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Wendungen

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Esme Cullen Jasper Whitlock Hale OC (Own Character) Rosalie Hale
02.01.2020
10.10.2020
85
279.809
30
Alle Kapitel
387 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
09.03.2020 4.237
 
Hallo ihr Lieben,
ich muss gleich los zum Training. Wollte euch aber noch schnell das neue Kapitel dalassen.
Viel Spaß damit :)
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Zögerlich ergriff Sofia die ihr angebotene Hand und rutschte endlich von der Rückbank. Es war seltsam wieder hier zu sein, alles wirkte so vertraut und unverändert als wäre nie etwas passiert. Als würde ihr Vater oben auf dem Sofa sitzen und auf sie warten, während er interessiert das aktuelle Fußballspiel im Fernseher verfolgte. Sofia hatte es gehasst, wenn er das  getan hatte. Wenn zweiundzwanzig Männer einen einzigen Ball verfolgten und sich gegenseitig ein Bein stellten, langweilte sie sich schneller als in der Schule. Trotzdem hatte sie es ihm zu Liebe ebenfalls verfolgt und ihn danach zu dem überredet, was sie interessant fand. "Ich glaube der Vermieter wartet schon auf uns", drängte Carlisle vorsichtig und ging voran über die Straße. Sie hatten gegenüber geparkt. "Ist der auch da"? Ihre Mimik war keinesfalls begeistert, sie hatte diesen schleimigen, ekelhaften und alten Mann noch nie sonderlich ausstehen können. Vor allem nicht dann, wenn er ihr grob in die Wange gezwickt, oder ihrem Vater wegen der Miete Stress gemacht hatte. Solche Situationen hatte es in der letzten Zeit tatsächlich öfters gegeben, aber niemand hatte ihr konkret erzählt was vorgefallen war. Sie hatte trotzdem gelauscht, sie war nicht mehr klein genug um sie einfach so auf ihr Zimmer schicken zu können um sie damit vor ernsten Themen zu schützen. Sie hatte schon immer sehr viel mehr wahrgenommen als ihr Vater angenommen hatte. "Er macht uns nur die Tür auf, Liebes", flüsterte Esme beruhigend, die ihren Missmut anscheinend bemerkt hatte und sie ging mit ihr an der Hand hinter Carlisle her. Sie verschwiegen ihr, dass heute noch Interessenten für die neue Wohnung kommen sollten um weitere Zwischenfälle zu vermeiden.

Sie hatte nicht einmal mehr einen Schlüssel für diese Wohnung? Diese Erkenntnis traf sie hart, im Grunde hatte sie ihr zuhause schon die ganze Zeit verloren und nicht einmal bemerkt, dass man ihr dieses in einem schleichenden Prozess geraubt hatte. Es war zum verrückt werden, wie furchtbar anders ihr Leben geworden war. Das hätte sie sich niemals erträumen lassen, niemals.
Noch während sie um den Vorgarten herum gingen und dem kleinen Weg in den Innenhof folgten, bemerkte sie wie furchtbar eigenartig die Cullens hier wirkten. Die Wohngegend war zwar recht idyllisch und ruhig, dennoch wohnten hier nicht derartig wohlhabende Leute wie Carlisle und Esme. Ein wenig schämte sie sich schon dafür, ihr schickes Anwesen mit der riesigen Garage war kein Vergleich zu diesem schlichten Mehrfamilienhaus mit der Schaukel im Innenhof und der leicht vergilbten Fassade. Ob sie sich hier auch unwohl fühlten? Für einen Moment versuchte sie etwas in Esmes Gesicht zu lesen, doch sie kam zu keiner Erkenntnis. Esme sah aus wie immer. Mit einem prüfenden Blick auf Sofia, legte Carlisle schlussendlich einen seiner langen Finger auf die richtige Klingel und wartete ab, bis sich eine tiefe Stimme durch die Sprechanlage meldete. Innerlich fragte sie sich, woher er das alles wusste. Er wusste ihren richtigen Nachnamen, wusste genau wo er hinlaufen musste. Er wirkte in seiner ganzen Erscheinung so furchtbar selbstsicher, wie Sofia es noch nie in ihrem ganzen Leben gewesen war. Das war gemein, sie wäre auch gerne etwas mutiger und nur halb so perfekt wie es die Cullens waren. Aber um das Treppchen zu ihrem Niveau hinaufzusteigen fehlte noch ein ganzes Stückchen Arbeit. Rein äußerlich unterschied sie sich von ihrem hübschen Erscheinungsbild leider ebenfalls.

