Kennst du das?

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Bob Andrews Peter Shaw
01.01.2020
22.01.2020
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Kapitel 2

Der Tag ist vorüber; der Film lange zu Ende. Und schon vor Stunden hat Peter sich von seinen Freunden verabschiedet um zum Sport zu gehen. Inzwischen regnet es stark und dichter Nebel erschwert zusätzlich die bereits eingeschränkte Sicht.

Vorsichtig, beinahe in Schrittgeschwindigkeit manövriert Peter seinen alten MG durch den spärlich beleuchteten Waldweg, hochkonzentriert, aber nicht ohne die gespenstische Schönheit der weißen und gelben und orangefarbenen Lichter, die von seinem Auto und den gelegentlichen Straßenlaternen ausgehen zu bewundern. Er ist unendlich froh, sicher im inneren des Autos zu sitzen. Hier ist es warm und vertraut und nicht so gruselig wie draußen. Ein bisschen wünscht er sich, er wäre nicht alleine. Unbewusst sieht er in den Rückspiegel, um auf die Rückbank zu schauen, wo für gewöhnlich Bob sitzt, wenn sie zu dritt unterwegs sind.

Es blitzt hell, im selben Moment grollt der Donner über Peters Kopf und für einen Augenblick ist alles so weiß um ihn herum, dass er befürchtet gerade gestorben zu sein. Doch plötzlich taucht ein kleiner schwarzer Fleck auf der Fahrbahn auf und grüne Augen funkeln ihn verängstigt an. Sofort drückt Peter auf die Bremse, doch es ist bereits zu spät. Er fährt zwar nicht schnell, doch er merkt deutlich, wie er den schwarzen Fleck mit den grünen Augen mit einem seiner Vorderreifen berührt.

„Oh nein. So ein Mist“, haucht er und blickt angestrengt durch die Windschutzscheibe. Es ist wieder dunkel und das einzig vernehmbare Geräusch ist das Quietschen der Scheibenwischer und das laute Rauschen des Blutes in Peters Ohren. Frustriert schlägt er zwei Mal auf das Lenkrad, bevor er zögernd die Fahrertür öffnet, das Auto umrundet und in das Scheinwerferlicht tritt.

Hart prasseln die Regentropfen auf ihn herab. Langsam geht er in die Hocke und sucht nach dem schwarzen Fleck mit grünen Augen. Ihm gefällt die Situation nicht. In seinem Inneren zerrt alles an ihm, sich wieder ins Auto zu setzen und so schnell wie möglich von hier wegzukommen. Auch wenn er nicht schneller als fünfzehn Kilometer pro Stunde würde fahren können.

Der schwarze Fleck bewegt sich und grüne Augen öffnen sich, wobei sie Peter direkt anstarren. Erschrocken verliert er sein Gleichgewicht und fällt auf die nasse Straße. Schnell fängt er sich, als er erkennt, dass es sich um eine kleine Katze handelt.

„Oh je, ausgerechnet.“ Behutsam streckt er eine Hand nach dem Geschöpf aus. Als es nicht zurückschreckt und ihn nur weiter ansieht, berührt er vorsichtig das tropfende Fell. Erst nur mit zwei Fingern, dann legt er seine ganze Hand auf die Bauchgegend.

„Kannst du dich bewegen?“, fragt er das Tier, welches nur gequält knurrt. „Nein, natürlich nicht.“ Peter lässt seine Hand weiter über den kleinen Körper wandern. Wenigstens steckt die Katze nicht unter seinem Reifen fest. Kurz wendet er sich von der Katze ab und betrachtet seine Hand im Scheinwerferlicht. Nur Regen – kein Blut. „Und trotzdem bewegst du dich nicht?“

Hilfesuchend schaut Peter sich um, aber natürlich befindet sich nichts Brauchbares in der Umgebung. Wieder blitzt es, aber der Donner erschallt dieses Mal etwas später. Das Gewitter zieht weiter. Seufzend sieht er die Katze wieder an, welche seinen Blick bemitleidenswert erwidert.

