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Jam Sessions

GeschichteHumor, Freundschaft / P16 / Gen
Alastor Charlie Magne
29.12.2019
29.12.2019
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2. Kapitel



„Du siehst ganz entzückend aus, Darling.“ Alastor, dem Charlie in der Eingangshalle begegnet war, warf ihr ein anerkennendes Lächeln zu und musterte zufrieden das schwarze Flapper-Kleid, das durchaus perfekt mit dem Smoking harmonierte, den er gerade trug.

„Ich weiß“, konterte Charlie daraufhin mit gespielter Koketterie und lachte dann verlegen. „Ich dachte mir, ich passe mich an, um nicht neben dir unterzugehen.“

„Unser Umfeld sollte heute Abend aufpassen, nicht aufgrund unseres kombinierten Glanzes zu erblinden. Wollen wir?“ Höflich reichte er ihr den Arm. „Es dauert einen Moment, bis wir dort sind, wo wir hinmüssen, Liebes. Bleib einfach bei mir, ja?“

„Okay?“ Verwirrt hakte sie sich bei ihm ein – und fühlte augenblicklich für einen schwindenden Moment lang bodenlose Tiefe. Kälte. Dunkelheit. Der Schrei, der in ihrer Kehle saß, schien ihr nicht entweichen zu wollen, oder tat er es doch? Sie hörte nichts außer dieser dumpfen Stille, die in ihren Ohren dröhnte. Als würde jeder Ton einfach so verschluckt werden. Ihr schwindelte, alles schien sich ohne Unterlass um sich selbst zu drehen.

Und so schnell dieser Moment auch gekommen war … So plötzlich war er vorüber.

Hastig holte Charlie Luft, klang dabei fast wie ein asthmatischer Esel und stolperte höchst unelegant von ihrem Begleiter fort, um sich am nächsten Baum festzuhalten. Baum?

Moment? Waren sie nicht gerade noch in der Eingangshalle des Hotels gestanden …?

„Oh ho ho … Verzeih mir, Darling.“ Mit einem bitterbösen Lächeln auf den Lippen stand Alastor immer noch an Ort und Stelle und erst jetzt konnte Charlie erkennen, dass die Luft um ihn herum flimmerte wie heißer Teer im Sommer. Als wäre irgendetwas nicht ganz in Ordnung mit dem Gefüge von Raum und Zeit …

„Was hast du gemacht?“, fragte sie schwer keuchend, schien aber so langsam wieder Herrin über ihre Beine zu werden. Ein wenig wackelig zwar, aber durchaus standhafter als noch vor wenigen Sekunden, stakste sie zurück zu ihm.

Alastor richtete sich mit einem Glucksen das Monokel und materialisierte sein Mikrophon aus dem Nichts. „Sagen wir mal, ich habe eine Abkürzung genommen. Du gewöhnst dich dran.“ Dann schritt er in die entgegengesetzte Richtung los und winkte sie über die Schulter zu sich.

„Ich glaube, ich will mich nicht daran gewöhnen, Al!“ Bedröppelt verzog Charlie die Mundwinkel. Er rief sie zu sich wie einen folgsamen Hund … „Du hättest mich warnen können!“

„Und die Überraschung verderben?“

„Hör mal, ich -“

„Siehst du? Wir sind schon da, mein Schatz. Ging das nicht ganz fantastisch schnell? Wie der Blitz.“

Charlie schmollte zwar ein wenig, aber nachdem sie zu ihm aufgeholt hatte und die Gegend musterte, fiel ihr auch sehr bald schon auf, wo sie sich befanden.

Das hier war eine der nobelsten Gegenden der gesamten Stadt. Nicht mal sie selbst, als Prinzessin der Hölle, wollte sich wirklich oft hier aufhalten, weil sie immer Angst hatte, sich in dieser feinen Gesellschaft zu blamieren. Hier kam der gesamte royale Hochadel zusammen, um Spaß zu haben. Und hier ging Alastor ein und aus? Eigentlich … typisch für ihn.

„Eine sehr gute Freundin besitzt hier ein wahrhaft vorzügliches Etablissement und ich habe sie schon einige Zeit lang nicht mehr besucht. Oh, sie wird dich lieben, da bin ich mir sicher. Kommst du, Darling?“

Das erwähnte Etablissement war nicht weit von ihnen entfernt. Eigentlich hätte Charlie sich ihren Kopf darauf verwetten trauen, um was es sich handeln würde – und sie lag goldrichtig.

Ein Jazzclub.

„Wow“, bemerkte Charlie trocken. „Es wirkt irgendwie -“

„Unspektakulär?“, vollendete Alastor ihren Satz und gluckste. „Weißt du, die richtigen Perlen tarnen sich, um all diese Hochstapler und Möchtegernmusiker abzuwimmeln. Jazz wird nur richtig gut im kleinen Kreis gespielt. Es geht um das Gefühl, nicht um die Show.“

Überrascht sah sie ihn an, während sie sich zusammen in Bewegung setzten. „Ich dachte, du gehst erst so richtig im Showbusiness auf!“ Sie versuchte sich daran, seine Stimme nachzuahmen und zitierte: „Die Welt ist eine Bühne; und eine Bühne ist eine Welt der Unterhaltung.“

Alastor verdrehte amüsiert die Augen. „Ah ha ha! Durchaus eine richtige Feststellung! Aber hier geht es mal ausnahmsweise nicht darum, sich in Szene zu setzen. Sondern dem einzigartigen Klang zu lauschen, der entsteht, wenn wahrhaftige Künstler sich gegenseitig inspirieren! Nun … Du wirst es sehen. Und glaub mir, dieser Abend wird dir lange im Gedächtnis bleiben!“

„Jetzt bin ich ehrlich total gespannt, Alastor.“

Er warf ihr einen – für Charlies Empfinden – sehr liebevollen, wenngleich daher auch äußerst untypischen Blick zu und öffnete die Tür.

Damit traten die beiden in eine vollkommen andere Welt.

Charlie musste husten, als ihr eine Wolke an Rauch und einer Mixtur an verschiedenen anderen Gerüchen entgegenschlug.

Zunächst tränten ihr sogar die Augen, doch als sie sich ein paar Momente später an die neue Situation gewöhnt hatte, sah sie sich neugierig um.

Es war... spektakulär unspektakulär.

Aber dabei doch äußerst einladend.

Irgendwie … familiär.

