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Jede Woche eine neue Geschichte

von Eiche
Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / Gen
01.01.2020
09.05.2020
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01.01.2020 2.023
 
Mein Beitrag zu dem Projekt Wochen-Challenge.
Ein schönes neues Jahr 2020 und viel Spaß beim Lesen!


Für Kalenderwoche 01 im Jahr 2020:
Lag es an ihr/ihm oder waren da wirklich versteckte Botschaften in dem Feuerwerk?




Ein Knall. Warum müssen sie jetzt schon wieder damit anfangen? Es ist doch noch nicht einmal der einunddreißigste. Feuerwerk in einer Nacht reicht doch. Es ist sowieso total umweltschädlich. Ich frage mich, warum es nicht schon längst verboten wurde. Ich seufze. Ja, eigentlich habe ich das Schauspiel immer gemocht. Ich hatte so viel Spaß, zusammen mit meinem Vater.

Nein, denke nicht daran. Nicht jetzt. Ich setze mich aufs Sofa und nehme mein Buch. Doch gleich lege ich es wieder weg. Ich kann mich sowieso nicht auf die Geschichte konzentrieren. Also sitze ich nur da und starre ins Leere.


Mein Leben hat allen Sinn verloren, seit diesem Tag. Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen. Seit er weg ist habe ich nicht mehr gelacht, war nicht mehr glücklich. Warum lebe ich eigentlich noch? Weil ich Mutter nicht wehtun kann? Vermutlich. Aber ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht, wie ich weiterleben kann. Weiterleben ohne ihn. Was soll ich nur tun?


Seufzend schalte ich den Fernseher an. Ich bin so am Ende. Am liebsten wäre mir, dieser Tag wäre vorbei. Und der folgende, und auch der darauf folgende. Ich wünschte, all diese Tage wären vorbei, all die traurigen. Ich will vorspulen, vorspulen, bis es wieder Glück in meinem Leben gibt. Vorspulen, bis ich wieder lachen kann, bis ich mein Leben wieder genießen kann. Aber werde ich das je? Werde ich je über seinen Tod hinwegkommen? Und was wenn nicht? Werde ich dann erst in meinem eigenen Tod wieder Freude finden.
Ich bin kurz davor zu schreien. Ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Ich will das nicht mehr, will dass der Schmerz aufhört. Ich will nicht mehr weinen, ich will nicht mehr wach im Bett liegen und mich fragen, ob es eine Zukunft gibt. Ich will einfach nicht mehr.
So oft denke ich zur Zeit an den Tod. Meine Schwester meint, das wäre normal, aber ich bin mir da nicht mehr so sicher. Ich glaube nicht, dass sie mich wirklich versteht. Er war ihr nie so wichtig wie mir. Damit will ich nicht sagen, sie hätte ihn nicht geliebt, aber sie war Mutter immer besonders nahe, während mir mein Vater alles war.
Er war der einzige, dem ich wirklich vertraut habe. Der einzige, der mich trösten durfte. Der einzige, der mich immer ganz verstanden hat. Er hat mich immer ernstgenommen, immer mit mir gesprochen wie mit einer Erwachsenen. Auch als ich noch ein kleines Kind war.
Wie sehr ich seine Umarmung vermisse. Wo ist er jetzt? Ich brauche ihn doch so sehr.


Vater, wo bist du? Wohin bist du gegangen? Siehst du nicht, dass ich weine? Warum kommst du nicht um mich zu trösten? Wo bist du? Ich schreie nach dir, aber du kommst nicht. Siehst du nicht, dass ich am Ende bin? Ich will, dass du kommst und mir Hoffnung und Mut gibst. Will dass du mir sagst, was ich tun soll. Gib mir einen Rat. Wie geht es weiter? Wem kann ich vertrauen? Wo bist du?
Ich brauche dich doch. Verdammt ich brauche dich. Du fehlst mir. Jeden Moment denke ich, du stehst hinter mir, habe das Gefühl, dich zu hören. Aber dann drehe ich mich um und es ist niemand da. Warum kannst du nicht wiederkommen. Wohin bist du gegangen.
Warum muss es so etwas wie den Tod geben? Warum du? Warum nur?
Hörst du mich schreien? Willst du zu mir, kannst es aber nicht? Komm zu mir, sprich mit mir, bitte. Ich vermisse dich.


Tränen laufen mir über die Wange. Ich sitze auf dem Sofa, die Beine angewinkelt, meine Hände vor dem Gesicht. Ich reiße meinen Mund auf, versuche den Schrei zu unterdrücken. Ich will die Tränen wegwischen, will aufhören zu weinen, aber ich kann nicht. Gegen meine Gefühle bin ich machtlos.

