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Anarky

von MsRitchie
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
Batman / Bruce Wayne Harley Quinn / Dr. Harleen Quinzel James "Jim" Gordon Joker
01.01.2020
17.04.2021
200
371.227
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Dieses Kapitel
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01.01.2020 5.224
 
Stirnrunzelnd zupft Roxanne Machin die Kappe des roten Filzstifts ab und kringelt ein Wort ein, in dem ein <R> fehlt.
Die 35-jährige Lehrerin für Englisch und Biologie sitzt am Schreibtisch ihres kleinen Arbeitszimmers, dessen Wände hinter den Regalen voller Bücher verschwinden.
Die altmodische Leselampe, die noch aus dem Nachlass ihrer Großmutter stammt, wirft ein warmes Licht auf das vor ihr liegende, aufgeschlagene Schulheft. Die Seiten sind dicht und etwas krakelig beschrieben.
Ihre Schüler sollten eine Inhaltsangabe zu ihren Lieblingsbüchern verfassen.
Roxanne hatte geglaubt, so die Motivation der Jugendlichen wecken zu können, wenn sie über etwas schreiben durften, das sie interessierte. Aber bisher war das, was sie zu lesen bekam, inhaltlich entweder lieblos hingeklatscht oder orthographisch eine Katastrophe.
Lesen die Kinder denn heute wirklich gar nicht mehr?

Roxanne lehnt sich zurück, nimmt ihre Lesebrille ab und massiert sich seufzend die geschlossenen Augen. Dann wirft sie einen müden Blick auf die Uhr, die bereits 16.30 Uhr zeigt, und dann einen auf den Stapel Hefte auf der rechten Seite des Schreibtisches, der noch geduldig darauf wartet, von ihr korrigiert zu werden. Soll sie das wirklich noch heute tun?
Nach dem Unterricht und dem anschließenden Gespräch mit den Eltern ihres Schülers Kirk - die ihren Jungen für hochintelligent halten, während Roxanne und ihre Kollegen den Jungen eher als schrecklich faul einstufen - hat sie mehr das Bedürfnis, sich mit ihrem aktuellen Lieblingsroman in ihren Lesesessel im Wohnzimmer zu kuscheln und einen Tee zu trinken.
Roxanne wägt ab und setzt dann entschlossen ihre Brille wieder auf. Eine Stunde will sie noch arbeiten. Dann sollte auch Michael, ihr Mann, nach Hause kommen, der mit seiner Klasse einen Ausflug zu einer Ausgrabungsstätte, etwa 20 Kilometer außerhalb von Gotham, unternimmt.

Die Lehrerin mit den schulterlangen, braunen Haaren und den warmen braunen Augen schmunzelt, als sie daran denkt. Vermutlich sitzen die Schüler längst gelangweilt wieder im Bus und wollen nach Hause, während Michael noch mit den Archäologen fachsimpelt und am liebsten ebenfalls zu Pinsel und Schaufel greifen würde.
Ihr Mann ist zwar auch Erdkundelehrer, doch die Geschichte ist sein Steckenpferd. Und wenn nicht seine Freude, jungen Menschen etwas beizubringen, größer gewesen wäre, wäre er wohl in die Forschung gegangen. Roxanne ist sicher, dass er dort ebenfalls glücklich gewesen wäre. Aber sie ist dankbar, dass er es nicht getan hat, denn sonst hätten sie sich wohl nie kennen und lieben gelernt.

Sie erinnert sich noch als wäre es gestern gewesen, als sie als frischgebackene Referendarin von der Universität an die Eleanore-Roosevelt-School in Gotham City gekommen war. Unsicher, aufgeregt – aber auch hochmotiviert und glücklich, denn Roxanne liebt das Unterrichten und Kinder. Sie konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als beides miteinander zu verbinden.
Michael, der fünf Jahre älter als sie ist, hieß sie als einer der ersten im Kollegium willkommen, führte sie herum und versicherte, ihr gern jederzeit zu helfen, wenn sie Fragen habe. Sie fand ihn gleich sympathisch, aber auch etwas eigenbrötlerisch. Roxanne besitzt zwar ein eher ruhiges Naturell, doch im Vergleich zu dem großen Mann mit der Hornbrille und Föhnfrisur, der meist Pullunder und Stoffhose trägt, ist sie ein kleiner Wildfang. Michael sprach eher selten und nur, wenn er etwas gefragt wurde. In ihrer Gegenwart war er sogar noch stiller, wirkte nervös und schaffte es kaum, ihr in die Augen zu sehen. Irgendwie niedlich, fand sie.

Roxanne schätzte an Michael, dass er immer besonnen, höflich und respektvoll war und nur gut von seinen Schülern sprach - selbst wenn sie als Problemfälle verschrien waren. Er war unendlich geduldig, wurde nie laut oder grob und bemühte sich, wirklich jedem zu helfen, egal wie hoffnungslos es war. Die Kinder liebten ihn dafür, während seine Kollegen sich hinter seinem Rücken oft über seine „naive Gutmütigkeit“ lustig machten oder meinten, er sei „zu weich“ und könne sich nicht durchsetzen. Roxanne ärgerte das und  vielleicht auch gerade deswegen suchte sie das Gespräch mit Michael, wann immer sie sich im Lehrerzimmer trafen.

