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Ein Schlag zu viel

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
29.12.2019
15.06.2022
45
161.093
69
Alle Kapitel
201 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
29.12.2019 3.335
 
Vorwort

Nun ist es also so weit: nachdem mein Erstlingswerk „Socke und Tamina“ im August abgeschlossen war, bin ich einige Monate still in meiner „Schreibwerkstatt“ verschwunden, um an meiner neuen Geschichte zu arbeiten und ein wenig „Vorsprung herauszuschreiben“.
Das reale Leben lässt mir nicht immer so viel Zeit zum Schreiben, wie ich gerne hätte, daher kann ich meinen Lesern leider keine wöchentlichen Uploads versprechen. Wer hier mitliest braucht also immer mal wieder etwas Geduld. Ich werde aber versuchen so gut es geht dran zu bleiben, sodass zumindest halbwegs regelmäßig ein neues Kapitel erscheint.

Wer „Socke und Tamina“ gelesen hat, wird einen Protagonisten der neuen Geschichte schon kennen: Tommy, der beste Freund aller Zeiten.
Wer meine erste Story (noch) nicht gelesen hat, dem sei gesagt, dass diese Geschichte hier auch unabhängig davon zu lesen ist. Aber natürlich freue ich mich auch über neue Leser bei meiner bereits abgeschlossenen Story ;-)

Nun wünsche ich euch viel Spaß mit Tommy und Neliya und all den anderen! Natürlich freue ich mich über jedes Review, Sternchen oder auch private Rückmeldungen.

Eure Eve


***********************************************

Durch die Nacht

Vorsichtig wand sich Tommy unter Helenas Arm hervor, sehr darauf bedacht, dass die schöne Blondine nicht aufwachte. Er strich ihr noch einmal über das lange Haar, das in sanften Wellen über ihre wohlgeformten Brüste fiel, küsste sie zärtlich auf die Stirn und rollte sich dann im Zeitlupentempo, um nur ja kein Geräusch zu verursachen, aus dem Bett. Leise und vorsichtig sammelte er im Halbdunkel des Schlafzimmers seine Klamotten ein und schlich sich mit dem Kleiderbündel unter dem Arm bis in den Flur, wo er sich anzog und in seine Schuhe schlüpfte. So behutsam wie möglich zog er die Tür hinter sich zu und lief auf leisen Sohlen die drei Stockwerke durch das düstere Treppenhaus, in dem es nach einer Mischung aus Putzmittel und getragenen Schuhen stank, hinunter bis auf die Straße. Draußen atmete er erst mal tief durch, versuchte dieses beklemmende Gefühl loszuwerden, das ihm jedes Mal die Brust eng werden ließ, wenn er wieder einmal geflohen war, weil er es einfach nicht aushalten konnte, die Nacht im Bett einer Frau zu verbringen. Zu groß war seine Angst, dass es wieder passieren könnte, zu stark die innere Unruhe, die ihn fürchten ließ, die Kontrolle zu verlieren. Was damals mit Natalie geschehen war, durfte sich auf keinen Fall wiederholen. Das hatte er sich geschworen und daran hielt er sich eisern.

