die Kette in seiner Hosentasche verschwinden lassen hatte. Nie im Leben hätte sie ihm diese herzlose Strafe zugetraut. Zu ihm hatte sie vor allem in den letzten Wochen eine engere Bindung aufgebaut, sie hatte wirklich das Gefühl gehabt, ihm vertrauen zu können. Sie hatte sich in ihm getäuscht und das schmerzte genauso wie der Verlust ihrer Kette. Sie würde hier wohl niemandem wirklich vertrauen können. Sie alle zogen zu sehr, zu besitzergreifend, an den empfindlichen Strippen, die ihr zerrüttetes Leben noch übrig gelassen hatte.
Ohne es zu merken hatte sie ihren erschöpften, schluchzenden Körper wieder ins Bett sinken lassen und es dauerte eine Weile, bis die Tränen sich kontrollieren lassen wollten. Solange hielt sie den Stoffhasen an sich gedrückt, als könnte er ihr das Loch in ihrem Herzen stopfen. Dabei gab es nur eine einzige Möglichkeit, wie sie die Kette wieder zurückbekommen würde. Sich ihm zu fügen und zu Dr. Bell zu gehen erschien ihr in diesem Moment unmöglich, zu stolz war sie, zu wütend. Aber hatte sie sonst eine andere Chance? Carlisle und Esme würden sicherlich auf ein klärendes Gespräch bestehen, aber was würde passieren, wenn sie einfach im Bett liegen bleiben würde? Wenn sie sich keinen Zentimeter mehr bewegte, und all ihre zukünftigen Worte ignorierte? Dann würde sie ihnen auf stumme Art und Weiße bedeuten, dass sie sich dem Druckmittel nicht fügen würde. Aber dann würde sie die Kette so schnell auch nicht wieder bekommen, oder? Egal wie sie es durchdachte, der einfachste Weg war nach unten zu gehen und mit ihm zu Dr. Bell zu fahren. Sie hasste sich selbst schon jetzt dafür, als sie langsam von der Matratze rutschte und sich aus dem Schrank etwas halbwegs ordentliches zum anziehen aussuchte. Diesmal nahm sie absichtlich nicht die Kleidung, die ihr Esme gekauft hatte. Sie wollte sich von ihnen distanzieren, innerlich und äußerlich. Sie würden niemals wieder gutmachen können, was sie ihr damit antaten. Vielleicht hatte sie sich auch nicht besonders klug und erwachsen verhalten, aber sie stach ihnen nicht direkt ins Herz, um es anschließend schmerzhaft aus der Brust zu reißen. Der pochende Muskel fühlte sich an wie ein ratterndes, lautes Uhrwerk. Es schien sich einfach nicht beruhigen zu wollen.
Zitternd verschwand sie im Badezimmer und spritzte sich kaltes Wasser in das verweinte Gesicht, was mittlerweile die Farbe einer Tomate angenommen hatte. Sie sah wirklich furchtbar aus. Die Augenlider geschwollen, die Spuren der Tränen noch deutlich sichtbar. Aber sie gab sich nicht die Mühe, diesen Anblick großartig zu retten, es war ihr egal geworden, wie sie aussah. Sie hatte weitaus größere Probleme als die gesellschaftliche, standardisierte Oberflächlichkeit. Sie wusch sich im Schneckentempo und dennoch nur so ungründlich, dass sie für sich selbst keinen Sinn dahinter sah. Für mehr fehlte ihr allerdings schlichtweg die Kraft und schlussendlich auch die Motivation. Das blonde Haar ließ sie offen über ihre Schultern fallen, eine Frisur hätte zu viel Aufwand bedeutet und sie fühlte sich sicherer, wenn sie sich hinter dem dichten Schleier verbergen konnte.

Unsicher öffnete sie die Tür zum Gang und wackelte auf die Treppen zu. Sie war sich noch immer nicht so sicher, ob das die richtige Entscheidung war. Immerhin würde er die Kette doch nicht für immer behalten können. Was würde passieren, wenn sie es ausreizte? Oder was würde er machen, wenn sie einfach weglaufen würde? Weg von ihren Problemen und diesen strengen Regeln, dieser Strafe und Dr. Bell. Es wäre ganz einfach. Sie müsste Dr. Bell nur nach einer Toilettenpause fragen. Aber wo sollte sie dann hin? Ohne ihre Kette wollte sie gar nicht gehen. Es war seltsam, wie sehr sie sich an diesem Schmuck aufreiben konnte, der Wert war wirklich unersetzlich wertvoll und sie war unumstritten verzweifelt. Sie würde wohl doch über ihren Schatten springen müssen, wenn sie die Kette so schnell wie möglich wieder bei sich haben wollte.