„Das gibt es doch nicht! Ich kann dich nicht mitnehmen.“ Erneutes Umsehen. „Ich bin allergisch gegen dich.“ Streng, als wäre es die persönliche Schuld dieser Katze, dass Peter gleich üble allergische Reaktionen zeigen würde, sieht er das Tier an und zieht sich seine dünne Jacke aus. „Hierlassen geht aber auch nicht. Na komm.“

So vorsichtig wie möglich wickelt er die Katze in seiner Jacke ein und weicht dabei geschickt den Hieben der Pfoten aus, welche versuchen ihn zu zerfleischen. Das arme Ding muss fürchterliche Schmerzen haben. Und als Peter sich mit der Katze auf dem Schoß wieder ins Auto setzt und etwas Feuchtes seine Wange herunterläuft, ist er sich nicht sicher, ob es der Regen ist, seine Allergie oder eine Träne des Mitgefühls.

-

Würdest du Bob fragen, was er denkt, als seine Mutter ihn mit einer erhobenen Augenbraue zur Tür bittet und dann Peter dort stehen sieht, wäre er nicht in der Lage zu antworten, weil sich kein einziger Gedanke formen lässt.

Peter steht vor ihm und sieht ihn entschuldigend an, sagt, wie leid es ihm tut, dass er hier völlig durchnässt und so spät noch vor seiner Haustür steht und bestimmt bei irgendetwas stört. Beim Lesen eines Buches vermutlich. Und Peter redet immer weiter, niest zwischendrin, macht jedoch keine Anstalten überhaupt zu fragen, ob er eintreten darf, obwohl es doch noch immer so schlimm regnet.

Erst als Peter beginnt zu husten und es leise pfeift, wenn er einatmet, wird Bob aus seinem Stupor gerissen. Ein letztes Mal mustert er Peters Körper von oben bis unten, prägt sich ein, wie himmlisch er aussieht: triefnass, die Kleidung am Körper klebend und im goldenen Licht stehend, sieht er aus wie eine Erscheinung aus einem Traum.

Tief holt Bob Luft und klärt seinen Kopf. Schließlich macht er einen Schritt zur Seite und bedeutet Peter hereinzukommen. „Nun mach mal langsam und fang von vorne an. Ich verstehe ja gar kein Wort.“

Doch Peter schüttelt nur den Kopf und drückt Bob einen nassen Klumpen Stoff in die Hand. Angestrengt atmend stützt er sich mit den Händen an seinen Beinen ab. „Pass auf, Bob“, sagt er und sieht seinem Freund durch die Regentropfen hindurch blinzelnd an. „Da drin ist eine Katze eingewickelt. Sie lebt noch. Können wir in deinen Schuppen gehen?“

Überrascht weitet Bob seine Augen und besieht sich den nassen Klumpen in seinem Arm genauer. Tatsächlich: etwas bewegt sich und plötzlich sehen ihn grüne Augen an, die im starken Kontrast zu dem schwarzen Fell stehen. Als Bob den Blick wieder hebt, sieht er, dass Peter inzwischen ungeduldig wirkt.

Schnell tritt er nach draußen in den Regen und schließt die Haustür hinter sich. „Was machst du mit einer Katze, Peter. Du bist doch allergisch“, sagt er und führt den zweiten Detektiv in den Schuppen im Garten.

„Mensch, Bob. Hast du mir eben denn gar nicht zugehört? – Hach, endlich im Trockenen“, fügt Peter seufzend hinzu und breitet ein paar Zeitungen auf dem Boden aus. Zusätzlich sucht er ein paar Decken zusammen und legt diese ebenfalls auf den Boden. Schweigend beobachtet Bob ihn bei seinen Taten und steht abwartend am Rand.

„Also“, setzt Peter an, „es ist so nebelig, dass ich kaum etwas auf der Straße sehen konnte.“ Behutsam nimmt er Bob die Katze aus dem Arm und legt sie neben den Zeitungen und Decken auf dem Boden ab. Dann holt er sie aus der Jacke heraus und wird von einer flinken Pfote und zwei Krallen am Unterarm gekratzt. Er beginnt zu bluten. „AUA, du blödes –“ Mit missmutig zusammengezogenen Augenbrauen bettet er das Tier auf einer Decke und fährt fort: „Plötzlich hat es geblitzt und dann habe ich die Katze versehentlich angefahren.“

Bob nickt, als er versteht, was Peter sagt. „Und weil du die Katze selbst nicht aufnehmen kannst, bist du zu mir gekommen.“

„Ich hoffe das ist in Ordnung.“

„Ja, sicher“, bestätigt Bob und beginnt in den vollgestopften Regalen herumzuwühlen, bis er endlich einen Verbandskasten gefunden hat und sich neben den niesenden Peter auf den Boden setzt.