Irgendwann fasste er sich dann ein Herz und fragte sie schüchtern nach einem Treffen außerhalb der Schule. Roxanne war gerührt und sagte zu. Sie gingen erst spazieren und dann ins Museum, wo gerade eine Ausstellung über die Kultur der Inkas gezeigt wurde. Dort sah Roxanne ihren introvertierten Kollegen zum ersten Mal richtig aufblühen. Mit leuchtenden Augen und schwungvollen Gesten brachte er ihr die Geschichte dieses Volkes näher, sie hing fasziniert an seinen Lippen  - und verliebte sich in ihn.

Sechs Jahre später heirateten sie und Roxanne hatte es noch keinen Tag bereut, diesem wunderbaren Mann das Ja-Wort gegeben zu haben. Sie leben nun in einem Haus am Rande des Zentrums, in einer ruhigen Wohngegend, wo sich viele Lehrer, Ärzte oder Anwälte niedergelassen haben. Es gibt viel Grün und ein paar Spielplätze zeigen, dass Kinder hier willkommen sind.
Ein schmerzhafter Stich bohrt sich bei dem Gedanken in Roxannes Brust. Sie schluckt, beugt sich wieder über das Schulheft und versucht, sich auf den Text zu konzentrieren. Doch es gelingt ihr nicht.

Nein, sie will nicht mit dem Schicksal hadern oder jammern. Das nützt nichts. Und außerdem hat es sie sehr gut getroffen, das weiß sie und will nicht undankbar sein. Sie darf ihren Traumberuf ausüben, hat tolle Kollegen, mit denen sie zum Teil auch privat befreundet ist, einen großartigen Mann an ihrer Seite, der sie noch immer auf Händen trägt und sie ist gesund. Damit besitzt sie mehr, als viele Millionen anderer Menschen auf der Welt.
Und dennoch kann sich nicht aufhören, an das eine zu denken, was ihr fehlt, das sie sich mehr wünscht, als alles andere – aber das sie wohl niemals haben wird. Zumindest machen ihr die Ärzte keine Hoffnungen darauf.

Natürlich gibt es Fälle, in denen die Mediziner das ebenfalls gesagt haben und die Frauen trotzdem wie durch ein Wunder schwanger geworden sind. Roxanne verschlingt jeden Artikel zu dem Thema und hebt ihn auf, so als könne sie dadurch das Wunder auch zu sich rufen.
Michael erzählt sie nichts davon. Es würde ihn traurig machen, dass sie so traurig ist und er nichts tun kann, um das zu ändern. Auch er wünscht sich Kinder, aber er hat ihr auch klar zu verstehen gegeben, dass Roxanne das Wichtigste in seinem Leben ist. Außerdem sind seine Schüler auch ein bisschen seine Kinder, die ihn sehr in Anspruch nehmen, so dass ihm eigentlich nichts fehlt.
Roxanne ist anders.

Jeden Morgen, wenn sie ihr Schlafzimmer verlässt, krampft sich ihr Herz kurz zusammen. Denn dann fällt ihr Blick auf die Tür schräg gegenüber.
Dahinter verbirgt sich ein Raum, den sie und Michael als Abstellkammer nutzen. Doch als sie das Haus vor sechs Jahren kauften, hatten sie eigentlich fest damit gerechnet, dass dort bald Stofftiere, Spielsachen und ein kleiner Mensch einziehen würden, dem sie all ihre Liebe und Aufmerksamkeit schenken können. Doch das Zimmer ist leer geblieben und erscheint ihr oft wie ein Mahnmal, eine Erinnerung an das, was sie ihrem Mann nicht schenken kann, an die Lücke, die vermutlich bleiben wird, obwohl sie alles getan haben, um sie zu schließen.

Nachdem die Ärzte ihr eröffnet haben, dass sie keine Kinder bekommen kann, haben sie und Michael sich bei der Stadt als Adoptiveltern gemeldet. Sie hatten sämtliche Kurse belegt, die angeboten wurden, um sich so gut wie möglich vorzubereiten, jede Menge Bücher über das Thema gelesen und Dokumentationen angeschaut.
Doch aus ihrem anfänglichen Enthusiasmus war über die Jahre Trauer und Resignation geworden, denn das Jugendamt meldete sich einfach nicht bei ihnen. Zweimal riefen sie an, weil sie eventuell ein Kind hätten, und sie und Michael ließen alles stehen und liegen, um hinzufahren.
Eines der Kinder, ein süßes, kleines blondes Mädchen, hatte Roxanne sogar mal auf dem Arm gehabt und beschlossen, es nie wieder herzugeben. Tränen der Rührung waren ihr über das Gesicht gelaufen, als sich die Kleine an sie schmiegte und einschlief. „Jetzt werden wir eine richtige Familie“, hatte sie zu Michael gesagt und er hatte glücklich genickt.