Charlie ließ ihren Blick über das gesamte Ambiente schweifen.

Gleich am Eingang befand sich eine Mischung aus Empfangstheke und Bar, hinter der ein gockelartiger Dämon gerade mit strenger Miene Gläser polierte.
Charlie war fast schon fasziniert davon, wie pedantisch er immer wieder dieselbe Stelle rieb, und wie in Trance beobachtete sie ihn bei diesem Treiben. Ihre Aufmerksamkeit wurde erst jäh unterbrochen, als eine der Neonröhren an den angrenzenden Backsteinwänden zu flimmern begann.

„Guten Abend, Rooster, mein Lieber. Lang nicht mehr gesehen.“ Alastors einprägsame Stimme übertönte die vielen Geräusche innerhalb des Lokals merklich und sofort blickte der Mann von seinem Glas auf. Charlie war sich für den Bruchteil einer Sekunde nicht sicher, wie er auf die Anwesenheit des berüchtigten Radiodämons an ihrer Seite reagieren würde – aber zu ihrem Erstaunen hellten sich seine strengen Gesichtszüge auf und er warf sich sein Poliertuch hastig über die Schulter.

„Alastor, altes Haus! Wie schön, dich mal wieder zu sehen! Die Chefin wird begeistert sein!“ Er kam näher und flüsterte an die beiden gewandt mit vorgehaltener Hand: „Und so unter uns: Vielleicht ist ihre Laune dann auch nicht mehr ganz so beschissen, wenn sie dich mal wieder zwischen die Finger kriegt.“

Ein wenig überfordert blickte Charlie zwischen den beiden Herren umher, die unter Lachen und gegenseitigem Schulterklopfen ein paar weitere Sätze tauschten – bis die Aufmerksamkeit des Barkeepers auf sie überging.

„Hallo, meine Schönheit“, gurrte er ohne den Blick abzuwenden und zwinkerte ihr zu. „Was für eine angenehme Begleitung du uns da doch mitgebracht hast, Alastor.“ Hastig griff er nach ihrer Hand und war wohl im Begriff, ihr einen Kuss aufzudrücken, doch zu Charlies Erleichterung hatte Alastor seine Rolle als Pseudo-Adoptivvater wohl auch auf diese Bereiche ihres Lebens ausgedehnt und schob sich kurzerhand dazwischen.

Er räusperte sich auffallend und erwiderte hastig: „Ja ja, wirklich ganz bezaubernd. Aber sag mal, da fällt mir ein: Wie geht es Lily?“

Der Barkeeper rümpfte missmutig die übergroße Nase und knurrte nur: „Du Spielverderber.“

Während die Aufmerksamkeit des Mannes kurz bei einem der anderen Gäste lag, beugte Charlie sich zu Alastor und fragte neugierig: „Wer ist Lily?“

„Seine Verlobte.“

Mit einem wissenden „Oh“ nickte Charlie zunächst, doch als ihr die Erkenntnis einsickerte, dass Rooster sie mit ziemlich hungrigen Augen gemustert hatte, fügte sie ein weiteres, dieses Mal ziemlich empörtes „Oh!“ hinzu. Ihre Eltern hatten ihr stets unumstößliche Liebe und Treue zueinander vorgelebt und sie hatte definitiv nicht vor, mit dieser Tradition zu brechen. „Er flirtet, obwohl er eine Verlobte hat?“

Alastor lachte. „Nun, sagen wir so: Er ist eben gern der Hahn im Korb! Ahahahaha!“

Rooster wandte sich kurz daraufhin wieder an die beiden. Er bohrte sich gelangweilt mit dem Finger im Ohr herum und blickte zum hinteren Bereich des Clubs. „Du willst sicher wieder den besten Tisch, hä? Dann nimm das blonde Täubchen mit und komm.“

Gesagt, getan.

Der Bereich hinter der Bar nahm den meisten Platz des Lokals ein.

Wenige Treppenstufen nach unten versetzt konnte Charlie einen Speisebereich überblicken, der vollgepackt mit kleinen runden Tischen und Holzstühlen war. Außer dem fahlen Licht der Kerzen gab es dort unten keine Beleuchtung.

Dies schien aber der Stimmung keinerlei Abbruch zu tun, ganz im Gegenteil. Jeder einzelne Platz war besetzt und alle Besucher starrten gebannt zur großen Bühne, auf der eine Band, bestehend aus fünf Musikern, gerade eine Jazznummer zum Besten gab.

Charlie entwich ein kurzer Laut der Entzückung und sie rieb sich vor Begeisterung die Wangen.

Auch wenn man es womöglich aufgrund ihres Erscheinungsbilds und des fast schon naiv-kindlichen Verhaltens nicht annehmen würde, war sie eine Dämonin mit einigen hundert Jahren an Lebenserfahrung. Sie hatte so viele unterschiedliche Epochen der Menschheit miterlebt … Nun, vielleicht nicht direkt hautnah und vor Ort, aber schließlich durch all die Dämonen, die in der Hölle aufschlugen und ihre eigenen Erinnerungen und Stile mitbrachten.

Charlie liebte zwar Musik jeder Art, aber Jazz hatte einen besonderen Platz in ihrem Herzen.

Darum hibbelte sie auch begeistert auf und ab, während sie gebannt dem Geschehen auf der Bühne folgte. Denn der unangefochtene Star dort oben war gerade dabei, eine fantastische Gesangseinlage zum Besten zu geben.

Es handelte sich dabei um eine gedrungene, etwas korpulente Dame, die ein Kleid trug, das dem von Charlie nicht unähnlich war. Sie stolzierte dort oben herum, kokettierte vor den überwiegend männlichen Besuchern im Publikum und war wohl ganz durch und durch Diva – oder zumindest hinterließ sie gern den Eindruck.

Allerdings war es kein Wunder, dass sie sich so selbstbewusst gab: Ihre Stimme war eine Wucht und das schien sie ganz genau zu wissen.

„Wow“, meinte Charlie anerkennend und ihre Augen funkelten dabei, „sie singt absolut fantastisch.“

„Na, dann lass uns doch mal keine weitere Zeit verlieren, und näher ran gehen, nicht wahr?“, antwortete Alastor und zog sie kurzerhand mit sich weiter die Stufen hinab, ihnen beiden voran schritt Rooster und machte den Weg frei.

