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Willkommen in Waldlichtung oder warum es Mainstream ist, ein Ritter zu sein

von Pastel
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character)
29.12.2019
26.11.2021
33
90.453
17
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Dieses Kapitel
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29.12.2019 1.612
 
Christen hassten nicht, sie verachteten. Zumindest waren dies die Worte von Jonathans Großmutter. Begeisterte Kirchengängerin, begnadete Apfelkuchenbäckerin und begabte Bettgeschichtenerzählerin. Doch gab es Situationen, in denen verachten allein, als Emotion nicht ausreichte. Jonathan mochte keinen Brokkoli, ihm stank es vor dem Schlafen gehen sich die Zähne putzen zu müssen. Er war oft genug wütend über die vielen Hausaufgaben an seinem neuen Gymnasium. Ja, meist verachtete er christlich verschiedenste Dinge. Seine Großmutter sollte ja stolz auf ihren Enkel sein.
Aber in diesem Moment spürte er nichts als brennenden Hass. Eine Flamme, die seinen Körper entzündete, seine Gedanken in ein Inferno aus Rot tauchte.
Vor ihm standen Adrian und seine Bande aus Mitläufern. Kleine, widerliche Kinder, nicht älter als Jonathan. Manche gingen sogar mit ihm in die fünfte Klasse. Einer der Größeren hielt ihn fest, während Adrian auf dem Zaun stand, das angezündete Feuerzeug in der Hand.
»Na?«, sprach er mit einem vom Stimmbruch gezeichneten ersten Brummen. »Soll ich die Viecher anzünden?«
Allgemeines Grölen unter den Kindern. Einige schauten betroffen weg, doch sagten sie auch nichts dagegen. Allein Jonathan saß mit einer blutigen Nase auf dem Boden. Hasste, hasste so stark er konnte. Doch brachte es nichts.
»Wie bitte?«, fragte Adrian sichtlich amüsiert.
Erneutes Grölen. Noch lauter, noch ekelhafter.
»Nun gut, wenn ihr es so wollt«, sprach Adrian mit einem süffisanten Lächeln und legte das Feuerzeug an das Eichhörnchennest. Es dauerte nicht lange und der kleine Bau begann zu rauchen. In ihm quickend die kleinen Babys, riefen nicht verstehend nach ihrer Mutter.
Adrian lachte, seine Jungs lachten auf und Jonathan sah nur noch rot. Rot unter einem Meer aus Tränen. Er konnte das Feuer spüren, die Verzweiflung der Kleinen, die Angst.
»Na schaut euch mal dieses Baby an. Der weint nach seiner Mama. Oh stimmt, die ist ja tot. In ihrem Haus mit deinem Papa verbrannt, oder?«
»Halt die Klappe!«
»Sonst was, Verlierer? Rennst zu deiner Oma und heulst dich bei ihr aus?«
Über die Hecken kam die Mutter der Kleinen angesprungen, wollte in ihr Nest, doch scheuchte sie Adrian lachend mit der Hand fort. Sie konnte nichts tun. Jonathan hingegen fühlte den bekannten Funken in ihm.
Augenblicklich versiegten seine Tränen und er starrte Adrian an. Der Hass verschwand, lichtete sich. Was blieb war Verachtung. Denn Christen hassten nicht, Christen baten um Wunder. Also betete Jonathan, spürte das kalte Feuer an sich lecken, durch sein Blut züngeln.
Seine Großmutter hatte ihn gewarnt, gelehrt, das Gefühl zu bändigen und hinter Türen zu schließen. Doch wollte Jonathan das dieses eine Mal nicht, ließ es durch seinen Körper fließen. Und dann, dann war es fort.
Ein Knall wie von einem explodierenden Heißluftballon ließ die Zeit stillstehen. Alle schlossen vor Schrecken die Augen. Alle, nur nicht Jonathan und Adrian. Jonathan starrte ihn an, starrte in die matschbraunen Augen und plötzlich waren sie weg.
Er blinzelte, die ganze Welt blinzelte und auf dem Zaun eingeklemmt stand eine Yuccapalme. Zumindest stellte sich Jonathan so eine vor. Einige Bananen hingen dran, dazu flatterten bunte Vögel aus ihr heraus. Auch das Eichhörnchennest brannte nicht länger, sah genauso aus, wie vor dem Vorfall mit dem Feuerzeug.