Doch letzten Endes entschieden sich die Mütter beider Kinder dann doch wieder anders und verweigerten die Adoption.
Roxanne nahm es hin, sagte sich, dass es für die Kleinen sicher das Beste war, bei ihren leiblichen Eltern aufzuwachsen – doch zu Hause brach sie jedes Mal zusammen und weinte bitterlich. Die Trauer und Enttäuschung zerrissen ihr das Herz, so dass Michael schon zögernd vorschlug, sich lieber nicht mehr als Adoptiveltern zur Verfügung zu stellen. Doch davon wollte Roxanne nichts wissen. Sie wollte nicht aufgeben und will es bis heute nicht. Auch wenn aus dem Feuer der Hoffnung inzwischen eine schwache Kerze geworden ist.

Die 35-Jährige atmet tief durch und liest den nächsten Satz: „Dieses Buch handelt um einen Schäfer, der mit seinen Tieren ein seltsames Abenteuer erlebt und am Ende… .“
Eine sanfte Melodie lässt Roxanne aufhorchen, die gerade wieder den Stift ansetzen will. Das Telefon im Flur schrillt. Verwundert steht sie auf und verlässt ihr Arbeitszimmer.
Vielleicht Michael, der sagt, dass es später wird oder Tom und Samantha, bei denen sie am Wochenende zum Grillen eingeladen sind.
Roxanne nimmt den Hörer aus der Ladestation, die auf einem runden Tisch neben der Vase mit den Blumen steht, die Michael ihr vor ein paar Tagen geschenkt hat. „Hallo?“
„Mrs. Machin? Hier ist Caroline Hastings vom Jugendamt.“
Roxanne schluckt und ihr Herz beginnt zu hämmern. „Hallo“, ist alles, was sie mit dünner Stimme hervorbringt.
„Ich habe gute Nachrichten für Sie und Ihren Mann.  Wir haben ein Kind für Sie und diesmal müssen Sie auch keine Sorge haben, dass die Adoption nicht zu Stande kommt. Der Kleine ist seiner Mutter weggenommen worden, weil sie nicht in der Lage ist, sich um ihn zu kümmern.“

Roxanne spürt, wie ihre Beine nachgeben. Sie muss sich in den kleinen Korbsessel sinken lassen, der neben dem Tisch steht und presst die freie Hand auf ihren Mund. In ihrem Kopf dreht sich alles und sie ist so überwältigt, dass sie keinen klaren Gedanken fassen kann.
„Mrs. Machin?“, hakt Caroline Hastings nach ein paar Sekunden der Stille verwundert nach. „Sind Sie noch dran?“
„Ja“, haucht Roxanne erstickt und lässt bebend die Hand sinken. „Entschuldigen Sie, bitte. Ich bin nur so… ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Das verstehe ich sehr gut“, erwidert Mrs. Hastings sanft. „Sie haben so lange warten müssen und waren so geduldig. Aber nun wird Ihre Ausdauer belohnt, Mrs. Machin. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, wie sehr mich das für Sie und Ihren Mann freut. Ich habe Sie beide so gern betreut und weiß, der Kleine wird es gut bei Ihnen haben. Sie werden ihm sicher die liebevollen Eltern sein, die er braucht.“

Warme Tränen laufen Roxanne über die Wangen und sie nickt heftig: „Das werden wir, das verspreche ich Ihnen. Es ist also ein Junge?“
„Genau. Er ist jetzt vier Wochen alt. Seine Mutter leidet offenbar schon lange unter einer psychischen Erkrankung, die sich im Laufe der Zeit verschlimmert hat. Eine Nachbarin hat uns informiert, und als wir die Wohnung betraten, saß die Frau summend vor seinem Bett, während der Kleine darin vor Hunger schrie. Aber er hat offenbar keine Schäden oder Verletzungen davongetragen. Er war lediglich etwas unterernährt.“
„Wo ist er jetzt?“
„Auf der Kinderstation des Gotham General. Wenn Sie mögen, können Sie ihn sich gleich mal anschauen. Ich mache jetzt Feierabend und würde mich dann mit Ihnen und Ihrem Mann vor dem Krankenhaus treffen.“

Heißes, wildes Glücksgefühl strömt in Roxanne und sie steht rasch auf: „Ja, sehr gerne! Ich werde sofort meinen Mann informieren und Sie dann zurückrufen. Es wird nicht lange dauern, das verspreche ich Ihnen. Bitte haben Sie nur etwas Geduld, ich werde… .“
„Keine Sorge, Mrs. Machin“, unterbricht Hastings sie mit einem Lächeln in der Stimme. „Selbst wenn es etwas später wird, werden wir das noch schaffen. Ich werde in jedem Fall warten, denn ich kann nachvollziehen, dass Sie den Kleinen unbedingt heute noch sehen wollen.“
Roxanne schluckt und flüstert: „Danke, Mrs. Hastings, vielen Dank. Sie ahnen nicht, was mir das bedeutet. Danke!“
„Schon gut. Bis später, Mrs. Machin“, erwidert die Sachbearbeiterin freundlich und legt auf.