Er schlurfte zum vordersten, mittig gelegenen Tisch - dem besten Platz im gesamten Club – und wollte kurzerhand dafür sorgen, dass sich das dort sitzende Paar verabschieden würde. Doch so leicht wollten die zwei wohl nicht das Weite suchen: Sie blieben an Ort und Stelle und zettelten unter ärgerlichen Blicken der anderen Besucher eine lautstarke Diskussion an.

Diese wurde allerdings jäh im Keim erstickt, als die beiden in die Richtung blickten, welche Rooster daraufhin mit einem gelangweilten Nicken andeutete.

Während Charlie verlegen zur Entschuldigung die Hand hob, schien ihr Begleiter eine andere Taktik verfolgen zu wollen …
Sie hätte schwören können, aus den Augenwinkeln Symbole durch die Luft wabern zu sehen, die denen im Hotel nicht unähnlich waren. Als sie jedoch kritisch den Kopf zu ihm wandte und sein Gesicht musterte, lag darauf nur ein unschuldiges Lächeln.

Die Gesichter des Paares sprachen allerdings Bände und es suchte schleunigst das Weite …

Charlie war nicht sonderlich begeistert von diesem Rauswurf, sie wollte ja nicht vom Leid anderer profitieren; aber all das war so schnell geschehen, dass sie im Grunde machtlos daneben gestanden war.

In jenem Moment endete das Lied und die Besucher brachen in regelrechte Begeisterungsstürme aus. Eine kurze Pause setzte ein und alle plapperten sie daraufhin munter los.

„So, das hätten wir. Wie schön, dass der prächtigste Platz im gesamten Club so spontan freigeworden ist“, sagte Alastor schmunzelnd, während er mit einer kleinen Drehung des Zeigefingers dafür sorgte, dass der Stuhl zu seiner Rechten für Charlie nach hinten geschoben wurde.

Während sie sich mit einem zweiten Blick vergewisserte, dass der Gegenstand nicht ein weiteres Mal ein Eigenleben in jenem Moment entwickelte, als sie sich setzen wollte, verzog sie skeptisch eine Braue und erwiderte nur: „Ernsthaft, jetzt? Du hast doch genau mitgekriegt dass -“

„Oh, Alastor!“, schallte es da plötzlich trällernd von der Bühne herab.

Gefolgt vom Lachen der Anwesenden hatte die Sängerin sich so schnell zu den Tischen begeben, dass Charlie nur völlig überrumpelt zusah, wie sie sich im weiteren Verlauf ihrem Begleiter derart ruckartig an den Hals warf, dass sie glaubte, diese arme Frau würde das in ungefähr 1,57 Sekunden bitterböse bereuen.

Irritiert schnappte Charlie nach Luft, wollte beinahe schon schützend für die Sängerin einstehen, aber Alastor behielt würdevoll sein Pokerface, wenngleich sie sich absolut sicher war, dass er am liebsten in die Tischkante gebissen hätte. Oder … in etwas anderes.

Die Sängerin quietschte vor Freude und plapperte munter: „Oh meine Güte, Darling, ich hatte ja keine Ahnung dass du mich heute besuchen würdest, sonst hätte ich mich für dich natürlich noch ein kleines bisschen mehr herausgeputzt; oh, du glaubst es nicht wie sehr ich mich freue dich zu sehen, ach und herrjechen, je, wie gut du wieder aussiehst!“ Ein Redeschwall der Extraklasse überflutete alle in Hörweite und Charlie musste kurz den Kopf schütteln, um sich von diesem Bild losreißen zu können. Ja, das war wirklich mal eine sehr, äh, enthusiastische Dame und es war unschwer zu erkennen, wo ihre Prioritäten lagen.

Während sie ihre weiße Federboa um Alastor wickelte und dieser wohl beschlossen hatte, das alles in einem Zustand meditativer geistiger Leere über sich ergehen zu lassen, rutschte Charlie hingegen mit erhobenem Zeigefinger ein leises „Ähm“ heraus.

Und schlagartig war Ruhe.

Erst jetzt schien die Sängerin sie zu bemerken und ihre Gesichtszüge entgleisten auf nie dagewesene Weise. „Oh“, gab sie nur kurz angebunden zurück und in ihrem Kopf schienen sich die Gedanken gerade zu überschlagen. „Eine... charmante Begleitung hast du da, Alastor.“ Ihr Tonfall sagte etwas anderes.

„Mimzy, Liebes; darf ich dir Charlie vorstellen? Sicherlich kennst du sie aber ohnehin, nicht wahr? Du weißt schon … die Prinzessin.“ Alastor nutzte seine Chance und entkam dem Klammergriff seiner Verehrerin, indem er kurzerhand auf seine magische Weise verschwand und einen Meter daneben wieder in Erscheinung trat. Dann wandte er sich mit einem überlegenen Grinsen an Charlie. „Das hier ist Mimzy. Eine gute Freundin von mir und zufällig Besitzerin dieses feinen Etablissements.“

„Freut mich“, gab Charlie mit einem ungewollt fragenden Unterton von sich, während Mimzy mit einem gefletschten Grinsen ihre ‚Freude‘ erwiderte.

Oh je …

Mimzy schien ihre gerade zerbrochene Würde zusammenkratzen zu wollen, richtete sich mit einem beherzten Ruck ihr Dekolleté und warf sich die Federboa um den Hals. „Schön, deine Bekanntschaft zu machen, Charlie. Ich erinnere mich an deinen ‚Auftritt‘. War nett.“

Wenn diese Frau kein absolut hoffnungsloser Fall von Stutenbissigkeit war, wusste Charlie auch nicht... Sie würde so schnell wie möglich etwas klarstellen müssen, bevor hier noch die Situation eskalierte.

Alastor schien das Chaos wieder einmal köstlich zu finden und schlenderte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen Richtung Bühne. „Meine Damen, wenn ihr mich kurz entschuldigen würdet.“

Das tat er mit Absicht, dieser …!

„Ähem, ähem.“ Mimzy räusperte sich gekünstelt, und als Charlie unwillkürlich ihren Blick suchte, verengten sich ihre Augen zu Schlitzen. „Ich möchte nur klarstellen, dass es nicht in Ordnung ist, im Revier einer anderen Lady zu wildern“, gab sie mehr oder weniger kryptisch zurück.

„Fräulein Mimzy … Ich -“

„Und man sollte schon wissen, wo der eigene Platz ist“, fügte sie hinzu, während sie Charlie nicht ausreden ließ.

