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Wendungen

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Esme Cullen Jasper Whitlock Hale OC (Own Character) Rosalie Hale
02.01.2020
10.10.2020
85
279.809
30
Alle Kapitel
387 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
04.03.2020 2.351
 
Hallo ihr Lieben,
endlich wieder ein neues Kapitel. Ich hoffe es gefällt euch und ihr lasst mir fleißig Feedback da :)
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Sofia hatte sich den restlichen Abend in ihr Zimmer zurückgezogen und war auch am nächsten Morgen nicht sonderlich gesprächig. Um Carlisle und Esme nicht zu verärgern zwang sie zwar das Frühstück hinunter, doch im Grunde kreisten ihre Gedanken immer wieder sehr negativ um Mittwoch. Es würde komisch werden wieder dorthin zurückzukehren, wo ihre kleine Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen war. Sie hatte sich geschworen nie wieder so tief in ihre Vergangenheit einzutauchen und nun stellte Carlisle sie wieder vor vollendete Tatsachen. So wie er es eigentlich immer tat, wenn es schlechte Nachrichten gab, dann waren sie von ihm. Sofia kam nicht umhin ihn deswegen irgendwie als unsympathisch zu empfinden und sie dachte ja im Moment auch überhaupt gar nicht daran, dass er für all das Chaos am wenigsten dafür konnte. Sicher meinten sie es gut mit ihr, wollten ihr die Chance geben all die kostbaren Habseligkeiten mitzunehmen bevor sie auf dem Müll landen würden. Trotzdem hätte sie gerne selbst entschieden, wann sie sich dieser Konfrontation stellen würde. Das Wissen, dass nun fremde Menschen in ihre Wohnung eindringen wollten und der Vermieter Druck machte, vereinfachte die Sache nicht sonderlich. Sie überkam das ungute Gefühl, dass man hier ständig über ihren Kopf hinweg bestimmte und sie zu Dingen zwang, für die sie sich nicht bereit fühlte. War das fair?

Der Mittwoch kam viel zu schnell und Sofia hatte sich innerlich noch immer nicht damit abgefunden nun auch den letzten Teil der letzten fünfzehn Jahre zu löschen. Sie hatten dort schon immer gelebt, selbst als ihre Mutter noch nicht erkrankt war. Als ihr Leben noch gänzlich unbeschwert war, sie waren so glücklich gewesen. Verwunderlich war es also, was all die Jahre mit ihr und ihrer Familie gemacht hatten. Sofia hätte sich niemals erträumen lassen das sie jemals Vollwaise werden würde und nun lebte sie bei einer reichen Familie in einer völlig fremden Stadt, das Leben war unvorhersehbar. Vielleicht hatte es eine unsichtbare Instanz es ja auch auf sie abgesehen, auf ihre gesamte Familie? Vielleicht würde sie auch bald sterben? In dunklen Momenten war der Gedanke an die erlösende Ruhe furchtbar tröstlich. Dann würde sie sie alle wieder sehen und der unfassbare Schmerz in ihrer Brust würde endlich aufhören zu pochen. Ob es noch jemanden gab, der um sie trauern würde? Der Blumen an ihr Grab legen würde? Die Cullens vielleicht? Skeptisch warf Sofia einen Blick auf Carlisle Hinterkopf, der seinen Mercedes ruhig über die Straße lenkte und ihren Missmut vorerst akzeptierte. Esme hatte versucht sie mit ein paar tröstenden Worten von ihrer Angst abzulenken, doch all ihre lieb gemeinten Floskeln prasselten an ihrer Fassade ab wie falsch gelenkte Pfeile. Nichts in der Welt würde ihr in diesem Moment helfen können, sich in dieser Situation besser zu fühlen. Absolut nichts.
Und so vergingen die zwei Stunden Autofahrt schweigend, irgendwann hatte sie ihre aufrechte Haltung aufgegeben und sich mit dem Kopf an die getönte Scheibe gelehnt, während die Landschaft in bunten Schatten an ihnen vorbei rauschte. Carlisle fuhr bedächtiger und vorsichtiger als Edward und Emmett, weswegen sie sich dazu entschlossen hatte ihm einen ganz kleinen Funken Vertrauen entgegenzubringen und nicht ständig aus der Windschutzscheibe zu starren um einen potenziellen Unfall vorherzusehen. Seit dem Unfall mit ihrem Vater fuhr sie nicht gerne Auto und weigerte sich vehement, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Wenn sie könnte, würde sie nie wieder in ein Auto steigen. Aber das schien fast unmöglich. Die Angst blieb trotzdem und ihre Angespanntheit auch.

