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Versammlung der Vorleser oder Was haben ein Rabe und ein Schreibtisch gemeinsam

KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
30.12.2019
12.07.2020
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30.12.2019 1.522
 
"Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus."

Der Prozess, Franz Kafka, 1925, S. 381.

Jemand musste Joe-Peter King verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Genauer betrachtet war ‚das Böse‘ in diesem Fall eine Frage der Perspektive. Für Joe-Peter King stellte das Verhalten, dass ihn in diese Situation gebracht hatte, nur einen Versuch dar, seine Felder und seine Farm im Sheridan County gegen die unerklärlichen Übergriffe zu verteidigen, die sich in den letzten fünf Tagen ereignet hatten. Zugebenermaßen würde er nicht in diesem Schlamassel stecken, wenn er nicht auf eine, für Amerikaner nicht untypische, Weise auf die ungewohnte Situation reagiert hätte.

Die Rationalisten unter ihnen werden jetzt sagen, dass es komplett überzogen war einer inländischen Terroristenzelle siebzehn Kilogramm C4-Sprengstoff abzukaufen, aber bevor sie Mr. King jetzt vorschnell verurteilen, fragen sie sich vielleicht lieber, wie sie reagiert hätten, wenn sie eines schönen Dienstags beobachtet hätten, wie ein Tyrannosaurus Rex die Rinderherde dezimiert, die sie seit ihrem Lebtag gehütet haben. Joe Peter Kings idiotensicherer Plan bestand darin, seine Scheune bis unters Dach mit Sprengstoff vollzustopfen und zu warten bis der T-Rex von den darin eingepferchten Rindern angelockt wird, hätte funktionieren können, wenn er nicht den Anfängerfehler gemacht hätte, den Sprengstoff bei einer Terrorzelle zu besorgen, die seit Monaten vom FBI unterwandert worden war.

Man muss ihm zugutehalten, dass er sich außerhalb von Nationalfeiertagen und Silvester noch nie mit Explosivstoffen beschäftigt hatte. Auch für den V-Mann des FBI muss man Nachsicht walten lassen. Wie hätte er auch darauf kommen sollen, dass mit dem T-Rex, der Joe-Peter Kings Lebensgrundlage zerstörte und den er deshalb in tausend Stücke sprengen wollte, ein wahrhaftiger Tyrannosaurus Rex gemeint war und nicht der Abgeordnete, über den alle Landwirte im County schimpften, weil seine politischen Bestrebungen, ihnen ein Dorn im Auge war.

In dieser Geschichte soll es aber nicht um den Kriminalfall King vs. Montana gehen, der wie ich eingestehen muss, äußerst turbulent und spannend war, da sich vierzehn verschiedene Psychologen und Gutachter nicht untereinander darüber einigen konnten, ob der Angeklagte ein hochintelligenter radikaler Terrorist war, der den Lügendetektor dadurch überlistete, indem in Codes sprach, denn immerhin waren sie sich alle darin einig, dass kein echter Tyrannosaurus Rex die Herde des Angeklagten dezimiert haben konnte, oder ob er schlicht und einfach in eine psychiatrische Anstalt gesperrt werden und dort für immer vergessen werden sollte.

Auch handelt diese Geschichte nicht von der Herkunft des Tyrannosaurus Rex, denn diese ist schnell erklärt: Der dreizehnjährige Sohn von Mr. Kings Nachbarn, besaß eine Gabe, die auf der Welt rar verteilt ist.Er konnte durch lautes Vorlesen, den Worten Leben einhauchen, wodurch Menschen, Tiere oder auch einfach nur Gerüche es schafften die Barriere der Worte und des Papiers auf den sie gedruckt worden waren zu durchbrechen und in unsere Welt zu gelangen. Aber auch um diesen Jungen, der später übrigens einmal ein sehr erfolgreicher Kunsttischler werden sollte und auch nicht um den Familienhund Buxter, der unfreiwillig den Platz mit dem Dinosaurier tauschte, soll es hier nicht gehen. Diese kleine Erzählung handelt von den Konsequenzen, die die kurze und für vierzehn Gerichtsgutachter äußerst unterhaltsame Episode, mit dem Tyrannosaurus Rex auf der Weide des Farmers Joe Peter King, hatte.