„Ja, ich wollte auch gerade sagen, dass ich -“

„So nebenbei … bist du gar nicht sein Typ. Er steht auf etwas mehr … Fleisch. Ich weiß nicht, wieso er -“

„Ich habe eine Freundin!“, brüllte Charlie quer über den Tisch, dass die umliegenden Besucher kurz irritiert zu ihr blickten, bevor sie sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten. „Er hilft mir nur mit meinem Hotel, das ist alles! Und das auch nur, weil ihm stinklangweilig ist!“

Als brauche diese Info ein paar Momente, bis sie in Mimzys Bewusstsein sickerte, starrte sie Charlie erst einmal nur verdattert an. Vorsichtig fragte sie: „Und du willst ihn nicht mit deinen kaum vorhandenen Reizen bezirzen?“

Spontan drängte sich Charlie ein Bild von dem vor Augen, was Alastor oftmals morgens so nach seinem ‚Frühstück‘ im Gesicht hatte und mit gutem Gewissen konnte sie voller Inbrunst erwidern: „Definitiv. Er gehört ganz … äh, dir.“

Spontan hellten sich Mimzys Gesichtszüge auf und voll unverhohlener Begeisterung schien sie in ihrer Einstellung gegenüber Charlie eine Wendung um 180 Grad zu machen. „Oh, Schatz, wenn das so ist: Willkommen in meinem bescheidenen Club! Ich hoffe doch sehr, du wirst den Abend hier genießen.“ Dann klimperte sie mit den Wimpern und zwinkerte ihr zum Abschied zu, während sie wie eine Königin davon stolzierte. „Hat jemand etwas Süßes? Ich sterbe gleich vor Hunger. Ich könnte glatt einen ganzen Hirschen verschlingen!“

Ah ja....

Und schon war sie in der Menge verschwunden.

„Na? Haben sich die erhitzten Gemüter ein wenig abgekühlt?“, fragte eine nur zu gut vertraute Stimme plötzlich hinter ihr und Alastor grinste selbstgefällig über Charlies Schulter hinweg in ihr Gesicht.

„Absolut“, gab diese nur kurz angebunden zurück und schürzte die Lippen. Diese Angewohnheit von ihm, plötzlich hinter ihr aufzutauchen, würde sie irgendwann noch ins Grab bringen! „Sag mal, Al; wo hast du gesteckt?“

„Oh, nur ein wenig Smalltalk hier, ein paar organisatorische Kleinigkeiten da. Immerhin habe ich dir einen schönen Abend versprochen, Darling. Und der startet genau jetzt.“

Und mit seinen Worten setzte die Musik ein.

Voller Bewunderung starrte Charlie zur Bühne.Die Auswahl an verschiedenen Instrumenten war immens. Klavier, Schlagzeug, Kontrabass, Trompete, Posaune, Saxophon … Und noch mehr. Egal, wohin Charly blickte: Es war ungemein faszinierend, den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten zu lauschen.

Als nach einem hervorragenden Trompetensolo der Spieler plötzlich das Instrument senkte und unter Applaus die Bühne verließ, war Charly irritiert. „Wieso geht er denn? Ist ihm plötzlich übel geworden?“ Sie war schon kurz davor aufzuspringen, um erste Hilfe oder dergleichen zu leisten, wurde aber von Alastors schallendem Lachen zurückgehalten.

„Liebling, weißt du nicht, was eine Jam Session ist? Jeder kann mitmachen solange er will. Wenn er seinen Beitrag geleistet hat, verlässt er eben die Bühne und andere Talente haben die Möglichkeit, uns mit ihrem grandiosen Einfallsreichtum zu beglücken.“

Sie starrte ihn an, als hätte er ihr gerade die Frage auf den Sinn des Lebens beantwortet. „Du willst mir wirklich erzählen, dass das alles gerade improvisiert ist?“

„Aber sicher.“ Alastor überschlug die Beine und wippte im Takt mit dem Fuß. „Man weiß nie, was einen erwartet. Ist das nicht spannend? Die pure, reine Essenz vollkommener Hingabe an die Musik.“

„Es klingt schön, wie du das sagst“, gab sie zu und starrte wie gebannt zurück zu den Musikern, deren Gruppierung sich erneut zu verändern begann.

Sie bemerkte gar nicht, dass Rooster sich ihnen näherte und seine Hand auf ihre Stuhllehne legte, was ihr ein erschrockenes Quieken entlockte.

„Wollt ihr was zu beißen?“, kam es von dem Vogeldämon und mit einem Zwinkern an Charlie gewandt fügte er hinzu: „Außer den Leckerbissen, die schon hier sind, meine ich.“

Ja, Charlie entwickelte gerade einen Fluchtinstinkt der Extraklasse, versuchte diesen aber mit einem kläglichen Lächeln zu überspielen.

„Ähem“, meinte Alastor nur knapp, um die Aufmerksamkeit wieder in seine Richtung zu lenken. „Wie wäre es mit ein paar von Mimzys vortrefflichen Beignets für meine bezaubernde Begleitung? Und für mich …“

„ - das Übliche?“, vollendete Rooster den Satz und grinste schmutzig, was Charlie erneut mit einem höchst unguten Gefühl zurückließ.

Alastor legte schmunzelnd den Kopf schief, betrachtete kurz amüsiert ihr verstörtes Gesicht und winkte dann lachend ab. „Das nächste Mal wieder. Heute ist eine Dame anwesend.“

Ach du Sch …

Charlie wollte das alles eigentlich gar nicht so genau wissen. Denn hey; was konnte denn noch schlimmer sein als das, was er ihr ohnehin schon zu Hause täglich zumutete? Um ehrlich zu sein machte seine Geheimnistuerei das ganze eher fragwürdiger … Aber vermutlich war genau das sein Plan.

„Bring mir einfach nur einen Whiskey“, schloss Alastor seine Überlegung und grinste süffisant.

Ja. Definitiv sein Plan.

♪ ◙ ♪


Charlie fühlte sich wie in einem Traum. Immer wieder blickte sie in die Runde. Hier war alles so kultiviert. Keiner versuchte einem anderen den Kopf abzureißen; es wurde weder geflucht noch anderweitig unanständig verfahren und alles in allem wirkte das hier so, als wäre sie … nicht in der Hölle. Okay, Charlie wusste natürlich nicht, wie es auf Erden so zuging. Aber das hier … Das war einfach nur …

„Alles in Ordnung?“, fragte Alastor und riss sie aus ihren Gedanken.