Also strich sie sich ein letztes Mal über die Wangen, ehe sie langsam und bedächtig nach unten schlich und erst am Esstisch wieder Halt machte, an welchem sie Carlisle und Esme mit großen Augen musterten. Irgendwas an ihnen war anders als sonst, aber sie hielt sich damit nicht auf. Ihr Anblick ließ die Wut wieder aufkochen, weswegen sie ihren wässrigen Blick demonstrativ abwandte und sich in beleidigter Haltung auf einen der Stühle sinken ließ. Weit, weit weg von ihren selbsternannten Pflegeeltern. "Schön, dass du dich entschieden hast", hörte sie Esme sagen und sie war sich sicher, dass sie lächelte. Höchstwahrscheinlich beflügelte sie das Gefühl, dass sie freiwillig nach unten gekommen war. "Ich habe dir Frühstück vorbereitet". Sie hörte leise Schritte, höchstwahrscheinlich war sie in der Küche verschwunden. Aber auch das war ihr egal, sie würde nicht essen. Sie hatte keinen Hunger und diesen kleinen Protest würde sie sich nicht nehmen lassen. In irgendwas musste sie wohl den längeren Atem beweisen, um sich selbst treu zu bleiben. Um diese Schmach irgendwie verdauen zu können. Kurz hob sie den Kopf und erkannte Carlisles tiefgründigen, leicht gequälten Blick auf ihr ruhen. Beinahe sah es so aus, als würde er etwas sagen wollen, doch es blieb verdächtig still.
Es war Esme, die plötzliche eine klappernde Schüssel vor ihr abstellte, in der Hand hielt sie zusätzlich eine dampfende Tasse. "Ich habe keinen Hunger", raunzte sie leise und lehnte sich demonstrativ im Stuhl zurück, während Esme neben ihr nach den richtigen Worten zu suchen schien. Auch von ihr war sie ganz besonders enttäuscht, sie hatte sie an Carlisle ausgeliefert wie einen Schwerverbrecher. "Diesmal ist es das Müsli ohne Rosinen, Liebes. Du kannst es ruhig essen". Als würde es an diesen dummen Rosinen liegen! Als würden sie hier über Banalitäten wie Frühstück sinnieren! Zwar mochte sie keine Rosinen und sie hatte letzte Woche erschrocken den Mund voller Ekel wieder ausgespuckt, aber sie würde auch dieses Müsli nicht essen, niemals würde sie wieder irgendwas tun, was Carlisle oder Esme von ihr verlangten. Sie fiel nicht auf diesen Eisbrecher hinein, der wohl dafür sorgen sollte, die Stimmung zu lockern. Letzte Woche hatten sie sich noch darüber amüsiert, heute kam ihr das sonderbar albern vor. Sobald sie ihre Kette wieder hatte, würde sie nie wieder mit ihnen sprechen und die Kette für immer am Hals tragen. Sie würde sie nicht einmal mehr nachts abnehmen, um Carlisle die Gelegenheit einer weiteren Entwendung zu nehmen.