Roxanne steht für ein paar Sekunden regungslos und ganz benommen vor Glück da. Dann tippt sie zitternd die Handynummer ihres Mannes ein, verwählt sich dabei dreimal, und wartet voller Ungeduld, dass er abnimmt.
„Ja?“, erklingt Michaels Stimme, während hinter ihm lautes Schwatzen und Lachen zu vernehmen ist.
„Michael? Ich bins.“
„Roxanne? Was ist los? Ist alles in Ordnung?“, will er besorgt wissen.
Sie antwortet nicht und fragt stattdessen: „Wann bist du zu Hause?“
„Wir sind gerade an der Schule angekommen. Ich wollte auf dem Heimweg noch ein paar Lebensmittel einkaufen. Möchtest du noch irgendetwas… ?“
„Lass das mit dem Einkauf. Bitte komm sofort nach Hause und so schnell wie möglich!“
„Um Himmels Willen, Schatz, was ist denn geschehen? Rede doch!“
Roxanne lächelt: „Etwas Wunderbares. Aber das will ich dir nicht am Telefon sagen.“
„In Ordnung“, erwidert Michael zögernd. „Ich beeile mich.“ Er legt auf und Roxanne stellt den Hörer zurück.

Langsam, wie in Trance, steigt sie die Treppe in den ersten Stock nach oben und öffnet die Tür gegenüber ihres Schlafzimmers.
Die Sonne wirft ihre Strahlen durch das Fenster und beleuchtet die orangefarbene Tapete. Michael und sie hatten sie extra in einer neutralen, freundlichen Farbe gestrichen.
Auf der linken Seite könnte das Bettchen für den Kleinen stehen. Oder lieber doch rechts? Das wäre vielleicht besser, und in der linken Hälfte des Zimmers könnten sie eine Spielecke für ihn einrichten. Erst neulich hat sie in einem Kaufhaus einen hübschen Teppich gesehen, auf dem Straßen und Häuser zu sehen waren. Wenn er älter wird, könnten sie ihm Spielzeugautos schenken, die er darüber fahren lassen kann.

Wieder kann Roxanne ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie kann es einfach nicht fassen, dass bald Leben in dieses stille Zimmer einziehen soll. Es erscheint ihr alles noch so unwirklich, dass es ihr Angst macht. Das hier ist doch kein Traum?
Vorsichtig zwickt sie sich in den Unterarm und ist beruhigt, als sie den Schmerz spürt.
Sie sieht im Geiste das Kinderbett nahe des Fensters stehen, in dem ein kleiner Säugling liegt. Sie selber setzt sich auf einen Stuhl daneben, streichelt sanft seinen Bauch und er versucht leise quietschend ihre Hand zu fassen. Und wenn er größer ist, wird sie ihm vorlesen, all die Bücher, die sie als Kind selber so geliebt hat. Sie wird ihn trösten, wenn er traurig ist und ihn in den Schlaf wiegen.
Niemals wird es ihm an irgendetwas fehlen, das schwört sie sich. Er soll nie spüren, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist. Sie wird ihm die beste Mama sein…

„Roxanne?“
Das ist Michael! Die junge Lehrerin wirbelt herum und eilt die Treppe hinunter. Ihr Mann steht in Mantel und Schuhen im Flur und hält den Haustürschlüssel noch in der Hand. Sie fliegt ihm entgegen und fällt ihm um den Hals.
„Liebes“, flüstert Michael und drückt sie an sich. „Was ist los?“
Offenbar fühlt er ihre Tränenspur an seiner Wange, denn er fragt ängstlich: „Hast du geweint?“
Roxanne richtet sich zitternd auf und strahlt ihn an. „Das Jugendamt hat angerufen, Michael. Sie haben einen kleinen Jungen für uns. Vier Wochen alt. Und seine Mutter wird keinen Rückzieher machen, weil sie zu krank ist, um für ihn zu sorgen.“

Michael starrt sie sekundenlang fassungslos an. Dann nimmt er sie spontan noch einmal in die Arme und raunt: „Das ist wundervoll, Schatz!“
Mehr sagt er nicht. Aber Roxanne spürt, dass auch er für Rührung bebt. So ist das immer bei Michael. Je mehr er ergriffen ist, desto schweigsamer wird er.
Sie hingegen könnte nur so übersprudeln: „Wir bekommen ein Kind, Liebling! Wir werden Eltern, Mummy und Daddy!“ Lachend schaut sie auf und küsst ihren Mann innig auf die Lippen.
Er erwidert ihren Kuss und fragt dann: „Wo ist der Kleine jetzt?“
„Im Gotham General“, entgegnet Roxanne. „Er ist wohl etwas unterernährt, aber sonst geht es ihm gut. Mrs. Hastings hat angeboten, uns dort zu treffen. Wir können ihn heute noch sehen, ich muss sie nur anrufen.“
„Dann tue das“, sagt Michael, nimmt seine Brille ab und wischt sich die feucht gewordenen Augen. Roxanne schnappt sich rasch den Hörer und wählt die Nummer der Sachbearbeiterin.