„Nur so lange, bis wir mit der Katze zum Tierarzt können. Versprochen.“ Während er spricht, tupft Peter mit der Hand seines unverletzten Armes die Katze vorsichtig trocken.

Bob öffnet den Verbandskasten und sucht verschiedene Dinge zusammen. „Von mir aus gerne“, sagt er abwesend und nimmt Peters anderen Arm in die Hand. Prüfend schaut er sich die blutenden Kratzer an und beginnt dann sie vorsichtig zu desinfizierend.

Mit einem überraschten Schmerzenslaut zuckt Peter zusammen und entzieht Bob seinen Arm. Die Katze faucht solidarisch und schon wird Bob mit zwei funkelnden Paaren grüner Augen angesehen.

Besänftigend hebt Bob seine Hände. „‘tschuldigung. Ich wollte dich nur verarzten.“ Kurz wartet er ab und als Peter ihm nachgebend den Arm wieder hinhält, gibt er sich Mühe, sanfter zu sein.

Nach dem Desinfizieren, trägt Bob eine Salbe auf, wobei er sehr konzentriert vorgeht und mit seinen Fingerspitzen Peter eher streichelt, anstatt die Salbe fachmännisch zu verteilen. Die Haut ist wirklich weich, jedoch kalt vom Regen. Irgendwann bemerkt er, dass Peter nicht länger die Katze trocknet, sondern auf ihn sieht.

Den Blick hebend hält Bob in seinen streichenden Bewegungen inne und schaut Peter fragend an. Doch Peter sagt nichts, also muss Bob sich darauf konzentrieren, nicht auf die geringe Distanz zwischen ihnen zu achten. Oder auf die Lippen. Oder auf sein Bedürfnis, sich jetzt nach vorne zu lehnen und seine Hand in Peters feuchtem Haar zu vergraben und ihn zu küssen.

Also schließt er kurz seine Augen und senkt den Kopf, bevor er Peters Arm locker verbindet und schließlich ein wenig von ihm abrückt.

„Danke, Bob. Du bist der Beste“, sagt Peter erfreut und sieht sich seinen Arm an.

Nach einer Weile, nachdem die Katze endlich trocken, Peter aber immer noch nass ist, steht Bob schweigend auf und geht zum Haus.

Gerade will er sich die Haare raufen und seine Gefühle lautstark verfluchen, als er seinen Vater in der Küche sitzen sieht.

Kennst du das? Du siehst eine außenstehende Person, die absolut gar nichts mit deiner Situation zu tun hat und du vertraust dieser Person, weil sie dir nie einen Anlass dazu gegeben hat es nicht zu tun, also willst du ihr alles entgegenbrüllen, weil du mit deinen Gefühlen gerade überfordert bist. Aber stattdessen schweigst du, weil sich ein Kloß in deiner Kehle formt, denn diese außenstehende Person ist dein Vater, also wäre sein Verlust zu extrem, sollte er auf deinen Ausbruch nicht gut reagieren.

Bob kennt das. Er atmet tief durch, schluckt alles herunter, was er eigentlich gerne loswerden würde und grüßt seinen Vater nur kurz. Er fühlt sich unheimlich einsam. Vielleicht, flüstert eine leise Stimme in seinem Kopf, die er gekonnt ignoriert, sollte er doch mit Justus reden.

Kurz schüttelt er seinen Kopf und eilt dann durch die unterschiedlichen Zimmer des Hauses um ein paar Dinge zusammenzusammeln.

Zunächst macht er im Bad halt und schnappt sich ein weiches Handtuch. Besser zwei. Man kann nie wissen. Dann schlittert er weiter in sein Zimmer und sucht ein paar trockene Kleidungsstücke für Peter heraus. Socken und Unterwäsche sind kein Problem, aber passende Oberbekleidung zu finden ist weit schwieriger. Peter ist eine ganze Ecke größer als er: hat ein breiteres Kreuz und längere Beine. Immer weiter in Stress geratend durchwühlt er seinen Kleiderschrank und ist kurz davor einfach etwas aus dem Schrank seines Vaters zu nehmen, als er einen dunkelblauen Kapuzenpullover findet, den er nur sehr selten trägt, weil er ihm viel zu groß ist. Ein wenig zögernd und mit einem schiefen, halb hinterhältigen Lächeln zieht er ihn aus dem Schrank heraus.