„Oh ja, natürlich!“ Charlie wedelte beschwichtigend mit den Armen durch die Luft. „Ich habe mir nur gerade gedacht, dass dieser Ort so ganz anders ist als alles, was ich bisher gesehen habe.“

„Hm, ich glaube ich verstehe, was du meinst. Alles hier unten ist immer in gewisser Weise schmutzig und befleckt, nicht wahr? Man rechnet immer mit dem schlimmsten.“

Charlie war sich zwar nicht sicher, ob sie verstand, aber sie nickte zaghaft. Sie kannte ja nur dieses Leben hier … „Ist es … auf Erden so wie hier?“

Selbst Alastor schien bei dieser Frage kurz überlegen zu müssen. „Darling … Ich würde sagen, es gibt ein paar solcher Orte. Rein und makellos. Aber das meiste dort oben ist nicht besser oder schlechter. Der Unterschied liegt nur darin, dass die meisten Menschen versuchen, ihre Unarten nicht offen auszuleben, weil sie fürchten, was die Gesellschaft von ihnen halten würde. In gewisser Weise ist die Hölle daher sogar besser: Man kann sich selbst treu sein, ohne sich verstellen zu müssen. Denn auf Erden wird eben alles hinter vorgehaltener Hand vollzogen. Es steht nur keiner offen dazu, aber es passiert genauso. Eigentlich logisch. Sonst wärst du mit deinem Hotel ja arbeitslos, nicht wahr? Ha ha ha!“

Nachdenklich senkte sie den Kopf, stocherte in ihrem Gebäck und hatte kaum mehr Konzentration, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Gerade, als sie Alastors prüfenden Blick auf sich spürte und im Begriff war, etwas zu sagen, meinte er hingegen in ungewohnt sanftem Tonfall: „Aber, aber; jetzt wollen wir mal keine solch philosophischen Dinge zur Sprache bringen. Wir sind hier um uns zu amüsieren!“ Er prostete ihr zu.

Wenn er sich so benahm … konnte man erstaunlich gut mit ihm reden. Diese Musik war wirklich magisch; sie schien etwas in ihm zu bewirken. Charlie hatte noch nie einen Menschen getroffen; zumindest nicht, bevor er in der Hölle aufschlug. Aber vermutlich kam Alastor gerade im Moment dem am nächsten, was man unter Menschlichkeit verstehen konnte. Auch, wenn das eigentlich schon wirklich eine Menge über ihre Heimat aussagte.

„Genug Trübsal geblasen, Liebes“, begann er von neuem und stand auf. Sich prüfend über den Smoking tastend meinte er an sie gewandt: „Ich fühle mich durchaus inspiriert genug, um selbst ein wenig Zeit dort oben zu verbringen.“

Überrascht blickte sie zu ihm auf. „Kannst du denn all diese Instrumente spielen?“

„Ha ha! Aber nein. Nicht alle, doch einen großen Teil davon.“

Und dann stolzierte er nach vorn.

Natürlich zog er sofort jegliche Aufmerksamkeit im Club auf sich. Tja, er hatte nun einmal eine sehr einnehmende Präsenz, das musste sie ihm durchaus zugestehen! Aber keiner der Anwesenden wirkte irgendwie irritiert davon, wer sich gerade auf die Bühne bequemt hatte.

Richtig, er war ja wohl ein häufiger Gast …
Und so sehr wie Alastor Musik verehrte? Da konnte Charlie sich nicht vorstellen, dass er einen seiner Amokläufe hier vollziehen würde. Nein, das würde er sicher als frevelhaft erachten. Selbst er schien irgendwo ein wenig moralisches Empfinden zu besitzen.

„Ist er nicht einfach hinreißend?“ Mimzy hatte sich erneut zu ihr gesellt und starrte voll Verehrung zur Bühne, während Alastor, ganz Entertainer, die auf ihm ruhenden Blicke genoss und relativ zügig zu einem Solo mit dem Saxophon ansetzte.

Charlie wandte sich zu ihr und musste aufgrund Mimzys Anbetung ein wenig schmunzeln. „Kennt ihr beide euch schon lange?“

„Oh, eine halbe Ewigkeit!“, begann sie. „Er war immer schon ein sehr gutaussehender Mann, aber jetzt …“

„Jetzt?“, fragte Charlie überrascht. „Kanntet ihr euch etwa schon bevor ihr …?“

„Ach du meine Güte, ich Plappermaul!“ Mimzy spielte nervös mit ihrer Federboa und kicherte kokettierend. „Ich sollte wohl lieber die Chance nutzen, um mit meinem Darling dort oben zu stehen, bis später, Herzchen!“

Nun, jeder hatte ein Recht auf seine Geheimnisse.


Charlie wusste ja bereits, wie ungemein musikalisch Alastor war. Aber dass er nicht nur phänomenal singen, sondern auch sehr gut mit den verschiedenen Instrumenten umgehen konnte, war neu. Okay, fast neu, denn ganz ehrlich: Einer Furby-Orgel halbwegs harmonische Töne zu entlocken, war wirklich verdammt schwierig.

Und dann stand der Pianist auf und verließ den Platz.

Beinahe juckte es sie in den Fingern … Oh, sie würde so gern! Sollte sie es wagen? Niemand aus dem Publikum war bisher aufgestanden. Da oben fehlte jetzt also eindeutig etwas Entscheidendes! Aber … war sie denn gut genug?

Doch ehe sie überhaupt bei ihrem inneren Konflikt zu einer Entscheidung gekommen war, hatte ihr Körper eigenständig beschlossen, dass es an der Zeit war, seinen Gefühlen in Form von Musik Ausdruck zu verleihen. Schließlich war ihr das schon immer leichter gefallen, als reine Worte zu verlieren.
Ja, sie war schon lange aufgestanden und auf dem Weg nach vorne, bis ihr das selbst überhaupt richtig bewusst geworden war.

Irgendwie fühlte sie jeden der Blicke im Nacken, aber vermutlich war das pure Einbildung. … Aber wenn nicht? Argh!

