Life sucks and then you die

von Siry
GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
OC (Own Character)
01.01.2020
16.02.2020
4
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Life sucks and then you die

by Siry


A/N: Die Romanform meines RPG mit Sadistic-Night.

Von mir geschrieben:
Noya
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Constantine
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Kyoya
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Gwendolyn
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Von Sadistic-Night:
Dr. Keith Turner
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Hisao
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Shane
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Dean
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Summary: Diese Geschichte begleitet mehrere Protagonisten, deren Wege sich auf unvorhergesehene Weise kreuzen. Noya, der chaotische Medizinstudent, der heimlich in seinen besten Freund verliebt ist. Den introvertierten Kyoya, der seine erste Liebe findet, aber bald schon in große Schwierigkeiten gerät. Gwen, die sich mit der unerfüllten Liebe zu ihrem Clanführer auseinander setzen muss. Und natürlich Constantine, der mürrische Einzelgänger, der in seinem Beruf als Ermittler einen mehr als nervigen Auszubildenden auf's Auge gedrückt bekommt.

Kapitel 1: - You -

I'm looking at you through the glass

Don't know how much time has passed

All I know is that it feels like forever

But no one ever tells you that forever feels like home

- Stone Sour, Through Glass -


-Noya-

Es war einer dieser Abende und wenn es eines gab, das Noya hasste, dann waren es Abende, die mit 'dieser' begannen. Gelangweilt saß er an seinem Schreibtisch, vor sich die Studienunterlagen, mit denen er sich eigentlich beschäftigen müsste, wenn er morgen in der Vorlesung nicht von Dr. Turner in der Luft zerrissen werden wollte. 'Nierenpathologie', gab es etwas schlimmeres, womit man seinen Abend verbringen konnte? Er bezweifelte das.
Ohne dass er sich dagegen wehren konnte, schweifte sein Blick schon wieder über den Bücherrand hinaus und traf auf sein Handy. Nein, er würde ihm nicht schreiben. Er musste sich hiermit beschäftigen. Er war sich nicht mal sicher, wo er gerade war, vermutete ihn aber auf der Arbeit.

Die Person, der er versuchte, auf keinen Fall zu schreiben, war Hisao. Sein Mitbewohner. Doch eigentlich war er viel mehr als das. Sie waren beide Ghoule, so hatten sie sich kennengelernt. Aber auch das war nur die halbe Wahrheit. Eigentlich war es so gewesen, dass bevor Noya Hisao auch nur gesehen hatte, hatte er ihn gerochen. Dieser eine Geruch, der, wenn man ihn einmal in der Nase hatte, einen nicht mehr los ließ. Er wusste, dass manche Ghoule das bei Menschen hatten und davon berichteten, dass dieses Fleisch das beste, exquisiteste und delikateste Fleisch war, das sie je gegessen hatten. Dass er diese Art von Geruch ausgerechnet bei einem Ghoul wahrgenommen hatte, hatte Noya verwirrt. Es hatte ihn vor eine Herausforderung gestellt, als sie beste Freunde wurden. Und es hatte ihn verzweifeln lassen, als er sich irgendwann verliebt hatte. Nicht auf den ersten Blick, aber dafür immer mehr.
Natürlich war ausgeschlossen, dass er Hisao davon je erzählen könnte. Nicht nur bestände die Gefahr, ihre wunderbare Freundschaft zu ruinieren, nein, er war sich nicht mal sicher, ob er seiner Gier standhalten würde, sobald er einmal die Lippen auf Hisaos so verführerisch duftende Haut gelegt hatte.
Das machte es alles in allem zu einer verdammt unbefriedigenden Scheißsituation, die ihn unglaublich frustrierte, aus der er aber auch keinen Ausweg wusste, ohne die Person zu verlieren, die ihn so sehr zum lachen bringen konnte und mit der er sich ohne Worte verstand.

