Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Action / Vorbei?

Vorbei?

von Blondi17
GeschichteDrama, Humor / P16
30.12.2019
01.07.2020
30
68.430
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30.12.2019 2.921
 
Samstag, 18. Juni

Ich schlappte ungeschickt in meinen High-Heels über den verlassenen Parkplatz. Es war schon sehr dunkel und natürlich übersah ich eine Pfütze direkt vor meinen Füßen. Ich ging weiter und angelte paranoid, wie ich nun einmal war, unbemerkt mein Messer aus der Handtasche.
Ich war fast an meinem Wagen angelangt, als einer der beiden Männer, die mir gefolgt waren, etwas in meine Richtung rief. „Entschuldigen Sie bitte, Ma’am.“
Ich drehte mich langsam zu ihm um. Er war allein.  Langsam ging ich auf ihn zu, blieb jedoch mit ausreichendem Sicherheitsabstand vor ihm stehen. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich gespielt freundlich.
Er machte einen Schritt auf mich zu. „Könnte ich kurz Ihr Telefon benutzen, um mir ein Taxi zu rufen? Meine Frau hat heute den Wagen, um unsere beiden Kinder zu einer Geburtstagsparty ihres Freundes Nicky zu fahren. Ein ganz reizender Junge. So höflich und gut erzogen. Unsere beiden Jungs sind leider nicht so wohl geraten. Na ja, ich sage immer, sie kommen nach meiner Frau. Selbstverständlich nicht, wenn sie dabei ist. Die gute Debbie ist zwar eine ganz entzückende Mutter, aber sie möchte man nicht zum Feind haben. Es ist unglaublich, was die Frau alles mit einer Bratpfanne zustande bringt“, mit den letzten Worten lachte er.
„Aber natürlich“, antwortete ich und reichte ihm langsam mein Handy. Ich musterte ihn, während er eine Nummer wählte. Was war das denn für eine alberne Geschichte?
Plötzlich packte mich ein starker Arm von hinten und drückte mir die Kehle zu. Ich rang nach Luft. Der andere Mann stand direkt vor mir und hatte eine Waffe gezogen, die er mir direkt vor die Stirn hielt. Ich hielt die Luft an und sah dem Mann vor mir in die Augen.
Das Adrenalin schoss mir in die Adern. Mein Herz schien einen Marathon gewinnen zu wollen und das Gefühl von blanker Angst machte sich einmal wieder in mir breit.
Für zwei Sekunden bewegte sich niemand. Ich fühlte nach dem Messer in meiner Hand. Mit einem gewaltigen Tritt brachte ich den Mann vor mir zum Wanken. Gleichzeitig holte ich mit dem Messer aus und stach dem anderen ins Bein. Dieser lockerte seinen Griff, sodass ich mich aus seinen Klauen befreien konnte.
Sein Blut lief mir über den Arm, als ich das Messer wieder nahm und mich in Position stellte. Mit einem weiteren Tritt beförderte ich die Waffe des Mannes vor mir auf den Boden. Er hatte sich wieder aufgerappelt und holte ebenfalls ein Messer hervor. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen, immer auf der Hut.
Hinter mir vernahm ich die Laute des Mannes, der auf dem Boden herumlag. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich eine große Blutlache um ihn herum gebildet. Stöhnend und schwer atmend hinterfragte er vermutlich gerade sein ursprüngliches Vorhaben.
Mein Gegner hatte sich inzwischen vor mir aufgebaut und fokussierte mich mit wütendem Blick. Unter normalen Umständen wäre ich wahrscheinlich in noch größere Panik ausgebrochen, aber dazu hatte ich dieses Mal einfach keine Zeit.
Plötzlich machte er einen gewaltigen Schritt auf mich zu und erwischte mich beinahe mit seinem Messer, doch ich konnte gerade noch ausweichen. Rasch näherte ich mich und verletzte ihn mit einem Hieb am Arm. Er schrie kurz auf, aber ich hatte ihn nicht richtig erwischt, sodass er sofort wieder auf mich losging.
Ich wand mich zur Seite und schnitt ihm stattdessen in den anderen Arm. Bevor er erneut reagieren konnte, trat ich zu und er strauchelte zurück. Ein weiterer Hieb und er fiel rücklinks gegen ein Auto. Ich stieß ihm meinen Ellbogen gegen den Schädel und er ging seitwärts zu Boden. Das Messer fiel ihm aus der Hand, doch zu meinem Leidwesen gab er nicht so schnell auf.
