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Ende gut, Alles gut! (Shaolin Wuzang)

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
30.12.2019
14.02.2020
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9.160
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Im Speisesaal

Hua hatte auf dem Weg zum Speisesaal, bis auf ihre kurze Erklärung, noch mal zu Sanzang zu müssen, kein Wort mit ihren Freunden gewechselt.

Auch, als sie wieder zu ihnen gestoßen war, hatte sie nicht auf deren fragenden Blicke und Fragen bezüglich ihrer Strafe geachtet, sondern sich stattdessen stumm eine Schüssel mit Reis, Fleisch und Gemüse geben lassen und sich, ohne ein Wort zu ihren Freunden, zu ihnen an den Tisch gesetzt.

Diese beäugten sie skeptisch.

Auch während des Essens sprach sie nicht mit ihnen, sondern stocherte nur mit den Stäbchen im Reis rum.

Und genau das machte Tang sauer.

"Jetzt rede endlich mit uns." entgegnete Tang, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und stand auf. Streng sah er auf Hua runter.

"Was?", fragte Hua erschrocken und sah zu ihrem Freund auf. Ihr trauriger Blick ließ Tangs Wut verpuffen. Tang schüttelte den Kopf über diese nicht hilfreiche Antwort Huas, atmete einmal tief durch und setzte sich wieder an den Tisch. "Vergiss es!", antwortete er etwas enttäuscht.

Cheng schluckte sein Fleisch runter und entgegnete ihr: "Was Tang damit sagen will, ist: klär uns bitte über deinen Disput mit Luyen auf." "Genau. Und noch wichtiger: Welche Strafe hast du diesmal bekommen?", ergänzte Tang mit Nachdruck.

Betroffen sah Hua in ihre Reisschüssel. "Da gibt es nichts erklären.", seufzte sie.

"Er hat dich wieder wegen dieser einen Sache aufgezogen, stimmt's?", fragte Cheng versöhnlicher. Es dauerte kurz, bis Hua es wagte, ihren Freund anzusehen. "Was denkst du denn?" Sie konnte ihre Wut nur knapp unterdrücken.

Ihr Blick zu Cheng war eindringlich. "Natürlich konnte er es Mal wieder nicht lassen, mich auf mein Geschlecht zu reduzieren. - Es macht mich jedes Mal so wütend, dass er in mir nur eine Frau sieht, aber nicht die Wuzang, die ich in Wirklichkeit bin."

Ihre Mine wandelte sich in Enttäuschung. Sie senkte den Blick. "Er wird mich nie akzeptieren.", sagte sie, verletzt klingend.

Etwas ratlos sahen die 2 Freunde ihre Freundin an. Wenn es sie so wurmte, was Luyen von ihr hielt, konnte es dann sein, dass sie-

"Ist es dir denn so wichtig, was er von dir denkt?", fragte Anping, der gerade mit seiner Schüssel zum Tisch seiner Freunde kam und sich Hua gegenüber hinsetzte.

Anping hatte genau die Frage gestellt, die Cheng und Tang auf der Zunge brannte und nun warteten die 3 gespannt auf ihre Antwort.

Mit unterdrückter Wut antwortete sie: "Mit Nichten. Was er denkt, ist mir vollkommen egal.", gab sie mit Nachdruck zu.

Erleichtert tauschten Tang und Cheng, die das Gleiche dachten, Blicke aus. Als ob Hua Gefühle für diesen Kerl hegen würde. Es war einfach nur ihr Stolz, der sehr unter Luyen litt.

"Aber es verletzt mich, dass er mir immer vorwirft, ein Mädchen zu sein und mich auf mein Geschlecht runterstuft.", erklärte Hua weiter. "Als wären Männer was Besseres."

Wütend biss sie die Zähne zusammen dass sie knirschten und ballte die Hände zu Fäusten. "Manchmal möchte ich ihn am liebsten..."

Sie gestikulierte wild mit den Händen und ihren Freunden wurde wieder einmal bewusst, dass sie Hua nie wütend machen sollten. Sie war ihnen im Kampf ebenbürtig, wenn nicht sogar ihnen überlegen.

Die 3 Jungs grinsten sich an - das war die Hua, die sie kannten und mochten.

Schließlich ließ sie, nach ihrem kleinen Monolog, die Hände sinken und meinte resigniert: "Aber wem mache ich hier etwas vor. Es ist nun mal eine Tatsache, die ich nicht ändern kann."