Allen Versuchen nach Selbstkontrolle zum Trotz musste er sich letztlich geschlagen geben und griff nach seinem Handy.
'Bist du auf der Arbeit? Lust mich auf einen Kaffee einzuladen?'
Kaffee und Arbeit zu verbinden würde in diesem Fall kein Problem darstellen, da Hisao als Barista in einer Kaffee & Cocktail Louge arbeitete.
Gut, auch wenn er der Versuchung bereits erlegen war, ihm zu schreiben, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun, blieb ihm immer noch die Rettung seiner Selbstachtung. Er zwang sich also dazu, das Handy wieder weg zu legen und nicht permanent darauf zu starren. Das war nicht einfach und der Inhalt der Medizinunterlagen, deren Buchstaben sein Geist versuchte zu Lauten zusammen zu schließen und diesen Lauten dann einen Sinn entnehmen zu können, stellte ihn vor eine schier unlösbare Aufgabe. Der Text hätte ebenso gut auf einer Fremdsprache verfasst sein können.

Hisao ließ sich Zeit, bis er ihm die Erlösung in Form einer Antwortnachricht zukommen ließ.
'Wo sonst? Einen Kaffee kannst du kriegen, aber bezahlen tust du schön selbst dafür.'
Noya grinste sein Handy an. Keine andere Reaktion hatte er von seinem besten Freund auf seine provokante Frage erwartet. Glücklich, endlich eine Ausrede zu haben, um vom Schreibtisch weg zu kommen, steckte er sein Handy ein und machte sich auf dem Weg zu ihm.

~---~

Natürlich hätte er laufen können, oder im Schutz der Dunkelheit die Dächer nehmen können, was für ihn als Ghoul, die ja bekanntlich außergewöhnliche Fähigkeiten im Springen und Klettern haben, kein Problem dargestellt hätte, aber Noya schätzte den Trubel, den menschliche Unzulänglichkeiten mit sich brachten und nahm die U-Bahn. Es waren nur weniger Stationen bis zum Café und je länger es dauerte, desto weniger musste es sich eingestehen, wie eilig er es hatte.

Als Noya die Tür der gemütlichen, aber modernen Location öffnete, war der Unterschied der Luft von draußen zu drinnen gewaltig. Nicht nur, weil es langsam kühler wurde und heute ein besonders kühler Abend war und es im Gegensatz dazu drinnen so angenehm warm war, sondern auch, wegen dem Geruch. Für ihn roch der gesamte Laden nach heißem Kaffee und Hisao. Alle anderen Gäste schien seine Nase einfach auszublenden.

Er ließ sich an der Theke nieder. Hisaos und sein Blick hatten sich bereits getroffen, allerdings war sein Freund noch damit beschäftigt, die Bestellung eines anderen Kunden zum Tisch zu bringen. Noya griff nach der kleinen Thekenklingel, nur um ungeduldig darauf zu klopfen. Er beobachtete Hisao amüsiert dabei, wie dieser trotzdem noch versuchte, freundlich auf den Typen zu reagieren, der seinen Kaffee gerade sichtlich genervt entgegen nahm. Anscheinend war Noya heute nicht der einzige Kunde, dem es nicht schnell genug ging.
Kaum dort fertig, war Hisao schon schnellen Schrittes hinter der Theke und nahm die Klingel an sich. Noya machte einen Schmollmund, als ihm sein Spielzeug weggenommen wurde.
"Was soll das? Ich hab auch so gesehen, dass du da bist. Ich hab aber nun einmal nur zwei Hände." Hisao fuhr sich seufzend mit den Fingern durchs Haar, eine Handbewegung die Noya bereits kannte und die er immer bei Hisao sah, wenn dieser versuchte, sich von seinem besten Freund nicht auf die Palme bringen zu lassen. Danach gelang es diesem sogar, einen deutlich freundlicheren Ton anzuschlagen. „Wie hättest du ihn heute gern?“
„Schwarz. Und stark. Und...“ Noya sah ihm skeptisch ins Gesicht und machte mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen in seine Richtung. „... dieses wunderbar gespielte Lächeln hätte ich auch gerne dazu. Ich bin schließlich ein zahlender Kunde.“ Er schenkte Hisao sein eigenes, zuckersüßes Lächeln.