"Ich will es nicht", antwortete sie also dickköpfig und schob mit zittriger Hand die Schüssel von sich. "Du hast schon gestern Abend nicht gegessen, Liebes. Dann trink wenigstens den Tee. Für die Nerven, was meinst du"? Sie zwang sich zu einem Lächeln, als sie die dampfende Tasse vor ihr abstellte, um sie nochmals gestisch aufzufordern irgendwas zu sich zu nehmen. Sofia jedoch brannten mittlerweile wieder die Sicherungen durch. Wie oft sollte sie sich noch wiederholen? "ICH WILL ES NICHT! WIESO VERSTEHST DU DAS NICHT?!", brüllte sie ihren Frust aus sich heraus und ihre Hand erhob sich schon unheilvoll, um die Tasse weit von sich zu stoßen. Es wäre ihr egal, wenn sich dieser ekelhafte Kräutertee über den gesamten Tisch entleeren würde. Es war jedoch etwas anderes, was sie in ihrer Bewegung inne halten ließ:
"Überlege dir nun sehr genau ob du das wirklich tun wirst, junges Fräulein", warnte Carlisle mit scharfer Stimme und sein strenger Blick ruhte unangenehm auf ihr, während sie zögerte. Er dachte wohl, er könnte sie mit seiner falschen Autorität an allem hindern. Der Tag war noch so jung und er hatte sie bereits durch die Hölle gehen lassen. Wieso sollte sie also jetzt noch auf ihn hören? Sie verlor sich einen Moment lang in seiner Strenge, ehe sie die Bewegung provokant vollendete und die Tasse, ohne den Blick von Carlisle abzuwenden, umstieß. Die Tasse fiel mit einem dumpfen Geräusch um und rollte gefährlich nah an die Kante, während die heiße Flüssigkeit sich auf dem teuren Designertisch ausbreitete wie eine riesige Wasserpfütze. DAS befriedigte sie auf eine bizarre Art und Weiße sehr. "Ach du meine Güte, Kind", hörte sie Esme entnervt seufzen, ehe sie schon in die Küche eilte um einen Lappen zu holen. Carlisle und Sofia hingehend hatten den Blickkontakt bisher noch nicht abgebrochen und rangen sich stumm mit Blicken nieder. Am liebsten wäre sie ihm an die Gurgel gesprungen, aber sie hatte noch die nötige Selbstbeherrschung, es nicht zu tun. Tatsächlich hatte ihr und ihrem Ego diese umgeworfene Teetasse eigentlich ganz gut getan. Zufrieden lehnte sie sich zurück und blinzelte ihn herausfordernd an. Er regte sich nur langsam, irgendwas eindeutig überfordertes, entnervtes huschte ihm über die makellosen Gesichtszüge, doch er versteckte es schneller als es gekommen war.
"Diese falsche Arroganz steht dir nicht", tadelte er rau und stand auf, als Esme den Raum wieder betrat. Sie setzte den Lappen schon am Tisch an, als er ihr diesen aus der Hand schnappte und vor Sofia auf den Tisch warf. "Sie wird das selbst aufwischen", bestimmte er streng, ehe er aus dem Zimmer stürmte als wäre er geradewegs auf der Flucht. Nicht einmal Esme wagte sich an Gegenworten, sie hob schlicht die Hände um ihn zu beschwichtigen und folgte ihm mit einem letzten Blick auf Sofia aus dem Zimmer. Sie wirkte enttäuscht, aber auch darauf sprang sie im Moment nicht an. Es war, als hätte man ihrem Körper nur die Zentren für Trauer, Verzweiflung und unbändige Wut übrig gelassen. Sie atmete erleichtert auf, als sie sie endlich alleine ließen.  

Sie dachte allerdings gar nicht daran, den Tee vom Tisch zu wischen!
Schmollend verknotete sie die Arme vor der Brust und wartete, während im Hintergrund die Uhr in regelmäßigen Geräuschen tickte. Sie hatte sich zwar dazu entschieden zu gehorchen, allerdings tat sie das nur aus Berechnung. Aus dem tiefsten Instinkt heraus, so ihre Kette schneller wieder in den Händen halten zu können. Ob sie sich das mit dieser Aktion verspielt hatte? Dieser umgeworfene Tee bedeutete für sie so viel mehr als abreagierte Wut. Sie hatte es ganz genau um Carlisle Augen zucken sehen. Sie hatte ihn wütend gemacht und weiterhin provoziert! Vielleicht war es nicht ihre intelligenteste Idee gewesen, ihn weiterhin zu reizen, aber sein kurzzeitig überforderter, entnervter Ausdruck war wie Balsam für ihre Seele. Vielleicht gab er ja irgendwann auf und ließ sie in Frieden. Solange würde sie hier sitzen und Löcher in die Luft starren.
Als etwa zehn Minuten verstrichen waren, öffnete sich die Tür ruckartig. Sie musste nicht hinsehen um zu wissen, dass es Carlisle war. Und sie ahnte, dass er sie am liebsten mit dem Putzlappen beworfen hätte. Der Tisch sah noch genauso aus wie vorhin. "Was ist nur los mit dir"?, hörte sie ihn fragen, während er ihr die Jacke entgegenhielt. Sie antwortete ihm nicht, sie verstand den rhetorischen Stil in seiner Frage. Kurz warf sie einen Blick auf die Jacke, ein deutliches Zeichen ihm in die Garage zu folgen. Doch sie zögerte. Jetzt konnte sie es sich noch anders überlegen. Sie könnte einfach wieder die Treppen nach oben nehmen und ihren alten Plan verfolgen. Die Kette würde sie sich irgendwie anders wieder zurück erhaschen können. Komischerweise ergriff sie wieder die kalte, lähmende Panik und ihr blauer Blick verschwamm unmerklich. Sie wollte das alles nicht.