Er traf mich mit einem Tritt und stand wieder auf. Ich wankte rückwärts, schlug erneut zu, doch dieses Mal wich er aus und versetzte mir einen Faustschlag auf die Nase. Ein pochender Schmerz fuhr durch mein Gesicht, doch ich biss die Zähne zusammen und stach zu.
Zu meiner – und wahrscheinlich auch seiner – Überraschung wich er nicht aus und sank daraufhin wieder gegen das Auto. Mit sehr unangenehm klingenden Lauten rutschte er zu Boden, wo er liegen blieb. Ich atmete auf.
Erst jetzt bemerkte ich, dass das Blut in Strömen über mein Gesicht lief. Ich las mein Handy und meine Handtasche vom Boden auf und kickte die Waffe des Mannes außer Reichweite. Nachdem ich ein Papiertaschentuch aus meiner Handtasche gefischt und vorsichtig das Blut von meinem Gesicht gewischt hatte, wählte ich die Nummer der Polizei.
Warum ich hier war? Alles, was in den Behörden Rang und Namen hatte, besuchte diese Zeremonie, um – ich weiß auch nicht – sich wichtig zu machen.
Warum ich nicht hätte hier sein dürfen? Bis vor kurzem hatte ich mich in Mali herumgetrieben, wo ich in den zweieinhalb Wochen in irgendeinem Keller zu der bitteren Erkenntnis kam, dass ich meine Anstellung als bewaffnete Marionette beim Geheimdienst wohl aufgeben musste.
Lange Rede, kurzer Sinn. Ich hatte beschlossen, zu kündigen und auf die Seite der Strafverfolgung zu wechseln, wo sich nicht alle schrecklich wichtig fühlten, weil absolut alles, was sie taten und nicht taten, der Geheimhaltung unterlag. Es blieb jedoch nur noch die Frage: Wohin sollte ich gehen? Eine mehrjährige Karriere beim Auslandsgeheimdienst war in einer Bewerbung bei einem gewöhnlichen Police Department nicht gerne gesehen. Ohnehin musste ich dem Abteilungsleiter erst einmal irgendwie verklickern, was ich vorhatte.

Eine Stunde nach der Ordenszeremonie stand ich also gesättigt auf dem großen Marmorbalkon des Gebäudes, lehnte gegen die Begrenzungsmauer und sah in den Garten hinab, wo ich meinen Boss beobachtete, der etwas nervös telefonierte.
Ich hatte gerade meine Bedenken heruntergeschluckt und ihm ruhig aber deutlich klar gemacht, dass er in Zukunft auf mich verzichten müsste. Er wischte meine Worte zwar direkt mit einem Verweis auf irgendetwas fort, doch das änderte nichts an meinem Entschluss. Danach hatte ich mich nur mit einem Schulterzucken umgedreht und war zum Balkon gegangen, da ich wusste, dass er in den Garten gehen würde, um unbehelligt telefonieren zu können.
Nun schien er sich mit der Person auf der anderen Seite der Leitung heftig zu streiten. Ich war mir sicher, dass es sich entweder um einen von der Personalabteilung oder sogar um seinen Chef handelte.
„Wäre es Ihnen recht, wenn ich mich dazu gesellen würde, Ma‘am?“, sprach mich ein Mann von hinten an.
Ich drehte mich um und lächelte ein wenig verblüfft. „Selbstverständlich“, antwortete ich und musterte ihn.
Vor mir stand ein ungefähr 1,85 großer, dunkelhaariger Mann, vermutlich in meinem Alter, der mich freundlich anlächelte. Er ging auf mich zu und lehnte sich ebenfalls an das Geländer, von wo aus er in den Garten blickte.
Ich sah wieder zu meinem Boss, der mittlerweile wütend in sein Handy schrie und schließlich auflegte. Verärgert sah er auf das Display und wählte erneut eine Nummer. Während er wartete, bis jemand abnahm, ließ er seinen Blick schweifen und entdeckte mich auf dem Balkon. Ich lächelte und täuschte einen Salut an. Er warf mir einen wütenden Blick zu und ging hinter einen Torbogen, um aus meinem Sichtfeld zu verschwinden.
„Kennen Sie diesen Kerl?“, fragte der Mann neben mir amüsiert.
„Ja, ich bin hoffentlich für seinen unfeinen Wutausbruch verantwortlich“, antwortete ich.
