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Wendungen

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Esme Cullen Jasper Whitlock Hale OC (Own Character) Rosalie Hale
02.01.2020
10.10.2020
85
279.809
30
Alle Kapitel
387 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
15.05.2020 4.525
 
Hallo ihr Lieben,
ich wollte mich noch ganz herzlich für eure Meinungen zu dem ersten Thema bedanken. Ich habe es mir wirklich gerne durchgelesen und bin nun etwas beruhigter. <3
Heute folgt das Gespräch mit Carlisle und Esme, es gibt Dramaaaa :)
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Er war wütend!
Sofia merkte die kleinen, abweichenden Nuancen seiner Laune beinahe sofort und seine Abweisung prickelte unangenehm und schmerzhaft auf ihrer Seele. Glaubte er diesen reichen Eltern etwa mehr als ihr? Wollte er sich nicht einmal anhören, was sie zu der ganzen Sache zu sagen hatte? Kaum hatte er ihr den Rücken zugewandt und war im Wohnzimmer verschwunden, brodelten heiße Wellen der Wut in ihrem Körper, die sie in der letzten Stunde zu unterdrücken versucht hatte. Ihre Schutzmauer begann zu bröckeln und die Emotionen, die sich wie wildgewordene Vögel einen Weg zu ihrem angeknacksten Herzen suchten, waren schlagartig präsent. Das war unfair! Das war gemein! Und trotzdem konnte Sofia nichts anderes tun, als ergeben die Treppen nach oben zu rennen und ihren Rucksack wütend in eine der Zimmerecken zu pfeffern. Natürlich dachte er bei all den negativen Aspekten, sie hätte Lola vollkommen grundlos attackiert und die Trainerin hatte ebenfalls nichts von ihrem vorherigen Disput mitbekommen. Es war trotzdem gemein, sich dabei nur auf die Seite des selbsternannten Opfers zu stellen. Lola war eine hervorragende Schauspielerin und eine fabelhafte Lügnerin! Schien das denn wirklich niemanden zu interessieren? Heftig atmend beobachtete sie für einen Moment ihr blasses Gesicht im Spiegel. Sie sah ähnlich aus wie Lola, hatte Rötungen und Kratzer im Gesicht, selbst auf den Armen und im Dekolleté hatten Lolas manikürte Nägel getroffen. Komischerweise spürte Sofia den körperlichen Schmerz noch immer nicht, so sehr war sie Wallung über die sich androhende Ungerechtigkeit und die Strafe, die ihr Carlisle und Esme sicherlich bald verkünden würden. Vielleicht schickten sie sie ja doch wieder in staatliche Obhut, weil sie ihren Ruf tatsächlich nicht beflecken wollten. Oh, diese selbstverliebte Frau von Anwältin hatte das so selbstgefällig, so leichtfertig gesagt. Hatte denn jemals einer von ihnen daran gedacht, wie sie sich fühlte? Nahm irgendjemand Rücksicht auf sie? Nein. Nein, das taten sie nicht! Und das machte sie so unfassbar wütend. In ihren Köpfen regierte das Geld und die Macht. Und wenn sie sich das Haus der Cullens so ansah, dann war es hier nicht anders. Sicher hatten sie sie gar nicht aus freien Stücken aufgenommen, sondern aus gesellschaftlichen Zwang oder dem Drang, sich in der Stadt sozial zu engagieren. Sie war dabei doch nur ein Spielzeug. Ein Experiment, was gehörig schief gelaufen war! Mit einem wütenden Schrei boxte Sofia mit der Faust gegen die weiße Wand, rang mit sich, auch den Spiegel zu zertrümmern und ließ sich stattdessen ergeben auf dem weichen Teppich nieder, wo sie sich ganz klein machte und Tränen der Wut zurückdrängte. Diese Anwälte, die Trainerin oder die Cullens hatten keine einzige ihrer Tränen verdient! Sie brauchte sie nicht, sie wollte sie nicht! Alles, worauf sie in jenem Moment hin fieberte war ihre lang ersehnte Ruhe! Verdammt, sie wollte ja gar nicht mit Carlisle und Esme reden! Sie wollte sich nicht anhören, wie furchtbar falsch und unerzogen das war! Sie wollte sich nicht rechtfertigen müssen und die Strafe des Rektors war ihr momentan eigentlich auch egal geworden. Alles was im Moment zählte war ihr wachsendes Gefühl von Ungerechtigkeit. Und das splitterte ihre Seele in tausend einzelne Teile.