Anping lehnte sich zu ihr rüber und legte freundschaftlich seine Hände auf ihre. "Kopf hoch, Hua. So schlimm ist es nicht." "Du hast leicht reden. - Ihr seid ja auch Jungs. Könnt ihr euch vorstellen, wie viel lieber ich ein Junge wäre?"

Über diese Antwort waren die Jungs mehr als erstaunt.

"Ach Hua, du musst doch kein Junge sein, um ein guter Wuzang zu sein.", ergriff Tang als erstes wieder das Wort und schüttelte leicht den Kopf. "Selbst unser Meister hat das erkannt, sonst hätte er dich nie nach Shaolin geholt.", fügte Cheng hinzu und Anping nickte.

"Außerdem gibt es im Kampf doch kaum einen, der es mit dir aufnehmen kann. Du bist besser im Kampf als wir alle, obwohl du ein Mädchen bist.", erklärte Anping zuversichtlich.

Hua zwang sich zu einem Lächeln. "Du meinst wohl, gerade weil ich ein Mädchen bin."

Anping schaute verdutzt und dann begannen alle 4 zu lachen.

"Und wer soll Luyen denn bitte seine Lektionen erteilen, wenn nicht du?", fragte Cheng belustigt.

Wieder lachten alle hell auf.

"Na siehst du... Also lass dich doch bitte nicht weiter immer wieder von Luyen provozieren.", seufzte Tang und legte eine Hand auf Huas Schulter.

Cheng legte einen Arm um Hua und zog sie näher zu sich. "Auf Luyens dummes Geschwätz musst du dir echt nichts geben." Huas Wangen wurden dabei leicht rot.

"Und hör auf, davon zu reden, dass du lieber ein Junge wärst. Genauso, wie du jetzt bist, mögen und akzeptieren wir dich.", warf auch Anping tröstend ein.
Ihre Stimmung hellte sich auf.

Nun verspürte sie, wie groß doch ihr Hunger nach dem Training war und schaufelte sich Reis, Gemüse und Fleisch in den Mund.

*-*-*


"Ach Hua, da fällt mir was ein." "Was denn?", fragte sie, ohne aufzusehen. "Wenn ich mich recht entsinne, gab es da schon mal jemanden wie dich." "Wirklich?" Hua wurde neugierig, richte ihre Aufmerksamkeit jetzt auf Anping.

"Obwohl sie, genau wie du eine Frau war, kämpfte sie in der Armee und wurde für ihre Heldentaten von ganz China verehrt."

Anping sah intensiv zu Tang und Hua folgte seinem Beispiel, sah Tang erwartungsvoll an. "Was starrt ihr mich so an?", fragte Tang, der sich unbehaglich fühlte und seine Stäbchen fallen gelassen hatte.

"Du bist doch der jenige, der in der Schule viel über unser Land gelernt hat. Du kennst doch sicher auch die Legende über diese Frau.", fügte Anping hinzu.

"Welche Frau?", fragte Tang verwirrt weiter und rückte etwas von seinen Freunden weg. Er wusste wirklich nicht, worauf sein Freund hinaus wollte.

Dafür schien es Cheng zu dämmern. "Ich glaube, er meint die Kriegsheldin Chinas.", warf Cheng beiläufig ein.

"China hatte eine Kriegsheldin?", fragte Hua und sah Tang ganz aufgeregt, mit großen Augen, an. Diesem liefen schon die Schweißperlen über die Stirn.

Fieberhaft suchte er in seinem Gedächtnis nach der Legende dieser Frau. Er wollte Hua, die ihn erwartungsvoll ansah, nicht enttäuschen.

Endlich hatte er alle Informationen wieder beisammen, rückte die Brille zurecht und setzte sich gerade hin. "Natürlich kenne ich die Geschichte von Huā Mùlán.", sprach er, als wäre es erst gestern gewesen, als er davon gelesen hatte und nicht, als hätte er sich erst angestrengt erinnern müssen.

"Wer kennt sie nicht." Dabei klang er etwas überheblicher als er wollte. "Ich habe noch nie von ihr gehört." Betroffen sah Hua wieder auf ihre Schüssel. Dafür erntete Tang von Anping und Cheng wieder mal böse Blicke.

Er schluckte und meinte dann: "Aber dafür bin ich ja da. Selbstverständlich erzähle ich dir von der Legende."

Natürlich: Er konnte es nicht lassen, sich selbst wieder in ein besseres Licht zu rücken. Darauf konnten Cheng und Anping nur genervt mit den Augen rollen.