Bobs nächster Halt ist wirklich im Schlafzimmer seiner Eltern, wo er eine warme Freizeithose aus dem Schrank fischt, in welche Peter gut passen sollte, wenn er eine Schleife in die Bänder schnürt, damit sie nicht rutscht. Zum Schluss geht er noch in die Abstellkammer, wo er eine Flasche Wasser, zwei Dosen Thunfisch und einem Gedankenblitz folgend noch einen Heizstrahler mitnimmt. Bevor er wieder durch die Hintertür im Garten und dem Schuppen verschwindet, klemmt er sich aus der Küche noch einen kleinen Teller unter dem Arm.

Zurück im Schuppen kommt Peter ihm entgegen und nimmt ihm einen großen Teil der Sachen ab.

„Danke“, sagt Bob und lächelt ihm zu. „Hier, die Handtücher und Kleidung sind für dich.“

„Ach je, wäre auch zu blöd, wenn ich krank werde und ein neuer Fall für die drei Fragezeichen reinkommt.“

„Ja“, erwidert Bob lachend und wendet sich von Peter ab, damit dieser sich in Ruhe ausziehen und abtrocknen und wieder anziehen kann. „Justus würde mit dir schimpfen und dich zurechtweisen, dass du nicht im Regen hättest rausgehen sollen.“ Er stöpselt den Heizstrahler in eine Steckdose und richtet ihn in die generelle Richtung von Peter, wobei er darauf achtet, dass auch die Katze etwas von der Wärme abbekommt.

„Ha! Genau. Und wenn ich das mit der Katze erkläre, sagt er bestimmt, ich hätte gar nicht erst Auto fahren sollen.“

Bob schmunzelt und schnaubt zustimmend. Als er das Rascheln eines Handtuches und das Schmatzen von nasser, zu Boden fallender Kleidung hört, dreht er sich beinahe, einem Instinkt folgend, um. Mit aller Willenskraft, die er aufbringen kann nimmt er eine der Thunfischdosen in die Hand und öffnet diese unnötig langsam. So, als wäre es von außerordentlicher Wichtigkeit, kein Geräusch zu machen. Während er den Inhalt der Dose auf den kleinen Teller schüttet, lauscht er mit seinen Ohren gespannt jedem Geräusch, das Peter von sich gibt.

Es gibt mehr Rascheln und Reiben eines Handtuches. Bob nimmt an, dass Peter fast unbekleidet sein muss und noch während sich diese Annahme, dieser absolut gefährliche Gedanke formt, beginnt sein Herz zu rasen und das Blut vor Aufregung in seine Wangen zu schießen. Denn unwillkürlich sieht er Bilder vor sich. Bilder von Peter am Strand, wie er bis auf eine kurze Badehose nichts trägt und wie die Wassertropfen im Sonnenlicht glitzern. Und es ist seltsam, wirklich, denn Bob hat Peter schon oft so gesehen, also weswegen fühlt er sich jetzt so verwegen, wenn er daran denkt, dass Peter genau so gerade hinter ihm steht?

Mehr rascheln, aber trocken. Peter zieht sich an. Peter muss gerade eben für einen kurzen Augenblick völlig nackt hinter ihm gestanden haben.

Tief durchatmend beißt Bob die Zähne zusammen und stellt der Katze den Fisch direkt vor die Nase. Interessiert hebt sie ihren Kopf und schnuppert daran, bevor sie sich gierig darüber her macht. Bob lächelt.

„Hm“, macht Peter unerwartet dicht neben Bob. „Der Pullover riecht nach dir.“ Bob versucht wirklich stark, nicht an seiner eigenen Spucke zu ersticken, denn Peter fügt einfach lachend hinzu: „Wow, die Katze frisst so gierig wie unser Erster. Wir sollten sie Justus nennen.“ Und nun weiß Bob nicht, ob er lachen oder weinen soll. Innerlich hofft er, dass ihm die Entscheidung erspart bleibt und er vorher einfach im Boden versinkt.