Mit einem mulmigen Gefühl stieg sie hinter Carlisle die Treppen nach oben und als ihre Hände anfingen zu schwitzen, löste sie sich von Esme. Irgendwann hätte sie ihre Hand ja doch loslassen müssen und besser tat sie dies jetzt, ehe sie vollkommen erfroren von ihrem Schock zu nichts mehr fähig sein würde. Ein bisschen Würde wollte sie sich noch aufsparen, bevor sie höchstwahrscheinlich den restlichen Tag weinend in ihrem Bett verbringen würde. "Guten Morgen, Mister Lee. Schön das es geklappt hat", ertönte da plötzlich Carlisle melodische Stimme als er im dritten Stock angekommen war und er schüttelte gleich darauf eine faltige, energische Hand, ehe er ein Stück zur Seite trat und den Blick auf Sofia und Esme freigab. "Das ist meine Frau und diese junge Dame müssen wir Ihnen ja nicht vorstellen", sprach er weiter, während Esme ihm gleich darauf ebenfalls sehr charmant die Hand reichte und dem mittelalten Mann ein Staunen ins Gesicht trieb. Sicherlich war er vollkommen verwundert darüber, wie hübsch sie waren, dass er das Mädchen für ein paar Augenblicke gar nicht beachtete. Im Grunde war ihr das auch egal, sie mochte ihn und seine gierigen Blicke nicht und das würde sich auch heute nicht ändern. Etwas verloren überbrückte Sofia den unangenehmen Moment damit, intensiv auf ihre Schuhspitzen zu stieren. Dieser Tag würde eine absolute Katastrophe werden! "Ach Sofia", ertönte da plötzlich eine sehr bekannte Stimme und überrascht ob ihrer namentlichen Ansprache hob sie den Kopf. Mister Lees Blick hatte sich direkt auf sie gerichtet und er schien für einen Moment überlegen zu müssen, was er ihr tatsächlich zu sagen hatte. Was sagte man einem Mädchen, was vor ein paar Wochen den Vater verloren hatte? "Du wirst immer größer, Mädchen". Das war also seine Wahl gewesen? Skeptisch beäugte sie ihn, sie war noch nie die größte Person gewesen und im Vergleich zu anderen Mädchen in ihrem Alter eher klein und zierlich."Und deine Haare...unfassbar. Du siehst immer mehr aus wie deine Mutter". Getroffen blinzelte sie ihn an, war das sein verdammter Ernst?! Für einen Moment fing sie Carlisles alarmierten Blick auf, ihm schienen die Kommentare ebenfalls nicht sonderlich geeignet zu erscheinen. Aber sie hatte es ihnen ja gesagt...sie hatte von Anfang an nicht herkommen wollen und Mr. Lee machte die ganze Sache nicht besser. Es folgte ein peinlich berührtes Schweigen, welches selbst dem älteren Herrn irgendwann zu drückend wurde. "Ich kenne sie schon mein Leben lang. Ich weiß noch genau wie die Kleine zum ersten Mal diese Treppen hier hochgekrabbelt ist. Gefühlt hatte sie nur drei Haare auf dem Kopf und ihre Mutter hat sie immer sehr adrett gekleidet. Hübsche rosa Kleider und sowas", wandte er sich nun an Carlisle und Esme, die charmant lächelten um ihm nicht vor den Kopf zu stoßen. Innerlich wurde Sofia allerdings ziemlich sauer, musste er nun unbedingt die alten Geschichten auspacken? "Das ist schon ewig her", meldete sie sich zum ersten Mal zu Wort und er nickte eifrig. "15 Jahre...so lange ist das nicht her, Kleine", antwortete er und schnalzte kurz mit der Zunge. Langsam schien er zu bemerken das er emphatisch gesehen nicht den richtigen Weg eingeschlagen hatte, also versuchte er sich an einem Kompliment, was äußerlich betrachtet allerdings eher einer schmierigen Bemerkung glich.  "Aber mittlerweile bist du ja auch in einem Alter, indem man dich öffentlich bewundern darf, was"?! Er zwinkerte und Sofia verdrehte die Augen. Er war ekelhaft. Carlisle war es, der sich schlussendlich in ihr Sichtfeld schob, vielleicht auch um sie etwas vor den Kommentaren des Mannes zu schützen. "Wollen wir dann reingehen"?, fragte er freundlich und Mr. Lee nickte daraufhin energisch. "Natürlich, Sofia kennt sich ja aus", war alles was er sagte und gab den Weg frei.