»Was ... was war das?«, stotterte einer der Mitläufer.
»Wo ist Adrian?«, fragte ein anderer panisch.
Jonathan lachte überrascht auf. Nicht hassen half ja wirklich. Am Ende war sogar das Zähneputzen für etwas gut.
Nun lagen sämtliche Blicke auf ihm. Na toll, als ob er mehr wusste. Eine spontan, logische Geschichte wollte ihm nicht einfallen. Brauchte er aber auch nicht.
Ein weiterer Knall durchschnitt die Luft. Dann drei weitere und vier Männer, gekleidet in dunklen Roben tauchten wie aus dem Nichts auf. Sie kesselten die Jungs ein. Lichtblitze flogen und dann standen alle zu Salzsäulen erstarrt da.
»Das müssten alle gewesen sein. Schauen Sie aber noch in den anliegenden Häusern vorbei. Nicht dass ein Muggel doch etwas gesehen hat.«
Der angesprochene Mann nickte und schritt auf die Fenster zu. Der Mann mit dem imposantesten Schnäuzer, den Jonathan jemals gesehen hatte, beugte sich zu ihm runter. Er musste ähnlich alt sein wie Jonathans Großeltern, nur dass sein glattes Gesicht von wenig Spaß in seinem Leben zeugte.
»Kommen wir zu dir Jonathan.«
»Woher kennen Sie meinen Namen?«, brach es aus ihm raus.
»Keine Angst, Junge. Ich bin ein alter Freund. Schau nur, da kommt auch schon deine Großmutter.«
Oh Mist, das versprach Hausarrest.
Allerdings dachte seine Großmutter scheinbar nicht daran, ihn auszuschimpfen. Im Gegenteil, sie umarmte ihn lange und tupfte seine noch immer blutende Nase ab.
»Alles in Ordnung bei dir?«
Überrascht nickte Jonathan.
»Alles gesichert, Herr Schulzmann. Wir kümmern uns nun um die Kinder hier.«
Der Schnäuzerträger nickte, besaß nun einen Namen und dann wandt er sich Jonathans Großmutter zu.
»Agatha, meine Gute. Wie wäre es mit einem Tässchen Tee? Ich denke, meine Männer schaffen das hier alleine.«
Jonathan schaute unsicher zu seiner Großmutter hoch. Die drückte seine Hand feste an sich, seufzte resigniert.
»Mir bleibt wohl kaum etwas anderes übrig Jerry.«
Der lachte herzhaft auf, nur dass das Lächeln nicht die Augen erreichte.
»Na, na. Begrüßt man so einen alten Freund?«
Großmutter zog Jonathan auf die Beine und ging dann mit ihm zurück zu ihrem kleinen Häuschen. Das Schlafzimmer seiner Großeltern, sein Kinderzimmer, das mollige Wohnzimmer, ein Bad mit kaltem Wasser und die Küche mit dem Holzofen. Es war winzig, beengend und der schönste Ort auf Erden. Überall stand unnützer Krams. Alles schien ein Eigenleben zu führen und wann immer Jonathan nicht hinsah, standen die Dinge plötzlich an anderen Orten. Unendlich viele Bücher mit Wesen und fantastischen Geschichten lagen herum. Mal auf den Tischen, dann wo ganz anders. Jonathan wusste nie, was er am nächsten Morgen Neues finden würde.
Dazu ein riesiger Garten, der zwischen den Reihenhäusern mit seinen wilden Beeten, Beeren und Pflanzen befremdlich wild wirkte. Jonathans kleine Welt und er liebte die Natur. Dort gingen sie hin und Herr Schulzmann folgte ihnen pfeifend.
»Wolfgang ist Pilze suchen. Eigentlich wollte er Jonathan mitnehmen, hat sich aber dagegen entschieden. Der Ort war ihm zu magisch. Er wird vor Ironie lachen, wenn er heimkommt. Und nun setz dich, drinnen ist es zu zugestellt. Jonathan, sei so gut, leiste unserem Gast etwas Gesellschaft.«
Jonathan nickte pflichtbewusst, immerhin war er schon elf. Er setzte sich auf einen der handgeschreinerten Gartenstühle und beobachtete Herrn Schulzmann, wie er sich die Tomaten anschaute oder viel eher etwas, das dazwischen wuchs.
»Im Garten gezogene Drachenwurzel. Deine Großmutter war schon immer eine herrausragende Kräuterkundlerin, aber im Alter scheint sie ihre Fähigkeiten wirklich gemeistert zu haben.«