Nach etwa zwei Stunden lenkte Carlisle das Auto in eine kleinere Stadt und von nun an erkannte sie jede Ecke wieder. Den kleinen Laden in welchem sie immer die notwendigen Lebensmittel eingekauft hatte um für ihre Mahlzeiten zu sorgen. Jack, der alte Besitzer des Ladens, hatte ihr ab und zu ein Eis geschenkt und ihr die vollgepackten Tüten in den Fahrradkorb gestellt wenn er nicht allzu viele Kunden gehabt hatte. "Grüß deinen Vater von mir", hatte er ihr immer hinterher gerufen und darauf geachtet, dass sie ihren Helm trug. Anscheinend hatte er das ihrem Vater versprochen.
Der halbwegs moderne Sportplatz erstreckte sich in grünen Farben neben der Sporthalle, in welcher Sofia wöchentlich trainiert hatte und sich gut dabei gefühlt hatte. Dort hatte es kein Mädchen wie Lola gegeben, die so offensichtlich gemein und arrogant gewesen war. Sie hatten sich alle verstanden und sich gegenseitig geholfen. Hinter der Halle erstreckte sich ihre alte Schule und Sofia wusste, dass ihre alten Freunde um diese Uhrzeit im Unterricht sitzen mussten. Ob sie manchmal an sie dachten? Sie war dort ebenso spurlos verschwunden wie aus dem Rest ihres Lebens, sie hatte ihr komplettes Leben verloren. Einfach so, urplötzlich. Das tat so unfassbar weh. "Sofia, ist alles in Ordnung"?, fragte Esme da plötzlich in die Stille hinein und das Mädchen zuckte unmerklich zusammen. Apathisch wandte sie den Kopf vom Fenster ab und bemerkte erst jetzt, dass sie eine flache Hand auf die Scheibe gepresst hatte, als könnte sie all die Erinnerungen damit für einen Moment pausieren. Sie fuhren schon über die kleine Brücke über den Fluss, in weniger als zwei Minuten würden sie da sein. "Ja", hauchte sie bedrückt und versuchte mit dem Stoff ihrer Jacke ihren Handabdruck von der Scheibe zu wischen. "Tut mir Leid". Sie konnte noch nicht gänzlich abschätzen, wie penibel die Cullens mit ihren Autos waren. Immerhin erschienen sie ihr alle ziemlich teuer und protzig, da wollte man sicher keinen fettigen Handabdruck auf der Scheibe haben. Aber so war das ständig bei den Cullens, sie hatte Angst etwas dreckig oder kaputt zu machen. Ihr Haus wirkte so rein, ihre Klamotten so edel, sie bewegten sich als würden sie schweben und manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie viel lauter war als sie. Ihre Schritte waren schwerer und ihre Bewegungen nicht ganz so flüssig. Manchmal war das ziemlich ernüchternd. "Liebes, schluck bitte nicht immer alles runter. Du kannst doch mit uns reden, mhm"? Esme wandte sich etwas auf ihrem Sitz um, damit sie zu ihr nach hinten sehen konnte. "Du bist nicht mehr alleine".