Über die Schwelle zu treten fühlte sich seltsam an. Beinahe so, als würde sie nach Hause kommen. Selbst der Geruch war noch der selbe. Es schmerzte ihr, dass es nun das letzte Mal sein würde, dass sie sich hier frei bewegen würde. Ab heute würde sich dieses Kapitel schließen und nichts mehr würde an sie erinnern. Ihre Familie war Geschichte. Das tat weh. Während Carlisle mit Mr. Lee ins Wohnzimmer ging, blieb Sofia plötzlich im Gang stehen, kaum war sie zwei Schritte hinein gegangen. Sie konnte das nicht, sie war zu schwach dafür. Sie war nicht geschaffen für Mr. Lees Anspielungen und die Konfrontation, die sie mit all den Erinnerungsstücken verband. "Ist schon gut", flüsterte Esme beruhigend die dicht hinter ihr stand und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie hatte ihr Versprechen gehalten und wich keinen Schritt von ihr. "Du hast es bald geschafft, du machst das toll", ermutigte sie weiter, aber Sofia wollte das nicht hören. Ihrer Meinung nach verlief dieser Morgen alles andere als toll. Schweren Herzens schlich sie weiter durch die Wohnung und erkannte dann Carlisle auf dem Sofa sitzen, während Mr. Lee ihn weiterhin mit irgendwelchen Geschichten unterhielt. Schwermütig strich sie mit ihren Fingern über den Stoff der Couch und fühlte ihn so dermaßen intensiv auf ihrer Haut brennen, dass es schmerzte. Es würde alles das letzte Mal sein, ausnahmslos alles. Ein wenig verloren sah sie sich um, bemerkte den Blick ihres alten Vermieters und auch die ihrer Pflegeeltern, doch sie konnte nicht verhindern das sie vollkommen überfordert mit der Situation war. Was sollte sie denn mitnehmen? Wieviel durfte sie denn mitnehmen? Wieviel Zeit hatte sie dafür? Über ihrem blonden Kopf ploppten so viele Fragezeichen auf, dass alle es in dem Raum bemerken mussten. "Liebes, wollen wir in deinem Zimmer anfangen“?, formulierte Esme anregend und ihr goldener Blick haftete wohlwollend auf ihr, während Mr. Lee eher nervös auf seine Armbanduhr schielte. Aber das bekam sie nur am Rande mit, im Grunde war es ihr tatsächlich auch egal. „Na gut, dann kann ich es dir ja auch mal zeigen“, meinte sie eher weniger begeistert und sie wanderte daraufhin den Gang hinunter und legte zaghaft die Hand auf den Türknauf. Ob sie das wirklich nochmal sehen wollte?

Ohne es wirklich zu realisieren öffnete sie die Tür und gab den Blick auf ein rosa Mädchenzimmer frei. Es war sogar relativ ordentlich, wenn man von der einen oder anderen Sache absah und den Staub ignorierte, der sich in den letzten Wochen auf ihren weißen Möbeln abgesetzt hatte. Man sah dieser Wohnung an, dass seit Wochen niemand hier gewesen war. „Ein Traum in Rosa“, ertönte Esmes Stimme und sie lächelte dabei so aufmunternd, dass Sofia sich auch an einem Lächeln versuchte. Sie mochte ihr Zimmer wirklich auch. „Alice würde das auch gefallen. Glaub mir, sie hat einen Fimmel für Inneneinrichtung“. Wahrlich interessiert trat die brünette Frau in den Raum und faltete den Umzugskarton zusammen, während ihre goldenen Augen immer wieder über die Wände strichen. Für sie war es wahrlich interessant zu sehen, wie die Generation des neuen Zeitalters ihre Häuser einrichtete. Wann hatte sie schon Gelegenheit hinter die Kulissen zu schnuppern? "Ich dachte, Alice hat einen Fimmel für Shopping", antwortete Sofia wenig begeistert und Esme schmunzelte daraufhin. "Auch. Ich würde sagen sie mag alles was schön und mädchenhaft ist". Wieder glitt ihr Blick durch den Raum und blieb auf einem Foto hängen, welches in einem silbernen Bilderrahmen auf dem Schreibtisch stand und ziemlich prominent wirkte, weil es das einzige auffällige Teil auf dem Möbelstück war, wenn man von all den Schulsachen und Stiften absah, die ordentlich dort verweilten. "Ist das dein Vater"?, fragte Esme weiter und ihre Finger griffen nach dem Rahmen um sich dem Bild näher zu besehen. Ihr reichte ein einziger Blick