Zwar verstand Jonathan nicht, was an dem Unkraut so besonders sein sollte, doch sah er die Bewunderung des Mannes.
»Nun«, sprach der weiter. »Sag mir, was weißt du über Waldlichtung?«
»Ein Ort, an dem im Wald keine Bäume wachsen«, antwortete Jonathan auf die seltsame Frage. Das wusste doch jedes Kind.
»Richtig, richtig. Magst du magische Dinge?«
Jonathan schüttelte den Kopf. Clowns waren ihm beim besten Willen nicht geheuer und alle Zirkusmagier hatten immer eine ganze Armee davon im Gepäck.
»Ja, das dachte ich mir fast. Was weißt du über deine Eltern?«
Ein flammender Stich durchzuckte Jonathans Brust.
»Nichts, was er hier erfahren sollte.« Mit einem Klappern der Tassen kam Großmutter um die Ecke und reichte eine Herr Schulzmann.
»Ah«, seufzte der nach einem kleinen Schluck. »Dein legendärer Jugendtee.« Er zwinkerte Jonathan zu. »Der macht natürlich nicht wirklich jünger, aber er nimmt einem die Wehwehchen des Alters. Madam Martha würde für das Rezept einen unverzeihlichen Fluch sprechen.«
Großmutter räusperte sich ermahnend.
»Was willst du hier, Jerry.«
Der nahm einen weiteren Schluck, ließ seinen Blick durch den Garten kreisen und seufzte dann laut aus.
»Du weißt genau, dass das so nicht weitergeht. Ich bin der Letzte, der eure Entscheidung nicht versteht, aber der Junge hat Talent. Zu viel Talent, um es zu verstecken. Er muss vernünftig ausgebildet werden, sonst war das heute nicht seine letzte Tat.«
»Der Präsident«, begann Großmutter, doch Herr Schulzmann unterbrach sie.
»Dein Bruder ist der gleichen Meinung. Der Junge muss sich behaupten können.«
Jonathan konnte die Tasse in der Hand seiner Großmutter wackeln sehen. Betretenes Schweigen trat ein und Herr Schulzmann zwirbelte sich am Bart.
»Es tut mir leid Agatha, ich hätte nicht ...«
Mit einer Handgeste brachte sie ihn zur Ruhe.
»Nein, du hast recht. Allerdings ist dies kein Thema für heute und schon gar nicht deine Aufgabe.«
Herr Schulzmann nickte Großmutter zu, nahm einen letzten Schluck und stand auf.
»Er wird seinen Brief in zwei Jahren bekommen. Das gebe ich euch an Zeit. Nutzt sie, so gut ihr könnt.«
Der Schnauzerträger drehte sich um und im nächsten Moment war er verschwunden. Jonathan wischte sich über die Augen, doch mit denen schien alles zu stimmen. Dann blickte er zu seiner Großmutter. Die saß gekrümmt da und wirkte zehn Jahre älter. Sie stöhnte müde auf, trank einen Schluck von ihrem Tee und ließ tiefer sich in den Sessel sinken.
»Morgen Jonathan«, sprach sie schließlich. »Morgen, da gehen wir in den Keller.«
»Aber wir haben doch gar keinen«, flüsterte der verwirrt als Antwort.


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Schön, dass du bis hierhin durchgehalten hast. Eigentlich schreibe ich relativ selten etwas an das Ende meiner Kapitel, allerdings kommt es auch relativ selten vor, dass mich jemand fragt, ob er/sie die vertonen darf. Darum mache ich einfach einmal eine Ausnahme (wobei, wenn ich das jetzt unter jedes Kapitel anhefte, ist das dann noch eine Ausnahme? Egal). Die bezaubernde Lumira Caelaris hat sich dazu entschlossen, Jonathan und Co. ihre Stimme zu leihen. Dabei ist ein wirklich schönes Hörbuch rausgekommen, von dem sie jede Woche ein Kapitel hochlädt. Also falls du Interesse hast, meine Geschichte nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören, dann besuch doch einfach Lumira auf ihrem Youtubekanal.

Einfach hier drauf klicken, und ihr werdet hingeschickt.  

Sie würde sich auf jeden Fall freuen :)
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