Die laue Luft der Frühsommernacht tat ihm gut, es waren die ersten milden Nächte und er genoss die sanfte Brise auf seiner verschwitzten Haut, während er zu seinem Wagen lief. Tommy war sich bewusst, dass Helena ihn am nächsten Morgen vermutlich verfluchen würde, aber er hatte ihr nicht versprochen, bei ihr zu übernachten und ihr auch sonst nichts vorgelogen.
Das war nicht seine Art, er hatte es nicht nötig, die Frauen mit geheuchelten Liebesbekundungen und falschen Treueschwüren ins Bett zu locken, denn er bekam sie auch so. Sein recht ansehnlicher Körper, seine lockere, witzige Art und nicht zuletzt seine Qualitäten im Bett sorgten dafür, dass es an Kandidatinnen für seine kurzen, aber zahlreichen Bettgeschichten nicht mangelte. Er versprach nichts, er forderte nichts und er ließ es nie lange laufen. Zwei, höchstens drei Mal, auf keinen Fall öfter, alles andere führte nur zu unschönen Verwicklungen, falschen Hoffnungen und großen Dramen. Er hatte den Fehler am Anfang zwei- oder dreimal gemacht und hatte daraus gelernt. Dreimal war seine absolute Obergrenze und das auch nur, wenn er sich sicher war, dass es für die jeweilige Frau so in Ordnung war. Er wollte nicht, dass sie sich benutzt vorkam.
Er versuchte immer, ehrlich und fair zu den Frauen zu sein, machte keinen Hehl daraus, dass er nicht an einer festen Beziehung interessiert war, aber dennoch gerne Spaß mit ihnen hätte. Sie wussten alle, worauf sie sich einließen, wenn sie mit ihm ins Bett gingen, und dennoch hatten ihn in den letzten Jahren einige von ihnen wüst beschimpft, wenn ihnen klar geworden war, dass Tommy, über ein- oder zweimaligen Sex hinaus, kein Interesse an ihnen hatte. Doch er ließ das an sich abprallen. In jahrelanger Übung hatte er seine Fähigkeiten perfektioniert, in solchen Momenten im Rekordtempo eine ganze Reihe an Mauern um sich herum hochzuziehen, sodass niemand eine Chance hatte, ihn ernsthaft zu verletzen oder gar hinter seine sorgsam gehütete Fassade zu blicken.

Den Weg bis zur WG kannte Tommy im Schlaf und so kam er auch diesmal heil an sein Ziel, obwohl ihn im Geiste mal wieder die Bilder der Vergangenheit heimsuchten, weswegen er mehrfach verzweifelt die Augen zusammenkniff, um die unliebsamen Erinnerungen zurück in die hinterste Ecke seines Gedächtnisses zu drängen.
Er stellte seinen weißen Golf GTI wie immer auf einem der Mitarbeiterparkplätze ab, über Nacht war das kein Problem und morgen früh wäre er rechtzeitig weg. Mit seinem Schlüssel, den er sich in zähen Diskussionen hart erkämpft hatte, verschaffte er sich leise Zugang. In der Küche brannte wie üblich eine Leselampe, Bernadette saß am Küchentisch und las in einem dicken Wälzer. Sie blickte kurz auf und grüßte ihn mit einem Kopfnicken. Mehr nicht.
Tommy ging hier ein und aus, mittlerweile wunderte sich niemand mehr über die Tages- und Nachtzeiten, zu denen er hier auftauchte, er gehörte hier einfach dazu, wurde von allen akzeptiert und geschätzt.
Leise öffnete er die Zimmertür und betrat den Raum, der nur von einem kleinen mondförmigen Nachtlicht in der Steckdose neben dem Bett spärlich erhellt wurde. Das Fenster war wegen der milden Temperaturen gekippt, die Vorhänge bauschten sich sacht im Luftzug.
Sie schlief schon, was um diese Uhrzeit auch kein Wunder war. Ihr Atem ging gleichmäßig und ihr Gesicht wirkte entspannt. Tommy strich ihr liebevoll durch das schwarze Haar, er wusste, sie würde davon nicht aufwachen. Ebenso wenig wie von den geflüsterten Worten, mit denen er ihr mal wieder berichtete, wo er gerade herkam. Er erzählte ihr, wie er Helena kennengelernt hatte, wie sie gemeinsam zu ihr gefahren waren und wie gut es ihm getan hatte, sich für wenige Stunden einfach nur fallenzulassen und der Leidenschaft hinzugeben. Auch seine Flucht aus Helenas Wohnung und die wahren Gründe dafür ließ er in seinem Bericht nicht aus.
Er wusste nicht, wie oft sich diese Szene schon wiederholt hatte, er wusste auch nicht, warum er ihr diese Geschichten immer und immer wieder erzählte. Er musste es einfach loswerden, es half ihm irgendwie, mit dem Druck in seinem Inneren klarzukommen, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen und sich immer wieder bewusst zu machen, dass das so der einzig gangbare Weg für ihn war, weil alles andere zu gefährlich gewesen wäre.
Nachdem er, auf ihrem Bettrand sitzend, seine Gedanken genügend ausgebreitet hatte, stand er tief seufzend auf. Er zog fürsorglich ihre Bettdecke zurecht, die ihr von den Schultern gerutscht war, gab ihr einen zarten Kuss auf die Stirn und richtete dann mit routinierten Handgriffen die Schlafcouch für sich her. Angesichts der Uhrzeit war ihm klar, dass er am nächsten Tag bei der Arbeit todmüde sein würde, aber das war er gewohnt. Die Nächte, in denen er lange und ruhig schlafen konnte, waren den kurzen, unruhigen Nächten zahlenmäßig weit unterlegen. Das war seit vielen Jahren so; die leise innere Stimme, die ihn gelegentlich warnte, dass sein Körper irgendwann den Tribut dafür fordern würde, ignorierte er gekonnt. Was hätte er auch dagegen ausrichten können?

