Die geheime Liebe der Fräulein B.

KurzgeschichteRomanze, Tragödie / P16
Gregor Samsa OC (Own Character)
01.01.2020
01.01.2020
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Hallo!
Dies ist ein kleines Spin-Off zu Die Verwandlung. Da ich mich Herbst 2019 durch dieses Buch reichlich in Kafka und sein Werk verliebt habe, dachte ich, es verdient mal eine Ehrung von mir wie diese Geschichte.
Ich hoffe, es gefällt euch!

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Schon seit sie ihn erstmalig gesehen hatte, wusste sie, dass er ein ganz besonderer Mensch für sie war. Der damals gerade neu in die Firma eingetretene junge Mann war ruhig, sanft und gut gewesen, ein Mann, wie sie ihn sich Nacht für Nacht, wenn sie sich wachen Auges auf ihrem einsamen Lager im Nachthemd ausgebreitet hatte, das lange, offene Haar als Strahlenkranz um ihr Haupt herum gebreitet, erträumte. Ein Mann, wie sie ihn nie kennengelernt hatte, denn die Männer, die sie sonst kannte, waren nie dagewesen, oder waren sie jähzornig, gewalttätig, ja sogar teuflisch von Charakter, oftmals wahre Riesen im Verhältnis zu ihr, und sie war eine hochgewachsene Frau. Dieser Mann jedoch war nicht so, er war so groß wie sie, schaute klug durch seine Brille aus, war arbeitseifrig und klug wie sie und dazu ein Mann, der seine Ängste zwar nicht gern sah, aber dennoch zugab, der wusste, wer er war, der auch bereit war, sich unterzuordnen, wenn es sein musste, besonders, wenn eine längere Schicht in der Firma notwendig wurde. Sie sah seine Treue zur Firma sehr gern, denn sicher würde er so auch eines Tages ihr treuer Gatte sein. Für sie war das keineswegs Schwäche, sie sah darin eine schlichte Veranlagung zur Treue, die diesem Menschen innewohnte.
Anfangs war sie jedoch zugleich von ihm verschüchtert, er mochte ein guter Mensch sein, doch gab es ihrer Meinung nach nicht viel, womit man mit ihm außer des Geschäfts reden konnte. Zerstreuungen nebenbei schien er nicht nachzugehen, so wusste er auch nie von den neuesten Veröffentlichungen in der Literatur, Premieren im Theater oder Filmen im Kino, sonderlich religiös oder politisch interessiert war er auch nicht, von einer Familie sprach er nie, und wenn er von einem anderen auf dieses Thema gebracht wurde, wich er sofort aus.
Auch das weibliche Geschlecht schien nichts zu sein, wofür er sich interessierte. Fräulein B. konnte sich nicht vorstellen, wie das sein konnte, jeder hatte doch gern einen Partner oder als Mann eine Partnerin und keiner wollte allein seine Kreise durch die Welt ziehen. Kurz hatte sie überlegt, ob er nicht vielleicht einer jener Männer war, die Frauen nichts abgewinnen konnten, doch als sie eines Tages gesehen hatte, wie er, als sie gemeinsam auf ein Geschäftsessen mit der Belegschaft im Kaffeehaus waren, das Bild einer schönen Dame aus einer Illustrierten ausschnitt und in seine Tasche steckte, hatte sich ihre Meinung geändert. Offensichtlich war er doch an Frauen interessiert, nur halt…auf seine Art.
An diesem Tag hatte sie Hoffnung geschöpft. Sie hatte seine Augen gesucht, und er hatte sich ihr leicht entgegenbewegt, als sie ihm aufgefallen war, und beider Blicke hatten sich ineinander fixiert. Erstmals hatte sie es gewagt, in Gedanken die Brillengläser zu durchbrechen und sich weiter zu seinen Seelenspiegeln vorzudrängen. Und als sie es endlich geschafft hatte, hatte sie das Gefühl gehabt, einfach in der Tiefe dieses warmen Brauns zu versinken, sich in es hineinzukuscheln wie an einem kalten Winterabend in eine Sofadecke am Kamin, wobei man sich am besten noch an einem Becher warmen Punsch zusätzlich beide Hände wärmte. Ihre Blicke waren zu seinem Scheitel geglitten, seine hohe Stirn hinab und hin zu seinen kleinen Kinn und seinem kurzen Hals, was sie aber nicht weiter störte.