Hisao stützte den Unterarm auf und beugte sich somit über die Platte zu ihm rüber. Zuerst sah er ihn nur eindringlich an, schenkte ihm aber dann doch das gewünschte Lächeln. Noya hätte nicht sagen können, ob es echt oder fake war.
„Gerne doch. Kommt sofort.“ sagte Hisao in bester Butler Manier und machte sich gleich daran, ihm den Kaffee von Hand zuzubereiten. Noya beobachtete ihn mit leicht verträumtem Blick dabei, einem Ausdruck, den er sich nur erlaubte, wenn er glaubte, Hisao würde ihn nicht sehen. Der Ausdruck verschwand allerdings aus seinem Gesicht, als Hisao ausgerechnet mit dem leidigsten aller Themen anfing. „Ich finde es zwar gut, dass du hier bist, aber hast du nicht für die Uni zu lernen?“
„Ach, ich glaube für heute bin ich schon schlau genug.“ sagte Noya und verdrehte genervt die Augen. Etwas leiser und gerade so laut, dass nur Hisao es hören konnte, fügte er hinzu: „Außerdem kann ich nicht lernen, wenn mein Magen knurrt.“
Als Hisao ihm den frisch gebrühten und noch dampfenden Kaffee, der selbst den stärksten Mann umgehauen hätte, vor die Nase stellte, nickte er verstehend. „Vielleicht kann der hier erst mal für ein wenig Abhilfe sorgen.“

Sie wurden unterbrochen, als Hisao an einem der Tische abkassieren musste, danach kam er zu Noya zurück und lehnte sich an den Tresen neben ihn, um vertraulich mit ihm reden zu können.
„Wenn ich hier fertig bin, willst du mich dann bei der Jagd begleiten?“
„Uii, fragst du mich nach einem Date??“ fragte Noya in hoher Mädchenstimme. Auch wenn er sich Mühe gab, es lächerlich klingen zu lassen, ein kribbelndes Gefühl ihm Bauch hatte er trotzdem dabei. Doch zum Glück stand ihm das ja nicht auf die Stirn geschrieben. Hisao hob zwar eine Braue, stieg aber darauf ein.
„Klar, wieso nicht?“ antwortete er lächelnd, was zur Folge hatte, dass Noya sofort weiterquasseln musste, damit es ihm nicht die Sprache verschlug.
„Wunderbar!“ trällerte er fröhlich. „Ich sag es ja immer: 'You only live once'!“
Jetzt beäugte Hisao ihn wirklich skeptisch. „Also ich erinnere mich da eher an sowas wie: 'Life sucks and then you die'...“
„Sowas pessimistisches habe ich von mir gegeben? Naja, jeder hat mal einen schlechten Tag.“ entgegnete Noya gespielt unschuldig, bevor er ernster fortfuhr. „Nur werden uns davon eine Menge bevorstehen, wenn wir nicht vorsichtig sind. Ich habe Gerüchte vom Dächerfunkt gehört. Man munkelt ein neuer Ermittler sei von der Polizei angeheuert worden. Gesichts- und namenlos. Noch.“
Auch Hisao wurde bei diesem Thema wieder ernster. „Keine Sorge, ich bin immer vorsichtig.“ Naja, ganz richtig war das nicht, wie Noya fand. Er hätte seinen Freund als durchaus abenteuerlustig und risikofreudig charakterisiert. Allerdings umgab Hisao auch immer die Aura eines Glückskindes, der erfreuliche Zufälle gerade zu anzuziehen schien, wohingegen bei ihm selbst eher das Gegenteil der Fall war. „Außerdem sind wir zu zweit, den zerreißen wir doch, ehe er irgendwas starten kann.“ Auch dieser Aussage konnte Noya nur halb zustimmen. Ein gut im Kampf ausgebildeter Ermittler konnte auch mehreren Ghoulen durchaus gefährlich werden. Hatte dieser dann auch noch eine mächtige Waffe dabei, konnte so eine Situation schnell gefährlich werden.