Am nächsten Morgen fühlte sich Tommy erwartungsgemäß wie gerädert, was nach gerade mal vier Stunden Schlaf auch kein Wunder war. Sein Kopf dröhnte, sein Nacken war verspannt und seine Augen wollten sich nur wenige Millimeter weit öffnen. Nachdem er sich noch fünf Minuten zum Wachwerden gegönnt und die geborgene Wärme unter der Bettdecke genossen hatte, stand er schließlich mit eisernem Willen auf. Er streckte sich gähnend und dehnte seine verspannten Muskeln, ehe er in seine getragenen Klamotten vom Vortag schlüpfte. Eine Dusche wäre jetzt schön gewesen, aber die musste warten. In weniger als einer Minute hatte er seine Schlafstätte aufgeräumt und in eine kleine Couch zurückverwandelt, das Bettzeug wanderte in den Bettkasten darunter, bis zur nächsten Benutzung, die sicher nicht lange auf sich warten lassen würde.
Sie schlief noch, eine dünne Speichelspur zog sich von ihrem Mundwinkel bis zum Kopfkissen, wo sich bereits ein kleiner, nasser Fleck abzeichnete. Er wischte sie fürsorglich sauber und verabschiedete sich mit einem sanften Kuss, ohne dass sie eine Reaktion zeigte. Ihr schlafendes Gesicht sah so unschuldig und verletzlich aus, dass es Tommy an früher denken ließ. Sofort legten sich die Schuldgefühle wie stählerne Bänder um seine Brust und er wandte sich hastig von ihr ab. Im Hinausgehen griff er noch zur Kreide und malte an die Tafel neben der Tür eine Ente mit krummen Flügeln, daneben ein gebrochenes Herz. Sie würde wissen, dass er da gewesen war und er hoffte, es würde ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Eine Stunde später erschien er frisch geduscht und umgezogen pünktlich um sieben Uhr in der Werkstatt. Aufgrund des Wetters hatte er für die kurze Fahrt seine heißgeliebte, mattschwarze Ducati gewählt. Seine Mutter jammerte immer wieder, dass diese Höllenmaschine eines Tages sein Tod sein würde, und er konnte ihr nicht einmal ernsthaft widersprechen, denn nach manchen seiner Ausfahrten wunderte er sich selbst, dass er lebend wieder zu Hause ankam.
Wenn er auf seiner Maschine unterwegs war, dann fühlte er sich frei, dann hatte er das Gefühl, als könne er seiner Vergangenheit davonfahren. Das Adrenalin, das durch seine Adern floss, wenn er seine Maschine zu Geschwindigkeiten weit jenseits des Erlaubten hochdrehte, gab ihm das Gefühl, endlich wieder richtig zu leben, ließ in für wenige Augenblicke alles vergessen und bescherte ihm ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
Jetzt warf er seine Motorradjacke lässig über den Haken an der Garderobe und wurde im selben Moment von einem wuseligen Fellknäuel begrüßt, das aufgeregt an seinen Beinen auf und ab sprang.
„Hey Helly, du flohverseuchte Ratte!“
„Soll ich das jetzt persönlich nehmen?“, fragte Florian lachend und boxte Tommy zur Begrüßung gegen die Brust.
„Was? Stimmt es etwa nicht?“ Tommy lachte ebenfalls und klopfte seinem Kollegen im Gegenzug auf die Schulter, während er mit der anderen Hand die Hündin kraulte, die sich sofort noch fester an ihn drückte.
„Sie bekommt eindeutig zu wenig Zuwendung bei euch zu Hause, weil der große Flo zu viel mit Niki beschäftigt ist und sie als weibliches Wesen dagegen einfach nicht ankommt.“ Tommy grinste anzüglich, was Florian mit einem gezückten Stinkefinger beantwortete. Das übliche morgendliche Geplänkel zwischen zweien, die sich nicht besser hätten verstehen können.
„Wir sollen gleich zu deinem Vater ins Büro kommen, die Tagesplanung durchsprechen. Gibt wohl ’nen neuen Auftrag“, sagte Florian, der seit über drei Jahren in der Schreinerei von Tommys Vater angestellt und während dieser Zeit zu Tommys bestem Freund geworden war. „Du siehst übrigens bescheiden aus. Schlecht geschlafen?“
„Hmh, zu kurz. So ist das halt, wenn man bis in die Puppen mit Vögeln beschäftigt ist, da erzähl’ ich dir doch nichts Neues, Kumpel.“
Tommy setzte sein cooles Machogesicht auf, auch wenn er eigentlich längst wusste, dass er seinen besten Freund damit nur selten täuschen konnte. So auch diesmal.
„Nur, dass ich hinterher gemütlich einschlafe, in den Armen, die mir die Welt bedeuten, und die ich auch beim Aufwachen noch gerne um mich habe. Während du ja danach immer noch durch die Nacht fahren musst, weil du deine Prinzipien hast. Kumpel, vielleicht solltest du einfach mal sesshaft werden und dir was Dauerhaftes suchen?“
„Vergiss es! Das ist nix für mich“, blockte Tommy sofort ab und drehte sich weg, damit Florian ihm nicht ins Gesicht sehen konnte. Über dieses Thema wollte er nicht einmal mit seinem besten Freund sprechen, das ging niemanden etwas an, das machte er einzig mit sich selbst aus. Nur Nina wusste, was wirklich in ihm vorging, nur ihr konnte er sich komplett anvertrauen.
„Na komm, hilft ja nix, ich spendier’ dir nachher ’nen starken Kaffee, aber jetzt holen wir uns erst mal unser Tagesgeschäft bei deinem alten Herrn ab“, sagte Florian und zog Tommy mit sich in Richtung des kleinen Büros der Schreinerwerkstatt.