Vor lauter Stress kratzte sie sich wieder über die Unterarme. Erst waren es nur beiläufige Bewegungen ihrer Finger gewesen, doch mittlerweile kratzten ihre Nägel viel bewusster über die rote, zarte Haut. Bei jeder neuen Rötung spürte sie Genugtuung. Stolz, weil niemand hier war um sie aufzuhalten. Weil sie alleine war und selbst entscheiden konnte, wann es genug sein würde. Dabei spürte sie es noch immer nicht. Den Schmerz, den Stress. Alles was sie fühlte war die Ungerechtigkeit und die hochkochende Wut in ihrem brodelnden Magen. Alles andere verdrängte sie unter einer Maske aus Gleichgültigkeit. Carlisle und Esme ließen sie viel zu lange in ihrem Zorn baden, zumindest kam es ihr so vor. Und als es schlussendlich doch an der Tür klopfte, wandte sie ihren Körper ab und starrte vorwurfsvoll aus der großen Fensterfront. "Liebes, kommst du mit? Wir würden uns gerne mit dir unterhalten", erklang Esmes ruhige Stimme und erfüllte das Zimmer mit Mütterlichkeit. Sie klang wie immer, aber darauf würde Sofia sicher nicht reinfallen. "Nein", fauchte sie deswegen wütend und sie schlang die Arme noch ein wenig fester um ihren mageren Körper. Seitdem sie krank gewesen war, hatte sie noch ein paar Kilo mehr verloren. "Wieso nicht? Wir würden gerne wissen, was passiert ist". Sofia entfuhr ein abschätziger Laut. Sicher wollten sie das nicht, sie wollten sie nur aus der Reserve locken um besser mit ihr schimpfen zu können. "Wieso?! Ihr glaubt mir doch sowieso nicht. Ich habe das schon verstanden"! Es war Esme, die sich langsam zu ihr hinüber schlich und vor ihr in die Hocke ging. Ihre goldenen Augen schienen nach so etwas wie guten Argumenten zu suchen, ahnend, dass Sofia diese sowieso nicht annehmen würde. Dennoch legte sie seufzend eine Hand auf ihre Schulter, um ihr die Dringlichkeit irgendwie einzuimpfen. "Wieso glaubst du das? Komm schon, mach keinen Aufstand". Sie hielt ihr eine blasse Hand entgegen, als würde sie hoffen das sie freiwillig mitkommen und sich vorwurfsvoll beschimpfen lassen würde. Aber sie dachte ja gar nicht dran! Wütend schlug sie nach der offenen Hand und drehte sich wieder weg, was Esme abermals ein seufzen entlockte. Dieses Mädchen war manchmal eine fürchterliche Dramaqueen und ganz nebenbei extrem pubertär. "Schluss jetzt! Wenn es dir lieber ist, kannst du auch die nächsten zwei Wochen Hausarrest haben, ohne dich zu erklären. Ist das besser"? Esmes perfekte Augenbraue wanderte in die Höhe, als sie sich wieder erhob und abwartend auf sie hinab starrte. Es war ein stummer Machtkampf den die beiden ausfochten und es war der scharfen Strenge in den goldenen Augen geschuldet, dass sie sich wütend erhob. Ihr wurde aber auch nichts erspart! "Dann komm ich halt mit", motzte sie beleidigt und folgte der nickenden Esme über den Gang. Das sie sich für ihr Gespräch ausgerechnet das Arbeitszimmer von Carlisle ausgesucht hatten, machte die Sache nicht besser. Der schwere Schreibtisch blitzte unheimlich groß in ihren Gedanken auf und sicher würde es so ablaufen, wie in der Schule. Sie würden sie mit Vorwürfen überhäufen und bestrafen, ohne das sie wirklich wussten, was passiert war. Innerlich weigerte sie sich, Lolas Worte auch nur nochmal im Ansatz zu denken. Ihre Worte waren zu grausam, zu böse gewesen. Niemals würde sie das irgendjemandem erzählen!