Nur zehn Minuten später sitzen sie und Michael im Auto und kämpfen sich durch den Feierabendverkehr Richtung Krankenhaus. Der Himmel steht bereits im glühenden Abendrot. Für Roxanne ist er wie ein Leuchtsignal, ein Zeichen, dass nun alles gut wird, die dunklen Tage vorbei sind. Sie hält ganz fest die Hand ihres Mannes, der ihr immer wieder glückliche Blicke zuwirft.
Als sie das General erreichen, entdeckt Roxanne Caroline Hastings, die bereits vor dem Eingang wartet. Kaum hat Michael einen Parkplatz gefunden, reißt sie die Tür auf  und geht der Sachbearbeiterin entgegen.
Die Frau in dem grauen Kostüm und mit der Hochsteckfrisur nimmt sie spontan in den Arm, während sie sich sonst immer nur die Hand geben. „Ich grüße Sie, Mrs. Machin.“  Dann wendet sie sich an Michael, der nun ebenfalls herangekommen ist und umarmt auch ihn. „Schönen guten Abend, Mr. Machin.“
„Hallo Mrs. Hastings. Wie geht es Ihnen?“
„Sehr gut, vielen Dank.“ Sie lässt ihn los und schaut von Roxanne zu Michael: „Wollen wir dann?“
Roxanne nimmt wieder Michaels Hand und nickt. Schmunzelnd wendet die Sachbearbeiterin sich ab und betritt das Krankenhaus. Das Ehepaar folgt ihr, wobei Roxannes Herz mit jedem Schritt schneller klopft, bis sie das Gefühl hat, ohnmächtig zu werden. Gleich wird sie ihr Kind das erste Mal sehen…

Sie gehen durch mehrere Türen steigen eine Treppe empor und betreten einen Gang, der nicht ganz so kalt und abweisend wirkt wie die anderen. Ein paar bunte Bilder sind an die Wände gemalt und in den Ecken stehen Spielsachen herum. Doch Kinder sind keine zu sehen. Vermutlich liegen sie längst in ihren Betten.
Mrs. Hasting hält an einer Tür inne und öffnet. In dem Raum dahinter stehen vier Betten, die jedoch alle leer sind. Neben einem von ihnen befindet sich ein Wägelchen, auf dem ein kleines Bett montiert ist.
Roxanne kennt sie von einem Besuch bei einer Kollegin, die im Krankenhaus entbunden hatte. In solchen Betten liegen die Neugeborenen neben dem ihrer Mutter, damit diese sie immer im Blick haben kann. Und unter der blauen Decke dieses Bettchens lugt ein Köpfchen mit einem Schopf hellen Haares hervor.
„Warum liegt er hier so ganz allein und nicht auf der Säuglingsstation?“, will Michael wissen.
„Weil wir nicht sicher waren, ob er irgendwelche Krankheiten hat, mit denen er die anderen Kinder anstecken könnte“, entgegnet Hastings entschuldigend. „Die Wohnung, aus der wir ihn geholt haben, war recht verwahrlost. Die Mutter hat sich fast um gar nichts mehr gekümmert, von daher… .“

Roxanne hört ihr kaum noch zu. Sie hat nur Augen für das kleine Bündel, das plötzlich anfängt, vor sich hinzuwimmern. Ein Geräusch, das ihr das Herz bricht.
Ohne darüber nachzudenken, lässt sie Michaels Hand los, tritt an das Bettchen und betrachtet das weinende Baby, das unruhig seine Ärmchen bewegt. „Oh Liebling“, flüstert Roxanne und ringt erneut mit den Tränen. Er sieht so einsam und schutzbedürftig aus.
Hastings und Michael kommen zu ihr. Roxanne wendet sich an ihren Mann und strahlt: „Sieh doch nur, Schatz.“
„Darf ich vorstellen?“, sagt die Sachbearbeiterin sanft: „Das ist Lonnie.“
„Er ist wunderschön“, flüstert Roxanne ergriffen.
„Wollen Sie ihn mal hochnehmen?“
Roxanne nickt. Hastings greift nach dem Baby, das sofort noch lauter brüllt und reicht es ihr. Die junge Lehrerin nimmt den Kleinen auf den Arm, wie sie es schon bei den Kindern ihre Freundinnen getan hat.
Aber dieses Mal ist es anders, denn das hier ist ihr Kind. Sie muss es nicht wieder abgeben. Sie wird es behalten dürfen. Sanft wiegt sie den kleinen Jungen hin und her und streichelt seinen Rücken. Lonnie wimmert, doch er beruhigt sich mit jeder Minute ein bisschen mehr.

