Verdrehte Welten

von Jadina
KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12
Izuku Midoriya Shoto Todoroki Tenya Iida
01.01.2020
20.01.2020
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~~ Kapitel 3: (Höllische) Vorbereitungen  ~~



Ein paar Stunden später hatte sich die Lage nur unmerklich verbessert. Ihre Körper waren nach wie vor weiblich, was insbesondere Midoriya in eine Sinnkrise stürzte. Was, wenn er ein Mädchen blieb? Dann würde Uraraka sicher nicht mehr mit ihm ausgehen wollen.

Mit ihren Müttern hatten sie telefoniert, in Todorokis Fall war es seine ältere Schwester Fuyumi gewesen. Irgendwie hatten sie es geschafft, alle zu überzeugen, dass sie in Ordnung waren, ohne etwas vom derzeitigen Stand der Dinge zu verraten.

In einer Welt voller übernatürlicher Kräfte wäre es nichts Besonderes gewesen, plötzlich das Geschlecht zu wechseln, aber trotzdem wollten sie sich mit diesem Problem alleine auseinandersetzen. Nach der abschließenden Kontrolle durch Doktor Enomoto hatten sie jedenfalls ihre Entlassung erwirkt. Nun warteten sie in ihrem Zimmer auf den Lehrer ihrer Oberschule, den Aizawa vorbeischicken wollte.

Vermutlich würde derjenige sie mit dem Auto abholen. Ihre Zugverbindung hatten sie längst verpasst. Außerdem waren sie nicht scharf darauf, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Midoriya und Iida hoben sich von der Masse nicht ab, aber Todorokis zweifarbige Haare und verschiedenfarbige Augen besaßen einen Wiedererkennungswert ungeahnter Stärke. Besser, niemand bekam sie so zu Gesicht.

Sie waren gerade damit beschäftigt, nach Möglichkeit Kraft zu tanken und ein Nickerchen zu halten, als ein Klopfen an der Tür ertönte. Gebannt und etwas nervös beobachteten sie, wie die Klinke heruntergedrückt wurde und die Tür sich öffnete.

Eine hagere, blonde Männergestalt mit tiefen Augenschatten betrat das Krankenzimmer und erleichtert japste Midoriya auf: „All Might!“

„Ja, ich dach-“, setzte All Might an, verstummte jedoch abrupt. Aizawa hatte ihn vorgewarnt, dass die drei Schüler zu Mädchen mutiert waren, aber das war nicht ausreichend gewesen, um ihn auf diese Begegnung vorzubereiten. Er musste kräftig husten. „Wie seht ihr denn aus?“

„Sie haben völlig recht. Unsere Kleidung passt uns nicht mehr, deshalb wirken wir so albern“, erwiderte Iida und strich das viel zu große Hemd glatt, in dem er steckte.

Ihre Jungenklamotten waren ihnen selbstverständlich viel zu groß, aber es war schon Aufwand genug gewesen, Minamoji davon zu überzeugen, dass es sich bei ihnen tatsächlich um die drei Oberschüler handelte, die übers Wochenende in ihrer Herberge eingekehrt waren. Es war keine Zeit gewesen, um sich um passendere Kleidung zu kümmern.

All Might musste erneut kräftig husten, als er Midoriya genauer in Augenschein nahm. Er errötete nicht unmerklich, als er anmerkte: „Du bist ja das jüngere Ebenbild deiner Mutter!“

Midoriya entging nicht, wie Todorokis Augen sich für den Bruchteil einer Sekunde verengten. Er war damals der Erste gewesen, der die Vermutung geäußert hatte, es bestehe ein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen seinem Mitschüler und der ehemaligen Nummer eins unter den professionellen Helden. Obwohl Midoriya ehrlicherweise verneint hatte, musste diese Aussage wie eine Bestätigung in Todorokis Ohren klingen. Nun, wenn man es genauer betrachtete, dann war es jetzt auch nicht so, als hätten All Might und Inko Midoriya nichts miteinander am Schaffen. Aber das war eine andere Geschichte.

„Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Iida und fuchtelte herum. Es war irgendwie beruhigend, dass ihm zumindest die seltsamen Handgesten erhalten geblieben waren.

„Wir fahren mit dem Auto zurück nach Musutafu. Midnight wartet im Parkhaus auf uns“, antwortete All Might und machte Anstalten, die Rucksäcke seiner Schüler aufzusammeln.

Midnight?!

Es war nicht zu sagen, wer von ihnen entsetzter dreinblickte oder lauter gejapst hatte.