aus um zu verstehen, über welches Bild sie sprach. Es zeigte sie freudestrahlend vor einer großen Schokoladentorte mit bunten Streuseln und einer großen fünfzehn, während sie in den Händen Wunderkerzen hielten und er ihr einen Kuss auf die Wange hauchte. Sie hatten an diesem warmen Sommertag nicht geahnt, dass es der letzte gemeinsame Geburtstag sein würde. "Ja", hauchte sie betrübt und nahm es ihr aus der Hand, um es wieder auf den richtigen Platz zu stellen. Es erschien ihr falsch, es einfach aus der Umgebung zu reißen. "Willst du es denn nicht mitnehmen"?! Esme klang schockiert als sie das sagte, doch Sofia reagierte kaum. Was machte das denn alles für einen Sinn? Wäre sie nur lieber im Auto sitzen geblieben. Sie hörte, als Esme bedächtig seufzte und dann vorsichtig ihre Arme um sie legte. "Liebes, pack die Bilder wenigstens in den Karton. Du kannst sie dir ansehen, wenn du soweit bist. Aber glaube mir, es ist ein Fehler sie hier zu lassen und du würdest es früher oder später ganz furchtbar bereuen".  Zu ihrer Überraschung regte sich Sofia nicht wirklich in ihren Armen, spürte sie einzig ihren warmen Atem an ihrer Brust. Langsam begann sie zu zweifeln, ob es wirklich richtig war sie hierher zu bringen.

"Ich weiß nicht was ich machen soll", hauchte sie plötzlich tonlos und in ihren Augen sammelten sich Tränen. Sie war so furchtbar überfordert mit dieser Situation. "Was meinst du"? Esme versuchte Blickkontakt aufzunehmen, scheiterte allerdings kläglich an der abweisenden Geste ihrer Pflegetochter, weswegen sie ihr stattdessen immer wieder beruhigend über den Rücken strich und sie sanft an sich drückte. "Ich weiß nicht was ich mitnehmen soll. Es gehört doch alles hierher, wenn ich es mitnehme, dann ist es nicht mehr das selbe".
-"Das ist doch nicht wahr. Die Fotos sollen dich an schöne Zeiten erinnern, Schatz. Mach dir keinen Kopf, du darfst alles mitnehmen was du möchtest, immerhin sollst du dich wohl bei uns fühlen. Aber ich rate dir wirklich diese Fotos wenigstens einzupacken". Esme wusste wie schnell Erinnerungen wirklich verblassen konnten, auch wenn sie Sofia zur Bestärkung etwas anderes eingeredet hatte. Irgendwann würde sie es schmerzlich bereuen, wenn diese Bilder erst einmal auf der Mülldeponie gelandet wären. "Und wenn du dich unwohl bei uns fühlst weil deine Wände zu kahl sind, dann streichen wir sie dir gerne rosa. Nimm mit was du magst, Liebes. Es ist deine letzte Möglichkeit hier. Es tut mir Leid aber du musst dich entscheiden". Esme hatte geahnt das Sofia dem Druck hier nicht standhalten konnte, egal was Carlisle gesagt hatte. Es war wohl einfach noch zu frisch sie mit derartigen Dingen zu konfrontieren und innerlich tat es ihr furchtbar leid sie so leiden zu sehen. Dieses kleine Mädchen war wahrlich gezeichnet durch das Leben. "Und wenn ich etwas vergesse"?, warf sie plötzlich ein und innerlich machte sie sich eher darüber Sorgen, nicht genügend Zeit für all das hier zu haben. Sie arbeitete unter solchem Druck furchtbar schlecht. "Du musst dich nicht beeilen. Schau dir alles ganz in Ruhe an und nimm das mit, was dir wichtig ist", bestärkte Esme und behielt das Mädchen noch ein paar Minuten in den Armen, während sie leise schluchzte und sich an ihren harten Körper klammerte. "Willst du dich vielleicht alleine umsehen"? Esmes Vorschlag wirkte auf sie im ersten Moment vollkommen absurd und beängstigend, doch eigentlich hätte sie so Zeit sich ein letztes Mal von alldem hier zu verabschieden. Manchmal fühlte sie sich nämlich ein wenig ZU beobachtet. "Wenn du nichts dagegen hast", antwortete Sofia ein paar Augenblicke später und löste sich quälend langsam von ihrer Pflegemutter. Sie war wirklich froh, manchmal waren Esmes Ratschläge gar nicht so schlecht. "Ich warte im Wohnzimmer", flüsterte sie und strich ihr ein letztes Mal über den Kopf, ehe sie sachte die Zimmertür schloss und verschwand.