Das sagten sie immer. Aber verstanden sie nicht, dass sie nicht reden wollte? Langsam wurde ihr all das viel zu viel, war es nicht in ihrem Ermessen wann und ob sie sprechen wollte? Es war nicht fair sie ständig zu Dingen zu drängen, die für sie eine unüberwindbare Hürde darstellten. Aber anscheinend schienen weder ihre Pflegeeltern noch Dr. Bell darauf Rücksicht nehmen zu wollen. Und so mied sie Esmes Blick, bis Carlisle plötzlich den Motor abstellte und wohl oder übel darauf verzichtete ihr zu sagen, dass sie da waren. Sofia kannte sich hier bestens aus, bewegte sich allerdings trotzdem nicht von der Stelle. Selbst dann nicht, als Esme und Carlisle aus dem Auto stiegen und etwas auf dem Kofferraum zu holen schienen. Sofias Blick war stur geradeaus gerichtet und ihre blauen Augen fixierten das Wohnhaus als würde sie es zum ersten Mal sehen. Es hatte sich nicht verändert, alles war genau gleich. Der kleine Vorgarten vor der weißen Fassade mit den dunklen Balkonen, die Hausnummer 25 in geschwungenen Lettern und die Parkplätze direkt vor dem Haus. Fast fühlte es sich so an, als würde sie endlich wieder nach Hause zurückzukehren. Aber eben nur fast, denn sie wusste das es nie wieder so sein würde wie früher.
Langsam kroch ihr die Panik in die Glieder und schien das Areal für logisches Denken in ihrem Gehirn auszuknocken. Das Esme sich zu ihr auf die Rückbank gesetzt hatte, bemerkte sie erst als fremde Finger ihren Sicherheitsgurt lösten. "Ich kann das nicht", flüsterte sie tonlos und kämpfte gegen die Tränen an, die in ihren Augen brannten. Sie wollte nicht schon jetzt vollkommen aufgelöst sein, noch war nichts passiert. "Manchmal kann es auch heilsam sein, mit etwas abzuschließen, Süße. Danach wirst du dich besser fühlen, aber dafür musst du den Schritt auch wagen". Bedächtig strich Esmes kühle Hand durch die blonden Haare. "Du solltest die Möglichkeit nutzen all das mitzunehmen, was dir etwas bedeutet. Dann kann es dir niemand mehr wegnehmen". Keine Vorstellung war schlimmer als jene, all die Gegenstände die ihr am Herzen lagen auf einer Mülldeponie zu vermuten. All die Fotoalben zum Beispiel, die Beweise das ihre Eltern tatsächlich einmal gelebt hatten und nicht nur blasse Schatten ihrer Erinnerung waren. Aber so war es, richtig? Nach heute würde es keine Anhaltspunkte mehr für ihre Existenz geben. "Du verstehst das nicht", schnappte Sofia aufgelöst und duckte sich unter Esmes Hand weg. "Was verstehe ich nicht, Sofia"?, fragte ihre sanfte Stimme nach und sie lehnte sich mit ihrer Schulter so gegen die Sitze, dass sie einen guten Blick auf ihre Pflegetochter hatte und diese sich irgendwie in ihrer Fluchtmöglichkeit beschränkt fühlte. "Alles", antwortete sie trotzig und blickte absichtlich auf ihren Schoß. Sie wollte sich nicht bedrängen lassen. "Dann erkläre es mir. Sag mir, wovor du Angst hast. Dann kann ich dir helfen". Esmes Stimme wurde fordernder und Sofia schüttelte mutlos den Kopf. Ihr würde niemand helfen können, die Cullens konnten das doch am wenigstens nachvollziehen. Sie hatten eine perfekte Familie, ein schönes Haus, viel Geld und einiges an Ansehen. Sie hatten niemanden verloren, trotzdem wurden sie nie müde ihr dumme Ratschläge zu unterbreiten als hätten sie darin mächtig viel Erfahrung.