Nestor O’Leary war zweiundsiebzig Jahre alt und lebte auf einem äußerst prunkvollen Anwesen in der Nähe Bostons. Auch Nestor hatte die Gabe des Vorlesens geerbt. Zum ersten Mal war ihm das bewusst geworden, als er es am Tag seines dreizehnten Geburtstags vollbrachte, aus dem Buch Robinson Crusoe, das er am selben Tag von seinem Onkel Hector erhalten hatte, den Papagei Poll herausgelesen, der die ganze Zeit „Robin, Robin, Robin Crusoe, poor Robin Crusoe, where are you, Robin Crusoe?  Where are you?  Where have you been?“ lamentierte. Hector, der Nestors Gabe ebenfalls besaß, war es auch gewesen, der ihm damals geholfen hatte, Poll wieder zurück auf Robinsons Insel zu verschicken. Die einzige Frage, die ihm sein Onkel nicht hatte beantworten können war, was wohl die Spanier und Meuterer, die nach Robinson Crusoes Abreise die Insel bevölkerten, wohl mit Nestors Holzeisenbahn anfangen würden.

Dank des Vermögens seiner Familie hatte Nestor sich sein Leben lang niemals um Geld sorgen machen müssen. Die Büchersammlung seines Onkels hatte er fast verdreifacht, wodurch sich nun über 300.000 Bücher in 27 verschiedenen Sprachen sein eigen nennen konnte. Wenn er nicht damit beschäftigt war, neue Bücher zu erstehen oder sich in die Welt der Bücher zu stürzen, dann lehrte er seinem Enkel und seiner Enkelin die Fähigkeit, die auch sie geerbt hatten. Seine Enkelin Helena war es gewesen, die ihn auf den Kriminalfall King aufmerksam machte. Im Gegensatz zum Rest des Landes, schloss Nestor O’Leary es nicht aus, dass sich im Nordosten Montanas ein T-Rex an den Rinderherden eines Farmers satt fraß. Natürlich gab es in den Vereinigten Staaten auch noch einige tausend andere Menschen, die Joe-Peter King jedes Wort glaubten. Allerdings waren das die sogenannten ‚Kryptozoologen‘, die auch daran glaubten, jedes Jahr würden zehntausende Ziegen in Texas und New Mexico Chupacabras zum Opfer fallen. Das ist natürlich Schwachsinn. Die letzten noch in freier Wildbahn existierenden Chupacabras leben, wie natürlich jeder vernunftbegabte Mensch weiß, in den bewaldeten Berghängen des Cerro de Punta auf Puerto Rico.

Nestors Nachforschungen in Sheridan County bestärkten ihn in seiner Meinung, es müsse allgemeine Regeln für ihr Handwerk geben, wenn sie nicht die ganze Welt in Chaos stürzen wollen. Man müsse sich nur einmal vorstellen, ein unachtsamer Vorleser ließe einen Bösewicht auf diese Welt los. Wenn etwas keine Grenzen hatte, dann die Kreativität der Fantasy-Autoren sich immer schrecklichere Bösewichte auszudenken.  Allerdings war er nicht so überheblich dies im Alleingang durchzuziehen. Über die Jahre hatte er, teils aus reinem Interesse, teils aus Vorsicht eine Liste mit ihm bekannten Vorlesern angelegt. Es war immer gut zu wissen, wer zur Zunft gehörte.