Carlisle saß bereits auf seinem Schreibtischstuhl und deutete mit einer bedachten Geste auf den Stuhl gegenüber, während Esme sich entgegen aller Erwartungen auf den Stuhl neben ihr sinken ließ. Das machte die ganze Situation allerdings auch nicht unbedingt besser! Schmollend verknotete sie ihre Arme vor der Brust und starrte große Löcher in den Boden, während Carlisle und Esme nichts sagten. Sie warteten ab und Sofia war sich sicher, dass sie sie beobachteten. Unangenehm brannten ihre Blicke auf ihr, aber so schnell wollte sie sich davon nicht beeindrucken lassen. Sie hatte schon Schwäche gezeigt, indem sie Esme gefolgt war. Nun würde ihr das kein zweites Mal passieren!

Es vergingen zähe Minuten in denen niemand etwas sagte, in welcher nur das leise ticken der Wanduhr verriet, dass die Zeit voranschritt. Und dann war es schlussendlich Carlisle, der die Stille brach. "Sofia", seufzte er schwer und sie riskierte einen kurzen Blick in sein Gesicht. Er sah aus wie immer, wenn man von der Falte an seiner Stirn absah. Was war das? Wut? Enttäuschung? Verzweiflung? "Also? Sprich endlich! Was war los"? Jetzt plötzlich? Jetzt wollte er wissen, was genau passiert war? Das war viel zu spät! "Das interessiert dich doch gar nicht!  Jetzt ist es sowieso egal", erwiderte sie kalt und wirkte dabei nicht minder schwerfällig wie er. Sie war enttäuscht und wütend, es musste kaum zu übersehen sein. "Es ist nicht egal, Fräulein. Alles andere als das! Was hast du dir denn dabei gedacht, diesem Mädchen einfach an die Gurgel zu springen"?! Seine Provokation verpasste ihr einen harten, verbalen Schlag in die Magengrube. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! "Sie hat mich provoziert! Das interessiert euch wohl nicht, oder"? Carlisle lehnte sich etwas nach vorn, sein Gesicht zu einer strengen Maske verzogen. "Wenn es mich nicht interessieren würde, würde ich nun nicht hier sitzen und dir alles aus der Nase ziehen, Sofia", appellierte er ungemein sachlich und Sofias Unterlippe zuckte dabei, während Esme sich plötzlich in ihr Sichtfeld schob. "Egal was zwischen euch passiert ist, es rechtfertigt keine sinnlose Gewalt. Du kannst dich nicht einfach mit jemandem schlagen, der dich ärgert. So funktioniert das nicht", setzte sie ruhig an und wirkte im Gegensatz zu Carlisle etwas besonnener. "Willst du uns vielleicht erzählen, was sie gesagt hat? Was hat dich denn so sauer gemacht"? Ihre sanften Augen ruhten ununterbrochen auf ihr, vielleicht hätte sie es ihr sogar erzählt. Aber mit Carlisle im Nacken hatte sie weder Lust noch die Nerven dazu. Gerade von ihm hätte sie sich deutlich mehr Rückendeckung im gemeinsamen Kampf gegen Lola erhofft. Und was hatte er getan? Nichts! Tolle Sache! Als sie zögerte, war es Carlisle, der ihr den nächsten Zündstoff lieferte. "Egal was es war, du hast total überreagiert". Sicher meinte er es nicht so streng, wie er es sagte. Aber dennoch nahm ihm Sofia übel, was er ihr da gerade an den Kopf knallte. Ihre Augen huschten wütend zwischen ihm und Esme hin und her, ehe sie sich beleidigt nach hinten lehnte. "Gut, dann erzähle ich es euch eben nicht! Wenn ihr sowieso denkt, dass ich überreagiert habe"! Sie setzte dieses Wort in unsichtbare, gestische Anführungszeichen. "Da kannst du