Dann ist es vorbei. Ich atme tief durch. Solche Anfälle habe ich immer wieder. Auf einmal beginne ich zu weinen und will schreien. Plötzlich kommt wieder alles hoch. Und dann kann ich nur hoffen, dass es schnell wieder vorbei ist.
Ich gehe ins Bett und wickle mich ganz fest in die Decke. Warum kann jetzt nicht jemand bei mir sein? Ich wünschte, ich müsste nicht allein sein. Aber zuhause ist meine Schwester mit ihrem Mann und ihren Kindern. Zusammen mit der Mutter meines Vaters ist das Haus voll. Und ich will nicht bei meiner Mutter sein. Meine Schwester ist viel besser darin, sie zu trösten. Ich wünschte nur, es wäre auch jemand bei mir und würde mir die Tränen aus dem Gesicht streichen. Ich habe das Gefühl, ich bin ihnen allen egal. Nicht einmal angerufen haben sie in den letzten Tagen. Als würden sie nicht an mich denken. An Weihnachten haben wir übers Telefon zwar kurz geredet, aber ich hatte auch da die ganze Zeit das Gefühl, sie wollten so schnell wie möglich auflegen.
Das letzte Mal gesehen habe ich sie alle bei der Beerdigung. Das ist jetzt auch schon wieder fast einen Monat her. Aber ich habe sowieso jegliches Zeitgefühl verloren. Zum einen zieht sich jeder Tag in die Länge, er nimmt kein Ende, zum anderen ist mir, als hätte meine Mutter erst gestern angerufen, um mir die Schreckensnachricht zu überbringen. Aber Zeit spielt keine Rolle, nichts spielt mehr eine Rolle. Alles ist egal.
Wenn ich nur mit jemandem reden könnte.


Ich verlasse das Haus. In meiner Wohnung halte ich es keine Sekunde länger mehr aus. Vermutlich werde ich die ganze Nacht durch die Stadt laufen und irgendwann morgens nach Hause kommen.
Immer wieder höre ich es krachen, aber es hat noch längst nicht richtig angefangen.
Ich gehe in ein Café, das heute Nacht geöffnet hat, und setze mich. Ich bestelle mir ein Wasser und sehe aus dem Fenster.

„Auch allein heute?“
Eine junge Frau steht vor mir.
„Darf ich mich zu dir setzen“
Sie ist ungefähr in meinem Alter. Ich bin total überrascht. Auch darüber, dass sie mich gerade geduzt hat. Sie kennt mich doch gar nicht.
Ohne auf meine Antwort zu warten setzt sie sich und redet gleich weiter.
„Mein Freund hat vor kurzem schlussgemacht. Kurz vor Weihnachten, dieser Idiot. Eigentlich wollte ich mir mit ihm zusammen das große Feuerwerk ansehen, aber das geht jetzt ja nicht. Aber Silvester allein im Haus meiner Eltern, das halte ich nicht aus.“
„Also klapperst du Cafés ab und überfällst alle Leute, die alleine sitzen?“
Sie lacht kurz.
„Natürlich nicht. Aber ich habe dich von draußen gesehen und da hast so traurig ins Leere gestarrt. Auch Liebeskummer?“
Ich schüttle den Kopf.
Was ist dann los? Du siehst so aus als wäre jemand gestorben.
„Ich will nicht darüber reden.“
Denkt diese Frau echt, ich würde ihr alles über mein Leben erzählen? Ich weiß noch nicht einmal wie sie heißt.
„Verstehe. Willst du noch mehr  trinken als dieses Wasser?“
Ich schüttle den Kopf.
„Sonderlich gesprächig bist du ja nicht. Aber vielleicht bekomme ich im Laufe der Nacht mehr aus dir heraus. Du leistest mir doch Gesellschaft?“
Ich sage nichts. Eigentlich wollte ich haute Nacht einmal über alles nachdenken, was im vergangenen Jahr, aber vor allem im letzten Monat passiert ist. Aber will ich wirklich alleine sein?
„Ist das ein Ja? Dann komm. Hier drinnen ist es viel zu still. Außerdem kann man nichts gescheites essen. Ein paar Straßen weiter ist ein tolles Restaurant. Da soll heut Nacht eine Band spielen.“
Sie steht auf. Schicksalsergeben folge ich ihr.