Ganz alleine zu sein fühlte sich nicht ganz so schlimm an wie sie befürchtet hatte. Ein wenig verloren blickte sie sich um und erkannte, dass es eigentlich genauso war wie früher. Damals, da war sie auch oft alleine gewesen und hatte sich nicht vor Angst unter der Bettdecke verkrümelt. Ein wenig wehmütig setzte sie sich auf die Kante ihres alten Bettes und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Vielleicht sollte sie all die Bilder wirklich mitnehmen, sie müsste sie ja nicht sofort aufstellen und sich jeden Tag damit quälen. Relativ entschlossen also packte sie den silbernen Bilderrahmen mit spitzen Fingern und legte ihn vorsichtig in den Karton, während sie penibel genau darauf achtete das Glas nicht zu zerkratzen. Ihr Vater hätte dieses Bild sicherlich auch mitgenommen und es nicht auf dem Müll verrotten lassen. Und gerade weil sie dieser erste Schritt ein wenig erleichterte, fischte sie auch nach den losen Bildern ihrer Freunde um sie in Sicherheit zu wissen und nach ihrem Tagebuch, dem Innenleben ihrer Seele. Sie hatte sich oft damit auseinander gesetzt, wenn sie am Abend Zeit zum Nachdenken gehabt hatte. Sie hatte den Ballast des Tages in den schmalen Zeilen abwerfen können und sich danach meist besser gefühlt, dieses Buch dürfte niemals in falsche Hände geraten. Durch die Tür hörte die Stimmen und kam zu dem Entschluss, dass Mr. Lee mittlerweile neue Opfer gefunden hatte, denen er alte Kamellen aufs Auge drücken konnte. Carlisle und Esme mussten sich sicherlich eine Menge anhören, aber theoretisch hatte sie sie ja vorgewarnt und sie hatten trotzdem herkommen wollen.
Der Karton füllte sich langsam aber sicher mit mehr oder weniger wichtigen Dingen und Sofia hatte sich kurzerhand dazu entschlossen, auch ein paar alte Klamotten mitzunehmen und die Lichterketten, mit denen sie am Abend immer eingeschlafen war, weil sie sich in der Dunkelheit so unwohl gefühlt hatte. Das störte sie auch bei den Cullens und sie hatte manchmal das helle Zimmerlicht angemacht, wenn sie sich Schatten am Fenster eingebildet hatte. Am Morgen war das Licht allerdings immer aus gewesen und manchmal fragte sie sich, ob sie in der Nacht nach ihr gesehen, oder eine integrierte Zeitschaltuhr in ihrem Stromkreis hatten. Der Gedanke, dass sie nach ihr sahen ließ sie sich allerdings etwas unwohl fühlen. Immerhin war sie kein kleines Kind mehr und im Schlaf vollkommen anderen Blicken ausgesetzt. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, ob sie vielleicht insgeheim am Daumen nuckelte oder wirre Sätze sprach wenn sie träumte. Ihr Vater hatte es einmal angedeutet.
Sie schüttelte diesen Gedanken mit einer unwirschen Bewegung ihres Kopfes ab und durchforstete mittlerweile ihre Kommode nach anderen Dingen, die ihr irgendwie nützlich erschienen und mit denen sie sich die Zeit bei den Cullens irgendwie vertreiben könnte. Manchmal war es ihr furchtbar langweilig, sie hatte das nur noch nie angesprochen und höchstwahrscheinlich würde sie dies auch nicht, um unnötigen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Vor allem Carlisle schien nie irgendetwas einfach so hinzunehmen und Sofia fühlte sich bei ihm immer genötigt, sich irgendwie zu erklären. Auf eine ganz komische Art und Weiße.