dich jetzt bei deinem Mann bedanken", schob sie an Esme gewandt nach und musterte Carlisle abschätzig. Sie legte all ihre Wut, ihre Arroganz in diesen einen Satz und wenn sie genug Aggression in sich tragen würde, hätte sie auch liebend gerne ihm das Inventar seines Arbeitszimmers um die Ohren gehauen. Momentan ließ sie allerdings zu, dass ihr Körper nur vor Wut bebte. "Mein Vater hätte niemals gedacht, dass ich nur überreagiere! Er hätte mir geglaubt"! Esme und Carlisle sahen sich für einen Moment nur stumm an, während Sofia sich beleidigt noch ein wenig kleiner auf dem Stuhl machte. Sie wusste, dass sie sich nicht gerade kooperativ verhielt, aber ihr Gehirnareal für Rationalität schien sich mal wieder verabschiedet zu haben. Viel zu sehr litt sie unter Lolas Attacken und Carlisles Abweisung. Wusste er eigentlich, wie verdammt schmerzhaft das war? "Nicht schon wieder dieser Vergleich, Sofia! Ich bin nicht dein Vater und er hätte dieses Verhalten sicherlich auch nicht gut gefunden", sagte Carlisle schlussendlich und er merkte sofort wie falsch seine Aussage geklungen haben musste, als er Sofias verletztes Gesicht sah. Sie sah ihn an, als hätte er sie gerade geohrfeigt.

"Verstehe", murmelte Sofia leise und ihre Augen brannten dabei unangenehm. Warum war sie auch so doof und legte all ihre kindlichen Hoffnungen in die Cullens? Sie würden niemals eine richtige Familie für sie werden, sie waren zu unterschiedlich! Wenn das selbst Lolas Eltern innerhalb weniger Minuten erkannten, dann hatte sie bereits hoffnungslos verloren. "Liebes, ich hätte das nicht so sagen sollen. Verzeihung, ich meinte das nicht so", versuchte er sich an Schadensbegrenzung und vielleicht hatte er es tatsächlich anders ausdrücken wollen, vielleicht mochte er nur diesen Vergleich nicht. Er hatte es aber dennoch gesagt und das war alles, was in diesem Augenblick zählte! Sie spürte aufkommende Tränen, spürte Esmes kalte Hand auf ihrer Schulter aber all das wollte sie im Moment nicht ertragen. Über die Enttäuschung wog die Wut. "Stimmst, du bist nicht mein Vater! Der ist nämlich tot! Wolltest du mir das sagen? Wolltest du mir vielleicht auch sagen, dass er betrunken war? Oh, oder ist er mit Absicht in den Gegenverkehr gefahren"?!, fauchte sie bebend und sie verschwendete keinen langen Blick auf ihn, weil sie sich nämlich nun Esme zuwandte. "Natürlich bist du auch nicht meine Mutter! Meine eigene ist ja abgehauen oder sitzt im Knast! Sie konnten mich nicht ertragen", spuckte sie ihren Frust nun aus sich heraus und schlussendlich bahnten sich doch Tränen aus ihren Augen den Weg über ihre erröteten Wangen. Carlisle und Esme sahen sie dabei an, als wäre sie direkt vom Mars in ihrem Garten gelandet und es war Esme, die als erste reagierte und sie in eine einseitige Umarmung zog. "Hat sie das zu dir gesagt? Bist du deswegen so wütend geworden"?, flüsterte sie leise und ihre Hand streichelte beruhigend über ihren Rücken, während sie ihrem Mann einen bedeutungsschweren Blick zuwarf. Sofia nickte leicht, Lola hatte noch mehr verletzende Dinge gesagt, aber daran wollte sie sich nicht erinnern. Vielleicht hatte sie ja recht? Vielleicht war sie wirklich eine Versagerin und ihre Eltern hatten den Tod willkommener geheißen als noch eine