Vertrauen  –  zulassen oder endgültig von sich stoßen?

GeschichteDrama, Freundschaft / P12
Dr. Marc Lindner Dr. Theresa Koshka
31.12.2019
21.01.2020
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3256
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„Hey Theresa, wie geht´s, wie steht´s?“, begrüßte Julia ihre Freundin gut gelaunt, als Theresa in die Umkleide trat.
„Ich geh nächste Woche auf den Ärzteball.“, berichtete sie deutlich weniger gut gelaunt, als sie eigentlich hätte sein müssen. Julia warf ihr einen verwirrten Blick zu. „Das ist doch toll! Warum ist deine Laune dann dermaßen im Keller?“
„Ich muss mit Lindner fahren.“
Julia bis sich kurz auf die Unterlippe. „Ooh… Willst du mir nicht doch erzählen, was passiert ist, dass ihr euch schon wieder nur aus dem Weg geht?“
„Nein!“, fauchte Theresa. „Das geht niemanden etwas an.“ Auf keinen Fall wollte sie, dass Marc der Belegschaft zum Fraß vor geworfen wurde. Das hatte er ganz und gar nicht verdient. Ihn traf schließlich überhaupt gar keine Schuld.
„Schon klar, das hast du mir jetzt schon oft genug gesagt. Aber was könnte schon so schlimm sein, das ihr von jedem neuen Hochpunkt in einen immer tiefer werdenden Tiefpunkt schlittert?“
„Du hast ja keine Ahnung.“, gab Theresa genervt zurück. Konnte Julia nicht einfach mal akzeptieren, dass sie nicht jede Kleinigkeit aus ihrem Leben mit ihr teilen wollte!
„Hab ich wirklich nicht, sagst mir ja auch nichts. Was ich allerdings weiß ist, dass du noch ein Ballkleid brauchst.“, stellte Julia, bei der Aussicht shoppen zu gehen, freudig fest.
„Wohl oder übel, ja. Morgen nach Dienstschluss?“
„Bin dabei.“, kreischte Julia. Theresa war weniger begeistert, hatte überhaupt keine Lust darauf. „Super.“

Mit sichtbarer Unlust wartete Theresa am nächsten Tag in der Umkleide auf ihre Freundin. Zum wiederholten Male schaute sie auf ihre Uhr. So eine stinknormale Blinddarm-OP konnte unmöglich so lange dauern! Nach einer weiteren viertel Stunde beschloss sie nicht mehr auf Julia zu warten, schnappte sich ihre Tasche und verließ schnellen Schrittes die Umkleide. Schließlich machten auch irgendwann mal die Geschäfte zu. Gerade hatte sie die Tür hinter sich geschlossen und einen weiteren Schritt getan, als sie plötzlich gegen jemanden prallte. Erschrocken blickte sie auf.
„Julia!“
„Sorry, es gab Komplikationen.“
Theresa verdrehte ihre Augen. Natürlich. Wenn sie etwas vor hatte lief nie etwas glatt. „Also, wenn du mit willst beeil dich. Ich will los.“
Mit den Worten „Ich bin sofort wieder da!“ lief Julia in die Umkleide und war keine drei Minuten später wieder bei Theresa. „Wir können los!“