Sofia füllte die Kartonage beinahe randvoll, ehe sie sich wieder zurück auf die Bettkante setzte und durch den Raum sah als würde sie erwarten das jeden Moment ihr Vater durch die Tür spazieren könnte. Es war schon irgendwie ernüchternd zu wissen, dass diese Menschen im Wohnzimmer nur darauf warteten, bis sie sich endlich aus dem Staub machen würde. Vor allem Mr. Lee machte einen sehr seltsamen Eindruck, so wie er dort draußen ständig auf seine silberne Armbanduhr starrte. Schwermütig strich Sofia über die Bettdecke und erhob sich von der Matratze, um noch in der restlichen Wohnung nach Dingen zu suchen die sie gerne mitnehmen würde und entdeckte noch an der Tür den kleinen Stoffhasen an ihrem Kopfkissen lehnen. Ihre Mutter hatte ihn ihr damals gekauft, als sie ihr so kinngerecht wie möglich erklärt hatte, dass sie bald bei den Engeln über sie wachen würden. Mathilda, so wie der kleine weiße Hase mit den Schlappohren hieß, sollte symbolisch für sie als Beschützer fungieren und hatte es auch all die Jahre hinweg getan. Gemeinsam mit dem Bären, der bereits im Cullenhaus auf ihrem Bett saß und sie jede Nacht in den Schlaf begleite. Wie hatte sie diesen Hasen nur vergessen können? Eilig schnappte sie nach ihm und strich für einen Moment sanft über das Fell, ehe sie ihn unter ein paar größere Dinge schob. Sie wollte vermeiden, dass die Cullens dachten sie wäre kindisch oder zutiefst sentimental. Dabei hatte dieses Stofftier sehr wohl eine große Bedeutung für sie. Wäre er auf dem Müll gelandet, hätte sie wohl nie wieder ein Auge zumachen können.

Mit ein paar flinken Bewegungen faltete sie den Karton zu und schob ihn mit den Füßen in den Flur, während Carlisle ihr mit einem aufmunterndem Lächeln den zweiten Karton reichte und verständnisvoll wieder verschwand. Er sagte nichts und darüber war das Mädchen auch ganz froh. Solange sie sie in Ruhe ließen und sie ihre volle Kraft auf ihre Konzentration legen konnte, war es nicht allzu schlimm hier zu sein.
Und so sammelte sie in de verschiedensten Räumen die Fotos von den Wänden, packte Fotobücher zusammen und steckte sich sogar zwei oder drei Kleidungstücke von ihrem Vater in den Karton, um seinen Duft zu behalten, sollten sie von ihr denken was sie wollten. Sie glaubte an solche fragwürdigen Erinnerungstücke. Ohne es zu merken verging die Zeit furchtbar schnell und irgendwann schoben sich Carlisle und Esme wieder in ihr Blickfeld. "Sollen wir das schon ins Auto tragen"?, fragte er und deutete auf die zwei vollen Kartons zu ihren Füßen. Verhalten nickte sie, sie war ohnehin fertig. "Ich schau nochmal durch", antwortete sie dankbar und Esme strich ihr mütterlich über den Arm, ehe sie ihrem Mann durch die Haustür folgte. Gerade als Sofia abermals in ihrem Zimmer angekommen war und schnell nach einer zierlichen, goldenen Halskette griff, hörte sie ein männliches Räuspern in ihrem Rücken. Überrascht wandte sie sich um und blickte direkt in Mr. Lees braune Augen. Was wollte der denn hier?! Skeptisch blinzelte Sofia ihn an, sie hatte diesen Mann schon immer als unangenehm empfunden. "Hör zu, Kleine", begann er ohne Umschweife und er lehnte die Tür soweit an, dass nur ein kleiner Spalt blieb. "Das Ganze Theater mit deinem Vater tut mir echt Leid. Aber ich muss auch an mich denken, verstehst du? Dein Vater hat im letzten halben Jahr die Miete nicht mehr regelmäßig bezahlt. Ich habe selbst nicht genug Geld um den Umstand einfach vergessen zu können". Sofias Mimik wechselte zu Verwirrung. Was wollte er ihr damit sagen? Er schien das zu bemerken, denn er seufzte schwermütig und ließ sich auf ihrem Bett nieder, was in ihrem Kopf bereits ein völlig falsches Bild ergab. Er hatte hier eigentlich gar nichts zu suchen!! "Es tut mir Leid, Sofia. Aber ich brauche 5000 Dollar von dir. Egal wie du das anstellst...ich muss meine Familie auch irgendwie finanzieren, ich denke du verstehst das".  