Und trotzdem... wenn Hisao so sprach, hörte es sich in Noyas Ohren an wie 'sie beide gegen den Rest der Welt'. Manchmal hasste er, was sein Unterbewusstsein in Aussagen rein interpretierte.
Verdammt, kann hier keiner mal ein Fenster aufmachen?
Ihm kam es vor, als ob die Luft im ganzen Raum mit Hisaos Duft durchtränkt war. Es roch nicht nur köstlich, auf leeren Magen, so wie jetzt gerade, machte es ihn einfach nur wahnsinnig! Er schnappte sich seinen Kaffee, abgekühlt oder nicht, und hielt ihn beim Trinken so dicht vor sein Gesicht, dass er sich fast die Nasenspitze verbrühte. Aber zumindest half seine Kaffeeinhalation, den Geruch etwas zu übertönen.
„Ich sag's ja nur...“ murmelte er in seine Tasse hinein. „Du weißt, wie viele Ghoule im Moment spurlos verschwinden.“
„Unter trotzdem müssen wir irgendwann was essen.“ flüsterte Hisao zurück. „Da hilft auch der beste Kaffee nicht.“

Hisaos Blick glitt an Noya vorbei zu einem der Tische. „Warte, ich muss da mal eben hin.“
Ein Schulterblick verriet diesem, dass es der Kerl war, der vorhin schon so genervt auf Hisao reagiert hatte. Noya kannte Hisao und wusste, wie schwer es diesem fiel, gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Er konnte zwar nicht verstehen, um was es bei den beiden ging, aber alleine die Gestik und Mimik dieses Kotzbrockens sprach schon Bände. Trotzdem bemühte Hisao sich um professionelle Freundlichkeit. Sein aufgesetztes Lächeln verschwand allerdings, als er wieder zu ihm zurück kam. „Gott, wie ich das hier hasse. Den Typ da hinten könnte ich echt fressen.“ Knurrend griff Hisao nach der Kaffeekanne und verrichtete freudlos seine Arbeit.
„Ist das so?“ fragte Noya und musste grinsen. Mit einem Schulterblick, der unauffälliger nicht hätte sein können, besah er sich den Kerl, um den es ging. „Alt und fett, sieht nicht gerade lecker aus. Aber für dich mach ich gerne eine Ausnahme was mein Beuteschema angeht.“
Vorsicht, Noya, mahnte er sich innerlich und zwang sich, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Sein Hunger, dieser Raumduft und die Tatsache, dass der Fettsack Hisao gehörig abzufucken schien, konnten nur zu leicht dazu führen, dass sein Körper in den Jagdmodus wechseln würde. Die ersten Zeichen dafür wären die Veränderung seiner Augenfarbe, die, wie bei allen Ghoulen, eine schwarz-rote Farbe annahmen, wenn sie sich für Kämpfe bereit machten. Alleine das wäre hier vor aller Augen schon ein No-Go, durch dass sie nur all zu schnell die Polizei am Hals hätten. Und damit wäre ihre Tarnung in der Gesellschaft der Menschen dahin.

Noya hatte gar nicht bemerkt, wie er den Typ wohl etwas zu lange fixiert hatte. Er wurde aber aus seinen Gedanken gerissen, als er Hisaos Hand auf seiner Schulter spürte.
„Hey, nicht hier.“ ermahnte er ihn und hatte wohl bemerkt, was in ihm vorgegangen war. „Ich geb ihm einfach seinen Espresso und damit hat es sich.“ Besagtes Getränk in der Hand und freundlich wie eh und je, sah Noya ihn zum Tisch gehen, musste aber nun wirklich an sich halten, als er sah, wie dieser Arsch Hisao einen Schein in die Brusttasche steckte und Hisao sich dafür auch noch zu bedanken schien.
„Na also, hat sich das Theater doch gelohnt.“ Zumindest Hisao schien nun besser gelaunt, ganz im Gegensatz zu Noya, der dieser Szene gerade nicht positives abgewinnen konnte.
„Ahja, na du bist ja schnell käuflich.“ Er konnte sich nicht davon abhalten, den Kerl nochmal böse anzufunkeln, bevor er sich zwingen musste, den Blick abzuwenden. Er sah auf sein Handy um die Uhrzeit zu checken. Es war schon recht spät geworden. „Was bitte hat man noch vor, wenn man um diese Uhrzeit einen Espresso bestellt?!“
„Keine Ahnung,“ gab Hisao zurück und hob die Schultern. „es ist mir aber auch egal.“