Minute länger mit ihr zusammenleben zu müssen. Sie hörte Carlisle seufzen, als er aufstand und seinen Tisch mit wenigen Schritten umrundete. Er legte er ihr beruhigend eine Hand auf die zierliche Schulter und wirkte so, als wüsste er nicht genau, was er sagen sollte. Er hatte sie eben nicht so verletzen wollen, anderseits hatte er so immerhin die Wahrheit aus ihr heraus gekitzelt. Aber ob das nun besser war? "Das war wirklich nicht sehr nett von ihr", stimmte er schlussendlich zu und er lehnte sich dabei gegen die Kante seines Schreibtisches, während Sofia ihn verwirrt anblinzelte. War das der erste Zuspruch des Tages? "Allgemein ist dieses Gespräch beim Rektor sehr unglücklich verlaufen. Wir hätten das von Anfang an ohne euch klären sollen. Lolas Eltern sind keine einfachen Menschen", erklärte er ruhig und Sofia löste sich aus der kühlen Umarmung Esmes, die ihr beiläufig die Tränen von den Wangen strich. "Trotzdem Sofia, denkst du nicht, es hätte tausend andere Lösungen gegeben, als sich mit Fäusten zur Wehr zu setzen"? Er wollte nicht zu streng sein, allerdings wusste er auch, dass er sich besser nicht zu sehr von ihren Tränen beeinflussen lassen sollte. Natürlich tat sie ihm leid, er hätte ihr vollkommen grundlose Schlägereien ohnehin nicht zugetraut. Aber sollte er ihr deswegen all die Fehler durchgehen lassen? Manchmal war dieses Mädchen wie ein zappelnder Fisch an Land, der danach schrie, in seine Grenzen gewiesen zu werden und nach Begrenzung suchte. Er versuchte, ihr das nötige Verständnis entgegenzubringen. Versuchte, ruhig zu bleiben und ihr mit Geduld Verständnis einzuimpfen. Aber sie machte es ihm schwer, wirklich dabei zu bleiben und sie nicht tröstend an sich zu drücken.

Betreten sah er sie nicken. Im Nachhinein würde man vielleicht vieles anders machen, als wenn man von negativen Emotionen wie Wut und Trauer geleitet wurde. "Jetzt ist es nun einmal passiert. Das können wir nicht mehr ändern", sprach er leise weiter und umging Sofias stummen Vorwurf in ihren Augen. Ihr würde nicht gefallen, was er nun sagen würde. "Der Rektor hat dich für eine Woche vom Unterricht suspendiert. Das heißt, du wirst diese Woche nicht mehr zur Schule gehen". Kurz ließ er ihr Zeit, dieses Statement sacken zu lassen. "Stattdessen wirst du den Schulstoff hier erarbeiten und trotzdem alle Aufgaben erledigen, die du sonst auch erledigen müsstest". Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, weil er den nächsten Ausbruch schon aufflackern sah. Ja, sie fühlte sich ungerecht behandelt, vielleicht mochte das auch stimmen. Aber er hatte schon die minimalste Strafe verhandelt, die ihm zur Verfügung gestanden hatte. Ganz ohne Sanktionen wäre sie niemals davon gekommen. Nicht in der Schule, und auch nicht bei ihnen. "Außerdem will ich, dass du dich nächste Woche bei dem Mädchen entschuldigst. Du hast sie verletzt, ich denke es ist nicht zu viel verlangt, ihr einen Kuchen zu backen, oder eine Karte zu schreiben". Nun fiel die komplette Maskerade. Ungläubig blinzelte sie ihn an, für den Moment wahrlich unfähig, etwas zu erwidern. SIE sollte dieser Lola noch in den Hintern kriechen?! "WAS"?!, kreischte sie fassungslos und diesmal war sie es, die aufgebracht von ihrem Stuhl sprang und die mageren Arme an