Ausgerechnet ein Kindergarten! Tommy verdrehte bereits genervt die Augen, als er aus dem grauen Lieferwagen stieg und lautes, ausgelassenes Kindergeschrei aus dem Garten neben dem Gebäude vernahm. Er hatte nichts gegen Kinder, wirklich nicht, aber bei der Arbeit hatte er es gern ruhig und konzentriert, arbeitete am liebsten in der Werkstatt alleine vor sich hin, still versunken in die Bearbeitung einzelner Holzteile, aus denen er mit Geschick und Können nach und nach exklusive Möbelstücke fertigte. Kleine Kunstwerke, die seine ganz eigene Handschrift trugen und auf die er am Ende zu Recht stolz sein konnte. Das war die Arbeit, die er liebte, die Arbeit, mit der er groß geworden war und die ihm seit jeher geholfen hatte nach vorne zu blicken.
Doch leider war die Auftragslage derzeit eher mau, weswegen sein Vater beschlossen hatte, sich auf diesen von der Gemeinde öffentlich ausgeschriebenen Auftrag zu bewerben. Und weil die Schreinerei Walter tatsächlich den Zuschlag für die Neumöblierung und Umgestaltung des Kindergartens erhalten hatte, waren Tommy und Florian nun hier, um erste Maße zu nehmen und mit der Kindergartenleitung wichtige Absprachen zu treffen. Immerhin gab es einiges zu beachten, wenn man hier während des laufenden Betriebs arbeiten wollte.
„Integrative Kindertagesstätte Villa Kunterbunt“ stand über der Eingangstür. Seufzend öffnete Tommy die Tür und versuchte, professionell zu lächeln, auch wenn ihm das Gejohle der Kinder schon jetzt in den Ohren klingelte.