Auf der Liste befanden sich nur knapp zwei Dutzend Namen. Mit dieser Begabung ging man nicht gerade hausieren. Bevor die Möglichkeit bestand Nachrichtenmeldungen der gesamten Welt im Internet lesen zu können hatte er, um an diese Namen zu gelangen, die internationale Regenbogenpresse nach den absurdesten Geschichten durchforstet. Es war eine mühevolle und erniedrigende Arbeit gewesen. Denn auf jeden echten Hinweis kamen zwanzigtausend schwachsinnige Geschichten, die meist von irgendwelchen degenerierten Säufern oder aufmerksamkeitsheischenden Wichtigtuern stammten. Allerdings war der einzige wirklich brauchbare Name auf der Liste der von Alexander MacDonald, dem neunzehnten Lord of Glencoe. Alle anderen Vorleser, würde er unter den notierten Adressen höchstwahrscheinlich nicht mehr erreichen können.

Viele Mitglieder ihrer Zunft waren Eigenbrötler und hatten, im Gegensatz zu Nestor, keine Familie die sie daran hinderte immer weiter in die Welt der Buchstaben zu verschwinden, bis sie wortwörtlich zwischen ihnen verschwanden, um ihr bis dahin trostlosen Leben, in Welten zu verbringen, die sie für perfekt hielten. Er jedoch wusste nur allzu gut, welches Risiko dem innewohnte.
Einst, vor vielen Jahren, damals war er noch Student gewesen und hatte emsig und leichtfertig seine Zeit damit verbracht, auch an öffentlichen Orten, an seinen Gaben zu feilen. In einer regnerischeren Nacht hatte er alleine im Lesesaal der Universitätsbibliothek gesessen und laut in einer Lewis-Carroll-Gesamtausgabe gelesen, als plötzlich auf seinem Lesepult ein alter Mann in stark abgenutzter viktorianischer Kleidung erschien. Nach seinem Namen gefragt, hatte er sich als Cynwrig Lloyd vorgestellt. Nestors spätere Nachforschungen hatten ergeben, dass er Student für englische Philologie an der Universität Cambridge gewesen war, der im Jahre 1898 spurlos verschwunden war.

Was Nestor natürlich nicht in Erfahrung bringen konnte war, dass Cynwrigs Professor, der den Anblick eines walisischen Studenten an der zweitältesten Universität kaum und in seinem Kurs gar nicht ertragen konnte, ihm die Aufgabe gestellt hatte, ein Rätsel zu lösen, welches Lewis Carroll 1865 gestellt hat und das damals wie heute ungelöst ist. So hatte Cynwrig, der sich seiner Begabung überhaupt nicht bewusst war, nächtelang immer wieder die Passage über die Teeparty des verrückten Hutmachers zu lesen, um herausfinden was ein Rabe und ein Schreibtisch gemeinsam haben. Dabei hatte er sich unbeabsichtigt in die Geschichte hineingelesen. Über sechzig Jahre, die er nur in Gesellschaft des Hutmachers und des Märzhasen verbracht hatte, hatten ihr übriges getan und Cynwrig komplett in den Wahnsinn getrieben.

An diesem besagten Abend hatte Nestor O’Leary es zum ersten Mal vollbracht, etwas aus einem Buch zu lesen, das dort eigentlich nicht hingehörte. Dazu hatte er noch etwas anderes bemerkt: Wenn sich in einem Buch, eine Person befand, die dort eigentlich nicht hingehörte, dann merkte ein aufmerksamer Leser das an einem leicht metallisch säuerlichen Geschmack, den er bei manchen Passagen verspürt.

Ein kleiner Stapel solcher Bücher lag nun auf dem massiven Tisch im großen Saal der Bibliothek. Nestor nahm jedes von ihnen in die Hand und strich über die Einbände. Dazwischen befanden sich einige große Klassiker der Weltliteratur, Cervantes, Schiller, eine Erstausgabe der A Gest of Robyn Hode und noch einige andere. Doch ganz zu oberster Stelle auf dem Stapel lag wohl das wertvollste Exemplar seiner Sammlung. Ein blassblaues Buch, dessen Goldlettern schon vor Jahren angefangen hatten sich vom Einband zu lösen. Noch war der Titel zu erkennen, er lautete schlicht, aber trotzdem reizvoll: Tintenherz.
 
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