die Seiten klemmte. "Das kannst du vergessen! Niemals werde ich mich bei ihr entschuldigen"! Vehement schüttelte sie den Kopf, während Carlisle genau das Gegenteil tat: Er nickte. "Doch, du wirst! Ich diskutiere nicht mit dir darüber. Du hast einen Fehler gemacht und wirst ihn aus der Welt schaffen. Manchmal muss man eben über seinen eigenen Schatten springen", erklärte er ruhig und hätte mit einer solch explosiven Reaktion gar nicht mehr gerechnet. Als er die ersten Tränen kullern gesehen hatte, hatte er gedacht sie in die richtige Richtung gelenkt zu haben. Aber dem schien leider nicht so. "Ich muss Carlisle zustimmen. Man regelt Konflikte nicht mit Fäusten, Liebes", schaltete sich nun auch Esme dazwischen, die für ihren Mann wohl immer ins Kampffeld springen würde. "Ihr wollt mich demütigen", fauchte Sofia wütend und war schon drauf und dran einfach zur Tür zu stürmen, ehe Carlisle sie streng zurückhielt. "Wir sind noch nicht fertig, junge Dame. Setz dich wieder hin und hör mir zu"! Carlisles Stimme ließ keinerlei Wiederworte zu und es stieß ihr wirklich übel auf, dass er sie tatsächlich dazu ZWANG, zu bleiben. Er wartete, bis sie sich mit hasserfülltem Blick wieder auf dem Stuhl niedergelassen hatte, ehe er weitersprach. "Das war nichts das erste Mal, dass du körperlich wurdest, Sofia. Erinnerst du dich noch an Rosalie? Sie wolltest du auch schlagen, als du sauer warst. Was geht dann in dir vor? Kannst du deine Wut nicht mehr kontrollieren? Brauchst du Hilfe dabei"? Abschätzig pustete sie die Luft zwischen den Zähnen hervor, wollte er ihr gerade erklären, dass sie nicht mehr alle Latten am Zaun hatte? "Ich hätte ihr besser die Nase gebrochen, dann würde sich diese Suspendierung wenigstens lohnen", rief sie laut und erntete daraufhin ernste, warnende Blicke. Sie wusste, dass Carlisle und Esme Gewalt verabscheuten und nicht duldeten. Aber was sollte sie machen? Es kam Lola zugunsten, dass man all die Rötungen und Kratzer sehen konnte. Aber was war mit ihr? Und all den Worten, die ihr Herz ein wenig mehr zu Staub zerfallen lassen hatten? Das war unfair! "Und außerdem gehe ich nie, nie wieder in diese blöde Schule zurück"!
"Auch darüber werden wir nicht diskutieren, Sofia", widersprach Carlisle streng und er faltete bedächtig die Handflächen auf der Tischplatte ineinander. "Du kannst froh sein, dass dich die Trainerin nicht aus dem Team geworfen hat. Sie sieht Talent in dir, also nutze die Chance und steh zu deinen Fehlern". Fehlern? Könnte aus ihren Ohren Rauch entweichen wie aus einer überhitzten Teekanne, wäre nun wohl der passende Augenblick. "Und Lola muss was machen? Sicher hat sie keine Strafe bekommen", lehnte sie sich weiter auf und sie wollte es noch immer nicht fassen, wie unfassbar ungerecht das war. "Sie muss sich auch entschuldigen. Wir kamen zu dem Entschluss, dass irgendwas zwischen euch gewesen sein muss, damit ein Konflikt so ausartet. Also springt ihr beide über euren Schatten und vergesst die Sache danach. Immerhin turnt ihr im selben Team". LEIDER turnten sie im selben Team. Sofia konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Lola nur wegen dieser Kleinigkeit aufhören würde, sie zu ärgern. Sie hatte komischerweise großen Hass, den sie an ihr auszulassen schien.