Verwirrt sah mein Gegenüber zu meinem Boss, doch er bohrte nicht weiter. Stattdessen streckte er mir seine Hand entgegen. „Simon Riley.“
„Alice Lacell“, antwortete ich und wir gaben uns die Hände. Als er meinen Namen gehört hatte, sah er mich kurz überrascht an.
„Was ist?“, fragte ich.
„Sind Sie nicht...“
Ich unterbrach ihn. „Vermutlich nicht. Ich fahre nicht oft U-Bahn.“
Er blickte mir verwundert entgegen. „Waren Sie kürzlich mal in Westafrika? Ihr Gesicht wurde als gefallen gemeldet.“
„Mein Gesicht?“, fragte ich irritiert, „Na ja, das ist ja offensichtlich ein Irrtum gewesen“, meinte ich und merkte gleichzeitig, wie er mich von der Seite musterte.
Dann lehnte er sich wieder gegen das Geländer und sprach weiter. „Ich habe großen Respekt vor Ihnen, dass Sie erst seit vorgestern wieder hier sind und heute schon lächelnd bei einer Ordenszeremonie herumstehen und Idioten zur Weißglut bringen.“
„Irgendetwas Gutes muss diese schreckliche Zeremonie ja haben, oder?“, antwortete ich.
Er schmunzelte.
„Darf man auch erfahren, was Sie herführt? Waren Sie mal bei den Streitkräften?“, wechselte ich das Thema.
„Das schmeichelt mir zwar, aber ich konnte mich nie dazu durchringen, in Tarnkleidung durch die Wüste zu kriechen. FBI, ich laufe meinem stellvertretenden Direktor hinterher, der seine Kontakte mit den hohen Tieren pflegen muss und von denen kommt auch niemand ohne einen Lakaien. Mein Kumpel hatte keine Lust und jetzt halte ich heldenhaft meinen Kopf hin.“
Ich lachte kurz höflich und musterte ihn erneut. Er trug einen schwarzen Anzug und eine ebenfalls schwarze Fliege. An seinem Gürtel blitzte eine Dienstmarke hervor und an seinem Handgelenk bemerkte ich eine silberne Uhr, deren Uhrzeit ich zwar nicht entziffern konnte, aber sie passte optisch wirklich sehr gut zu dem Outfit. Ich muss zugeben, dass dieser Kerl nicht ganz unattraktiv war.
Unter den blauen Augen konnte ich dunkle Schatten ausmachen. Ein Arbeitstag beim Bureau schien wohl selten weniger als zwölf Stunden zu umfassen, nicht das Richtige für mich.
Eine Stimme riss mich aus meiner Analyse. „Riley, warum haben Sie mich nicht informiert, dass Sie mit einer Dame sprechen, hinter der ich schon seit einem Jahr her bin?“
Sowohl Mr. Riley als auch ich runzelten die Stirn bei dieser Formulierung, woraufhin der Herr Politiker-mäßig lachte und sich mir zuwandte. „Officer Lacell? Ich bin Neal McCarson, stellvertretender Direktor des FBI“, er gab mir die Hand, „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass Sie wieder auf dem Markt sind? Sie hätten nicht zufällig Interesse an einem Job als Field Agent in einem Ermittlerteam meiner Behörde? Ich denke, dass wir die Probezeit deutlich verkürzen könnten in Anbetracht Ihrer bisherigen Diensterfahrung. Ich kann Ihnen leider keine höhere Stelle anbieten, da unsere Teamleiter allesamt wirklich hervorragende Arbeit leisten, aber die bleiben ja auch nicht ewig“, bei dem letzten Satz lachte er erneut schmalzig.
Ich lächelte höflich mit einer Spur Verwirrung im Blick. Das hatte sich nach meinem Geschmack etwas zu schnell herumgesprochen. „Ist das etwa ein Stellenangebot?“, fragte ich etwas verunsichert.
„Ja, durchaus. Wir brauchen Leute wie Sie. Leute, die Anweisungen befolgen und sie besser umsetzen, als man erwartet. Leute, denen keine Fehler mehr passieren. Ist Ihnen schon einmal ein zu Verhaftender durch die Lappen gegangen?“, sagte er mit besonderer Betonung auf das ‚Ihnen‘ und einem vorwurfsvollen Blick in Richtung seines Laufburschen, der bloß scheinheilig grinste.
Ich lächelte belustigt. Wenn dieser Direktor eine Ahnung gehabt hätte, was ich bereits alles verbockt hatte, hätte er sich diese Frage bestimmt nicht einmal im Traum einfallen lassen.