Roxanne spürt sein Gewicht, seine Wärme, atmet seinen Geruch ein und ist sich sicher, dass das einer der glücklichsten Momente ihres Lebens ist. Nur bei ihrer Hochzeit ist sie so ergriffen gewesen.
„Keine Angst, mein Schatz“, murmelt sie und drückt Lonnie liebevoll an sich. „Du wirst nie wieder allein sein. Wir werden gut auf dich aufpassen und immer für dich da sein.“
Sie küsst ihn auf das weiche Köpfen und der Kleine schnauft leise. Er öffnet seine blauen Augen und schaut sie groß an. Roxanne strahlt und streicht mit der Fingerkuppe über sein Pausbäckchen. Nun verzieht auch der Kleine sein Mündchen und rudert mit seinem rechten Arm, um ihren Finger zu verscheuchen.
Roxanne und Michael müssen lachen.

„Wann können wir ihn zu uns holen?“, will Michael wissen.
„Er soll noch ein paar Tage zur Beobachtung hierbleiben. In der Zeit mache ich die Papiere fertig und wenn alles gut geht, können Sie ihn in einer Woche zu sich nehmen.“
Eine Woche! Das klingt wunderbar kurz, wenn man bedenkt, wie lange sie auf dieses Kind gewartet haben - und doch schmerzhaft lang.
Roxanne betrachtet Lonnie und kann sich nicht vorstellen, ihn hier zu lassen. Das geht einfach nicht! Schließlich hat sie ihm gerade versprochen, immer für ihn da zu sein.
Aufgewühlt schaut sie Michael an: „Ich möchte mir freinehmen und bei ihm bleiben, bis wir ihn mitnehmen können.“
Ihr Mann erwidert den Blick mit einer Mischung aus Sorge und Verständnis: „Das kann ich nachvollziehen, aber ich weiß nicht ob Rektor Miller… .“
„Es muss gehen“, erklärt Roxanne entschlossen. „Zur Not lasse ich mich krankschreiben.“  
Michael seufzt und gibt sich geschlagen, wie immer, wenn sie so bestimmt auftritt: „In Ordnung. Wir werden morgen mit ihm reden und das klären.“

Roxanne lächelt dankbar und fragt: „Willst du ihn mal halten?“
Michael nickt und sie legt ihm das Baby in den Arm. Lonnie schaut ein wenig verwundert, doch er scheint sich auch bei ihrem Mann wohl zu fühlen. Besonders Michaels Brille hat es ihm offenbar angetan, denn er patscht sofort danach. Ihr Mann lacht.
„Das scheint wirklich perfekt zu passen“, murmelt Caroline Hastings erfreut. „Ich habe da überhaupt keine Bedenken mehr.“

Roxanne wendet sich ihr zu: „Wo ist die Mutter?“
Die Miene der Sachbearbeiterin wirkt bekümmert: „Sie ist auch hier auf einer anderen Station, weil sie ebenfalls recht abgemagert war. Aber sobald es ihr besser geht, wird sie in die geschlossene Psychiatrie überwiesen. Dort ist sie am besten aufgehoben.“
„Worunter leidet sie eigentlich?“
Hastings zuckt mit den Achseln: „So genau steht das wohl noch nicht fest. Sie scheint extrem verwirrt und springt oft in der Zeit. Gefährlich scheint sie jedoch nicht zu sein.“ Die Sachbearbeiterin räuspert sich und senkt die Stimme: „Es gibt ein Gerücht, das aber nicht bestätigt ist. Angeblich arbeitete sie als Animierdame in einem Club, der eines Abends von Joker und seinen Gefolgsleuten gestürmt wurde. Dabei soll sie mit einer Art Gas in Berührung gekommen sein, das ihren psychischen Zusammenbruch ausgelöst hat.“

Michael schaut beunruhigt auf: „War das vor, nach oder während der Schwangerschaft?“
„Es scheint davor passiert zu sein.“
Roxanne knetet nervös ihre Finger: „Und sind Sie sicher… also kann man ausschließen, dass es Lonnie irgendwie geschadet hat?“
„Genau das versuchen die Ärzte unter anderem jetzt herauszufinden“, antwortet Hastings. „Aber bislang hat es nicht den Anschein. Man muss natürlich abwarten, wie er sich entwickelt und verhält, wenn er älter ist. Ich rate Ihnen von daher, regelmäßig mit ihm zum Arzt zu gehen und auf Anzeichen zu achten.“
„Das werde wir“, verspricht Michael und lässt Lonnie ganz sachte etwas auf- und abwippen. Roxanne steht betroffen da.
Hastings bemerkt es und fragt behutsam: „Mrs. Machin, ist alles in Ordnung? Ich kann verstehen, wenn diese Tatsache sie beunruhigt oder gar abschreckt. Wenn Sie unter diesem Gesichtspunkt nochmal über die Adoption nachdenken oder gar ganz davon Abstand nehmen wollen… .“
Roxanne gibt den Blick aufgewühlt zurück und erklärt fest: „Auf gar keinen Fall!“ Sie streicht Lonnie über den Kopf und verkündet: „Das ist unser Kind, ganz egal, was die Zukunft bringt.“  Die Sachbearbeiterin nickt erleichtert.