"Ich gebe heute einfach mein Zuhause auf, Esme", flüsterte sie tonlos und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen, als sie die warme Nässe doch auf ihrer Haut spürte. "Ich kann dann nie wieder zurück. Die letzten Jahre landen einfach auf dem Müll".  Sie mochte sich gar nicht vorstellen welche Art von Mensch dort als nächstes einziehen würde und all die Erinnerungen nicht einmal zu schätzen wusste. "Sie landen doch nicht auf dem Müll, Liebes. Wie kommst du denn auf sowas"? Vorsichtig rückte Esme ein Stückchen näher, ließ dem Mädchen allerdings noch genügend Platz um sich nicht ernsthaft bedrängt zu fühlen. "Weißt du noch, was ich dir über die Erinnerungen in deinem Herzen erzählt habe? Dort sind sie verschlossen und niemand wird sie dir rauben können. Und wenn du dich dazu entschließt, wieder eine Erinnerung zuzulassen, dann kannst du beliebig darauf zugreifen und sie auch wieder verstauen. Wie in einer unsichtbaren Tasche. Aber Erinnerungen sind nicht nur an einen einzelnen Ort gebunden. Sie leben auch so weiter". Bedächtig strich sie ihr die Tränen vom Gesicht und Sofia ließ das zu. Manchmal war sie froh darüber, dass Esme nicht immer locker ließ und doch mit ihr sprach. Meistens waren ihre Worte unheimlich tröstlich, auch wenn sie dies niemals so offen zugeben würde. "Ich habe aber immer gehofft wieder nach Hause zu können. Kannst du das nicht verstehen? Ich habe mich hier wohl gefühlt. Forks ist mir so fremd". Verstehend nickte Esme, dieses Gefühl würde sie ihr nicht nehmen können. Doch insgeheim wusste sie, dass die Zeit auch diese Wunde heilen würde. Der Mensch war ein Gewohnheitstier und Sofia würde den Schmerz irgendwann verkraften, wenn sie sich endlich helfen lassen würde. "Wir arbeiten dran", flüsterte sie leise. "Ich würde mich freuen wenn du dich bei uns irgendwann auch wohl fühlen würdest". Esme hatte mit allem gerechnet, mit jeder erdenkbaren Reaktion. Mit Wut, Hass, Unverständnis oder Verwirrung. Aber das Sofia sich freiwillig in ihre Arme rettete war neu. Sie spürte ihre Wärme an ihrem kalten Körper und zog sie schützend in eine Umarmung. "Das ist erst deine dritte Woche bei uns, Liebes. Es kann nicht alles sofort perfekt sein und du bekommst von uns jede erdenkliche Zeit die du brauchst um all das zu verarbeiten. Du bist nicht alleine, mhm"? Liebevoll wiegte sie das Mädchen hin und her und warf unauffällig einen Blick aus dem Fenster zu Carlisle. Er wartete geduldig vor dem Auto und hielt die beiden Umzugskartons in seiner blassen Hand. "Und weißt du noch was"?, flüsterte Esme ihrer Pflegetochter leise ins Ohr die sich plötzlich regte und umständlich zu ihr nach oben sah. "Ich bin richtig gespannt wie dein Zimmer aussah. Willst du mir es nicht zeigen"? Große blaue Augen starrten sie von unten herauf an und schienen zu überlegen. Sie wusste, dass sie sie damit locken könnte. Kinder blieben Kinder, selbst wenn Sofia mit ihren fünfzehn Jahren nicht mehr ganz so klein war. "Ich weiß gar nicht ob es aufgeräumt war, als wir damals gegangen sind. Ich glaube nicht", flüsterte sie und Esme grinste daraufhin. "Das ist mir egal, Süße. Ich bin trotzdem gespannt. Ich wette deine Wände waren auch weiß, wie bei uns", fing sie an sie abzulenken und spürte Sofias Schmunzeln an ihrer Brust. "Nein", antwortete das Mädchen verlegen und ihre Wangen färbten sich etwas rötlich. "Rosa". Sie hatte tatsächlich ein richtiges Mädchenzimmer gehabt, bei den Cullens wirkte alles so steril. Vielleicht fühlte sie sich deswegen nicht so wohl.

"Ein Prinzessinenzimmer, da lag ich wohl gänzlich falsch eure Hoheit", seufzte Esme gespielt tragisch und wiegte das Mädchen noch eine Weile Hin und Her, ehe sie langsam aber sicher ihre Umarmung lockerte. Sofias Tränen waren getrocknet und Esme ahnte, dass der Vermieter bereits warten musste. So viel Zeit konnten sie ihm beim besten Willen nicht abverlangen. "Sollen wir jetzt mal schauen gehen? Was meinst du"? Sofia zögerte, nickte aber dennoch langsam und löste sich selbstständig von Esme. Sie hatte ja ohnehin keine Wahl, wenn sie ihre Herzstücke vor der Mülldeponie retten wollte. Die brünette Frau rutschte galant aus dem Wagen und hielt schlussendlich ihrer Pflegetochter die Tür auf. "Aber ihr kommt mit"?, fragte Sofia nochmals unsicher nach und in ihrem Blick lag so viel Angst, dass es den Cullens schmerzte. "Natürlich, Liebes. Versprochen", antwortete Carlisle und Esme hielt ihr zur Bekräftigung ihre blasse Hand hin. "Wir lassen dich nicht alleine. Hab keine Angst".  

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Was meint ihr? Wird Sofia einen Fuß in die Wohnung setzen oder doch noch Panik schieben und davon laufen?
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