„Herr Walter, Ihnen sollte bereits bei der Bewerbung für diesen Auftrag bewusst gewesen sein, dass es sich um einen Kindergarten handelt und dass wir vorhaben, während des laufenden Kindergartenjahres zu modernisieren. Ja, da sind nun mal Kinder vor Ort und nein, Kinder sind nun mal nicht den ganzen Tag mucksmäuschenstill“, ereiferte sich die Kindergartenleiterin mit einem Blick, der Wasser zu Eis hätte erstarren lassen können. Sie hatte sich als Frau Wolf vorgestellt, ihr Händedruck war fest und sie strahlte das Selbstbewusstsein einer Frau aus, die ihren Job beherrschte und genau wusste, was sie wollte.
Tommy verdrehte genervt die Augen und biss sich auf die Lippe, um einen unverschämten Kommentar zu unterdrücken, denn das konnte er sich nicht leisten. Als Juniorchef hatte er professionell die Firma zu repräsentieren, auch wenn ihm die Kunden persönlich nicht sympathisch waren.
„Ich meinte ja nur, dass wir es nicht brauchen können, wenn uns die Kinder ständig im Weg rumlungern und mit lautem Geschrei von der Arbeit ablenken.“
„Natürlich wird der Raum, in dem Sie jeweils arbeiten, für die Kinder nicht zugänglich sein, das ist ja wohl selbstverständlich, auch aus Sicherheitsgründen, aber an den Geräuschpegel einer Kita werden Sie sich schon gewöhnen müssen. Ich werde den Kindern nicht den Mund verbieten, nur weil Sie hier im Haus sind. Können wir dann jetzt die Räume begehen?“
„Alles klar, Frau Wolf, ist ja schon gut. Fangen wir an“, seufzte Tommy ergeben. Er wusste, dass der Auftrag wichtig für die Finanzlage der Firma war und auch wenn diese aufgeblasene Emanze ihm jetzt schon auf die Nerven ging, nahm er sich fest vor, das hier so gut er konnte durchzuziehen. Florian packte den Notizblock und den Meterstab aus, während Tommy sein Lasermessgerät bereithielt. So gerüstet folgten sie Frau Wolf durch ihr Reich.

Nach dem etwa einstündigen Rundgang hatten sie einige Seiten Notizen beisammen und es war ihnen beiden klar, dass dieser Auftrag in fachlicher Hinsicht keine große Herausforderung werden würde – aus dem Katalog bestellte Schränke und Regale aufbauen, montieren und je nach Raum den Gegebenheiten anpassen, eventuell ein paar individuelle Änderungen vornehmen und hier und da eine Sonderanfertigung, die es nicht aus dem Katalog gab. Außerdem die alten, abgestoßenen Türen abschleifen, neu lackieren und mit einem Fingerklemmschutz für die kleinen Bälger versehen. Das alles würden sie in handwerklicher Hinsicht mit links hinbekommen. Anstrengender würden da wohl die Rahmenbedingungen werden – die ständigen Absprachen mit der anspruchsvollen Einrichtungsleitung, die wuselnden Zwerge außen rum und dann auch noch die Bitte, besonders laute Arbeiten in den frühen Abendstunden zu erledigen, wenn die Kinder nicht mehr anwesend wären.
Tommy war für heute bedient!
‚Is’ klar, wir sollen das Gekrähe der kleinen Nervensägen aushalten, aber wehe, wir müssen mal etwas lauter bohren, nein, das kann man den Kindern natürlich nicht zumuten! Aber Überstunden, die kann man uns zumuten. Blöde Kuh!‘ dachte er im Stillen, während er nach außen hin weiter professionell lächelte und die Verabschiedung von Frau Wolf mit unbewegter Miene hinter sich brachte.
Ja, das konnte er gut, eine Maske aufsetzen und seine wahren Gedanken und Gefühle verbergen, da hatte er jahrelange Übung darin, nicht nur im Beruf.


Pling! Das iPhone kündigte eine neue Nachricht an, während Tommy und Florian gemütlich im sonnigen Garten hinter der Werkstatt ihre Mittagspause verbrachten.
Tommys Mutter, die in der Schreinerei die Buchführung übernahm, hatte hinter dem Hauptgebäude eine kleine Oase der Ruhe geschaffen. Liebevoll angelegte Blumenbeete säumten die kleine Rasenfläche, an deren Rand eine selbstgebaute Holzsitzgruppe unter einer Pergola zum Verweilen einlud. So manches Firmengrillfest hatte hier schon stattgefunden und auch nach Feierabend saßen Herr und Frau Walter, Tommy und Florian hier gerne ab und zu noch zusammen.