"Dafür, dass es für einen kurzen Moment den Anschein hatte, als würdest du diese Legende auch nicht kennen, bist du gerade ziemlich überheblich.", stichelte Anping und lehnte sich, mit starrem Blick auf Tang und einem fiesen Grinsen, ganz nah zu ihm rüber.

Tang schnaubte und drückte Anping von sich weg. "Wenn ihr in Rätseln sprecht... Drückt euch gefälligst klar aus, wenn ihr was von mir wollt!" Alle 3 lachten, auch Hua, und Tang drehte sich beleidigt weg. "Sucht euch einen anderen Deppen." Er stand auf und verließ den Speisesaal.

"Aber Tang!", rief Hua ihm hinterher.
"Das war ganz schön gemein. Ihr wisst doch, dass Tang in diesen Dingen sehr empfindlich ist.", tadelte Hua und folgte Tang.

Auf dem Shaolingelände

Tang hatte sich im Hof auf die Mauer gesetzt und sah der Sonne beim Untergehen zu.

Hua setzte sich leise neben ihn. "Willst du mich weiter auslachen?", fragte Tang misstrauisch. Sie schüttelte den Kopf. "Keines Wegs. Ich hatte gehofft, dass du mir vielleicht doch noch von der Legende erzählst."

"Warum sollte ich, frag doch die 2 Lachsäcke." Hua schmunzelte über diesen Ausdruck. "Ich möchte es aber gerne von dir hören." Sie beobachtete Tang, er schien immer noch beleidigt.

"Bitte! Es tut mir wirklich Leid, dass ich gelacht habe." Als er sah, dass sie schon fast in eine verbeugende Position gehen wollte, gab sich doch geschlagen.

"Also gut." Geschmeichelt sprang er über seinen Schatten und begann zu erzählen:

"In der Legende, die sich im 5. Jahrhundert nach Christus in der nördlichen Wei-Dynastie abgespielt haben soll, heißt es, dass Mùlán, ein Mädchen aus gutem Hause, sich als Mann verkleidet haben soll, um an Stelle ihres Vaters in den Krieg zu ziehen." "Ach wirklich?", fragte Hua und horchte auf.

"Ja. Der Kaiser ließ, nachdem Hunnen ins Land eingefallen und die Chinesische Mauer überwunden hatten, Boten in alle Provinzen des Landes entsenden. Aus jeder Familie sollte ein Mann in der kaiserlichen Armee dienen, um den Hunnen Einhalt zu gebieten."

Mit großem Interesse hörte sie ihm zu und Tang fühlte sich sichtlich wohl in seiner Rolle als Erzähler, da sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenkte.

"Der alte Huā hatte keinen erwachsenen Sohn, also musste er Alte selbst zur Armee." "Und warum ist sie dann in den Krieg gezogen und nicht er?", fragte Hua und konnte die Antwort kaum erwarten.

"Dazu komme ich ja jetzt. - Allerdings trug er von der letzten Schlacht eine Beinverletzung davon und lief seitdem mit einer Krücke." "Ah, und deshalb ist sie dann in den Krieg gezogen. Um ihren Vater zu beschützen."

"Kann man so sagen, ja.", lächelte Tang.

"Du hast es erfasst, Hua." Tang und Hua schreckten auf. Hinter ihnen kamen Cheng und Anping in den Hof.

"Was wollt 'ihr' denn noch.", fragte Tang.

Die Frage Tangs ignorierend, setzte Cheng sich, auf der anderen Seite von Hua, neben sie.

"Nachts, als alle in Mùláns Familie tief und fest schlief, schlich sie sich ins Zimmer ihrer Eltern, stahl Rüstung und Schwert ihres Vaters und schnitt sich mit eben diesem die langen Haare ab.", fuhr Cheng fort.

"Hey, sie hat mich gebeten, ihr die Geschichte zu erzählen.", warf Tang eingeschnappt ein. "Ach komm, hab' dich nicht so.", lachte Anping. "Ich soll-"

Anping schlug Tang spaßeshalber gegen die Schulter und Tang wäre beinahe die Brille von der Nase gerutscht. "Hmpf!", knurrte Tang.

Cheng ergriff wieder das Wort und erzählte weiter. "Über Nacht ist sie dann zum nächsten Ausbildungslager für die Rekruten in ihrer Nähe geritten. Bevor sie sich angemeldet hatte, überlegte sie sich noch einen neuen Namen, unter dem sie sich anmelden würde."