"Sofia", hörte sie Carlisle' eindringliche Stimme sagen, aber sie rührte sich nicht. "Meine Kette", versuchte sie es ein letztes Mal ziemlich verzweifelt und sah ihn in den Augenwinkeln näher kommen. Bedächtig umfassten seine großen Hände die Stuhllehne und zogen den Stuhl, mitsamt ihres schmächtigen Körpergewichtes zurück. Wimmernd umklammerten ihre eigenen Hände die Tischplatte, aber auch dies hielt ihn nicht auf. Er zog sie rum wie eine Puppe. "Das hat so alles keinen Sinn, Sofia. Ich habe dir doch erklärt, wie es läuft. Du kümmerst dich jetzt um deinen Termin mit Dr. Bell und dann sagst du uns ganz in Ruhe, was dich stört und was los ist. Wir können nicht in deinen Kopf hinein gucken". Kurz hielt er inne und deutete mit dem Kinn auf den verschütteten Tee. Ein stummes Zeichen, dass wohl eine Forderung dazugekommen war. Aber sie würde das nicht aufwischen, das konnte er vergessen! Er seufzte laut als er bemerkte, dass er wohl auf Granit biss. Sie war so verdammt bockig.  

Sofia sah betont weg, als er  plötzlich den Stuhl umrundete und sich vor ihr in die Hocke begab.  Er musterte sie mit eindringlichen, intensiven Blicken. "Aber denkst du denn wirklich, mit solchen Aktionen wird es besser"? Wieder deutete er auf die Tischplatte. "Denkst du wirklich, dein Trotz bringt dir diese Kette schneller zurück"? Er versuchte mit ruhiger Stimme an ihre Vernunft zu appellieren, sie machte es ihm nur nicht so einfach, auch ruhig zu bleiben. Nach den Ereignissen der letzten zwei Tage hatte sein Geduldsfaden einen deutlichen Riss und sein zusätzlicher Durst nach Blut, ihre fehlende Rechenschaft, machten ihm das Verständnis für ihre Lage zunehmend schwerer. Doch er versuchte es ihretwillen. "Da muss ich dich leider enttäuschen, Sofia. Mit diesen Ausbrüchen verdienst du dir deine Kette nicht wieder zurück", sprach er weiter und erhaschte nun doch einen Blick in die karibikblauen Augen des Mädchens. "Aber das ist gemein", warf sie dazwischen und in ihr wallte wieder tiefe Verzweiflung auf. Ihr Herz pochte gegen ihre Brust, als würde es bald hinausspringen wollen. "Es ist auch gemein, sich in der Schule zu schlagen. Oder Esme anzuschreien, obwohl sie es nur gut meint, meinst du nicht"? Kurz haderte sie mit sich selbst, ein wenig recht hatte er schon. Aber das wollte sie sich selbst gar nicht eingestehen. Trotzig presste sie die Lippen aufeinander, während er ihr wieder die Jacke anbot. Sie müsste nur hineinschlüpfen, so viel Gentleman war in ihm noch übrig geblieben. "Aber dann bekomme ich sie doch nie zurück. Irgendwas mache ich immer falsch und du erfindest immer neue Sachen um sie mir nicht zurück zu geben". Es war ein deutlicher Vorwurf, er drang einfach nicht zu ihr durch. Egal was er tat, sie wollte ihn nicht verstehen.  "Du meinst den Tee? Nun, du hast ihn schließlich auch absichtlich umgeworfen, oder? Deswegen wirst du ihn nach deinem Termin auch aufwischen, davor gehst du nicht in dein Zimmer. Ich habe dich gewarnt, Sofia. Und Jetzt komm endlich, wir sind spät dran". Es würde nichts bringen weiterhin auf sie einzureden, wenn sie sich nicht gegenüber seinen Argumenten öffnen konnte. Vielleicht sollten sie ihren Disput ganz generell sogar auf morgen verschieben. Wütend erwiderte sie seinen Blick, wehrte sich allerdings nicht, als er sie bestimmend auf die Beine zog und sie nach unten in die Garage lotste. Genauer gesagt trieb er sie ein wenig vor sich her und Sofia hatte keine Zeit mehr zu überlegen, ob sie doch nicht besser die Treppe nach oben nehmen sollte. Carlisle hatte es mal wieder geschafft, sie gegen ihren Willen ins Auto zu verfrachten.

Auf der Fahrt weinte sie wieder.