-

Im Laufe der Nacht haben die beiden Freunde Peters nasse Kleidung gewaschen und anschließend in den Trockner gesteckt, damit Peter seine eigenen Sachen tragen konnte, wenn sie zum Tierarzt fahren. Obgleich Peter immer wieder niesen musste und je nachdem, wie nah er der Katze war, auch vermehrt Schwierigkeiten hatte zu atmen, hatte er traurig ausgesehen, als Bob ihm sagte, dass die Katze möglicherweise gechipt ist und daher jemanden gehört. Auch wenn sie kein Halsband trägt.

Nun sitzen sie nebeneinander auf Hartplastikbänken im Wartezimmer des Tierarztes im Zentrum von Rocky Beach. Gerädert, aber seltsam zufrieden beobachtet Bob Peters Gesicht von der Seite, während er die schwarze Katze auf seinem Schoß abwesend streichelt. Er mag, wie weich das Fell ist und wie die Katze leise schnurrt. Mehr noch mag er jedoch, wie Peter nachdenklich die Augenbrauen zusammenzieht, während er eine Zeitschrift liest und offenbar unbewusst am Rand des Mundschutzes zupft, den er vorsorglich erhalten hat, als er schniefend und röchelnd hier rein kam. Peter zu beobachten erdet Bob, stellt er fest und lächelt gähnend.

Halb ist er froh, dass er nur ein schmales Bett hat, denn sonst hätte er nicht eine Sekunde geschlafen. Aber ein anderer Teil von ihm wünscht sich, sie hätten bei Peter übernachtet, denn dieser hat ein breiteres Bett und seit sie klein waren, schliefen sie immer zusammen darin.

Ein überraschtes Keuchen reißt Bob aus seinen Gedanken. Schnell fokussiert er seinen Blick auf Peters aufgeregt funkelnde Augen, die ihn erwartungsvoll ansehen. Obwohl Peters Mund nicht sichtbar ist, spürt Bob, dass er lächeln muss.

„Bob! Sieh was hier steht.“ Begeistert hält Peter Bob den Bericht der Zeitschrift viel zu dicht unter die Nase.

„Mensch, jetzt halt doch mal still.“

„Hier steht es gibt Medikamente gegen Tierhaarallergien!“

Bob nimmt ihm die Zeitschrift ab und hält sie ein wenig weiter von sich weg, um den Artikel zu lesen. Er öffnet den Mund, um zu sagen, dass die Medikamente nicht immer oder überhaupt bei jeder Person wirken, aber Peter redet schon längst weiter.

„Wir können Justus also behalten!“

Und Bob erstarrt. Kennst du das? Jemand sagt etwas und plötzlich fühlt es sich an, als würde nicht die Welt stillstehen, sondern du und die fiktive Kamera, die dein Leben film zoomt in dein Gesicht herein, während der Hintergrund sich weiter entfernt. Plötzlich spielt sich dein ganzes Leben vor dir ab; es ist aber nicht deine Vergangenheit, sondern deine Zukunft und alles was sein und werden kann. Da bist du und dein bester Freund und du hörst die Glocken klingen und Gelächter der Familie und dann ist da ein Haus und Ringe. Sonne, Freude, Energie, Liebe. Und all das nur wegen einem Wort. Wir. Kennst du das?

Es ist keine Sekunde vergangen, zwischen Peters Aussage und Bobs Rückkehr ins Hier und Jetzt, aber er fühlt sich als wären Jahre vergangen. Er schüttelt alle Zukunftsszenarien ab und sagt rationaler, als ihm lieb ist: „Wir wissen noch nicht, ob die Katze jemandem gehört, Zweiter. Und wenn nicht, können wir sie auch nicht Justus nennen.“

-

Mit einem lauten Krachen reißt Peter die Tür zur Zentrale auf, wobei er eine schwarze Katze mit einer in Verband eingewickelte Pfote weit von sich gestreckt hält. Die Katze sieht griesgrämig aus, wie sie da abhängt. Aber sie macht auch keine Anstalten, sich zur Wehr zu setzen. Bob hat das Gefühl, dass sie Peter sogar sehr gut leiden kann.