Sofia beschloss für sich im Stillen, die Sache so stehen zu lassen. Niemand würde kontrollieren können, ob sie sich tatsächlich beieinander entschuldigten. Sie würde ihr niemals auch nur den kleinen Finger reichen. Niemals! Und sie konnte sich auch nicht vorstellen, dass Lola das tun würde. Ungeduldig starrte Sofia Carlisle an. Konnte sie nun gehen? War es endlich genug? "Noch etwas, Sofia. Esme und ich verabscheuen Gewalt und Handgreiflichkeiten, du weißt das sicher. Wir wollen nicht noch einmal einen Anruf aus der Schule erhalten, weil du dich mit deinen Mitschülern prügelst. Wir verstehen, dass du es nicht einfach hast und dich viele Situationen überfordern. Aber so geht das nicht weiter. Du musst lernen, deine Emotionen zu regulieren, du kannst dich nicht immer davon leiten lassen und schlussendlich erwarten, dass wir dir aus der Patsche helfen", erklärte er ruhig und wurde jäh von ihr unterbrochen. "Das habe ich gar nicht erwartet! Ich kann das auch alleine", motzte sie laut und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Esme langsam und traurig
den Kopf schüttelte. "Das kannst du leider nicht, Schätzchen. Das erwarten wir auch gar nicht von dir. Es ist keine Schande, sich Hilfe dafür zu holen". Sie angelte nach ihrer Hand, aber Sofia schlug sie wütend weg. "Was meinst du damit"? Sie ahnte schon wieder Böses. Esme zögerte für einen kleinen Moment, weswegen Carlisle für sie einsprang. Er schien es für heute ohnehin bei seiner Pflegetochter verspielt zu haben. Das zarte Band, was sie bei dem regnerischen Spaziergang verbunden hatte, schien wie aufgelöst zu sein. Ganz so, als hätte es niemals existiert. "Sieh her, Sofia. Es ist schwer für dich, deine Emotionen zu regulieren und all die negativen Gefühle stehen dir im Weg, rational zu denken. Du bist traurig, du bist wütend. Deine Gedanken fahren Karussell und du hast Albträume. Wir wollen dir helfen, dass das besser wird, Liebes. Wir konzentrieren uns vorerst auf die wichtigen Dinge. Auf den Autounfall und die Regulation deiner Emotionen, aber dafür musst du endlich mitarbeiten", sagte er ruhig und hielt Sofias Aufmerksamkeit mit bloßem Augenkontakt bei sich. Er wusste, dass sie sich die Arme aufgekratzt hatte, wusste das sie sich dafür ein Ventil suchte.Er wirkte streng, weil er wusste, dass er mit Sofia in diesem Ton reden musste, um sie zur Vernunft zu bringen. "Du wirst morgen zu einer einer weiteren Sitzung mit Dr. Bell gehen und die Situation von heute mit ihr evaluieren. Dann wirst du mit ihr ein Konzept erarbeiten, wie du in Zukunft solche Konflikte umgehen kannst". Sein Tonfall ließ zwar keine weitere Diskussion zu, aber so bevormunden lassen wollte sie sich nicht. Diese doofe Dr. Bell! "NEIN", setzte sie sich also lautstark zur Wehr und sprang wieder vom Stuhl auf, weil sie nicht mehr an sich halten konnte. "Morgen ist nicht Freitag. Ich gehe nicht dorthin, ich will nicht"! Langsam wurde ihr schlecht und schwindlig. Wann hatte dieser ganze Tag nur ein Ende? "Es geht aber nicht darum, was du willst. Sondern darum, was du sollst", hielt er dagegen und griff blitzschnell nach einem ihrer Arme. Sie war zu langsam, um ihm auszuweichen. Hektisch atmend sah sie ihm dabei zu, wie er den Stoff ihres Pullovers ein wenig nach oben rollte und die Kratzer offenbarte, die sie sich erst vorhin selbst zugefügt hatte. "Das wird in Zukunft nicht mehr passieren, hast du mich verstanden? Sofia, Dr. Bell hat eine Liste mit Skills mit dir erarbeitet, die du ausprobieren solltest. Hast du dir jemals auch nur einen Punkt davon zu Nutzen gemacht"? Er wartete ihre Antwort nicht ab, er wusste es besser. "Das hast du nicht! Also wirst du morgen nochmals dein Verhalten mit ihr erarbeiten und neue Regeln und Vereinbarungen treffen. Ich schaue nicht mehr lange zu, Sofia! Sollte das nicht besser werden, müssen wir uns überlegen dich wirklich stationär behandeln zu lassen. Es wird von Woche zu Woche immer schlimmer und du arbeitest kein bisschen mit". Es klang hart und unbarmherzig. Aber er wollte nicht dabei zusehen, wie sie sich irgendwann mit einem Messer oder einer Rasierklinge die Arme aufschneiden würde. Besser zog er jetzt die Reißleine, als zu spät. Um sie vor sich selbst zu schützen. "Du glaubst also wirklich jedem außer mir"?!, schluchzte sie betroffen und entzog ihm grob ihren Arm. Sie hasste die Besuche bei Dr. Bell. Sie hasste all die Regeln und die Erkenntnis, dass niemand sie verstand. Es schmerzte und gleichzeitig peitschte es ihre Wut gegen Carlisle und Esme weiterhin an. Gab sie sich denn nicht genügend Mühe? Sie war eben nicht so perfekt wie die Cullens.