Gelangweilt stapfte Theresa hinter Julia durch diversen Läden in der Erfurter Innenstadt. In keinem einzigen davon waren sie bisher fündig geworden. Immer wieder hatte sich Theresa aus ihren Sachen geschält um jedes Mal aufs neue in ein nicht passendes oder an ihr hässliches Kleid zu schlüpfen.
„Wenn wir nichts finden, zieh ich einfach das Kleid von Bens Nicht-Hochtzeit an.“, brummte sie zu ihrer Freundin, die gerade vor einem weiteren Schaufenster stehen geblieben war.
„Das wirst du nicht Theresa! Das passt doch gar nicht zum Anlass!… Außerdem ist das doch vom Lindner.“, warf Julia ein. Theresa konterte ohne nachzudenken. „Dann kann er es mir an dem Abend ja auch gleich ausziehen.“ Schockiert drehte sich Julia zu ihr. „Du willst nicht ernsthaft… mit ihm… an dem Abend?“
„Natürlich nicht! Der kann gerne bleiben wo der Pfeffer wächst.“ Die Tatsache, dass Theresa sich wahnsinnig nach Marc sehnte, blendete sie einfach aus. Viel größer war die Angst, dass er ihr etwas schlimmeres antun könnte, als nur den Versuch sie zu erwürgen. Dass er nicht aufhörte, bis es zu spät war. Dass sie ihn soweit trieb. Er würde sich das niemals verzeihen können.
„Das ist doch mal eine Ansage und damit du ihn richtig leiden lassen kannst, kaufen wir dir jetzt ein hammer Kleid.“ Ohne auf eine Antwort zu warten zog Julia ihre Freundin in das nächste Kaufhaus. Drinnen wurde Theresa gerade zu von den wunderschönen Kleidern erschlagen. „Gott Julia, das sind sooo viele, wir brauchen ewig um die alle durchzugucken.“
„Ach komm. Du gehst rechts lang und ich links. Hop hop.“ Theresa verdrehte die Augen. Wie konnte Julia nur immer noch so gute Laune haben? Aber es half ja nichts, sie wollte hübsch aussehen auf dem Ball und auf den ehrenwerten Retter Marc Lindner konnte sie diesesmal ja schlecht zurück greifen. Langsam ging Theresa ihren Gang ab und schweifte mit ihrem Blick oberflächlich über die Kleiderstangen und Schaufensterpuppen. Sie war bereits fast am Ende angekommen, als ihre Augen an einer Puppe mit einem weinroten Kleid hängen. Genau die Farbe, welches Marcs Kleid auch hatte. Es war wunderschön.
Schnell bat sie eine Verkäuferin ihr dieses Kleid in der passenden Größe heraus zu suchen und ging dann ohne Umwege zu Julia.
„Nur eins?!“, fragte Julia fast schon etwas verärgert. Sie hatte ganze sechs Stück über den Arm geworfen.
„Es ist perfekt Julia! Die Farbe, der Schnitt, einfach alles.“, schwärmte Theresas glücklich. Julia fing an zu lächeln. Es war das erste Mal seit Tagen, dass sie ihre Freundin derart unbeschwert sah. „Dann probier es an. Ich möchte sehen, ob es reicht, um sämtlichen Ärzten den Kopf zu verdrehen, einschließlich dem Lindner. Es wird ihm noch leid tun, dass er dich so schnell aus seinen Händen gibt.“
„Bitte Julia, lass Marc daraus. Ich möchte ihm nicht wehtun.“, erklärte Theresa, während sie in einer der Umkleiden verschwand.
„Das heißt, du liebst ihn noch!“
Theresa atmete tief durch. Es fiel ihr verdammt schwer die Worte auszusprechen. „Das tue ich… und er liebt mich auch.“
„Und warum seit ihr dann nicht zusammen? Du liebst ihn, er liebt dich. Wo ist das Problem?“
„Es geht einfach nicht.“, murmelte Theresa durch das T-Shirt, welches sie sich gerade über den Kopf zog.

Wenig später begutachtete Theresa sich im Spiegel. Ihre Augen hatten sie nicht getäuscht, das Kleid war unglaublich. Halblange Ärmel aus blumigem Spitzenstoff, der kurz über ihrer Brust undurchsichtig wurde und sich weiter bis hin zu ihrer Taille zog.  Ab dort lag wunderschöner, weicher Stoff locker auf ihrer Haut, der sich bis kurz über dem Boden erstreckte. Und das alles in einem wahnsinnig tollen Weinrot.
„Jetzt komm endlich raus da, ich möchte auch was sehen!”, nörgelte Julia vor der Umkleide.
Lächelnd trat Theresa vor den Vorgang.
„Wow!”, entfuhr es Julia staunend. „Du siehst unglaublich aus.”
„Find ich auch!”
Julia musste schmunzeln, so glücklich hatte sie ihre Freundin selten gesehen. Ihre Augen strahlten nur so vor Glück. Sie würde definitiv sämtlichen Gästen den Kopf verdrehen. „Dann kann der Ball ja kommen. Dreh dich mal.”
Bald war das Ballkleid gekauft. Für Theresa kostete es ein halbes Vermögen, aber das war es Wert, entschied sie ohne nachzudenken.

Auch Marc war gerade in der Erfurter Innenstadt und suchte nach einem neuen Anzug. Im Gegensatz zu Theresa hatte er allerdings weniger Probleme und hatte schnell einen schwarzen Anzug und ein weinrotes Einstecktuch erstanden. Er mochte diese Farbe. An Theresa.
Marcs Weg nach Hause führte ihn fast durch ganz Erfurt, aber das Wetter spielte mit. Ein wunderschön warmer Frühlingstag. Gerade bog er in eine Seitenstraße der Shoppingmeile ab, als genau in dieser Theresa und Julia aus einem Geschäft traten. Sofort spürte er Theresas Blick auf sich. In ihm wuchs das Bedürfnis einfach umzudrehen und einen anderen Weg einzuschlagen, aber wäre das nicht schon wieder ein Fluchtversuch? Marc wollte nicht mehr weglaufen. Das hatte er sich nach dem Vorfall mit Theresa fest vorgenommen. ‘Ok, Augen zu und durch’, dachte Marc sich und ging auf die beiden Frauen zu.
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