Natürlich war ihr ziemlich mulmig zumute, wie Charlie sich so zu den Stufen begab und mit wackeligen Knien nach oben schritt. Doch mal ganz realistisch betrachtet: Konnte sie sich noch mehr einer Blamage aussetzen als bei ihrem schrecklich missglückten Interview? Wohl kaum! Und wenn sie da oben Mist baute, würde Alastor das schon irgendwie kitten …

Als er sie näherkommen sah, senkte er das Saxophon und grinste beinahe wie ein stolzer Vater. „Es hat länger gedauert, als ich dachte, meine Liebe“, meinte er schelmisch und deutete galant zum Klavier. „Jetzt lass uns Musik machen.“

Beim ersten Anschlag der Tasten war ihre Nervosität verflogen. Es dauerte zwar ein wenig, bis Charlie sich von der seit längerem dahinplätschernden Melodie so mitreißen lassen konnte, um eigenständig etwas Sinnvolles beizutragen, aber sobald sie die ersten zaghaften Versuche unternahm, bemerkte sie sofort, dass Alastor darauf einging, sie unterstützte und irgendwie sogar vor ihr zu erahnen schien, was sie gleich spielen würde. Vielleicht war das auch der Fall. Bei ihm und seinen merkwürdigen Kräften konnte man schließlich nie so genau wissen.

Mit einem halb geöffneten Augenlid lugte er immer wieder in ihre Richtung und selbst jetzt konnte er sein spitzbübisches Lächeln nicht ablegen.

Er war wirklich eine Nummer für sich.


♪ ◙ ♪


Vollkommen erschöpft, aber höchst zufrieden hatten die beiden eine knappe Stunde später unter tosendem Beifall die Bühne verlassen. Charlie spürte, wie ihr das Blut in die Ohren schoss und sie sich beschämt lächelnd hinter Alastor versteckte, der das Rampenlicht mehr als genoss und mit einer vorangehenden eleganten Drehung des Handgelenks eine Verbeugung nach der nächsten machte. So viel zu ‚es geht nur um die Musik, nicht darum, sich in Szene zu setzen.‘

Sie kicherte und schob ihn weiter.

Einige Zeit später saßen die beiden im kleinen Kreis zusammen und ließen anderen dort oben den Vortritt.

Natürlich waren wieder alle Augen auf Alastor gerichtet, der unter Zuhilfenahme ausschweifender Gesten alle möglichen und unmöglichen Anekdoten vortrug. Das konnte vielleicht auch daran liegen, dass er schon das ein oder andere Glas Whiskey intus hatte. Charlie hatte aufgehört zu zählen. Wie viel vertrug dieser Mann denn eigentlich?

Jedenfalls mehr als zunächst angenommen. Aber so langsam schien selbst bei ihm etwas anzukommen. Jedoch waren die leichten Anzeichen seiner Trunkenheit für einen Gentleman definitiv passend.
Es gab diesen einen Moment, als er gerade sein Umfeld überschwänglich mit Lobpreisungen überhäufte und sich urplötzlich setzen musste, um nicht doch noch Bekanntschaft mit dem Fußboden zu machen.

Wenn sie so richtig darüber nachdachte, nahm als weiteres Indiz auch die Anzahl der von Alastor so typisch verwendeten Kosenamen sprunghaft zu. Was bei seinem normalen ‚Darling‘ oder ‚Liebes‘ angefangen hatte, endete mit einem zuckersüßen ‚herzallerliebstes Honigbäckchen‘ oder ‚bezauberndes Goldäuglein‘, was ihr dann doch irgendwie sehr bald schon die Schamröte aufsteigen ließ. Dazu plapperte er immer mehr auf Französisch, was bei Mimzy zu erheitertem Quietschen führte.

Und scheinbar machte es ihm mit jedem Glas weniger aus, dass sie ein Stück weiter auf seinen Schoß zu krabbeln schien. Entweder bemerkte er das nicht mehr oder seine Toleranz gegenüber gewissen Annäherungen nahm prozentual zum Alkoholgehalt in seinem Blut zu.

Irgendwie war es richtig niedlich, wie Mimzy bei jeder von Alastors Erzählungen an seinen Lippen hing, und war sie noch so abgedroschen oder albern. Man musste zugeben, dass sie tatsächlich eine wunderbare Zuhörerin war: Sie würzte dramatische Teile mit schockiertem Japsen oder lachte am längsten und lautesten bei jeder seiner Pointen. Natürlich fühlte gerade er sich da geschmeichelt.

Dann war es wieder soweit, dass Alastor einen Kalauer nach dem nächsten vom Stapel ließ und sichtlich in seiner Rolle als Alleinunterhalter aufging. Bei den Blicken, die Mimzy ihm zuwarf, fragte Charlie sich für einen kurzen Moment, ob sie immer noch so begeistert von ihm und seinen obskuren Eigenarten wäre, wenn sie eine Woche mit diesem Kerl unter einem Dach hausen müsste. Wobei … so wie sie ihn gerade anstarrte, würde es sie vermutlich nicht einmal stören, mit ein bis zwei Alligatoren im Bett aufzuwachen. Hauptsache, es war sein Bett...

„Charlie, mon cher; lässt du uns an deinem inneren Klamauk teilhaben?“

Oh je, ertappt … So betrunken war er scheinbar dann doch nicht. Denn er warf ihr ein herausforderndes Grinsen entgegen und schwenkte das Glas in seiner Hand.

„Nein, nein, red nur weiter“, meinte sie und biss sich kichernd auf die Unterlippe.

Er prostete ihr zu und murmelte: „Wo war ich stehen geblieben ...“


♪ ◙ ♪


In den folgenden Stunden lernte Charlie unter anderem die hübsche Lily kennen und fragte sich, wieso ihr Gockel von einem Verlobten tatsächlich noch Augen für andere Frauen hatte.

Sie schnappte vielerlei Namen von Leuten auf, mit denen ihr Begleiter scheinbar in Verbindung zu stehen schien; es war wirklich erstaunlich, welches Netzwerk an Kontakten er sich aufgebaut hatte.

Und sie schaffte es sogar, im weiteren Verlauf Alastor das Versprechen abzunehmen, ihm in den nächsten Wochen Stepptanz beibringen zu dürfen, weil das „zu seiner Ästhetik passte und eine Schande wäre, wenn er es nicht könnte“; jedenfalls laut Mimzy.

Alles in allem hatte Charlie so viel Spaß wie schon lange nicht mehr. Sie musste das nächste Mal Vaggie unbedingt dazu überreden, sie zu begleiten!

Während Alastor wieder einmal dabei war, ein paar alberne Wortspielereien vorzutragen, blickte Charlie liebevoll in die Runde.