Während sie sich noch die richtigen Worte im Kopf zusammenlegte, schien Carlisle einfach ganz unbekümmert weitersprechen zu können. "Und noch eine letzte Sache, Sofia. Diese Suspendierung ist kein Spaß. Wir sind wirklich enttäuscht von dir. Das hätten wir niemals von dir erwartet. Die nächsten zwei Wochen hast du Hausarrest und wirst dich intensiver um die Therapie mit Dr. Bell kümmern. Es tut mir leid, dass wir so streng zu dir sein müssen. Aber du lässt uns keine andere Wahl". Seine goldenen Augen legten sich bedauernd auf ihre blauen, während in Sofia innerlich etwas zu platzen schien. Wütend wischte sie etwa vom Schreibtisch, was wie eine Krankenakte aussah. Zumindest flogen viele einzelne Blätter hinaus. "DAS IST MIR EGAL", brüllte sie lauthals und nun brachen Tränen des Zornes über sie her wie Sturzbäche. Niemals hätte sie gedacht, dass dieser heutige Tag so grausam enden würde. Sie würden sie doch ohnehin irgendwann in die Psychiatrie abschieben, so war es doch, oder? Irgendwann würden sie keine Lust mehr haben und kapitulieren. Und dann wäre sie wieder alleine. Für immer. "Außerdem kannst du mich nicht zwingen! Ihr seid nicht meine Eltern", kurz unterbrach sie sich, weil sie schon die Tür des Arbeitszimmers öffnete und ihr die Luft dabei wegblieb. "Ich ...ich mache gar nichts mehr"!
"Heute musst du auch nichts mehr machen", beschwichtigte Carlisle ruhig und sein Blick klebte förmlich auf ihr. "Dein Termin ist erst morgen". Sofias Hände zitterten, während sie mit dem Gedanken spielte all die teuren Bücher aus den Regalen ins Kaminfeuer zu werfen. Aber Carlisle wäre höchstwahrscheinlich schneller zur Stelle, als ihr lieb wäre. "ICH HASSE EUCH"!, schrie sie in eine verzweifelten Moment wahrlich hasserfüllt, ehe schon im nächsten Moment die Enttäuschung und Verzweiflung wieder überwog. "Ich will endlich wieder nach Hause". Heiße Tränen liefen ihr über das Gesicht und machten sie ganz blind, während Carlisle sich erhob und sie an der Schulter zu fassen bekam, während Esme so aussah, als hätte sie Schmerzen. "Merkst du jetzt, was wir dir versucht haben zu erklären"?, fragte er eigenartig einfühlsam, aber sie schlug wütend nach seinen Händen, die sie hielten. Es war ihre einzige Antwort auf seine tiefgründige Frage. Er ließ sie los, um nicht weiterhin Benzin ins Feuer zu gießen. "Du bist erschöpft, Liebes. Der Tag war anstrengend. Versuche dich zu beruhigen und atme ruhig". Er öffnete die Tür komplett, um ihr zu bedeuten nun gehen zu können. Er ahnte schon, dass sie sich bedrängt und verraten fühlte. "Willst du etwas zum einschlafen"? Es erschien ihm in dieser Situation sogar als die beste Lösung, doch Sofia stürmte davon, ehe er ihre Mimik richtig deuten konnte. Dann würde er wohl Jasper bitten müssen, den Sturm in ihrem brüchigen Inneren etwas zu beruhigen.
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Der Streit mit Lola hatte also doch mehr Konsequenzen als gedacht. Was meint ihr? Waren Carlisle und Esme zu streng?
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