„Na ja. Die Täter kamen meistens von selbst zu uns ins Auto gehüpft, wenn sie gehört haben, dass die US-Behörden hinter ihnen her sind“, redete ich mich mit einem ironischen Lachen und einem Augenzwinkern heraus. Natürlich war das alles gelogen, aber Patriotismus kam bei diesen Idioten immer sehr gut an.
Ich könnte mich nicht erinnern, dass ich mal eine Heldentat begangen hatte, aber das sollte ich besser keinem selbstverliebten Direktor einer Bundesbehörde auf die Nase binden, der mir gerade ein Jobangebot gemacht hatte.
„Wenn Sie Interesse haben, setzen Sie sich einfach mit meiner Sekretärin in Verbindung. Dann klären wir alles Weitere. Aber warten Sie nicht zu lange. In drei Tagen wird die Stelle ausgeschrieben und dann wimmelt es nur so von Trainees, die als Ex-Cops endlich Bundesagent werden wollen“, er reichte mir eine Visitenkarte, „Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Hoffentlich kann ich Sie bald als meine Mitarbeiterin begrüßen.“ Mit diesen Worten gab er Simon Riley ein Zeichen und ging nach drinnen. Dieser hob noch einmal lächelnd die Hand, bevor er McCarson folgte.
Ich begutachtete die Visitenkarte und dachte nach. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich bei der Mordkommission zu bewerben oder irgendwo als Gemüseverkäuferin anzufangen, aber mit einem Jobangebot beim FBI könnte ich mir die Stellensuche erheblich erleichtern. Daher beschloss ich kurzerhand, am nächsten Tag einen Termin zu vereinbaren, weil das eine Chance war, die sich wohlmöglich nicht noch einmal ergeben würde.
Ich machte mich auf den Weg zum Ausgang, um nach Hause zu fahren. Im Vorbeigehen lächelte ich noch einmal meinem Boss zu, der gemeinsam mit ein paar Wichtigtuern unnötig war, mir allerdings triumphierend zuzwinkerte. Ich ließ mich nicht beirren und ging hinaus auf den Parkplatz, wo ich mich unauffällig umsah.

Damit wären wir auch wieder bei meinen beiden Freunden angekommen, deren Jackentaschen ich gerade eilig durchsuchte. Der Erste war tot und der Zweite bewusstlos, doch das kümmerte mich im Augenblick nur wenig. Es war zum Einen leider nicht das erste Mal passiert und zum anderen gab es, auch wenn ich nicht gerade ein dickes Fell hatte, durchaus Dinge, mit denen ich wesentlich mehr Probleme hatte.
Ich suchte nach Dienstausweisen und Marken, doch sie trugen keine bei sich, sodass ich die Geldbörsen wieder an ihren Platz zurück verfrachtete, nachdem ich meine Fingerabdrücke eher provisorisch als professionell entfernt hatte. Hinterher frage ich mich, ob das wirklich nötig oder nur eine dumme Idee war.
Als ich gerade nach Handys suchen wollte, hörte ich Sirenen in der Nähe herankommen. Da ging die Tür des Gebäudes auf und - man sieht sich immer zweimal im Leben - Simon Riley erschien zu meiner Überraschung.
Als er mich sah, eilte er herbei. „Was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragte er skeptisch.
„Das würde ich auch gerne wissen“, antwortete ich, während ich auf die beiden deutete, „Die beiden haben versucht, mich auszuknocken, aber wir waren uns uneinig.“
Er zog eine Augenbraue hoch und bückte sich, um den Puls des Einen zu fühlen.
Im nächsten Moment trafen bereits drei Streifenwagen, zwei Rettungswagen und zwei andere Fahrzeuge ein, aus denen Polizisten, Kriminaltechniker und Sanitäter stiegen.
„Was war hier los?“, fragte ein Detective, der sofort auf mich zuging. Er verteilte Anweisungen an sein Gefolge und schickte seine Partnerin zu mir, damit er telefonieren konnte. Die Sanitäter verfrachteten währenddessen den einen Mann in den Rettungswagen, während sich ein Gerichtsmediziner an dem anderen zu schaffen machte.
Die Polizistin stellte sich mir vor und schien noch forscher als ihr Vorgesetzter. „Detective Kent, Morddezernat. Haben Sie die beiden so zugerichtet?“
Ich zog die Augenbrauen hoch und nahm demonstrativ das Taschentuch von meiner Nase. Sie hatte verblüffende Ähnlichkeit mit all den taffen Detective-Ladies aus dem Fernsehen.