Sie war mit ihm bis zuletzt geblieben und hatte es tatsächlich geschafft, sich einmal mit ihm zu unterhalten. Ausnahmsweise hatte er, der sonst kein Wort zu sagen pflegte, freimütig geredet. Erst langsam, dann immer schneller hatte er es gewagt, ihr sein ganzes Leid zu klagen. Zu Hause hatte er einen Vater, der seine Firma an die Wand gefahren hatte, und eine darüber noch mehr als der Vater verzweifelnde Mutter. Um die Firma zu retten, hatte der Vater sich damals beim Chef ihrer Firma eine hohe Geldsumme geliehen. Diese konnte natürlich nun nicht zurückgezahlt werden, die Familie hatte nur wenig Geld und konnte die Ausbildung ihrer Tochter Grete, seiner Schwester, nun eigentlich nicht bezahlen. Und aus diesem Grund, allein aus diesem Grund, um die Schulden des Vaters abzuarbeiten und der Familie wieder ein besseres Leben zu ermöglichen, war er damals in die Firma eingetreten und arbeitete nun so fleißig daran, möglichst schnell wieder zu viel Geld zu kommen.
Sie hatte die Geschichte nicht nur glaubwürdig gefunden, sie hatte ihn dafür sogar bemitleidet. Das Angebot finanzieller Unterstützung hatte er abgelehnt, er war der Meinung gewesen, er schaffe das schon allein.
Dennoch hatte sie nicht aufgehört, ihn auf moralische Art zu unterstützen. Jederzeit hatte sie ihm den Partner geboten, der ihm so oft fehlte. Sie hatte begonnen, regelmäßig mit ihm zu sprechen, und sich zunehmend besser kennengelernt, war ihr ein ganz besonderer Freund geworden, und schlussendlich hatte sie sich in ihn verliebt.
Doch wie hätte sie es ihm sagen sollen? Er war ein oft einsamer Mensch, aber sollte sie sich ihm als Frau wirklich aufdrängen? Was, wenn er gar keine Frau wollte? Es sich nicht eingestehen, dass er sie brauchte? Denn sie brauchte ihn.
Zusehends bevölkerte er ihre Träume in der Nacht. Gemeinsam besuchten sie in diesen verschiedenste Orte, verbrachten schöne Stunden miteinander, sie hielt ihn fest im Arm und wand sich im Schlaf unter seinen imaginären Küssen. Sie freute sich täglich, ihn auf der Arbeit zu sehen, aber wusste nach wie vor nicht, ob sie ihm sagen sollte, dass sie ihn liebte.
Bis sie nach einer Nacht, in der sie im Rahmen eines wilden Alptraums plötzlich einen hässlichen, dreckigen Käfer anstelle eines kleinen, freundlichen Handlungsreisenden im Arm gehalten hatte, müde versuchte, während der Schreibmaschinenarbeit versuchte wachzubleiben, durch die Bürotür ihren Prokuristen zu einem Kollegen sagen hörte, er habe ebendiesen Handlungsreisenden soeben gefeuert.

Von diesem Tag an hatte sie begonnen, sich um ihn zu sorgen.
Ihre Tage waren einsam geworden, ihre Träume in der Nacht verwandelten sich in Alpträume, gefüllt von der Düsternis ihres gesamten Lebens und aller Dunkelheit, die sie im Leben ihrer Liebe befürchtete. Freudlos verrichtete sie Tag für Tag ihre Arbeit, trank bei Nacht einen Kaffee nach dem nächsten, um nicht in den Schlaf und damit in die bösen Träume zu sinken, doch dadurch war sie am Tag, bei der Arbeit umso müder und wurde auf radikale Art wieder aus dem Schlaf gerissen, als sie spürte, wie ihr schwacher Schädel mehrfach auf die Schreibtischplatte oder die Schreibmaschinentasten knallte, wonach man natürlich das angefangene Dokument nicht mehr weiterverwenden konnte. Der Prokurist der Firma hatte sie dafür mehrfach gerügt, am Schluss sogar gedroht, sie ebenso zu feuern, wie er es mit dem Mann getan hatte, den sie liebte.
Nach dieser Ankündigung und vielen Versprechungen, sich zu bessern, war sie an diesem Abend nach der Arbeit zur Wohnung ihres heimlich Geliebten gegangen.