„Da bist du ja, Just“, sagt Peter schniefend, aber hocherfreut und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Sieh mal, was wir hier haben.“

Bob fällt es schwer, bei der Begeisterung seines Freundes nicht davon angesteckt zu werden. Also schüttelt er nur ungläubig den Kopf und wirft Justus ein entschuldigendes Lächeln zu, bevor er sich auf das Sofa setzt.

Justus hat kaum Zeit Luft zu holen und sich über Peter oder die Katze oder Bob zu beschweren – und Bob sieht, dass ihm viel auf der Zunge liegt, das er gerne loswerden würde – denn schon findet er einen schwarzen Fellball mit grünen Augen in seinen Armen wieder. Verdattert sieht er erst das Tier und dann Peter an.

„Just, das ist Justus. Bob und ich haben sie so genannt, weil sie sich gierig über Thunfisch hergemacht hat.“ Erfreut lacht Peter und lässt sich neben Bob auf das Sofa fallen. Kurz wechseln sie einen strahlenden Blick, werden aber jäh von Justus Empörung aus ihrem Moment gerissen.

„Kollegen, ich kann nicht glauben, dass ihr erst eine Katze hier anschleppt und sie dann nach mir benennt.“

Abwehrend hebt Bob die Hände. Als er spricht, schafft er es allerdings nicht, seine Belustigung vollkommen aus seiner Stimme zu verbannen. „Unser Zweiter hat die Katze so genannt. Und wenn wir es ganz genau nehmen, war ich auch gegen den Namen.“

„Ach.“ Peter macht eine wegwerfende Bewegung und sieht weiterhin Justus abwartend an.

Abschätzend mustert der erste Detektiv die Katze, welche seinen Blick auf eine ähnlich kalkulierende Weise erwidert. Schließlich nimmt er sie behutsam auf den Arm und übergibt sie wieder an Peter. Bei ihm kuschelt sich die Katze direkt in sein T-Shirt und schließt die Augen. Peter niest.

„So oder so“, sagt Justus bestimmt, „hier kann die Katze nicht bleiben.“ Und bevor Peter widersprechen kann, hebt Justus einen Finger und zeigt dann auf den Käfig, in welchem Blacky sich verdächtig ruhig verhält.

Peter fällt in sich zusammen wie ein Ballon, dem die Luft entweicht. Betrübt sieht er erst zur Katze und schließlich hebt er einen hoffnungsvollen Blick zu Bob.

Und nun entweicht auch die gesamte Luft aus Bobs Lungen, nur dass er nicht schlapp aussieht, sondern solide und hart. Erstarrt.

Unsicher blinzelt er ein paarmal. Sein Herz sagt ihm, Peter jeden Wunsch zu erfüllen, noch bevor er ihn äußern würde. Sein Verstand weiß jedoch, dass Justus Recht hat und dass die Katze ihren Vogel mit Sicherheit fressen würde, sobald sie wieder laufen kann.

„Peter“, beginnt er zögernd und atmet tief durch. „Du musst deine Allergie bedenken und –“

„Eben“, wirft Justus ein.

„Und so lange das nicht geklärt ist, sollten nicht überall die Katzenhaare verteilt werden.“

„Aber –“ Und an dieser Stelle muss Bob die Augen schließen um weiterreden zu können, denn er weiß wie sehr Peter Tiere am Herzen liegen. Doch es ist schon zu spät, denn er wollte eigentlich vorschlagen Poster zu drucken und eine Telefonlawine zu starten, um die Katze so bald wie möglich in fürsorgliche Hände zu geben.

Nur hat er schon ein paar Sekunden zu lange in die leuchtend klaren grünen Augen geschaut und sagt stattdessen: „Bis alle Probleme geklärt wurden, kann die Katze bei mir im Schuppen bleiben. Zum Aufpäppeln.“

Justus hebt eine Augenbraue und zupft nachdenklich an seiner Unterlippe.

„Du bist wirklich der Beste, Bob. Ich bringe Justus direkt zu dir nach Hause und komme danach wieder.“

„He, jetzt hör aber auf, die Katze so zu nennen“, beschwert sich der erste Detektiv und stemmt entrüstet seine Hände in die Seiten. „Und beeil dich, Onkel Titus hat Arbeit für uns.“

Peter verschwindet mit einem Zwinkern und der Katze im Arm nach draußen. „Ich weiß“, ruft er noch hinterher und ist dann weg.
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