Auch die wenigen, verbleibenden Kunden verließen in Anbetracht der Uhrzeit jetzt das Lokal. Zumindest hatten die alle den Anstand, Hisao mit dem nötigen Respekt und Trinkgeld zu begegnen.
„Wischst du eben die Tische ab? Dann kann ich den Laden umso schneller dicht machen.“
Noyas Reflexe waren gut, das was Hisao ihm dann zuwarf, hatte er schneller gefangen, als er nachdenken konnte. Etwas verdattert sah er von Hisao zu dem Lappen in seiner Hand und wieder zurück.
„Wenn ich so den Kaffee abarbeiten kann.“ neckte er seinen besten Freund zwar noch, doch war dann auch schon auf den Beinen und tänzelte um die Tische, wobei er diese theaterreif abwischte. Manchmal war das Leben eben doch eine Bühne. „Also wenn es mit der Herzchirurgie nichts werden sollte, hab ich meinen Traumjob wohl gefunden.“
Mit den restlichen leeren Tassen, die er noch eingesammelt hatte, in der Hand, kam er zu Hisao und tat so, als würde er ihm dieser servieren. „Bitte, mein Herr. Stets zu Ihren Diensten. Immer. Und mit dem größten... Vergnügen...“
Hisao, der ihm bis jetzt kopfschüttelnd dabei zugesehen hatte, grinste ihn nun schief an. „Ist das so? Was bereitet dir denn so großes Vergnügen, mh?“
Noya liebte den Blick, mit dem der andere ihn gerade förmlich zu streicheln schien. „Die Aussicht auf ein leckeres Häppchen...“ Als er es ausgesprochen hatte, glaubte er schon zu spüren, wie seine Augen sich veränderten, ganz sicher war er sich aber nicht. Das geradezu ironische an dieser Situation war, dass Hisao nichts davon wusste, dass er selbst das leckerste Häppchen überhaupt wäre. Denn das war schließlich Noyas wohl gehütetes Geheimnis.
„Oh ja, darauf freue ich mich jetzt auch.“

~---~

Ein paar Handgriffe später war die Arbeit erledigt und Hisao schloss hinter ihnen ab. „Richtung Park, oder Hafen, was meinst du?“
„Zum Park, ich hasse den Fischgeruch bei den Docks.“ Ja, Noya hatte eine empfindliche Nase, was ihm nur all zu bewusst wurde, als der Wind so ungünstig stand, dass ihm selbst hier draußen Hisaos Geruch bei jeden Schritt ins Gesicht wehte. „Gott, kannst du bitte auf der anderen Seite gehen?!“ entfuhr es ihm genervt, bevor er sich an ihm vorbei schob und selbst die Seite wechselte.
Falls Hisao sich wunderte, welcher Problem sein Freund nun schon wieder hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Wahrscheinlich war er es einfach schon gewohnt.

Sie hatten ein gutes Stück zu laufen, bevor sie in den Park kamen, aber sie mussten diesen Weg auf sich nehmen, um aus den festen Jagdrevieren der Clans raus zu kommen. Das war nämlich auch so ein Problem; die Reviere. Über kein Thema gerieten Ghoule schneller in Konflikte als über die Revierverteilung der Stadt.Und dabei handelte es sich um die Art von Konflikten, die schnell eskalierten und blutig endeten. Die größten Gebiete waren in fester Hand der Clans, jagte man dort ohne dazu zu gehören, hatte man schnell größere Probleme als die Polizei am Hals. Allerdings hatten Noya und Hisao ihre Gründe, warum sie lieber Fischgeruch und lange Strecken in Kauf nahmen, als sich einem Clan anzuschließen, denn das war eine unwiderrufliche Entscheidung auf Lebenszeit, die nicht selten mit massiver Einschränkung der persönlichen Freiheit einherging und damit definitiv keine Option für sie beide war.