„Hey Flo, wirf mal das Handy rüber!“, forderte Tommy, der genüsslich im Liegestuhl fläzte und zu faul war, sich bis zum Tisch auszustrecken.
„Was krieg’ ich dafür?“, provozierte Florian und grinste, während er Tommys iPhone in der Hand wiegte und fragend die Augenbrauen hochzog.
„Den Arsch voll, wenn du mir nicht augenblicklich das Ding herwirfst!“, frotzelte Tommy zurück.
„Na, na, na, mach keine Versprechungen, die du sowieso nicht halten wirst! Und außerdem …“
„Jaaa, schon klar, du bist versorgt. Und jetzt gib schon her!“

Wie erwartet, kam die Nachricht von Helena, seiner Eroberung der letzten Nacht. Er hatte schon den ganzen Vormittag bei jedem Zucken seines Handys mit einer Nachricht von ihr gerechnet und wunderte sich fast, dass sie sich erst jetzt meldete.

„Hey Tommy, schade, dass du heute Nacht gegangen bist, ich wäre gerne mit dir aufgewacht. Es war sehr schön mit dir! Sehen wir uns heute Abend? Wir könnten uns gemeinsam was Feines kochen? Ich freu mich auf dich, deine Helena“

Boah, wie war die denn drauf? Gemeinsam kochen? Deine Helena?
Tommy dachte eigentlich, er hätte sich bei ihrem Kennenlernen in dem gut besuchten Biergarten, wo er gestern Abend mit seinen Kumpels Jan und Daniel eingekehrt war, klar und deutlich ausgedrückt. Er hatte seine Absichten unmissverständlich dargelegt und sie hatte keine Sekunde gezögert und noch groß getönt, dass Spaß ohne Verpflichtungen auch für sie an erster Stelle stünde. Sofort war sie bereit gewesen, ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen und im Bett war sie so hemmungslos, dass Tommy sich sicher war, dass sie mit One-Night-Stands Erfahrung hatte.
Wenn er geahnt hätte, dass sie bereits am nächsten Tag zur Klette mit Hausfrauenambitionen mutiert, hätte er lieber die Finger von ihr gelassen und vor allem keine Nummern mit ihr getauscht in der Hoffnung auf eine unverbindliche Wiederholung des Ganzen.
Genervt schnaubte Tommy auf, was ihm einen fragenden Blick von Florian einbrachte.
„Weiber“, war sein einziger Kommentar, kombiniert mit einer wegwerfenden Geste. Florian grinste in sich hinein, kannte er doch Tommys Frauengeschichten und die sich daraus ergebenden Verwicklungen und Konflikte schon eine ganze Weile. Und auch wenn er selbst in einer glücklichen, festen Beziehung lebte, hatte er immer ein offenes Ohr für seinen besten Freund. Doch Tommy verlor selten große Worte über seine Bettgeschichten und Florian fragte sich immer wieder, ob es eines Tages jemand schaffen würde, Tommys Herz so zu berühren, dass er bereit war, sich auf mehr als bloßen Sex einzulassen.

Die Antwort an Helena war schnell getippt: „Jepp, war schön! Nein wir sehen uns nicht, ich dachte, es wäre klar, worum es hier geht. Kochen gehört nicht dazu! T.“
Mit unbewegter Miene drückte Tommy auf Senden und hoffte inständig, dass damit alles unmissverständlich geklärt wäre und sie ihm nicht länger auf die Pelle rücken würde.
Er hatte ja generell nichts gegen einen geselligen Abend und gemeinsames Kochen; mit seinen Freunden Florian und Niklas veranstaltete er das auch regelmäßig. Aber die Erfahrung der Jahre hatte ihn gelehrt, dass Frauen sich von solchen gemeinsamen Aktivitäten stets mehr versprachen und da er in Helena keine falschen Hoffnungen wecken wollte, ging er lieber gleich auf Abstand.
Noch ahnte er nicht, dass er sie schneller und öfter wiedersehen sollte, als ihm lieb war.
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