Das hier waren wirklich Leute, die in der Hölle augenscheinlich nichts zu suchen hatten. Wenn sie doch nur irgendwie …

„Übrigens, Herzchen“, meinte Mimzy von der Seite, „Hat mein Darling schon ein paar Leute heute Abend von deinen Idealen überzeugen können. Und nachdem er dein Förderer ist, sind sie zumindest ins Grübeln gekommen.“

„Wie bitte?“

Mimzy stemmte einen Arm in die Hüfte und fieberte regelrecht mit. „Sie melden sich die Tage bei dir“, schloss sie ihre Erzählung und zwinkerte ihr vergnügt zu.

Vollkommen überrumpelt von dieser Information starrte Charlie nur wie ein halb erstickender Goldfisch in die Richtung ihres Begleiters. „Wie hat er denn  … Und wann hat er denn …“

„Ist er nicht einfach großartig?“ Mimzy klopfte ihr auf die Schulter und eilte dann wieder zu ihrem Schwarm.

Sie musste jetzt sofort mehr dazu wissen. „Alastor!“, rief Charlie mit sich fast überschlagender Stimme, „Wie hast du es nur geschafft, dass -“

„Ich weiß ja nicht wie es euch geht, meine lieben Freunde, aber mir ist jetzt nach einer zweiten Runde musikalischer Meisterleistungen. Wer von euch charmanten Haudegen begleitet mich?“

Und ohne sie zu beachten eilte er von dannen. Dass sein Aufbruch ein wenig sehr spontan vonstatten ging, war Charlie durchaus nicht entgangen und kopfschüttelnd blickte sie ihm nach.


Während sie in den folgenden Minuten mit sich und der Welt absolut zufrieden war und einfach nur die Energie um sich herum genoss, ertappte sie sich aber immer wieder dabei, wie sie Alastor heimlich beobachtete …

Und ein Lächeln schlich sich unbewusst auf ihr Gesicht.

Zunächst konnte sie es nicht wirklich in Worte fassen, was sie so glücklich an seinem Anblick machte. Was war es nur …

Ja … Er wirkte verändert. Aber das traf es noch nicht ganz ...

Was war es denn nur … was war es nur …

Ja! Er wirkte befreit.

Als hätte er hier, in dieser heiteren Runde, endlich nicht nötig seine Maske zu tragen, die ihn mächtig, einschüchternd  … und so schrecklich unnahbar machte.

Und ja, so kam es ihr immer vor, wenn sie ihn in größeren Gruppen hatte interagieren sehen. Als würde er immer in eine Rolle schlüpfen. Womöglich unbewusst und nicht beabsichtigt – aber schon allein dieses Lächeln war so sonderbar. Niemand konnte immer so glücklich sein!

Charlie wusste, dass Alastor selbstbewusst genug für ein paar Dutzend Dämonen war und Gefühle wie Nervosität oder Anspannung in seinem emotionalen Repertoire keine Verwendung fanden. Aber diese Maskerade …

Er war immer auf der Hut. Hatte womöglich stets einen Plan B, C und D. Und das musste er auch; schließlich hatte er sich rein zu seinem Vergnügen mit einigen der mächtigsten Herrschern angelegt, indem er Dinge mit ihnen angestellt hatte, die sich Charlie nicht einmal vorstellen wollte.

Doch hier, zwischen diesen fidelen Musikern; den Sängern, Tänzern und einfachen Nachtschwärmern …

… Da war es so, als brauchte er das alles nicht. Als wäre er gerade einfach nur irgendjemand, der mit seinen Freunden einen schönen Abend verbrachte. Charlie freute sich so sehr, dieses Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen, welches zum ersten Mal seit sie ihn kannte von Herzen zu kommen schien.

Vielleicht irrte sie sich auch, schließlich war er ein Meister der Täuschung… Aber zumindest eine einzige all jener Barrikaden, die er um sich aufgezogen hatte, war in diesem Moment für sie nicht spürbar anwesend.

All das gab ihm in ihren Augen ein kleines Stück Menschlichkeit zurück …

Und ihr das Gefühl, ihm kapitales Unrecht getan zu haben. Sie hatte sich in seinem Fall nicht an ihren eigenen Leitsatz gehalten! Ihn zwar willkommen geheißen und bereit gewesen, ihm eine Chance zu geben, aber nicht wirklich an das Licht in ihm geglaubt und dass womöglich ein kleiner Teil von ihm … Erlösung suchte.

Denn in jedem Dämon steckte etwas Gutes. Sei er noch so schlecht.
Selbst dieses trickreiche, hinterlistige und vollkommen durchgeknallte Schlitzohr hatte heute bewiesen, dass ein Funke der Hoffnung in ihm aufgelodert war. Klein und schwach noch, aber immerhin …

Vielleicht musste sie einfach nur – wie an der Furby-Orgel – die richtigen Knöpfe drehen und Tasten betätigen, um Zugang zu dem zu bekommen, was an die verbliebene Unschuld in seinem Herzen appellierte und ihn erlösen würde.

Alastor verzog spöttisch eine Braue, als er sie dabei ertappt hatte, wie sie ihn anstarrte. Mit einem breiten Grinsen sprang sie von ihrem Sitz auf und machte sich daran, dem munteren Treiben auf der Bühne erneut beizuwohnen.


♪ ◙ ♪


„Sachte, Liebes“, mahnte ein paar Stunden später Alastor die Prinzessin, die sich im Morgengrauen an seiner Seite lachend und Pirouetten drehend über den Pflastersteinweg vor dem Hotel bewegte, um noch ein wenig Dampf abzulassen. „Ich trage keine Schuld daran, wenn du mit deinem Näschen auf dem Boden landest.“

„Du musst gerade reden“, kicherte sie. „Ich erinnere mich daran, wie du vor ein paar Stunden damit beschäftigt warst, halbwegs gerade stehen zu können!“ Überlegen setzte sie zu einem breiten Grinsen an und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nun, das kann ich weder bestätigen noch dementieren, denn an das was vor ein paar Stunden war, erinnere ich mich nicht, ha ha ha!“

Charlie hielt sich die Hand vor den Mund und prustete. „Ach weißt du, ich bin einfach nur so glücklich, Alastor!“

Sie hatte ihn dazu überreden können, nicht die ‚Abkürzung‘ für den Rückweg zu nehmen. Und nachdem Alastor scheinbar klar wurde, wie aufgekratzt sie noch immer gewesen war, hatte er sehr schnell mit einem breiten Grinsen zugestimmt, vermutlich in der vagen Hoffnung, sie würde ein wenig zur Ruhe kommen. Weit gefehlt.