„Das war Notwehr“, sagte ich nur ungehalten, da meine Nase mich tierisch nervte und ich zusätzlich auch noch ziemlich müde war.
„Das bleibt noch zu beweisen“, widersprach mir die Beamtin, „Wie heißen Sie?“
Ohne ein Wort reichte ich ihr meinen Führerschein und zog mir mein Tuch über die Schultern. Detective Kent nahm ihn mit skeptischem Blick entgegen und wandte sich dem Gerichtsmediziner zu. „Was haben wir hier?“
„Zwei männliche Personen Mitte dreißig, vermute ich, beide mit einer Stichwunde. Diesem hier“, er deutete auf den Mann vor ihm auf dem Boden, „wurde die Oberschenkelarterie durchtrennt und der andere sieht nicht viel besser aus, wird sich noch zeigen, ob er das überlebt.“
„Laurel! Hardy!“, bellte Detective Kent in Richtung zweier Kollegen, die zwar bestimmt nicht so hießen, mich aber sehr an das Komikerduo aus England erinnerten. Sie waren gerade damit beschäftigt, alles zu fotografieren, was ihnen vor die Nase kam, als sie das Blaffen ihrer Chefin vernahmen.
„Eskortieren Sie den Rettungswagen und befragen Sie das Opfer, sobald wie möglich. Halten Sie mich auf dem Laufenden!“
Empört stieß ich aufgrund ihrer Fehlinterpretation der Opferrolle einen Laut aus, woraufhin sich Simon Riley zu Wort meldete, der sich bisher noch zurückgehalten hatte.
„Können Sie mir möglicherweise mal erklären, wie Sie dazu kommen, so mit einem Tatort umzugehen?!“, fragte er mit überraschend energischer Stimme, „Ihre Leute vernichten ja sämtliche Spuren.“
„Ich muss doch sehr bitten!“, entgegnete Detective Kent, „Unterlassen Sie bitte jegliche Kritik an meiner Arbeit, sonst muss ich Sie festnehmen wegen der Behinderung meiner Ermittlung.“
Riley lächelte ihr verschmitzt entgegen und zückte selbstgefällig seinen Dienstausweis. Irgendetwas sagte mir, dass er genau auf diese Gelegenheit gewartet hatte. „Special Agent Riley, FBI. Und das ist nicht länger Ihre Ermittlung.“
Ich rollte mit den Augen. Wie ich Klischees hasse.
Mit einem kritischen Blick auf seinen Ausweis stemmte Detective Kent ihre Hände in die Hüften und sprach verärgert weiter. „Eine Messerattacke im Großraum D. C. fällt kaum in Ihre Zuständigkeit.“
„Entschuldigen Sie mal!“, rief ich empört, „Wer sagt denn, dass ich die beiden attackiert habe? Sie haben mich angegriffen!“
„Zu Ihnen komme ich gleich!“, würgte mich Detective Kent ab. Beleidigt klappte ich den Mund zu.
„Wir haben hier allerdings keine normale Messerstecherei, sondern einen Verletzten und einen Toten bei einer Ordensverleihung der Streitkräfte und somit einen Fall, für den definitiv das FBI zuständig ist, wenn ich noch einmal auf unser eigentliches Thema zurückkommen darf“, warf Riley ein. „Außerdem sollten Sie vielleicht mal einen Arzt für diese Dame besorgen“, setzte er nach.
Da trafen auch schon weitere Autos mit blau gekleideten FBI-Agents ein. Der Parkplatz war nun ein einziges Chaos, da überall irgendwelche Fahrzeuge im Weg herum standen und Polizisten und Bundesagenten wild durcheinander liefen, um sich über Zuständigkeiten zu streiten.
Am Ende der Nacht hatte ich gefühlte hundertmal meine Personalien heruntergeleiert und die Geschehnisse der Nacht fast doppelt so oft wiederholt. Als Simon Riley mich am späten Morgen endlich vor meinem Apartment absetzte, nachdem irgendeine Ärztin im Washington Medical Center sich nach zwei endlosen Stunden meiner angenommen hatte und meine Nase, die zum Glück nicht gebrochen war, wieder zugeklebt hatte, war ich bereits seit sechsundzwanzig Stunden auf den Beinen und so müde, dass ich fast im Stehen einschlief.
Ich bedankte mich noch eilig bei meinem Begleiter und schlief direkt auf meinem Sofa ein. Ich hatte mich nicht einmal mehr dazu aufraffen können, mein blutiges Kleid auszuziehen und mich ins Bett zu legen.
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