Erst versuchte sie die Tränen noch vor ihm zu verstecken, doch je mehr Mühe sie sich gab, desto anstrengender wurde es irgendwann. Sie sah, dass sein Blick ab und an über den Rückspiegel nach hinten glitt, doch sie ignorierte diese Schmach. Es war alles schon schlimm genug und er sollte die Situation nicht noch zusätzlich ausreizen. Oh, wie sehr wünschte sie ihm die Pest in den Hals? Je länger sie seinen blonden Hinterkopf betrachtete, desto hasserfüllter wurde sie. Er war ein furchtbar herzloser Mann. Wie hatte sie jemals auf ihn hereinfallen können? Wie hatte sie ihn jemals mögen können? "Es gibt für alles eine Lösung", hörte sie ihn an einer roten Ampel halbwegs aufmunternd murmeln, doch sie ignorierte es. Sie sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, wo sollte sie da eine Lösung finden? Er erpresste sie doch regelrecht mit der Kette, auf andere Weise wäre sie niemals mit ihm mitgekommen. "In deiner Welt vielleicht", antwortete sie deswegen patzig und beobachtete mit wässrigem Blick den Verkehr. Das war alles, was sie sich auf dieser Fahrt noch zu sagen hatten. Die restlichen Minuten vergingen schweigend und zäh, ehe Carlisle seinen Mercedes auf dem Parkplatz parkte und Sofia schwungvoll die Tür aufhielt. Schon wieder bewegte sie sich keinen Millimeter von der Stelle. Ob sie es sich jetzt noch anders überlegen könnte? "Sofia", hörte sie ihn schon wieder streng mahnen, höchstwahrscheinlich hatte er es selbst satt. Aber das beruhte ganz auf Gegenseitigkeit. "Was willst du tun, wenn ich nicht mitkomme"? Ihre verweinten Augen waren mit ernsthaftem Interesse belegt, als er sich schlussendlich ein Stück zu ihr nach unten beugte. Sie provozierte ihn schon wieder und er merkte das. Nur wie sollte er mit einem ohnehin schon labilen, gekränkten Mädchen weiterhin umgehen? Würde er nachgeben, hätte sie gewonnen und sie würden sich ständig im Kreis drehen. Wäre er wieder streng, würde sie das nur weiterhin gegen ihn aufbringen. Aber machte das überhaupt noch einen Unterschied? Ihre Stimmung konnte wahrscheinlich gar nicht mehr tiefer sinken! Sie war auf dem Gefrierpunkt.
Um zu verhindern, dass sie ihm weiterhin auf der Nase herumtanzte, entschied er sich für die zweite Variante. "Ich erkläre es dir jetzt noch ein letztes Mal: Du bekommst deine Kette wieder, nachdem du bei Dr. Bell warst, nachdem du den Tisch geputzt hast und nachdem du mit uns gesprochen hast. Es führt kein Weg daran vorbei. Wenn du dich jetzt dazu entscheiden solltest nicht mitzukommen, dann warten wir bis zu deinem nächsten Termin am Freitag. Und dann behalte ich deine Kette auch bis mindestens Freitag. Du hast freie Wahl, es muss nicht so kompliziert sein. Es ist deine eigene Entscheidung". Er sprach ruhig, doch all seine Worte waren nur ein weiterer Grund, sich an dem Inhalt zu stören. Wie konnte er nur so herzlos sein? Wütend, zutiefst verzweifelt krallten sich ihre Fingernägel in das teure Leder des Autos. "Aber ich kann doch auch was anderes dafür machen", versuchte sie es weiter. Sie würde sogar das komplette Haus putzen, wenn es NUR das wäre. Alles war besser als Dr. Bells Therapiesitzungen. "Nein, Sofia. Meine Entscheidung steht fest. Ich diskutiere nicht weiter mit dir". Streng war sein Blick der sich auf sie legte, während sie voller Verärgerung aus dem Auto stieg und versuchte ihn anzurempeln. Er wich ihr aus, ehe ihre Schulter seinen Körper berühren konnte.
Sie stürmte förmlich vor ihm die Gänge entlang, er sah es unheilvoll in ihren Händen zucken und spürte ihre innerliche Unruhe. Ob Dr. Bell sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück bringen konnte?
Er vermochte es irgendwie zu bezweifeln.

Es wuchs ihm langsam über den Kopf.    
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Was meint ihr? Wird ihr dieses Gespräch in dieser akuten "Krise" vielleicht sogar ganz gut tun?
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