„Was ist mit dem Vater?“, will Roxanne wissen.
„Unbekannt“, erwidert Hastings mit einem Seufzen.
„Gibt es Großeltern?“
„Von Seiten der Mutter jedenfalls nicht. Sie sagte, ihre Eltern sind schon vor Jahren verstorben.“
„Dann ist sie ganz allein?“
„So scheint es.“ Hastings schaut auf die Uhr. „Es tut mir leid, aber Sie müssen sich langsam von Lonnie verabschieden. Das Personal der Klinik hat schon eine Ausnahme gemacht und ich will sie nicht überstrapazieren.“
Michael nickt, allerdings wirkt es nicht sonderlich glücklich. Roxanne beißt sich auf die Lippen und nimmt den Kleinen von ihrem Mann entgegen. Sie drückt ihn an sich und raunt: „Morgen komme ich wieder.“ Schweren Herzens lässt sie ihn zurück in sein Bettchen sinken.

Lonnie blickt verwirrt umher und fängt wieder an zu weinen. Roxanne deckt ihn zu und streichelt ihn, doch er lässt sich nicht beruhigen. Nun kommen auch ihr die Tränen. Wie eine miese Verräterin fühlt sie sich. Sie kann den Anblick des aufgelösten Kindes kaum ertragen, aber sich davon lösen kann sie auch nicht…
„Komm“, sagt Michael und es klingt bewegt. Er legt einen Arm um ihre Schultern und sie lässt sich von ihm wegziehen.
Das Paar folgt Hastings, die gerade nach der Klinke greifen will – als die Tür sich öffnet. Die Sachbearbeiterin macht vor Schreck einen Satz zurück.
Auf der Schwelle steht eine große, zerbrechliche, blasse Frau in einem grünlichen Krankenhausnachthemd. Sie mag kaum älter als 25 Jahre alt sein. Ihre Wangen sind eingefallen, das lange, rotblonde Haar hängt schlaff und glanzlos um ihre knochigen Schultern, die großen, blauen Augen blicken traurig und wirr. Trotz ihrer angegriffenen Erscheinung kann man noch immer erahnen, dass sie eine wahre Schönheit gewesen sein muss.

„M-Miss Penman“, bringt Hastings überrumpelt hervor. „Was tun Sie denn hier?“
„Mein Kind“, wispert die Frau und schaut ängstlich von der Sachbearbeiterin zu Roxanne und Michael. „Wo ist mein Junge?“
„Ist das die Mutter?“, fragt Michael mitleidig.
Hastings nickt unwillig und ihre Stimme wird um eine Spur schärfer: „Miss Penman, Sie haben hier nichts zu suchen! Sie sollten auf Ihrer Station bleiben.“
„Aber… mein Kind?“ Sie blickt hinüber zu Lonnie, der noch immer aus Leibeskräften schreit. „Er braucht mich, hören Sie?“
Sie will sich an Hastings vorbeischieben, doch diese packt sie grob am Arm: „Das kommt nicht in Frage! Sie haben Umgangsverbot, Miss Penman, das wissen Sie ganz genau, also raus hier!“ Die junge Frau wimmert und versucht, sich loszureißen.
„Hören Sie auf!“, mischt sich Roxanne ein, greift nach Hastings Hand und befreit die junge Mutter aus deren Griff. „Sie tun ihr weh!“
Hastings schaut sie etwas beleidigt an, aber Roxanne achtet nicht weiter auf sie.

Sie lächelt die Fremde freundlich an und diese lächelt schüchtern zurück. „Wie heißt du?“
„Linda“, antwortet die junge Frau.
„Ein schöner Name. Ich bin Roxanne und das ist mein Mann Michael.“
„Hallo Roxanne.“
Die Lehrerin streckt die Hand aus und Linda ergreift sie vertrauensvoll wie ein kleines Mädchen. Gemeinsam gehen die beiden Frauen zum Bett des Babys.
„Lonnie“, flüstert Linda glücklich, lässt Roxannes Hand los und nimmt den Kleinen auf den Arm. Sie strahlt die 35-Jährige an. „Das ist mein Sohn. Ist er nicht schön?“
„Das ist er“, bestätigt Roxanne.
Lindas Miene wird traurig. „Sie sagen, ich darf ihn nicht behalten. Aber er ist doch mein Kind. Ich habe nichts getan!“
Roxanne schluckt und streichelt Lonnies Rücken: „Du hast bestimmt nichts falsch gemacht. Jeder sieht, dass du ihn liebst. Aber du bist krank und kannst dich deswegen nicht im ihn kümmern. Du musst jetzt erstmal an dich denken und gesund werden, damit du Lonnie eine gute Mama sein kannst, verstehst du?“
Linda schnieft, nickt und sagt: „Aber er kann nicht hier bleiben. Es ist groß und unheimlich hier. Diese vielen Fremden machen ihm bestimmt Angst.“  
Roxanne lächelt bedrückt: „Wenn du erlaubst, nehmen wir ihn mit zu uns und passen auf deinen Jungen auf. Wir würden gut für ihn sorgen, das verspreche ich dir. Und wenn es dir besser geht, kommen wir dich alle zusammen besuchen, wie wäre das?“