Denn Charlie schaffte es nicht, sich irgendwie zu beruhigen. Zu viele wunderbare Momente hatte sie in dieser Nacht erlebt; so viele neue Freundschaften geschlossen …

Und endlich eine Zukunft in Aussicht, für die sie hart würde arbeiten wollen.

Vor der Tür zum Hotel kam sie endlich zum Stehen, aber nicht ohne ein paar Schritte vor Schwindel weiterzustolpern. Lachend strich sie sich ein paar gelöste Haarsträhnen hinter die Ohren und hibbelte kein bisschen müde vor Alastor auf und ab, der ihr amüsiert mit den Augen folgte.

Nach ein paar Momenten atmete Charlie tief durch und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, begann sie und klatschte vor Begeisterung mehrfach in die Hände.

„Liebes, ich glaube, du hast heute definitiv genug geplappert. Mir klingeln schon die Ohren.“

„Hey! Sicher nicht mehr als du! Ich meine es ernst.“ Sie zupfte zaghaft an seinem Ärmel. „Ich danke dir. Für alles.“

Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung wand er sich aus ihrer Berührung und ließ mit einem kurzen Wusch seiner Hand die Tür des Hotels auffliegen.

„Moment, was war das denn schon wieder? Du hast doch gar keinen Schlüssel, Alastor!“, meinte Charlie irritiert und folgte ihrem lachenden Begleiter nach drinnen.

„Charlie!“ Vaggie saß seit unbekannter Zeit auf den Stufen und sprang sofort auf, als sie ihre Freundin durch den Eingang erblickte. Es war kaum zu übersehen, wie erleichtert sie war. „Wie geht‘s dir, Süße?“, fragte sie liebevoll und atmete tief durch.

Noch immer kein Stück müde wuselte Charlie zu ihr, fiel ihr um den Hals und tausend Worte sprudelten fast gleichzeitig aus ihr hervor. „Es war so großartig! Du hättest das sehen sollen! Alastor hat wirklich den gesamten Club unterhalten! Und die Musik, der Gesang, der Tanz – es war unbeschreiblich!“

„Du hattest also Spaß? Ich … bin froh.“

„Und ob! Oh, das muss ich dir auch noch erzählen, eine ganz große Neuigkeit. Stell dir nur vor ...“

Zunächst bemerkte Charlie nicht, dass ihre Freundin ihr im weiteren Verlauf nicht wirklich zuzuhören schien … Und stattdessen einen langen Blick mit Alastor tauschte, der ziemlich selbstgefällig zurück grinste.

Als sie jedoch diesen ‚Waffenstillstand‘ der beiden sah, schwieg Charlie plötzlich und fühlte, wie ihr warm ums Herz wurde.


Die folgenden Nächte war es angenehm ruhig im Hotel.

Und Charlie hatte beschlossen, weiterhin nach dem kleinen Funken zu suchen, den sie an jenem Abend in Alastor hatte aufflammen sehen.

Wenn sie in der Lage wäre, ihn zu knacken – was sollte denn dann eigentlich noch schiefgehen?

Der Himmel sollte am besten jetzt schon ein paar neue Betten aufstellen!



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Als ich gehört habe, dass der werte Herr eine Furby-Orgel besitzt, dachte ich nur: „Dafuq?“
Aber der Gedanke keimte in mir, das irgendwie zu verwursten! Und als ich hörte, dass er im CANON (!) zu Jam Sessions geht, bin ich total durchgedreht, weil mein dummes, kleines Fangirlherz GENAU DAS SEIT LANGEM GEGLAUBT HAT!!!einself!
Ich war immer der Meinung, das wäre ZU sehr durch meine rosarote Brille betrachtet, aber nein! Mitnichten! Er kann auch ganz anders sein! Ich glaube, er respektiert Musiker in hohem Maße und würde ihnen auch nichts tun. Alles in allem liebt er Musik, vor allem Jazz! (Ich muss da immer an den Axtmörder von New Orleans denken... Ihr wisst, warum!)  Und wir wissen ja, dass er durchaus seiner eigenen moralischen Richtschnur folgt und nicht wahllos alles zerfleischt, was nicht schnell genug flüchten kann. (Habe ich schon erwähnt, dass ich ihn über alles verehre? ♥)

Jedenfalls wollte ich unbedingt zeigen, dass der leicht wahnsinnige Alastor auch sicherlich eine weiche Seite haben kann; eine, die noch menschlich ist. Musik ist meiner Meinung nach genau das, was hierfür steht.
Und wer weiß, vielleicht kann über solche Wege Charlie versuchen, an das in ihm zu appellieren, das noch ein Stück weit unschuldig ist ♥

Ich liebe übrigens die Vorstellung von einem leicht angetrunkenen Alastor, seit Ed im Stream seine Version zum Besten gegeben hat. Vielleicht schert er sich noch viel weniger um Individualdistanz und gibt jedem im Umkreis von einer Meile die albernsten Kosenamen? XD

Herr im Himmel, war es ein Kampf, dem Canon zu folgen und kein komplettes Charlastor Chaos daraus zu machen. Holy Shit, ich war noch nie so in Bedrängnis, glaube ich XD

Ich musste mit zwei Charakteren total improvisieren. Vermutlich stellen sich alle als komplett anders heraus! Bei ‚Rooster‘ kann ich nur sagen, dass seine Vorlage ja nicht wirklich sympathisch ist. Keine Ahnung, wie Vivzie das umsetzen wird oder wie er überhaupt heißt! Er ist der Hahn, der bei Charlies Lied mit Mimzy und dem gelben Vögelchen in der Bar zu sehen ist! Besagtes Vögelchen ist übrigens Lily. Ob sie wirklich seine Verlobte ist oder überhaupt so heißt, weiß ich auch nicht! Keinen blassen Dunst, ha ha! XD Ich habe mich nur an die Vorlage aus Annie gehalten. Vielleicht liege ich ja richtig. Jedenfalls hatte ich bei Mimzy bisschen mehr, auf dem ich aufbauen konnte – sofern die Infos nicht veraltet sind. Egal! Es hat jedenfalls richtig Spaß gemacht, sie zu schreiben :3

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