All Might blinzelte verständnislos. „Ich bin gesundheitlich zurzeit nicht in der Lage, länger als eine Stunde hinter dem Steuer zu sitzen. Sie hatte frei, also habe ich ihr Angebot, die Fahrerin zu spielen, dankend angenommen. Ist das ein Problem?“

Stumm sahen sie einander an. In Midoriyas Gesicht war der blanke Horror zu lesen, während Iida so dreinblickte, als würde er jeden Moment einen Ohnmachtsanfall erleiden.

Sie hatten gerade, vermutlich aufgrund eines Quirks, das Geschlecht gewechselt. Nun wartete ausgerechnet ihre vom Jugendwahn besessene Lehrerin darauf, sich auf sie stürzen zu können. Bestimmt war sie ganz und gar begeistert von diesem Desaster!

Aber es würde nichts nutzen. Keiner von ihnen wollte länger im Krankenhaus bleiben, schon gar nicht alleine. Also fügten sie sich ihrem Schicksal, sammelten ihre restlichen Sachen zusammen und dackelten kurz darauf hinter All Might zum Parkhaus.

„Oh, wie süß ihr seid!“, brüllte Midnight schon von Weitem. Bevor sie sich versahen, hatte ihre Lehrerin sich auf sie gestürzt.

„Midoriya, wir müssen etwas mit deinen Haaren machen! Die sind wunderschön, aber du solltest eine andere Frisur tragen, sonst siehst du aus, als wärst du gerade aus dem Bett gefallen.“ Sie zupfte an seinen Haaren herum, aber ohne Spangen oder Klemmen war da nichts zu machen, also sprang sie zum Nächsten.

„Iida, du solltest etwas Make-up auftragen, das würde deine Weiblichkeit unterstreichen. Die kurzen Haare stehen dir, aber deine Gesichtszüge sind zu markant.“ Mit beiden Händen patschte sie ihm auf die Wangen und wandte sich Todoroki zu.

„Und du, Todoroki, du brauchst dringend passende Klamotten. Deine Figur ist phänomenal. Ich wette, du würdest sogar einen harten Hund wie Bakugo umhauen!“

All Might hustete Blut, Iida stolperte über seinen Koffer und Midoriya verschluckte sich an seiner Spucke. Indessen verzog Todoroki keine Miene und entgegnete nüchtern: „Was ich wirklich brauche, ist eine Perücke, Midnight-sensei.“

Diese Äußerung hielt die Heldin nicht davon ab, weiter gut gemeinte Ratschläge und Stylingtipps zu verteilen. Wenig später saßen die drei Jungen zusammengedrängt auf der Rückbank des kleinen Toyotas und weinten innerlich stumme Tränen, da sie dem Grauen nicht mehr entkommen konnten. Midnight raste wie eine Irre über die Autobahn und war mehr damit beschäftigt, sie über richtiges Mädchenverhalten in Kenntnis zu setzen, als auf den Verkehr zu achten. All Might war ihnen auch keine Hilfe. Er lehnte mit dem Kopf an der Fensterscheibe, die Augen geschlossen, und tat verzweifelt so, als wäre er eingeschlafen.

Die zwei Stunden Autofahrt nach Musutafu waren die reinste Tortur. Als endlich die Sicherheitsbarriere der Yūei in Sichtweite kam und Midnight die Tiefgarage des Lehrpersonals ansteuerte, atmeten alle – derzeit mehr oder weniger – männlichen Personen auf.

„Aizawa hat gemeint, dass er bis zu eurer Ankunft wieder zurück sein wollte. Als Klassenlehrer obliegt es sowieso seiner Entscheidung, ob ihr morgen am Unterricht teilnehmen dürft oder nicht“, sagte All Might zu ihnen, während er ihnen ihre Koffer gab. „Lasst uns erst einmal ins Lehrerzimmer gehen! Der Direktor wartet dort auf uns und er hat Lunch Rush gebeten, euch etwas Richtiges zu kochen.“

Gesagt, getan. Es war jedoch sehr unheilvoll, dass Midnight nicht mit ins Lehrerzimmer kam, sondern auf halber Strecke davonrauschte, dabei noch rief, dass sie sich auf sie verlassen könnten.

„Was hat sie vor, All Might?“, fragte Midoriya verängstigt, bekam aber nur ein ratloses Schulterzucken als Antwort.