„Weißt du noch die zwei Schwestern, die hier in der Gegend ab und zu auf der Jagd waren?“ fragte Noya als sie den Park erreichten, der zum neutralen Terrain gehörte. „Beide weg. Ohne eine Spur. Ohne jede Schlagzeile. Komisch, oder? 'Zwei Ghoule auf einmal niedergestreckt', sowas würde sich die Presse doch nicht entgehen lassen.“ Ebenfalls eine Information, die er beim Dachfunk aufgeschnappt hatte. 'Dachfunk', das war das, was sich Ghoule so weitergaben. Flüchtige Bekanntschaften auf den Dächern der statt. Gerade zu altmodisch in Anbetracht der heutigen Zeit, aber wesentlich abhörsicherer als jedes Socialmedia.
„Sowas ist hier passiert und du willst hier jagen? Ganz schön mutig.“ Noya liebte diese Sticheleien zwischen ihnen, aber manchmal lenkten sie ihn auch ab. So wie jetzt, als Hisao ihn am Arm packte und zurück hielt, als er versuchte unentdeckt zu bleiben für jemanden, den Noya noch nicht mal bemerkt hatte. Doch jetzt sah er sie auch. Eine junge Frau, die gerade zu telefonieren schien und ca. 100m vor ihnen auf dem Weg entlang lief.

„Leider nur eine. Macht es dir was aus zu teilen?“ Hisaos flüsternde Stimme und das nur wenige Zentimeter von seinem Ohr entfernt reichte aus, um Noya schaudern zu lassen und ihm eine Gänsehaut zu bereiten. Dabei konnte er Hisao nicht mal Absicht unterstellen. Schließlich war es wichtig, leise zu sein und kein Aufsehen zu erregen. Als Frau nachts alleine im Park, da reichte schon die Tatsache, dass sich zwei Fremde nährten, um ein Opfer in Alarmbereitschaft zu versetzen. Da musste sie nicht mal wissen, dass es sich noch dazu um zwei Ghoule handelte. 'Kein Notruf, keine Polizei', eigentlich eine einfache Regel. Aber selbst einfachste Regeln entzogen sich seinem Bewusstsein, wenn ihn die Gier auf Menschenfleisch gepackt hatte. So wie jetzt.
„Eigentlich ja, aber mit dir teile ich.“ antwortete Noya, ohne Hisao noch anzusehen. Ein Tunnelblick auf sein Opfer, was schnell fatal enden könnte, hätte er nicht Hisao der es irgendwie immer schaffte, die Nerven zu behalten und sich stets noch ein weiteres Mal umsah, bevor er zuschlug.
„Ich Glückspilz...“ Hisaos Stimme war flüsternd. Lauernd. Wenn sie zusammen jagten, war er es, der die Ansagen machte. Ein Fakt der Noya, der sich normalerweise nur ungern etwas sagen ließ, bei Hisao nichts ausmachte. Im Gegenteil. „Gut, du springst vor sie und wenn sie weglaufen will, steh ich hinter ihr und fange sie ab. Dann lassen wir sie uns schmecken.“ Er musste es nicht mal sehen, er hörte wie Hisao sich schon über die Lippen leckte. War er ein Perverser, weil ihm das hier wie ein Vorspiel vorkam für einen Akt, den es wohl leider nie geben wird?
„In Ordnung.“ bestätigte Noya mit klopfendem Herzen, wobei ihm die Vorstellung von Hisao mit blutverschmiertem Mund mehr in Erregung versetzte, als die Aussicht auf das Fleisch selbst. Es war also nicht verwunderlich, dass sich seine Augen bereits dunkel verfärbt hatten, als er der Frau den Weg abschnitt.

„Buh.“ Er sagte er trocken und hatte den Mund zu einem gefährlichen Grinsen verzogen. Noch als ihr Opfer Luft holte um zu schreien, drückte er ihr die Handfläche gewaltsam auf den Mund. „Wohin des Weges, junge Dame?“