Sie hatte geklopft, und ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren hatte die Tür geöffnet. Offensichtlich war sie die Schwester, von der ihre Liebe erzählt hatte. Sie sah verängstigt und angestrengt aus, und als sie sich als eine Kollegin des Bruders vorstellte und dass sie ihn gerne besuchen wollte. Auf diese Bitte erbleichte das Mädchen jedoch schlagartig und begann, sie aus dem Flur, ja aus dem Treppenhaus schieben zu wollen, ganz klar wollte sie sie möglichst schnell loswerden und als Fräulein B. fragte, warum sie diese Gebärden vorschob, antwortete sie stotternd: „Mein Bruder…i-ist…na ja, ziemlich schlimm krank…und wir wollen doch alle nicht, dass sie sich anstecken…“
Damit gab sich Fräulein B. zufrieden „Dann geh ich mal lieber…Richten Sie ihm meine Genesungswünsche aus!“
„Werde ich tun!“, verabschiedete sich das Mädchen und ließ sie aus dem Haus. Aber so ganz konnte sie sich mit der Entschuldigung des Mädchens nicht zufriedengeben, also kam sie in der nächsten Woche ein weiteres Mal.
„Guten Tag, geht es Ihrem Bruder besser?“, fragte sie die Schwester, die wieder geöffnet hatte.
„Keine Besuche.“, lautete die knappe Antwort des jetzt etwas gesünder als beim letzten Mal aussehenden Mädchens diesmal, mit der sie sie wieder rauswarf.
Zwei Wochen später kam Fräulein B. ein weiteres Mal zu Besuch. Diesmal öffnete ihr jedoch keine geschäftige Jugendliche, sondern ein riesenhafter, wütend dreinblickender, alter Mann in der fleckigen, heruntergewirtschafteten Uniform eines Bankdieners.
„Wer sind Sie und was wollen Sie hier?“, fragte er wütend und mit militärischem, kraftvollem Unterton.
„Fräulein B. bin ich, Sekretärin aus der Handelsfirma für Tuchwaren.“, stellte sie sich, überwältigt von der Lautstärke, mit einem leichten Knicks vor, „Ich bin hier, um ihren Sohn zu besuchen.“
„Dasselbe Fräulein B., von dem Grete berichtet hat?“
„Ihre Tochter? Ja, die bin ich.“
„Keine Besuche.“
„Warum nicht? Was ist denn mit ihm? Und warum darf ich ihn nicht besuchen?“
„Keine Besuche.“
Auffordernd stemmte sie die Arme in die Hüften: „Das war nicht die Antwort, die ich wollte.“
„Keine Besuche!“, schrie der Mann, wahrscheinlich Gregors Vater, und schlug ihr die Wohnungstür, aus der es bestialisch gestunken hatte, vor der Nase zu.
Wahrscheinlich wollten sie keinen schlechten Eindruck auf ihre Besucher machen, dachte sich Fräulein B., als sie das Haus verließ. Aber warum stank es so, wer ließ denn heute seine Wohnung so verdrecken? Zu arm konnten sie nicht sein. Lag es an ihrer Liebe, war es der Grund, warum dieser seine Stelle verloren hatte? Kam das von Gregors Krankheit oder was auch immer er hatte?

Die Wahrheit sollte sie erst einige abgewiesene Besuche später erfahren.
Und zwar von einem Freund, der beim Ungezieferräumdienst arbeitete und dem sie in einem schwatzhaften Moment von ihrer Liebe erzählt hatte.
Dieser Freund kam eines Abends vorbei, rief sie von der Straße aus ans Fenster. Fräulein B. öffnete das Fenster des Pensionszimmers und grüßte: „Guten Abend, wozu bist du denn hier?“
„Lass mich hoch und pack mit an der Kiste an, dann erklär ich dir alles.“
Obwohl sie tausend Fragen hatte, wusste sie, dass ihr Freund ein Mann war, der seine Pflicht tat. Deshalb vertraute sie ihm und brachte mit ihm die Kiste, die leicht stank, wie sie nun bemerkte, in ihr Zimmer.
Dort öffnete sie sie begierig auf den schweren Inhalt, den sie soeben die Treppe nach oben geschleppt hatten, den Deckel und trauten ihre Augen nicht.
„Ich hab das heute mit den Kollegen aus der Wohnung der Familie Samsa entfernt.“, erzählte er, als wäre es ein normales Berufserlebnis eines Kammerjägers.
Denn das Ungeziefer, was in der Kiste lag, war nicht nur tot, sondern so groß wie ein erwachsener Mann. Ein ganz bestimmter erwachsener Mann.