Im Restaurant ist es viel zu laut. Die Musik ist nach meinem Geschmack viel zu wild. Aber meiner neue Bekanntschaft scheint es zu gefallen. Zielstrebig geht sie auf einen besetzten Tisch zu, obwohl noch genug andere Plätze frei sind.
Sie überfällt die Frau, die dort alleine Sitz, wie sie es bei mir getan hat. Dann verwickelt sie sie in ein Gespräch. Mir ist das ganz recht, denn dann muss wenigstens ich nicht reden. Doch relativ bald steht die Frau auf und verlässt das Lokal.
Der Kellner kommt und die Frau bestellt für uns beide.
„Wie heißt du eigentlich? Ich bin Hanna.“
„Karola“, murmle ich.
„Höchste Zeit dich ein bisschen aufzumuntern, Karola.“
„Wie eine mit Liebeskummer benimmst du dich aber nicht.“
Ich kann ihre Freude und Leichtigkeit nicht verstehen.
„Ach, warum sollte ich traurig sein? Dieses Jahr war beschissen, das stimmt, aber es ist in wenigen Stunden zuende. Und dann fange ich von neuem an. Ich vergesse diesen dummen Typen einfach. Nächstes Jahr wird alles besser.“
Ich kann ihren Optimismus nur bewundern. Ich wünschte, ich könnte auch so über alles denken. Aber das geht nicht. Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bringen wird, aber ich bin nicht so zuversichtlich, dass das nächste Jahr besser wird.
Hanna plappert noch weiter vor sich hin, aber ich höre ihr kaum zu. Schließlich kommt unser Essen.
Vor mir wird ein Burger mit Pommes abgestellt.
„Du weißt schon, dass ich kein Fleisch esse?“
„Das hast du mir nicht gesagt.“
„Ich habe dich aber auch nicht gebeten, für mich zu bestellen.“
Sie sieht kurz auf ihren Teller, ein großes Steak liegt darauf.
„Egal, das haben wir gleich.“
Sie winkt den Kellner an unseren Tisch
„Vegan ernährst du dich aber nicht, oder?“, flüstert sie mir zu.
Ich schüttle den Kopf.
„Entschuldige, aber ich hatte einen vegetarischen Bürger für meine Freundin bestellt. Sie müssen da etwas falsch verstanden haben.“
Wie dreist sie ist. Doch der Kellner denkt, es wäre sein Fehler gewesen und entschuldigt sich nur vielmals. Zehn Minuten später steht ein neues Gericht vor mir.
Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber Hanna zuliebe esse ich ein wenig. Wo bin ich hier nur reingeraten?

„Lass uns nach draußen gehen. In zwei Stunden ist Neujahr und wir wollten uns ja das Feuerwerk ansehen.“
Du wolltest. Aber ich denke das nur, scheint so, als komme ich nicht mehr von ihr los.

„Drei, Zwei, Eins, Happy New Year“
Eine erste Rakete des großen Feuerwerks explodiert und ich stehe unter einem Goldenen Lichterregen. Hanna fällt mir um den Hals.
„Es ist wunderschön“, kreischt sie, „Ein wundervolles neues Jahr“
Dann umarmt sie den nächsten. Ich sehe zum Himmel. Es ist ein wundervolles Schauspiel. Die Farben wechseln sich ab und sind perfekt auf einander abgestimmt.


„Schön, oder.“
Mein Vater legt seinen Arm um mich.
„Ich wünsche dir ein tolles neues Jahr.“
„Ich dir auch.“
Ich lehne mich an ihn an und blicke gen Himmel. Es ist wirklich toll. Hier zu stehen, dieses wundervolle Schauspiel zu betrachten, zusammen mit der wichtigsten Person in meinem Leben. So schön.
Auf einmal verschwindet das Bild vor meinem Augen und ich stehe vor seinem Grab.


„Nein, nein, bleib, bleib bei mir.“
Die Tränen beginnen aus meinen Augen zu strömen. Ich schreie, schreie, schreie einfach nur.
„Karola, was ist. Alles gut?“
Ich öffne meine Augen. Hanna steht vor mir. Nur eine Erinnerung. Es war nur eine Erinnerung. Ich atme tief durch. Und dann sehe ich es. Ein Herz. Der rot explodierende Feuerwerkskörper sieht aus wie ein Herz.


„Woran erinnert dich das?“
„Das hier ist eine Blume, wie bei uns im Garten. Da hinten ist ein Haus. Und da fließt ein silberner Fluss.“
„Sieht es nicht eher aus wie ein Schmetterling?“


Ein Schmetterling. Das Herz verschwindet und ein großer mächtiger silberner Schmetterling erscheint am Himmel. Nur wenige Sekunden später ist er verschwunden.
Und dann sehe ich sein Gesicht. Das Gesicht meines Vaters, das sich auf einmal in Hannas Gesicht verwandelt. Und dann wieder ein Schmetterling.
Es ist, als will mein Vater mir eine Nachricht schicken. Als will er, dass ich mich an das Sylvester vor vielen Jahren erinnere. Als will er mir den Rat geben, um den ich gebeten habe. Ich muss leicht lächeln.
Bin ich die einzige, die es sieht? Scheint so. Aber jetzt weiß ich, was zu tun habe, oder was mein Vater will, das ich tue. Scheint so, als könnte ich Hanna vertrauen.
„Ist wirklich alles im Ordnung?“
Sie nimmt mich an der Hand.
„Nicht wirklich. Aber ich glaube, ich sollte dir etwas mehr über mich erzählen.“
Ich sehe noch einmal zum Himmel.


Bitte, bitte Vater, lass mich das Richtige tun.
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