Im Lehrerzimmer saßen Nezu und Aizawa bei einer Tasse Tee zusammen. Als die drei Oberschüler eintraten, starrte ihr Klassenlehrer sie für den Bruchteil einer Sekunde an. Anschließend wandte er sich an den Direktor: „Tut mir leid, Nezu-sama, aber meine Spezialität hilft hier nicht.“

„Das habe ich schon vermutet. Anscheinend müssen wir darauf warten, dass diese Spezialität von selbst an Wirkung verliert“, entgegnete Nezu und bedeutete den Jungen, sich zu setzen. „Aizawa und ich haben uns bereits einige Gedanken gemacht. Ihr werdet morgen ganz normal am Unterricht teilnehmen, indem wir eurer Klasse erzählen, dass ihr Journalismus studiert und gerade euer Volontariat bei einer Zeitung macht, die über den Werdegang von Nachwuchshelden berichten will. So könnt ihr den ganzen Tag dabei sein.“

Iida atmete auf, fragte jedoch keinen Moment später: „Aber was werden wir sagen, warum unsere echten Persönlichkeiten nicht anwesend sind? Wir können kaum alle drei zur selben Zeit krank sein. Außerdem traue ich einigen unserer Kameraden zu, uns dann auf der Krankenstation besuchen zu wollen.“

„Oh, keine Sorge. Wir sagen ihnen einfach, dass ihr für wichtige Heldenaufträge einberufen worden seid.“ Nezu klatschte erfreut in die Pfoten. „Dieser Plan kann nicht schiefgehen. Midnight wird sich darum kümmern, euer Äußeres ein bisschen zu verändern, sodass niemand die Ähnlichkeit bemerken wird.“

Ihr Entsetzen reichte ins Bodenlose. Empört und schockiert wandten sie sich Aizawa zu, doch der steckte bereits halb in seinem Schlafsack.

„Ich habe morgen frei. Weckt mich, wenn die Wirkung der geschlechtsverändernden Spezialität nachgelassen hat!“, meinte er nur, bevor er ihnen den Rücken zudrehte, um ein Nickerchen zu halten.


~~*~~*~~


Obwohl die halbe Nacht von Gebeten erfüllt gewesen war, hatte es nichts genutzt. Sie hatten allesamt in All Mights Wohnzimmer geschlafen, da sie ja nicht ins Wohnheim zurück konnten. Als sie sich an diesem Morgen an seinem Küchentisch einfanden, war keine Veränderung eingetreten – sie waren immer noch Mädchen.

„Ob das mit dem Volontariat so eine gute Idee ist?“, brabbelte Midoriya am Frühstückstisch. „Ich meine, nichts für ungut, aber sehen wir überhaupt alt genug aus, um auf die Universität zu gehen? Ich habe doch keine Ahnung, wie es ist, zu studieren! Oder wie man sich als Student benimmt!“

„Auf jeden Fall musst du das Grübeln sein lassen, sonst wirst du als Izuku enttarnt“, wies Iida ihn an und schob seine Brille zurecht. „Ich würde vorschlagen, jeder von uns nimmt sich Interviews mit ein paar unserer Kameraden vor, denen gegenüber er sich einigermaßen unauffällig benehmen kann.“

„Mir ist es egal, wen ich übernehme, aber bei Bakugo bin ich raus“, kommentierte Todoroki den Vorschlag und fischte mit seinen Stäbchen eine eingelegte Gurke aus dem Glas.

„Kacchan? Meint ihr, es ist nötig, ihn zu interviewen? Er wird sowieso nichts sagen“, piepste Midoriya, von Grauen erfüllt bei dem Gedanken daran, dass sein alter Kindergartenfreund kapieren könnte, was los war.

„Ich weiß, dass Bakugo am ehesten misstrauisch werden könnte, wenn einer von uns etwas Dummes sagt. Aber er hat letztes Jahr das Sportfest gewonnen und das nächste steht vor der Tür. Es wäre viel zu auffällig, wenn wir ihn nicht befragen.“ Iida seufzte einmal auf und sah unbehaglich zu Midoriya. „Tut mir leid, Izuku, aber ich dachte, dass du das machen solltest. Du kennst ihn am besten. Du weißt, wann Vorsicht angesagt ist.“

„I ... ich?“ Midoriya ließ den Kopf hängen. Irgendwo hatte er ja geahnt, dass es so kommen musste.

Bevor er in Selbstmitleid versinken konnte, betrat All Might das Zimmer. Er war früh aufgestanden und verschwunden, ohne ihnen zu sagen, wohin er wollte. Nun war er beladen mit Kleidersäcken und, zu ihrer aller Leidwesen, hatte er Midnight im Schlepptau.

„Mädels! Es wird Zeit für euer Makeover!“, dröhnte ihre begeisterte Stimme durch die Wohnung. Mit den Augen eines hungrigen Wolfs beäugte sie ihre Schüler. „Wer von euch will zuerst drankommen?“

Midoriyas Suppenschüssel war noch halb voll und Iida hatte sich gerade erst eine neue Tofutasche genommen. Todoroki war leider nicht schnell genug, um eine zweite Gurke aus dem Glas zu fischen. Bevor er auch nur seine Stäbchen erneut in die Hand genommen hatte, war Midnight zu ihm gestürzt und hatte ihn am Arm gepackt.