Hua konnte ihre Neugier kaum im Zaum halten. "Wow. - Und wie hat sie die Ausbildung überstanden?"

"Nun... Selbstverständlich ist das Training in solch einem wichtigen Ausbildungslager nicht gerade einfach. Wer es nicht besteht, wird wieder nachhause geschickt." äußerte sich Tang.

"Mùlán war nicht unerfahren.
Obwohl ihre Eltern sie gerne, genau wie ihre ältere Schwester verheiraten wollten, hatte sie keinerlei Interesse daran. Viel lieber kämpfte sie und war zu Pferd.", fuhr Cheng fort.

Hua bemerkte, dass sie und diese Mùlán viele Gemeinsamkeiten hatten.

"Sie hatte auch einen jüngeren Bruder namens Rei, welcher, im Gegensatz zu ihr, jegliche Kampfkünste erlernte. Mit diesem trainierte sie heimlich zusammen und hatte schon viele junge Männer geschlagen.", fügte Anping hinzu.

"Wie dem auch sei... Obwohl sie nicht kampfunerfahren war, war das Training sehr hart und sie soll an ihre Grenzen geraten sein.", merkte Tang, welcher sich nicht weiter von seinen Freunden beirren ließ, an.

"Jedenfalls, um es kurz zu machen... Ohne sie hätte China weder den Kampf gegen die Hunnen noch die Mongolen gewonnen.", Schloss Anping die Erzählung. "Sie wurde zur Retterin Chinas ernannt. Der Kaiser wollte sie sogar als Mitglied seines Beraterstaates.", fuhr Anping fort.

In Hua begann wieder Hoffnung aufzukeimen. Wenn Mulan es als Frau damals schon so weit geschafft hatte anerkannt zu werden, trotz dass sie eine Frau war, warum sollte sie es dann nicht auch schaffen?

"Wisst ihr, meine Grosmutter ist sehr altmodisch und traditionell. Alles, was nicht der Norm entspricht, ist ihr ein Dorn im Auge. Deshalb war sie zu Anfang auch dagegen, dass ich mach Shaolin gehe. Wahrscheinlich hat sie darum auch alles daran gesetzt, dass ich nie von Mùlán erfahre.", schlussfolgerte Hua.

Ein Grinsen stahl sich in ihr Gesicht. Hua stand entschlossen auf. "Aber wisst ihr was? Zum Teufel mit den ganzen Traditionen. Ich werde es euch allen beweisen."

"Allerdings sollte man bedenken-", wollte Tang mit einer allwissenden Handbewegung einlenken, Anping verhinderte dies aber, indem er ihm auf die Zehen trat. "Au!", schrie er auf und funkelte seinen Freund böse an, bekam aber ebenfalls warnende Blicke zurück.

Er rieb sich den schmerzenden Fuß.

Hua bekam davon nichts mit. Fröhlich drehte sie sich um und zog die 3 in eine feste Umarmung. "Ich danke euch so sehr. Ihr seid die Besten." Dankbar umarmte sie jeden ihrer 3 Freunde noch mal einzeln und gab jedem von ihnen einen Kuss auf die Wange.

Fröhlich lief sie die Treppen zum Tempel hinauf. "Hua warte auf uns, wo willst du hin.", riefen die 3 jungen Männer ihr nach und folgten ihr. Diese Reaktion ihrer Freunde ließ sie kichern.

"Ich gehe zur Gebetsstätte. Ich möchte die Ahnen bitten, meine Großmutter milde zu stimmen." "Das nenne ich eine ganz gelinde Strafe von Meister Sanzang.", meinte Anping. Sie schüttelte belustigt den Kopf.

"Meister Sanzang hat mich nicht bestraft." "Nicht?", fragten ihre 3 Freunde sogleich. Das war unerwartet. "Nein. Und das hat meine Großmutter wohl noch wütender gemacht."

Sie seufzte: "Darum werde ich jetzt beten gehen. Wenn meine Großmutter wütend ist, dann ist Vorsicht geboten." "Verstehe.", sagte Cheng.

"Dann werden wir dich mal in Ruhe beten lassen. Kommt Jungs. Wir sollten ins Bett gehen.", meinte Anping und bekräftigte dies mit einem Gähnen.

"Gute Nacht, Hua." "Nacht Jungs."

So trennten sich die jungen Wuzangs.
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