Das hatte getroffen. Wie sollte sie ihm denn jetzt plötzlich so viel Geld geben? Wie sollte sie das anstellen? Innerlich kroch ihr die Panik in den Magen, während die Farbe aus ihrem Gesicht wich. "Wie soll ich das denn machen"?, hauchte sie entsetzt und ihr Kopf bewegte sich ganz von allein abwehrend von links nach rechts. "Ich habe doch auch kein Geld". Höchstwahrscheinlich hatte er mit diesem Thema extra gewartet, bis Carlisle und Esme nicht in der Nähe waren. Das war gemein und perfide zugleich! Vollkommen überfordert blickte Sofia zur Tür, als würde sie hoffen das die Cullens gleich wieder kommen würden. "Es ist kein Problem wenn du es mir nicht sofort bar zurückzahlen kannst. Wir finden sicher eine andere Lösung", antwortete er mit rauchiger Stimme und kam ein paar Schritte näher, ehe er direkt vor ihr stand und auf sie hinab blickte. Mit einer schnellen Bewegung griff er nach ihrer Hand, in welcher sie noch immer die Kette hielt. "Ist das echtes Gold? Damit können wir ja anfangen", setzte er nach und vergrößerte den Druck auf ihren Fingerknöcheln bis sie geschlagen nachgab und ihre Hand öffnete. "Aber das ist meine. Nicht die Kette". In ihren Augen sammelten sich sofort Tränen, die Kette war ein Geschenk ihres Vaters gewesen. "Ruhig, Kleine. Weißt du denn, was es bedeutet Schulden zu haben? Das ist keine Kleinigkeit. Ich könnte dich sogar verklagen und dann müsstest du all die Jahre in einer Zelle absitzen, wenn du nicht zahlungsfähig bist. Willst du das? Dein Vater würde sich im Grab herumdrehen wenn es soweit kommen würde". In ihrer Angst und Unwissenheit merkte Sofia gar nicht, dass er ihr versuchte seine Meinung durch Lügen aufzudrängen, alles an ihm erschien ihr so furchtbar unangenehm und er hatte ihre Hand noch immer nicht losgelassen. Er war so ekelhaft, sie konnte seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren während seine Lippen irgendwelche abartigen Worte formten. "Reg dich nicht auf. Ich war gut mit deinem Vater befreundet, Süße. Wir finden schon eine Lösung die uns beide zufriedenstellt. Warum verbringst du nicht ein bisschen Zeit mit mir"? Hätte sie die Möglichkeit dazu gehabt, hätte sie ihm sofort über die Schuhe gekotzt, stattdessen erstarrte sie zur Salzsäule, während ihr Atem nur noch stoßweiße ging. Er war viel zu nah und wenn sie sich da gerade nicht täuschte, spielten seine Finger mit einer ihrer blonden Haarsträhnen. "Deine neue Familie muss das auch gar nicht erfahren", sprach er weiter und lächelte dabei süffisant. "Dr. Cullen erscheint mir ohnehin viel zu neugierig, mhm? Fühlst du dich überhaupt wohl dort"?!
Heiße Tränen liefen ihr über das Gesicht während die Angst ihr die Möglichkeit nahm, rational zu denken. Wie sollte sie ihm 5000 Dollar geben? "Ich...ich hab...", setzte sie stockend an und wurde jäh unterbrochen, als die Tür schwungvoll aufgestoßen wurde und Carlisle am Türrahmen erschien. Noch nie in ihrem Leben war sie so froh gewesen ihn zu sehen wie jetzt. "Gibt es ein Problem"?, fragte er in die Situation hinein, als er Sofias Tränen bemerkte.
Gerade wirkte sein Gesicht so anders, so umentspannt und ..wütend. Sofia hatte ihn so noch nie erlebt und bekam es gleich darauf mit der Angst zutun.

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Carlisle und Esme haben natürlich mitbekommen was Mr. Lee gesagt hat. Ob mit Carlisle nun gut Kirschen essen ist? Was denkt ihr?
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