„Ihr werdet ihn nicht wiedererkennen“, strahlte sie in die Runde, bevor sie mit ihm im Nebenraum verschwand.

All Might setzte sich auf den frei gewordenen Platz und blickte geknickt drein. „Tut mir leid, Boys. Ich konnte es nicht verhindern.“

„Schon gut. Letztendlich will sie uns ja auch nur dabei helfen, unerkannt zu bleiben“, versuchte Iida der Sache irgendetwas Gutes abzugewinnen. Dass Midnight dabei etwas zu viel Spaß zu haben schien, äußerte er nicht.

Aus dem Nebenraum war jedenfalls kein Mucks zu hören, während sie das Frühstück beendeten. Nach etwa einer halben Stunde kam Todoroki wieder heraus und sie erkannten ihn nur daran, dass sein Gesicht ausdruckslos wie eh und je dreinblickte.

Seine Haare waren nun beidseitig feuerrot und zu einem Knoten zusammengesteckt. Die Narbe am Auge hatte Midnight gekonnt überschminkt. Außerdem trug er braune Kontaktlinsen, die zu einer leichten Rötung seiner Augen führten. Er steckte in einem dunkelblauen Faltenrock, einer dazu passenden Strumpfhose und einer weißen Bluse mit Dreiviertelärmeln. Beides betonte seine phänomenale Figur.

All Might brach in heiteres Glucksen aus, als Todoroki aufgrund des Rocks umständlich versuchte, sich anständig hinzusetzen. Er meinte: „Meine Haare sind zu auffällig.“

„Ja, auffällig schon. Aber keiner wird dich mehr erkennen“, versicherte Midoriya ihm. Iida nickte eifrig.

Bevor Midoriya sich versah, hatte Midnight ihn am Kragen gepackt und vom Stuhl gezogen. „Du bist dran!“

Bei ihm dauerte es nicht ganz so lange, bis er fertig war. Auch ihn zwängte Midnight in einen Rock, dieses Mal in Grün, und dazu passend ein quer gestreiftes T-Shirt in Grün und Weiß. Sie hatte seine Haare zu einem Dutt getürmt. An den Seiten seines Gesichts fielen ein paar kürzere Strähnen heraus. Er war nicht ganz so stark geschminkt wie Todoroki, aber trotzdem fühlte es sich an, als hätte seine Lehrerin Tonnen von Farbe auf seine Lippen gepinselt.

Als Letzter war Iida an der Reihe. Während sie schon einmal den Tisch abräumten, raunte All Might Midoriya zu: „Du siehst deiner Mutter verblüffend ähnlich.“

Vermutlich sollte es ein Kompliment sein, aber das erheiterte Midoriya kein bisschen. Er fühlte sich so falsch in seinem Körper, dass es keine Worte gab, um dieses Gefühl ausreichend zu beschreiben.

Iida war etwa so lange verschwunden wie Todoroki und langsam wurde die Zeit knapp. Um Viertel nach acht präsentierte Midnight ihr fertiges Werk.

Ihr Klassensprecher blickte alles andere als glücklich drein. Er war ordentlich geschminkt, aber was ihn störte, war, dass er als Einziger von ihnen in einem Kleid steckte. Auf Nachfrage hin erklärte Midnight: „Auch wenn dein Körper das Geschlecht gewechselt hat, ist deine eigene Spezialität nicht verschwunden. Heißt, wir mussten uns etwas einfallen lassen, um die Motoren an deinen Waden zu verheimlichen. Da war ein bodenlanges Sommerkleid der beste Einfall!“

„Ihr seht auf jeden Fall älter aus als zuvor. Und weiblicher“, meinte All Might und zeigte mit dem Daumen nach oben. „Ihr schafft es schon, unerkannt zu bleiben!“

Hoffentlich behält er recht, dachte Iida, während er beobachtete, wie Todoroki immer wieder an seinem Rock zupfte und Midoriya beim Grübeln in seinen nicht vorhandenen Bart brabbelte.

„Die ersten beiden Stunden unterrichte ich, also macht euch keine Sorgen. Was das angeht, seid ihr sicher.“ Midnight lächelte breit und reichte ihnen Taschen, gefüllt mit Notizblöcken und Stiften. „Wie steht es mit eurem jugendlichen Feuer? Brennt es eifrig? Dann lasst uns gehen!“

Keiner von ihnen war bereit. Aber was nützte das Lamentieren? Sie mussten es durchstehen. Einen Tag undercover in der Yūei ... das würde für drei Nachwuchshelden ja wohl kein Problem darstellen ...
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