Gregor, dachte sie.
Sie erkannte diesen Mann auch noch in der Gestalt eines Ungeziefers.
„Gregor…“, weinte sie, „Gregor…“
Das war also die Erklärung.
Zwar wusste sie nicht, wie es hatte geschehen können. Sie wusste nicht, was der Grund war, und sie würde es nie wissen. Aber dennoch bemitleidete sie ihn.
„Nein…du warst kein dreckiger Käfer…“
War das ein Hirngespinst? Nein, besser keine Erklärung suchen. Die würden jetzt eh nicht mehr helfen. Schließlich hielt sie hier gerade den toten Leib ihres Liebsten im Arm, eine Situation wie aus einer alten Tragödie. Es war einfach zu skurril. Sie weinte. Trotz allem, was gewesen war, war das hier immer noch ihr geliebter Gregor.
„Er muss beerdigt werden.“, sagte sie.
„Schon, aber wie erklären wir das einem Bestatter?“, fragte ihr Freund.
Ja, Tiere wurden zwar täglich ebenfalls wie die Menschen bestattet, aber die waren allgemein Hunde oder Katzen. Keine Käfer!
„Wir tun es selbst.“, beschloss Fräulein B. „Ich kenn eine schöne Wiese in der Nähe, kein autorisierter Friedhof, aber für Gregor schön genug. Heute Nacht schleichen wir uns auf die, bring eine Schaufel mit.“


An diesem Abend sah man, kurz nachdem die Sonne untergegangen war, zwei Gestalten auf einer Waldlichtung außerhalb der Stadt aufkreuzen, ein Mann in einer Arbeitshose mit einer Kiste und eine Frau in einem langen, schwarzen Trauerkleid. Beide traten langsam an eine Stelle, wo sie beide zu graben begannen, die Frau, beinahe noch ein Mädchen, ihr Kleid beschmutzend, und der Mann, der kräftig zupackte. So sanft sie nur mit den Händen konnten, senkten sie die schlichte Holzkiste, in der der Tote lag, in die Erde, doch als der Mann beginnen wollte, die Erde wieder auf das Grab zu werfen, wehrte die Frau ab. Sie wollte noch eine Weile am Grab stehenbleiben und trauern.
Eine ganze Weile saß sie mit gesenktem Kopf auf dem Boden, immer wieder Tränen um ihre Liebe vergießend, die nun viel zu früh diese Welt hatte verlassen müssen. Bevor sie jemals wirklich einander lieben, wirklich Mann und Frau werden konnten. Sie blickte traurig auf die Kiste. Gerade vergrub sie einen Schatz.
Einen Schatz, den sie mehr liebte als alles andere.
Einen Schatz, der ihr entrissen worden war durch die Düsternis der seltsamen Welt.
Entrissen durch das unberechenbare, gemeine Schicksal.
Das es liebte, die Menschen zu zertreten und reihenweise sterben zu sehen. Das den Untergang schenkte, ebenso wie es das Leben schenkte.
Und nun, spürte die junge Frau, war die Zeit für ihren Untergang, ihren Tod gekommen. Die einzige Chance, dieser großen Liebe je wieder als ein Mensch zu begegnen. Ihn zu umarmen, wirklich zu küssen, vielleicht sogar seine Frau zu werden.
Die Pistole lag in ihrer Hand. Über all die Jahre hatte sie sie im Nachtschrankfach gehabt, um sich vor bösen Menschen zu schützen. Genau diesen Zweck würde sie nun endlich erfüllen, und zwar für alle Zeit. Sie und ihre Liebe sollten gemeinsam sicher sein.
Wenige Minuten später zerriss ein Schuss die Dunkelheit. Der Mann war gegangen, und nun war die Frau auf das Grab des Mannes, den sie liebte, gestürzt. In einer Blutlache, liegend wie zum Schlaf, das goldene Haar zu einem Heiligenschein um den eigenen Kopf gebreitet, hauchte sie ihre Seele aus, die sich in einer anderen Welt nur wenige Stunden später glückselig um eine andere schloss, erfüllt von Liebe und Glück wie schon viel zu lange nicht mehr.
Nur der schlafende Mensch, den diese Seele einst belebt hatte, blieb zurück. Unbeweint, doch nun endlich eins mit dem, der nur der gewesen war, der er war, und den die grausame Welt schlussendlich zu einem hässlichen, dreckigen, toten Ungeziefer gemacht hatte, der er nicht war.
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