Er hatte ein Fable dafür, seine Opfer vor ihrem Tod noch in Angst und Schrecken zu versetzen. Und da, wie gesagt, das Leben für ihn wie eine Bühne war, vollzog er seinen Auftritt am liebsten mit allem drum und dran. Dazu gehörte auch, beim Töten seine 'Kralle' zu benutzen, eine individuelle Waffe, die jeder Ghoul besaß und die die unterschiedlichsten Formen annehmen konnte. Bei ihm waren es Fledermausflügel, was im Vergleich zu beispielsweise Hisaos Wolfköpfen, die seinen Schultern entspringen konnten, nicht wirklich stark war. Aber er liebte die Ästhetik daran.
Leider gehörte 'Ästhetik' auf zu den Dingen, die wegfallen musste, wenn oberste Priorität war, kein Aufsehen zu erregen und unentdeckt zu bleiben. Die Krallen machten sowieso nur Sinn, wenn es zu einem wirklichen Kampf kam, was sie beide bei diesem Opfer nicht erwarteten.
Noch während sie verzweifelt versuchte, sich aus Noyas Griff zu befreien, war Hisao hinter sie getreten und senkte das Gesicht an ihren Hals, nur um hörbar ihren Duft zu inhalieren.
„Mmh... ein Gaumenschmaus.“ Ihn jetzt vor sich sehend, konnte Noya in Hisaos schwarz-rot verfärbte Augen blicken. Ihr Blickkontakt riss auch dann noch nicht ab, als Hisaos Zähne sich in den Hals der Frau bohrten und zwischen seinen Lippen kurz darauf das Blut heraus quoll.
Fuck my life...
Dieser Anblick war pure Folter für Noya und es wurde nicht besser, als Hisao ein großes Stück Fleisch heraus riss und das Blut pulsierend aus der klaffenden Wunden hervor trat. Noya konnte die Hand jetzt von ihrem Mund wegnehmen. Die würde nicht mehr schreien. Er sah Hisao genüsslich summend kauen und wie dieser ein wenig mit ihrem schlaffen Körper zu tanzen scheint, der nun sehr rasch ausblutet.
Noya fauchte Hisao regelrecht an, als dieser den ganzen Spaß für sich alleine haben zu wollen scheint. Er packte das jetzt leblose Opfer an den Schultern und zerrte sie zu sich, wodurch etwas wie eine Rangelei der beiden um die Beute entstand, allerdings ohne dass irgendein Ernst dabei war.

Sobald sein erster Hunger gestillt war, wurde Noya zunehmend ruhiger. Sie hatten ihr Opfer abseits des Weges in den Schutz der Dunkelheit gezogen. Doch auch wenn er es liebte mit Hisao zu jagen und zu fressen, hatte er trotzdem diesen penetranten Duft in der Nase, der eben nicht zum Geschmack des Fleisches passte. Hätte er die Essgewohnheiten von Menschen, dann wäre das, als ob er Pizza riechen, aber Salat essen müsste...

„Hat sich doch gelohnt, oder was meinst du?“ Hisao, wie er mit blutverschmiertem Mund, sowie Händen, kauend zu ihm sieht. Noya selbst sah nicht groß anders aus.
„Es wurde echt Zeit... Obwohl es für meinen Geschmack fast zu einfach war...“
Jaja, ich und meine 1. Welt-Probleme...

„Sag mal Hisao...“ begann Noya und wurde etwas ernster mit der Stimme. „Hast du schon mal jemanden getroffen, der so unwiderstehlich gerochen hat, dass du keine Ruhe mehr gefunden hast, bis zu ihn fressen konntest?“ Er wusste selbst nicht, wie er sich überwinden konnte, dieses Thema anzusprechen, aber wahrscheinlich lag es daran, dass es einfach so allgegenwärtig war und das Fass einfach irgendwann voll. Er selbst hatte schon mitbekommen, wie andere Ghoule damit regelrecht geprahlt hatten, dass dies die beste Erfahrung ihres ganzen Lebens gewesen war. Doch hatte keiner von denen das Pech, diesen Geruch ausgerechnet bei einem anderen Ghoul und dann auch noch bei ihrem bestem Freund, aka 'Große Liebe', zu finden.
Hisao schien darüber nachzudenken, als er sich einen Augapfel in den Mund schob, den er gerade raus gepickt hatte. „Hmm … also, dass jemand gut gerochen hat schon, aber so, dass ich ihn unbedingt fressen musste und verrückt geworden wäre, wenn ich es nicht getan hätte...“ Er überlegte nochmal kurz, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein. Wieso fragst du das, du etwa?“
„Was? Gott, nein!“ Noya fürchtete, dass diese Antwort etwas zu hastig heraus gekommen war. „Also, ich dachte nur, hätte ja sein können.“ Er hatte das Gefühl gehabt, sich erklären zu müssen, merkte dann aber selbst, wie fad das klang. Zum Glück beließ es Hisao bei einem lediglich skeptischen Blick und bohrte nicht weiter nach.