Linda schaut sie groß an. Dann strahlt sie: „Das wäre wunderbar! Dann wären wir wie eine Familie.“
Roxanne  legt ihre Hand auf Lindas und schaut ihr tief in die Augen: „Du wirst immer seine Mama sein. Wir nehmen ihn dir nicht weg. Du verlierst dein Kind nicht, sondern gewinnst zwei neue Freunde hinzu.“
Linda erwidert den Blick voller Dankbarkeit und eine Träne rinnt aus ihrem Augenwinkel. „Du bist freundlich. Ich mag dich.“ Dann beugt sie sich vor und flüstert in Roxannes Ohr: „Aber lass nicht zu, dass er das Kind holt.“
Die Lehrerin erstarrt: „Von wem redest du?“
Linda geht nicht darauf ein: „Er weiß es nicht. Sie weiß es nicht. Aber sie hasst mich. Sie hat den seltsamen Nebel hereingelassen.“
Roxannes Augen weiten sich: „Du meinst das Gas?“
Linda schaudert und wiederholt: „Sie hasst mich. Und deswegen wird sie auch Lonnie hassen. Sie sagte, er gehört nur ihr allein. Sie lässt nicht zu, dass etwas zwischen sie und ihn kommt. Sie… sie ist verrückt…. und sie weiß nicht, dass er und ich… .“
„So, Schluss jetzt, Miss Penman“, erklingt eine ruhige, tiefe Stimme von der Tür her. Linda und Roxanne zucken zusammen.
Ein großer, breiter Mann mit Bart und in der Kleidung eines Pflegers tritt ein. Begleitet wird er von einem weiteren Mann, der ebenfalls kräftig gebaut ist und eine aufgezogene Spritze in der Hand hält. „Sie kommen bitte wieder mit uns mit.“

Linda steht stocksteif da und rührt sich nicht. Roxanne sieht jedoch, wie die Panik in ihren Augen leuchtet und sich alles in ihr verspannt. Ein Tier, das sich bereit zur Flucht macht.
„Gib mir Lonnie“, wispert Roxanne und nimmt ihr gleichzeitig das Kind aus den Armen. Linda lässt es geschehen und wirft ihr einen letzten Blick zu, der Roxanne durch und durch geht. So verstört, so ängstlich wie ein kleines Häschen. Dann wirbelt sie herum und rennt auf das Fenster zu.
Mit der Kraft der Verzweiflung schlägt sie mit der rechten Faust die Scheibe ein. Es klirrt und Lonnie fängt an zu weinen. Ohne zu zögern greift Linda nach dem Rahmen, wobei sie sich an den Glasscherben, die noch aus dem Holz ragen, die Haut aufschneidet. Doch bevor sie sich hochziehen kann, sind die beiden Männer bei ihr und ringen sie zu Boden. Linda kreischt, schreit, schlägt und tritt um sich. Ein völlig außer Kontrolle geratenes Bündel Mensch.

Roxanne drückt Lonnie an sich und hält ihm mit einer Hand das noch freie Ohr zu, während Michael und Mrs. Hastings erschrocken an die Wand zurückgewichen sind.
Der eine Mann versenkt die Nadel der Spritze in der Armbeuge der jungen Frau, die mittlerweile überall von ihrem eigenen Blut besudelt ist. Ihre Gegenwehr erlahmt rasch.
Irgendwann liegt sie nur noch da und wimmert leise, das lange Haar wirr über ihr Gesicht gebreitet. Hätte Roxanne nicht Lonnie auf dem Arm gehabt, wäre sie zu ihr gegangen. Ihr Mitgefühl schnürt ihr die Luft ab, als sie zusieht, wie die Männer Linda grob aufrichten.
Einer der beiden entschuldigt sich bei Michael und Mrs. Hastings und versichert, dass sowas normalerweise natürlich nie im General vorkommt, doch Roxanne schaut nur zu Linda und sagt leise: „Ich werde ihn beschützen.“

Linda hebt den Kopf, sieht sie mit leerem Blick durch den Vorhang ihrer rotblonden Haare an und murmelt kaum noch verständlich: „Lass nicht zu, dass er ihn holt.“
Roxanne weiß zwar noch immer nicht, von wem die junge Frau spricht, aber sie erwidert: „Er wird ihn nicht bekommen. Niemals.“
Ein letztes, schwaches Lächeln erhellt Lindas Züge. Dann sackt ihr Kopf wieder herab, die beiden Männer nehmen sie zwischen sich und führen sie aus dem Raum.
Roxanne blickt ihnen erschüttert nach, wobei sie immer noch Lonnie in ihren Armen wiegt, der sich langsam wieder beruhigt, erschöpft das Köpfchen gegen ihre Brust lehnt, die Augen schließt und ruhig und gleichmäßig zu atmen beginnt.
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