„Ich kann nicht mehr, wir werden den Rest hier lassen müssen...“ stellte Noya fest, als sie beide immer langsamer beim Fressen geworden waren. Um sich entspannt Zeit zu lassen, war es hier draußen einfach zu gefährlich. „Es könnte auch höchst witzig werden, wieder zur Wohnung zurück zu kommen, so wie wir aussehen...“
Hisao besah seine Klamotten, als ob ihm erst jetzt auffallen würde, dass sie komplett mit Blut verschmiert waren, was Noya schmunzeln ließ.
„Da die U-Bahn so wohl keine Option ist, werden wir laufen müssen und das am besten ungesehen. Mit vollem Bauch kämpfe ich nur ungern.“
„Also ein Verdauungsspaziergang über die Dächer. Klingt doch großartig.“ schwärmte Hisao, doch in Noyas Ohren klang das nicht großartig, sondern höchst nervig so vollgegessen den ganzen Weg wieder zurück zu müssen. Aber es war ja nicht so, als ob sie eine andere Wahl gehabt hätten. „Wir könnten uns ja noch was für in den Kühlschrank zu Hause mitnehmen.“
„Jaah, klasse Idee, Hisao. Du ihr rechtes, ich das linke Bein, oder wie hast du dir das vorgestellt? Wird sicher kein Aufsehen erregen.“ entgegnete Noya ironisch. „Naja, wie auch immer. Das Beste kommt ja bekanntlich immer zum Schluß.“ Er griff durch die große Wunde im Oberbauch der Frau und tastete mit gezieltem Griff, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Seine Finger umschlossen das Herz und rissen es mit einem kräftigen Ruck heraus. Er blickte darauf, wie es von der Größe her genau in seine Hand passte. Um Mondschein sah Blut schwarz aus. Alleine von der Form ging eine riesige Faszination für ihn aus. Ja, es hatte Gründe, warum er Herzchirurg werden wollte. Er steckte das Herz in seine Manteltasche und rieb sich dann die Hände am Stoff ab, was mehr eine symbolische, als eine wirkungsvolle Reinigung war. „Jetzt ist gut, immerhin will ich nicht fett werden.“
Hisao war es dann, der den Rest der Leiche so in den Büschen drapierte, dass sie im Vorbeigehen nicht mehr sichtbar war und es wohl einen Hund brauchen würde, um sie im Gebüsch zu erschnüffeln.

„Gut, dann zuerst zum Teich und dann auf die Dächer.“ sagte Hisao, als er soweit fertig war, und sich auch noch ein Stück Muskelfleisch in die Tasche gesteckt hatte.
Der Teich war in Sichtnähe und so konnten sie zumindest grob Hände und Gesicht säubern. Auf den Dächern konnten sie zwar ungesehen in die Stadt kommen, aber spätestens im Hausflur bestand die Gefahr, von Nachbarn gesehen zu werden.
„Da ist noch was.“ stellte Noya fest und deutete mit dem Finger auf eine Blutspur an Hisao Wange. Er riskierte es, sich vorzubeugen und sie abzulecken. „Mhm, lecker.“ Burgergeruch und Salatgeschmack... aber besser als gar nichts und es ließ ihn zufrieden und glücklich lächeln. Zum Glück war er so satt, dass der Impuls hinein zu beißen auf ein Minimum heruntergefahren war.
„Du Vielfraß.“ lachte Hisao und schien sich sonst nichts weiter dabei zu denken. Noya war froh darüber, dass ihre Freundschaft so innig war, dass er sich so viel Nähe erlauben durfte, ohne dass es von Hisao hinterfragt wurde. „Wenn wir das nächste Mal losziehen, lassen wir uns mehr Zeit um... noch was mit unserem Essen zu 'spielen'. Vorhin war der Hunger einfach zu groß.“
„Tztztz, und dabei sagen die Menschen doch immer, dass man nicht mit dem Essen spielen soll.“ Ein Ausdruck, den Noya eh noch nie verstanden hatte. Warum? Hatten die Angst, dass es explodieren könnte? Es konnte doch nicht mal mehr weglaufen!
„Ach komm,“ sagte Hisao, als sie über die nächstbeste Feuerleiter auf die Dächer gelangten. „du willst das doch auch.“

Oh ja, das wollte er.
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